Was liest die Frau, die den Sinnfragenkombinator erfunden hat?

Was liest die Frau, die den Sinnfragenkombinator erfunden hat?

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Ich habe genau ein einziges Abo – und das habe ich aus Versehen abgeschlossen. Ich habe im Digitalbereich von der Süddeutschen auf ein Testangebot geklickt und dabei nicht gemerkt, dass ich ein Abo bestelle. Seitdem bekomme ich die gedruckte Süddeutsche Zeitung und ständig Rechnungen geschickt. Ich lese sie nur sehr selten. Nicht aus Desinteresse, eher aus Zeitmangel und weil mich dieses ganze Papier überfordert. Ich appelliere ans Abo-Marketing der SZ, für Menschen wie mich den Abo-Bereich weniger missverständlich zu gestalten!

Es gibt aber einige gedruckte Magazine, die ich ganz ohne Abo relativ regelmäßig lese. Die Mischung ist dabei eher krude und reicht von der Gala über Titanic bis zu inTouch und dem Philosophie Magazin. Das repräsentiert ganz gut meinen Medienkonsum: ein bisschen wahllos. Mich interessiert alles und gar nichts.

Was meinen Umgang mit aktuellen Nachrichten betrifft bin ich in gewisser Hinsicht auf dem Stand meiner Großeltern: Morgens mache ich als erstes Deutschlandradio an, manchmal höre ich es auch abends. Die sind schnell und trotzdem unaufgeregt, vor allem aber liebe ich diese Stimme. Es können die furchtbarsten Dinge passieren – solange sie mir der Deutschlandfunkmann in sonorem, ruhigen Ton erzählt, weiß ich: Irgendwie ist alles noch in Ordnung, jedenfalls steht die Welt noch. Ich würde selbst den Tod meiner Eltern am liebsten aus dem Deutschlandradio erfahren, unterlegt von diesen üblichen schlechten Musikjingles.

Auf dem Stand meiner Großeltern bin ich insofern nicht mehr, als dass ich mir den Deutschlandfunk als Webradio anhöre. Ebenfalls im Netz gucke ich heute-journal und Tagesthemen, allerdings nicht abends, sondern morgens beim Fertigmachen. Dass sie dann schon acht Stunden alt sind, ist mir egal. Ich mag die Zusammenfassung und den akkuraten Ablauf. Eigentlich warte ich aber immer nur darauf, dass den Sprechern ein Fehler passiert – dass Claus Kleber niesen muss oder jemand durchs Bild läuft. Passiert leider nur alle paar Monate.

Ansonsten in der Morgenroutine: meine Facebook- und Twitter-Timeline und die Newsletter des Social Media Watchblogs, der ist schlicht, gut moderiert und verweist auf viele gute Geschichten. Bei Newslettern finde ich dieses Editionsartige mit Anfang und Ende gut. Ich habe ja das unbequeme Gefühl, immer uninformiert zu sein, egal wie viel ich lese. Man ist ja nie fertig. Newsletter helfen dagegen, die sind ein kleiner kompensierter Ausschnitt aus dem ewigen Stream der Onlinenews. Und ich mag die persönliche Moderation

Benedict Evans macht auch einen guten Newsletter, genauso wie Austin Kleon, ein texanischer Autor, der gerne überflüssige Wörter aus Zeitungsartikeln herausstreicht und weirde Links sammelt.

Mein Lieblingsblog ist „Wait But Why“. Gute Themen, großartig geschrieben und dazu Zeichnungen, die aussehen als hätte sie ein Zweitklässler gemacht. Eine der bekanntesten Geschichten dürfte die über die unglückliche Generation Y sein: „Why Generation Y Yuppies are unhappy

Lesen gehört insgesamt schon dazu, aber hören ist für mich wichtiger. Ich liebe es, Sachen zu hören, unter anderem weil ich dabei Tetris spielen kann – ich bin leider Tetris-abhängig. Ich höre zum Beispiel jede Woche Die ZEIT, entweder über deren Tablet-App oder über meinen Audible-Account. Die Texte sind meist sehr generisch gesprochen und ich habe das furchtbarerweise schon so verinnerlicht, dass ich inzwischen auch bei allen anderen Nachrichten, die ich lese, diese monotone Stimme im Ohr habe. Beim Wirtschaftsmagazin brand eins gibt es nicht alle Artikel aus dem Heft auf der Webseite zum Anhören, aber selbst die Verfügbaren dauern insgesamt rund drei Stunden.

Gerade habe ich mir eine Liste mit neuen Podcasts zusammengestellt, die ich hören will. Zum Beispiel: „This Week in Startups“, ein paar BBC-Sachen oder „How Stuff Works“, eine Art „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene.

Hörbücher liebe ich auch, aber nicht alle meine Lieblingsautoren kann man hören. Thomas Mann aber schon, den habe ich gerade wiederentdeckt, den fand ich eine Zeit lang bescheuert, jetzt hat er mich gerade neu begeistert. Rainald Goetz ist gut, vor allem weil er einem immer so eine gesunde Verachtung für den Medienzirkus einpflanzt, aber nie platt dabei ist. Die jüdische New Yorker Kolumnistin Lily Brett und ihre Kurzgeschichten über Manhattan lese oder höre ich auch sehr gerne.

Vor kurzem habe ich „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf als Hörbuch gehört. Das ist unglaublich gut gesprochen – von August Diehl. Da merkt man die riesigen Unterschiede zwischen guten Sprechern, wie eben August Diehl oder Rufus Beck – und den generischen Stimmen von Online-News-Artikeln. Erich Kästners Gedichte höre ich auch sehr viel. Ich habe eine Playlist nur mit Gedichten. Die Lieblingsgedichte der Deutschen und solche Sachen. Gute Gedichte sind kondensierte Genialität. Mein Lieblingsautor ist, war, bleibt Kurt Tucholsky.

In müden Momenten lese ich Tim & Struppi.

Wenn ich wacher bin lese ich: Frédéric Schwilden oder Hannah Lühmann (beide von der Welt) und Moritz von Uslar. Außerdem Benjamin von Stuckrad-Barre, sowohl die Bücher als auch seine Reportagen.

Meine aktuelle Lieblings-App ist „Pocket“. Auf allen Geräten kann ich Texte, die mir über den Weg laufen, durch einen Klick meinem Pocket-Speicher hinzufügen. In der App sind die Texte dann auch offline verfügbar und zum Teil übersichtlicher und besser lesbar als in den Originalartikeln. Außerdem kann ich sehen, welche Texte besonders oft gespeichert wurden.

Ein Gerät, das mich umgehauen hat, ist diese neue Virtual-Reality-Brille von Samsung. Ich glaube, die wird alles verändern, wie wir Medien konsumieren. Da kann man sein Smartphone reinschieben wie in einen Toaster und kurze Clips abspielen – und dann ist es wirklich so, als wäre man dort – auf Safari oder im Gleitflug über dem Amazonas oder im Flüchtlingscamp in Syrien. Man ist einfach dort, egal, wohin man guckt. Als passiver Beobachter, nur ohne Körper. Wie im Traum. Alle, die diese Brille anziehen, kriegen so ein debiles Lächeln ins Gesicht und verlieren ein bisschen das Gleichgewicht.

Ich habe keinen Fernseher und seit ich die VR-Brille erlebt habe, weiß ich auch, dass ich mir wirklich keinen mehr kaufen muss. Fernsehsendungen schaue ich in den Mediatheken: Jan Böhmermann oder „Stuckrads Homestory“ zum Beispiel. Und seit Jahren immer wieder alte Folgen von Uwe Wöllner. Ich bin seit Ewigkeiten in Uwe Wöllner verliebt, die Jeansjacken-Kunstfigur von Christian Ulmen.

In der ZDF-Mediathek sehe ich ab und zu Folgen von Kathrin Bauernfeinds Sendung „Bauernfeind assistiert“. Darin ist sie Praktikantin für einen Tag bei Leuten wie Roger Willemsen, Wim Wenders, dem furchtbaren Designer Michael Michalsky oder bei irgendwelchen Köchen. Man lernt die Leute unglaublich gut kennen, mit denen sie unterwegs ist. Ich wollte mal ein ähnliches Format in Newsticker-Form machen. Arbeitstitel war „Praktikant für einen Tag“. Die Idee kam daher, dass ich im Alter von 12 bis 18 in sämtlichen Ferien Praktika gemacht habe. Von der Kläranlage bis zum Titanic-Magazin, vollkommen beliebig. Hauptsache Praktikum.

Weil ich so schnell von allem süchtig werde, schaue ich keine Serien. Ich glaube, ich verpasse da viel, aber ich will auch noch andere Sachen machen und bei diesen offenbar sehr großartigen Serien wie „Breaking Bad“ oder „House of Cards“ hat man dann ja dafür keine Zeit mehr. Die nicht zu kennen, fühlt sich inzwischen wie eine riesengroße Bildungslücke an. Aber es geht nicht anders.


[Pia Frey](https://twitter.com/piafrey) ist Mitgründern des Meinungsaggregators Pressekompass. Hauptamtlich arbeitet sie als Journalistin bei der Welt. In ihrer freien Zeit erfindet sie Dinge wie den Sinnfragenkombinator oder schreibt sich To-Do-Listen auf ihre Hände._


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.

Illustration:Veronika Neubauer, Foto: privat