„Fernsehen interessiert mich überhaupt nicht“

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Ich glaube, ich bin einer der reduktionistischsten Medienkonsumenten, die man sich vorstellen kann. Zu viel fragmentiertes Geklicke zerfleddert mir nur das Gemüt. Ich stehe morgens auf und lese Twitter durch, und zwar die komplette Nachttimeline. Lückenlos. Ich habe lange daran geschraubt, eine gute, vielfältige Timeline zu haben. „Kuratieren“ nennt man das heutzutage, unter einer solchen Bauschvokabel geht’s ja nicht mehr in Mediendeutschland. Ich habe an meiner Timeline also lange herumkuratiert, bis sie brauchbar war.

Besonders wichtig sind in der Nacht die amerikanischen Magazine wie @Slate, @Wired, @NewYorker. Toll ist auch @brainpicker. Am Morgen stimmen dann langsam die Tweets von @Guardian und dem @smwatchblog auf die europäischen Themen ein. Dazwischen die Special-Interest-Tweets vom Börsenblatt (@bbl_news) und diversen Medienmagazinen wie @Dwdl und @Meedia. In Papierform lese ich so gut wie gar keine Magazine mehr. Das letzte war eine geschenkte „Titanic“. Die Redaktion wohnt ja praktisch in meiner Nachbarschaft, und wir pflegen einen freundschaftlichen Austausch. Bisher haben die Herren sich aber noch keine Eier oder Dosenmilchdosen geliehen. Und wo wir schon dabei sind: Natürlich folge ich auch @ReporterRoyale, weil sie nicht nur den Onlinejournalismus retten, sondern auch die Frauenquote der deutschen Satirelandschaft.

@ReporterRoyale ist der Twitter-Account zur Webseite Prinzessinnenreporter. Dort persiflieren unter anderem Ex-Titanic-Chefredakteur Leo Fischer und Jungle-World-Journalistin Elke Wittich mit viel Liebe zum Detail und zur Verkleidung ein deutsches Onlinemagazin, das sich durch Crowdfunding finanziert. Welches Magazin genau mit der Satire gemeint ist? Noch unklar.

Hilfsmittel nutze ich nicht, außer der Leseliste des iPads, die ich mit allem Möglichen vollknalle, was ich mir am Abend vornehme, in Ruhe zu lesen, und dann viel zu selten auch lese. Egal. Nach einer gewissen Schamfrist wird das dann gelöscht. Meine Lieblingsapp auf Reisen ist „Living Earth“, die mir die Uhrzeiten sortiert und das Wetter etwas verlässlicher anzeigt, als es die Apple-Wetter-App tut. Schöner auch. Ich habe eine App namens „Currency“, damit ich weiß, wie viel ich gerade ausgebe, und „FlickStackr“, mit der ich meine Fotos auf Flickr verwalte. (Ja, ich nutze Flickr. Ich werde irgendwann der letzte Flickr-Nutzer auf Erden sein. Vielleicht kaufe ich es dann für einen Dollar.)

Ich bin ansonsten gnadenlos interessengesteuert. Es gibt Dinge, die mich schlicht überhaupt nicht interessieren, dazu gehört zum Beispiel Fernsehen. Ich finde, es muss nicht jeder alles machen. Es gibt ohnehin viel zu viele Generalisten auf der Welt. Insofern schaue ich ungefähr einmal im Monat da hinein. Also in den Livestream, ich habe nämlich keine Lust, mir meine Wohnung mit so einer Kiste vollzustellen. Ich halte laufendes Fernsehprogramm mittlerweile, also nach rund fünfzehn Jahren Abstinenz, auch nicht mehr aus. Diese Leute da können ja keine geraden Sätze sprechen! Und diese Füllvokabeln allenthalben! In jeder Ebbelwoikneipe herrscht höhere Sprachsensibilität als in der durchschnittlichen Talkshow.

Da schaue ich lieber Fotoblogs an: Invisible Photographer Asia, das NYT-Lens-Blog, Jörg Colbergs Conscientious Magazine oder das Blog von Blake Andrews. In Deutschland gibt es das Foto-Magazin kwerfeldein.de. (Technik interessiert mich inzwischen weniger, seit ich eine Leica habe. Man nennt das wohl „angekommen sein“.) Außerdem folge ich haufenweise Fotografen aus aller Welt auf Twitter, da bekommt man mitunter wilde Dinge in die Timeline gepostet Und wenn wir schon bei Nerdstuff sind: Ich folge außerdem der @ESA_de und @DLR_next für Raumzeug.

https://twitter.com/DLR_next/status/580249900996235264

Podcasts höre ich gern zum Einschlafen. Ich mach ja einen mit Holgi Klein, da erzähle ich von den Reisen, die ich ziemlich regelmäßig für das F.A.Z.-Reiseblatt unternehme. Ich kann aber seine anderen Kategorien auch sehr empfehlen, die Expertengespräche genauso wie der eher verlaberte Realitätsabgleich. Weil ich in der Regel sehr schnell einschlafe, reicht so ein Podcast bei mir mitunter tagelang.

Außerdem: Literatur. Da empfiehlt sich auf Twitter das @literaturcafe, @openmikederblog (trotz „der“ vor „Blog“), der liebevoll gepflegte Account @book_fair natürlich, und ansonsten die Liste, die ich mal für den Account @faz_buchmesse zusammengestellt habe. Auf Facebook erfreut mich regelmäßig „We read Indie“ mit Neuigkeiten aus der Ecke der unabhängigen Verlage. Ach so: Wer @meta_bene nicht folgt, ist selbst schuld.

https://twitter.com/meta_bene/status/573608927822245888

Ich habe übrigens überhaupt gar nichts gegen E-Reader. Ich besitze selbst einen. Ich dachte, das sei auf Reisen vermutlich sehr praktisch, wenn man nicht mehrere Bücher auf Verdacht mitschleppen muss, weil man nicht weiß, worauf man Lust hat und wie schnell man was ausliest und am Ende hockt man auf einem langweiligen Flughafen und hat nichts mehr zu lesen und überhaupt Katastrophe. Ein E-Reader ist wirklich sehr praktisch. Ich habe nur keine Lust, das Ding in die Hand zu nehmen. Ich habe keine Lust, damit Bücher zu kaufen. Ich liebe mein iPad, ich lese praktisch alles darauf, aber Bücher habe ich komischerweise immer noch ganz gerne auf Papier. Ich möchte das auch gar nicht romantisieren, ich habe nur festgestellt, dass ich, als ich den E-Reader in Benutzung hatte, kaum noch gelesen habe. Inzwischen kaufe ich wieder Papierbücher – mittlerweile verfüge ich ja zum Glück über ein Einkommen, das mir solche Extravaganzen erlaubt – und siehe da, ich lese wieder mehr. Bitte fragt mich nicht, woran das liegt, das ist vermutlich etwas ganz Persönliches und taugt nicht zur Verallgemeinerung.

Regelmäßig werde ich auch gefragt, ob ich andere Reiseblogs empfehlen kann – und muss ebenso regelmäßig passen. Ich habe da nichts gefunden, was ich wirklich mag. Wer großartige Reiseberichte lesen will, greift bitte zu David Foster Wallace: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“, die letztgültige Kreuzfahrtabrechnung, nach der man eigentlich keine Kreuzfahrtabrechnungen mehr schreiben kann. Oder nach den Klassikern: John Steinbeck und Robert Capas „Russische Reise“. Oder Tucholskys Pyrenäenbuch. Das sind Leute, die die Ferne ohne Sprachklischees beschreiben können. Und Texte zu lesen, die ohne Sprachklischees auskommen, ist wichtig, sonst versaut man sich die eigene Sprache und klingt wie ein Medientextbaukasten. (Wenn gar nichts mehr geht – und das ist jetzt wirklich mein unschlagbares Geheimrezept – lese ich übrigens ein paar Seiten Max Goldt.)

Tucholskys Pyrenäenbuch in der Insel-Ausgabe, eine weitere ist im Rowohlt-Verlag erschienen

Buchcover: Insel Verlag

In dem 1927 erschienenen „Pyrenäenbuch“ berichtet Tucholsky von seiner etwa zweimonatigen Reise durch das französisch-spanische Gebirge (wobei er sich mehr auf der französischen Seite aufhält). Er besucht Stierkämpfe und die „heilige Quelle“ von Lourdes, spricht mit Bauern und anderen Reisenden, reist per Pferd oder Esel. Arno Abendschön schreibt in einer Rezension auf versalia.de:
„Wir staunen ein wenig: Hätten wir den etwas korpulenten Mann für derart beweglich, beinahe sportlich gehalten? Er hat Berge bestiegen (Pic du Midi, Cantadou), eine Schlucht mühsam erkundet usw. Er renommiert damit nicht, macht sich auch schon einmal über sich selbst lustig, so bei einem Ritt durchs Gebirge: ,Ich saß oben wie ein Stück Butter auf einer heißen Kartoffel …'.“

Andrea Diener, Jahrgang 1974, geboren in Frankfurt und dortgeblieben, arbeitet bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für das Online-Feuilleton. Außerdem ist sie öfter für das Reiseblatt unterwegs. Twittert unter @fraudiener, fotografiert auf flickr.com/photos/andreaffm/ und fraudiener.tumblr.com und podcastet hier__. Der Rest findet auf faz.net statt.

Hier kann man hören, wie Andrea Diener im Podcast „Wer redet ist nicht tot“ - den Peter Breuer in der letzten Folge des Medienmenüs bereits lobend erwähnte - von einer ihrer Reisen berichtet. Aus der Ankündigung: „Sie hat mal wieder China besucht (ist ja auch groß genug).“


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.

Illustration:Veronika Neubauer (Foto: privat).