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Ich wollte Journalistin werden, weil ich mich für Politik interessierte und Schreiben mochte. Je länger ich in diesem Beruf bin, desto mehr verstehe ich jedoch, was Journalismus wirklich bedeuten kann: dass einzelne Menschen die Mächtigen stören. Und dass sie für ihre Arbeit manchmal viel opfern.
Daran musste ich denken, als ich von der aktuellen Recherche des ungarischen Investigativmediums Direkt36 gelesen habe. In Ungarn wird nächste Woche gewählt – und das erste Mal seit 16 Jahren könnte Viktor Orbán verlieren. Entsprechend heiß läuft der Wahlkampf. Und entsprechend krass schlug die Recherche von Direkt36 ein.
Kurzer Disclaimer: Krautreporter und Direkt36 sind sich seit ihrer Gründung vor mehr als zehn Jahren verbunden. Sebastian Esser, einer unserer Gründer und bis vor Kurzem langjähriger Vorstand, ist Teil des dreiköpfigen Beirats von Direkt36. Anfang März hat Direkt36 zudem seine Eigentümerstruktur nach Deutschland verlagert, um sich vor möglichen Angriffen durch die ungarische Regierung zu schützen. An dieser gemeinnützigen UG hält Sebastian eine Minderheitsbeteiligung.
Als ich letzten Sommer für Recherchen in Ungarn war, habe ich die Redaktion von Direkt36 in Budapest besucht. Sie ist der von Krautreporter in vielerlei Hinsicht ähnlich: Auch Direkt36 finanziert sich über Tausende Mitgliedschaften (und Spenden). Allerdings haben sie besseren Kaffee! Und fokussieren sich mehr auf Investigativ-Themen:
Hauptfigur der aktuellen Recherche ist Bence Szabó, leitender Beamter bei der nationalen Ermittlungsbehörde NNI, Hauptabteilung Cyberkriminalität. Szabó berichtet, wie ihn der ungarische Inlandsgeheimdienst vergangenen Sommer unter Druck setzte: Er sollte gegen zwei Computerfachleute wegen Kinderpornografie ermitteln.
Es handelte sich aber nicht um irgendwelche Computerfachleute. Die beiden waren für die oppositionelle Tisza-Partei tätig, also die Partei, die nächste Woche gegen Orbáns Fidesz-Partei gewinnen könnte.
Dann fand er jedoch etwas ganz anderes heraus⬆ nach oben
Der Ermittler Szabó veranlasste also Hausdurchsuchungen. Er fand allerdings keine Kinderpornografie, sondern Screenshots von Chatverläufen, die eine völlig andere – und skandalöse – Geschichte erzählten.
Demnach versuchte eine Person mit dem Decknamen „Henry“, einen der Computerfachleute anzuwerben, damit er kurz vor der Wahl die IT-Systeme der Tisza-Partei lahmlegen würde. Bezahlung: zwischen 60.000 und 325.000 Euro.
Szabó und sein Team waren der Ansicht, dass hinter dieser Aktion ein Geheimdienst stecken musste. Doch seine Vorgesetzten strichen alle Hinweise auf eine Geheimdienstbeteiligung aus den offiziellen Akten. Szabó wandte sich schließlich an Direkt36, weil er diese Vorgänge öffentlich machen wollte. Szabós Wohnung und Haus wurden daraufhin durchsucht und er verlor seinen Job. Den Artikel dazu auf Englisch von Direkt36 findest du hier.
Das Ganze zog aber noch weitere Kreise: Vergangene Woche erhob die ungarische Regierung Spionagevorwürfe gegen Szabolcs Panyi, einen Investigativjournalisten, der auch für Direkt36 arbeitet. Er war zwar nicht an der Tisza-Geheimdienst-Recherche beteiligt, hat aber kürzlich darüber berichtet, dass der ungarische Außenminister regelmäßig mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow telefonierte und ihm zum Beispiel Details aus EU-Meetings erzählte.
Es ist eine Heldengeschichte – und sie ist noch nicht vorbei⬆ nach oben
Unser Ex-Vorstand Sebastian Esser schreibt dazu in seinem Newsletter:
„Das Ganze ist einerseits eine Heldengeschichte: Direkt36 veröffentlicht unter enormem Druck und großen persönlichen Gefahren für die Journalist:innen die Wahrheit, die die Mächtigen verbergen wollen. Andererseits ist diese Geschichte nicht vorbei. Die kommenden beiden Wochen könnten lang werden. Das persönliche Wohlergehen der Journalist:innen und ihrer Familien ist nicht sicher, die Situation ist bedrohlich. Aufmerksamkeit und Solidarität aus anderen Teilen Europas helfen.“
Und noch eine Sache finde ich sehr wichtig, auf die Sebastian hinweist. Ungarn ist kein Spezialfall:
„Diese Geschichte ist extrem, aber sie zeigt, unter welchen schwierigen Bedingungen journalistische Medien heutzutage operieren. Nicht nur in Ungarn, sondern auch in anderen europäischen Staaten, natürlich in den Vereinigten Staaten – und demnächst vielleicht in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern.
Es ist am Ende egal, wer die Öffentlichkeit kontrolliert – ob Geheimdienste, Algorithmen oder Tech-Millionäre, die Einfluss einkaufen. Die einzig wirkliche Absicherung der Unabhängigkeit journalistischer Berichterstattung ist ein Publikum, das diese Arbeit finanziert.“
Redaktion: Lea Schönborn