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Sinn & Konsum

Dieser Text wird ändern, was du über dein Denken denkst

Unsere Kultur glaubt an die Stärke individuellen Denkens, das Genie grübelt einsam. Das ist falsch.

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Reporterin für Sinn und Konsum

Reden wir über unsere Vergangenheit, deine und meine. Wir streiften durch die afrikanische Savanne, jagten Wild und kauten Wurzeln. Wir schliefen auf Bäumen und unter den Sternen. Unsere durchtrainierten Körper sahen im Leder-Lendenschurz verdammt gut aus.

Okay, so romantisch war das Leben unserer menschlichen Urahnen wahrscheinlich nicht. Aber eins ist sicher: Es fehlte ihnen nicht an Frischluft. Oder Bewegung.

Jetzt nimm einen Menschen von damals und setze ihn in ein heutiges Büro. Wände statt Weite, künstliches Licht, das nächste Fenster ein paar Meter weit weg. Sag ihm: und jetzt arbeite! Sitz auf deinem Stuhl, bewege dich nur noch, um zur Kaffeemaschine zu gehen. Konzentrier dich! Na?

Klar, unsere Urahnen wären auch mit Joghurtbechern überfordert gewesen, von Videokonferenzen ganz zu schweigen. Natürlich können Menschen sich an neue Herausforderungen anpassen. Wir haben es im Laufe unserer Entwicklung immer wieder getan. Allerdings geht das nur bis zu einem gewissen Grad, sonst würden sich nicht so viele heutzutage überwältigt und überfordert fühlen. Das heißt nicht, dass wir zu einem Leben in der Savanne zurückkehren müssen. Das moderne Leben hat viele Vorteile – ich bin froh, dass ich mein Mittagessen nicht im Wald jagen muss, dass es Penicillin in der Apotheke gibt und geheizte Wohnungen.

Aber das Bild des Urahns vor dem Laptop kann hilfreich sein, um etwas Wichtiges zu verstehen: Unser Gehirn hat sich über den größten Teil der menschlichen Entwicklung ideal an Bedingungen angepasst, die für die meisten Menschen heute nicht mehr normal sind.

Du denkst nicht nur mit mit deinem Privathirn

Etwa 80-90 Prozent ihrer Zeit verbringen die Deutschen in Innenräumen. Gut die Hälfte sitzt oder steht am Arbeitsplatz, die Jüngeren noch mehr als die Älteren. Ich muss niemandem erklären, dass das nicht gesund ist. Aber wusstest du, dass unsere Umwelt massiv die Qualität unseres Denkens beeinflusst? Dass unser Kopf nicht von allem anderen abgeschottet ist, sondern über die Körpergrenzen hinaus mit der Welt verbunden?

Das mag esoterisch klingen, aber es gibt einen Forschungszweig in der Philosophie und der Kognitionswissenschaft, der sich mit dieser Verbindung beschäftigt. Man spricht von der „Extended Mind”-These. Den Begriff haben Andy Clark, Kognitionswissenschaftler an der Universität Edinburgh, und Andy Chalmers geprägt, der an der New York University lehrt. Beide haben 1998 einen Aufsatz veröffentlicht, in dem sie die These des erweiterten Geists („Extended Mind“) aufstellen. Anschließende Forschung hat die These vielfach bestätigt.


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Anders, als wir es gelernt haben, ist kluges kreatives Denken demnach nicht vor allem eine Frage der Qualität eines individuellen Privathirns. Vielmehr hängt es davon ab, wo du bist, mit wem du redest und welche Hilfsmittel du nutzt. Ob du während deines Tages spazieren gehst, ins Grüne schaust oder ein Nickerchen machst – Tätigkeiten also, die wir als Freizeit, nicht als Arbeit bezeichnen würde. Anders gesagt: Dein Denkerfolg ist nicht nur deine Leistung. Er hängt von unzähligen Faktoren außerhalb deines Kopfes ab.

Das hat damit zu tun, wo wir herkommen. Während die Vorfahren des Menschen einen eher entspannten, affenähnlichen Lebenstil pflegten – vielleicht wären sie besser ans Büroleben angepasst gewesen – , lebten Homo Sapiens und seine Verwandten als Jäger und Sammler.

„Die Vorfahren des Menschen gingen von einer relativ sitzenden, affenähnlichen Lebensweise zu einem Leben als Jäger und Sammler über, das im Vergleich zu früheren Homininen ein höheres Maß an körperlicher Aktivität erforderte”, sagt David Raichlen, Professor für Biowissenschaften an der Universität von Südkalifornien. „Gleichzeitig mit der Zunahme der Gehirngröße in der menschlichen Abstammungslinie scheint sich [...] das Niveau der aeroben Aktivität dramatisch verändert zu haben“

Nicht nur körperlich, sondern auch mental war dies ziemlich anspruchsvoll. Um Nahrung zu finden, mussten unsere Ahnen komplexe geistige Leistungen erbringen: etwa Jagdrouten planen, navigieren und die Bewegungen von Tieren vorhersagen. All das taten sie nicht individuell und allein, sondern im Austausch mit anderen Menschen. Das sind die Bedingungen, unter denen sich das menschliche Gehirn entwickelt hat: körperlich anstrengend, kognitiv fordernd, mit anderen vernetzt. Und natürlich draußen.

Die Entstehung des Homo sapiens, des „anatomisch modernen Menschen“, ist umstritten. Noch vor 50.000 Jahren soll es mehrere miteinander verwandte Menschenarten gegeben haben. Heute gibt es nur noch Homo sapiens sapiens, dies ist der einzige Überlebende der Gattung Homo, zu der alle heute lebenden Menschen gehören. Man geht davon aus, dass sich der Homo sapiens sapiens vor etwa 160 000 bis 90 000 Jahren in Afrika entwickelt hat, bevor er zunächst in den Nahen Osten und nach Europa und später nach Asien, Australien und Amerika auswanderte.

Es ist zum Beispiel gut dafür geeignet, Körper wahrzunehmen, durch dreidimensionale Räume zu navigieren und sich in kleinen Gruppen mit anderen Menschen zu verständigen. Es ist eher schlecht darin, statisch an einem Platz zu sitzen und den ganzen Tag konzentriert abstrakte Gedanken im Kopf durchzuspielen.

Wir leben unter optimalen Bedingungen für Computer, nicht für Menschen

Die Wissenschaftsjournalistin Annie Murphy Paul glaubt, dass die Umstände, unter denen wir heute leben und arbeiten, für Computer optimal sind – nicht für Menschen. Ein herkömmlicher Computer funktioniert immer gleich, unabhängig davon, ob er in einem fensterlosen Raum arbeitet oder in einem Garten. Ob Morgen ist oder Abend, ob andere Computer in der Nähe sind oder er allein steht. Das menschliche Denken dagegen, sagt Paul, ist kontextabhängig. Die Arbeitsweise unseres Gehirns hängt stark von unserer Umwelt und Ressourcen außerhalb unseres Kopfes ab.

Paul spricht darüber in diesem Podcast, den ich sehr empfehle, wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest. Der Podcast hat auch die bestmögliche Überschrift für das Thema, die ich deshalb frech für meinen Text übernommen habe.

Gleichzeitig hemmen genau die Gewohnheiten, die wir mit Effizienz und Produktivität in Verbindung bringen, unser Denken. Stillsitzen etwa, auf kleine Bildschirme starren, Großraumbüros.

Aber wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert. Paul hat in ihrem Buch „The Extended Mind“ Forschungsergebnisse zusammengetragen, die zeigen, wie unser Denken in Verbindung mit anderen funktioniert – mit unserem Körper, unserer Umgebung und anderen Menschen. Ich arbeite und lebe anders, seit ich ihr Buch gelesen habe. Und weil ich ihre Tipps so hilfreich finde, beschreibe ich in diesem Text die meiner Meinung nach fünf besten Erkenntnisse aus Pauls Buch.

Erstens: Du brauchst Platz zum Denken

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber wenn ich die Worte „räumliches Denken“ höre, denke ich ans Einparken oder daran, wie ich von meiner Wohnung zum nächsten Supermarkt komme. Das räumliche Denken kann aber viel mehr als nur navigieren. Manche glauben sogar, dass das Navigationssystem des Gehirns die Grundlage des Denkens an sich ist. Eins ist jedenfalls sicher: Wenn wir auf einen kleinen Bildschirm starren, nutzen wir unser Gehirn alles andere als optimal.

Es gibt zwei einfache Möglichkeiten, das sofort zu ändern. Die erste nutzt bereits ein wenig, falls du eine To-Do-Liste hast: Wir müssen Informationen abladen. Je mehr Informationen wir gleichzeitig im Kopf halten müssen, desto anstrengender ist dies für unser Denken. Der Kognitionswissenschaftler Andy Clark glaubt, ein wesentlicher Unterschied zwischen den Gehirnen von Tieren und Menschen bestehe darin, dass Menschen sehr gut darin seien, Requisiten und Werkzeuge für ihre Denkprozesse zu nutzen. Dafür reichen Zettel und Stift: Wenn wir einfach nur schriftlich festhalten, worüber wir nachdenken und was wir uns merken müssen, erweitern wir im wahrsten Sinne unser Gehirn. Wir „denken“ mit Stift und Papier.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, uns beim Arbeiten auszubreiten. Wenn wir auf einen kleinen Bildschirm starren, auf dem am besten noch mehrere kleine Fenster zu sehen sind, schränken wir unsere Denkprozesse ein. Es ist kognitiv anstrengend, wenn wir scrollen müssen, um Texte zu vergrößern oder zu verkleinern oder herauszufinden, wohin ein Dokument verschwunden ist. Paul rät, Informationen so großflächig wie möglich im Raum zu verteilen. Wände zu nutzen, Post Its, Arbeitstische Arbeitstisch, Flipcharts, große Bildschirme – ja, am besten mehrere. So beziehen wir unser räumliches Gedächtnis ein: Es erinnert uns daran, dass die Information, die wir jetzt brauchen, rechts oben auf dem zweiten Bildschirm steht, oder auf dem Post-It über der Lampe. Wir können Arbeitsprozesse auch räumlich ausbreiten, in dem wir sie wie eine Karte an die Wand hängen. Ziel ist, unsere Gedanken nicht an der Schädeldecke enden zu lassen, sondern sie zu verteilen. Dann können wir in ihnen umherwandern wie in einer Landschaft.

Zweitens: Du brauchst Bewegung zum Denken

Menschen sind nicht zum Stillsitzen gemacht. Dieser Satz ist eigentlich ein Klischee. Trotzdem bewegen wir uns zu wenig. Wir sitzen in Meetings, wir sitzen vor Bildschirmen, wir sitzen in Vorlesungen und Seminaren. Sport machen wir nach der Arbeit und am Wochenende.

Es gehört zu unserer Kultur, Geist und Körper als getrennt zu sehen. Deshalb gilt Stillsitzen als ideale Voraussetzung für Konzentration und Lernen. Das ist aber kein Fakt, sondern eine Gewohnheit. „Wir assoziieren Stille mit Beständigkeit, Ernsthaftigkeit und Fleiß; wir glauben, dass es etwas Tugendhaftes hat, den Bewegungsdrang zu kontrollieren“, schreibt Paul.

Forscher:innen der Justus-Liebig-Universität Gießen fanden 2018 heraus, dass Studienteilnehmer:innen sich bei Matheaufgaben geistig viel mehr anstrengen mussten, wenn sie sich nicht bewegen durften. Der Grund: Wenn sie stillhalten mussten, steigerte das ihre Hirnaktivität im selben Bereich wie die Rechenaufgabe: Im präfrontalen Kortex, der für intellektuelle Aufgaben wie Rechnen, aber auch die Kontrolle unserer Impulse verantwortlich ist. Die kognitive Gesamtbelastung war bei Teilnehmer:innen, die sich nicht bewegen durften, also höher – deshalb hatten sie weniger Rechenleistung übrig. Stillsitzen ist nicht die beste Voraussetzung fürs Lernen und Arbeiten.

Bewegung hingegen ist eine ideale Voraussetzung. Hast du dich schon einmal gefragt, wie Schauspieler es schaffen, sich an ellenlange Skripte zu erinnern? Die Psychologin Helga Noice und ihr Ehemann, der Theaterprofessor Tony Noice, der selbst Schauspieler ist, haben jahrelang genau das erforscht. Sie fanden einen entscheidenden Schlüssel: Schauspieler:innen bewegen sich beim Lernen. Das hilft ihnen nicht nur, das Gelernte zu festigen. Wenn sie die Bewegung, die mit dem Lernen verbunden ist, später wieder machen, erinnern sie sich besser an die Inhalte.

Wir müssen beim Denken und Lernen nicht durch die Gegend rasen. Selbst die kleinen Bewegungen, die der Körper an einem Stehschreibtisch macht – wenn wir das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagern etwa – verbessern die Denkleistung. Noch besser ist mäßig intensive Bewegung, zum Beispiel ein zügiger Spaziergang. Es gibt wissenschaftliche Belege dafür, dass diese Art Bewegung eine ganze Reihe positiver Effekte hat: bessere Konzentration, weniger Ablenkung, flexibleres Denken, verbesserte Problemlösungs- und Entscheidungsfähigkeiten, ein besseres Arbeitsgedächtnis und ein dauerhafteres Langzeitgedächtnis.

Paul glaubt, dass wir uns in einen idealen Lern- und Arbeitszustand versetzen können, wenn wir uns vorher bewegen. Deshalb, meint sie, sollten wir überdenken, wie wir unsere Pausen verbringen. Statt Rumsitzen, Kaffeetrinken und durchs Smartphone scrollen, sollten wir lieber zügig spazierengehen. Zumindest, wenn wir danach geistig etwas leisten wollen.

Drittens: Du brauchst Grenzen zum Denken

Hier eine schlechte Nachricht für alle, die in hässlichen Büros arbeiten: Die Qualität unseres Denkens hängt auch von den Räumen ab, in denen wir unsere Arbeit tun. Ein ganzer Forschungsbereich, die „Neuroarchitektur“, untersucht mittlerweile, wie das Gehirn auf Gebäude und ihre Innenräume reagiert. Das wird aus zwei Gründen immer wichtiger: Erstens verlangt die Gesellschaft, in der wir leben, und die Art, wie wir arbeiten, nach immer abstrakterem Denken. Zweitens verdichten sich die Räume: Es gibt mehr Menschen, es wird enger. Fast 70 Prozent der Weltbevölkerung werden 2050 in Städten leben, lautet eine UN-Prognose.

Das ist kognitiv anstrengend. Wer in einem Großraumbüro arbeitet, weiß, wie schwierig es ist, sich nicht ablenken zu lassen. Bewegungen und Menschen, die miteinander reden, ziehen unsere Aufmerksamkeit unwiderstehlich an. Wir können gar nicht anders, unser Gehirn reagiert darauf. Der Psychologe Fabrice Parmentier, der die Auswirkungen akustischer Ablenkung erforscht, sagt, dass unerwartete Geräusche unsere Aufmerksamkeitsfilter durchbrechen und die Hörer:innen ablenken – unabhängig davon, ob das Geräusch für uns relevant ist. Unsere Aufmerksamkeit, so stellt er fest, wird von jedem plötzlichen oder überraschenden Geräusch unfreiwillig eingefangen.

Mehr noch: Lärm erzeugt Stress. Und damit sind nicht Presslufthammer von der Baustelle nebenan gemeint. Laut Arbeitsplatzverordnung darf ein Lärmpegel von 55 Dezibel im Büro bei „vorwiegend geistigen Tätigkeiten” nicht überschritten werden. Das entspricht in etwa der Lautstärke eines normalen Gesprächs. Sprache ist sogar besonders ablenkend, „weil ihre semantische Bedeutung von unserem Gehirn verarbeitet wird, ob wir nun zuhören wollen oder nicht”, schreibt Paul. „Hinzu kommt, dass Sprache [...] von denselben Gehirnregionen verarbeitet wird, die wir auch für Wissensarbeit im Büro nutzen, wie Daten analysieren oder Berichte schreiben.“ Wenn nebenan Gespräche laufen, haben wir also weniger Gehirnleistung zum Arbeiten übrig.

Eine kognitiv belastende Umgebung sorgt dafür, dass Menschen weniger kreativ sind, und auf Standardlösungen zurückgreifen: „...die Gedanken, die uns am leichtesten in den Sinn kommen und die am wenigsten mentale Energie benötigen“, schreibt Paul. Da wir im Großraumbüro außerdem unter der Beobachtung anderer stehen, probieren wir weniger aus, weil jedes Scheitern quasi öffentlich geschieht.

All diese negativen Auswirkungen sind besonders ausgeprägt in Büros, in denen die Mitarbeiter überhaupt keinen festen Arbeitsplatz haben – was immer häufiger der Fall ist. Wie beim Fußball gibt es auch beim Arbeiten einen Heimvorteil: „Wenn Menschen Räume bewohnen, die sie als ihre eigenen betrachten, fühlen sie sich selbstbewusster und leistungsfähiger. Sie sind effizienter und produktiver. Sie sind konzentrierter und weniger ablenkbar“, schreibt Paul.

Das ist natürlich leicht gesagt. Nicht jede:r hat die Möglichkeit, im Home Office zu arbeiten, in einem eigenen Büro oder auch nur an einem eigenen Schreibtisch. Was hilft, ist, sich den Arbeitsplatz so weit wie möglich zu eigen zu machen. Viele tun das ohnehin instinktiv. Sie stellen Fotos ihrer Familie auf den Schreibtisch, Pflanzen oder Tassen mit Sprüchen (mein Favorit: „Ein bisschen mehr Ernst täterätätä uns gut“). Das ist nicht einfach nur gemütlicher Ramsch. Es hilft Arbeiter:innen, „ihren eigenen Raum zu gestalten, ihn mit persönlicher Bedeutung zu füllen und so eine Art Zufluchtsort am Arbeitsplatz zu schaffen“, so Paul.

Viertens: Du brauchst andere Menschen zum Denken

Grenzen sind wichtig. Aber ebenso wichtig ist der Kontakt mit anderen Menschen. Hier stellt uns unsere Kultur ein Bein: Austausch mit anderen Menschen sehen wir eher als Unterhaltung, nicht als ernstzunehmende Tätigkeit. Gequatscht wird in der Pause, nicht wahr? Ernsthaftes Denken findet allein statt. Das Genie ist einsam.

Falsch, sagt Paul. „Unsere Gehirne haben sich entwickelt, um mit anderen Menschen zu denken: ihnen etwas beizubringen, mit ihnen zu streiten, mit ihnen Geschichten auszutauschen. Das menschliche Denken reagiert äußerst empfindlich auf den Kontext und einer der mächtigsten Kontexte ist die Anwesenheit von anderen Menschen. Wenn wir sozial denken, denken wir also anders – und oft besser – als wenn wir nicht sozial denken“, schreibt sie. Wir erinnern uns sogar besser an Informationen, die wir in sozialen Kontexten gelernt haben.

Das kann man schon an sehr kleinen Menschen beobachten. In einer Studie der Universität Washington zeigte eine Lehrerin neun Monate alten Babys Spielzeuge und sagte dazu, wie die Spielsachen auf Spanisch hießen. Forscher:innen beobachteten dabei, wie oft der Blick der Babys zwischen den Spielsachen und der Lehrerin hin- und herging (bei Babys gilt das als Merkmal für soziale Interaktion). Nach zwölf Sitzungen verglichen die Forscher:innen mithilfe eines EEG, das die elektrische Aktivität des Gehirns misst, wie sehr die Gehirne der Kinder auf spanische Worte reagierten. Die Babys, die am häufigsten zwischen der Lehrerin und dem Spielzeug hin- und hergeschaut hatten, zeigten auch die meisten Anzeichen dafür, dass sie Spanisch gelernt hatten.

Es ist nur ein kleines (und besonders süßes) Beispiel für eine wachsende Menge an Belegen dafür, dass Menschen stark im sozialen Denken sind. Wie das mit unserem Bedürfnis nach Abgrenzung zusammenpasst? Die besten Denkleistungen erzielen Menschen, die zwischen Rückzug und Kontakt mit anderen Menschen pendeln können. Wenn wir also einen eigenen Raum haben, um über Ideen nachzudenken, aber ab und zu herauskommen, um sie gemeinsam mit anderen durchzusprechen.

Fünftens: Du brauchst dein Bauchgefühl zum Denken

Verdrehst du die Augen, wenn dir jemand rät, eine wichtige Entscheidung „nach Bauchgefühl“ zu treffen? Diese Reaktion hat Tradition in unserer Kultur: Der Mensch soll sich über den Verstand definieren. Der Körper gilt als animalisch und unzuverlässig. Tatsächlich gibt es aber Belege dafür, dass Menschen, die besonders gut darin sind, die Signale ihres Körpers wahrzunehmen, bessere Entscheidungen treffen.

Ich habe nicht viel mit der Börse zu tun, aber selbst ich habe davon gehört, dass in der Finanzwelt das „Bauchgefühl“ als wichtig gilt. Forscher:innen der Universitäten Cambridge und Sussex und der Queensland University of Technology in Australien haben das überprüft. Dafür rekrutierten sie 18 Männer, die im Hochfrequenzhandel tätig waren: Solche Trader müssen innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Informationen verarbeiten und in Sekundenbruchteilen riskante Entscheidungen treffen.

Die Forscher:innen überprüften zunächst, wie gut die Trader ihren eigenen Herzschlag wahrnehmen konnten. Das ist ein Maßstab dafür, wie sensibel Menschen dafür sind, körpereigene Signale zu bemerken und zu verarbeiten. Die Trader, zeigte sich, konnten ihren eigenen Herzschlag viel besser wahrnehmen als Kontrollpersonen, die nicht im Finanzbereich tätig waren. Darüber hinaus machten unter den Tradern diejenigen, die ihren Herzschlag am besten einschätzen konnten, mehr Gewinn. Diese Ergebnis stimmt mit anderen Studien überein, die gezeigt haben, dass es eine Verbindung gibt zwischen der Fähigkeit, den eigenen Herzschlag zu erkennen, und wie gut Menschen darin sind, Risiken richtig einzuschätzen.

Die Forscher:innen weisen darauf hin, dass es auch andere Interpretationen geben könnte. „So wurde in einer Studie festgestellt, dass die Fähigkeit zur Erkennung von Herzschlägen bei Stress zunimmt. Es könnte also argumentiert werden, dass die Fähigkeit zur Erkennung von Herzschlägen nur deshalb mit der Überlebensdauer korreliert, weil erfahrene Händler, die größere Risiken eingehen, größeren Belastungen ausgesetzt sind. Die Autoren der aktuellen Studie halten dies für unwahrscheinlich – im Handel, wie auch in vielen anderen Berufen, sind erfahrene und erfolgreiche Personen, die mehr Kontrolle haben, in der Regel weniger gestresst als Anfänger.“

Ein anderes Beispiel: Der portugiesische Neurowissenschaftler Antonio Damasio konnte in einem berühmten Experiment Ende der 90er Jahre zeigen, dass die Körper von Kartenspieler:innen reagierten, wenn die Spieler kurz davor waren, eine Karte von einem Stapel mit schlechten Karten zu ziehen – auch wenn die Spieler bewusst noch nicht verstanden hatten, wo die guten und die schlechten Karten lagen.

Es gibt dafür eine Erklärung: Wir nehmen die ganze Zeit mehr Informationen wahr, als wir bewusst verarbeiten oder behalten können. Dennoch bemerken wir Regelmäßigkeiten und Muster und speichern sie im Unbewussten. Wenn wir diese Informationen brauchen, sendet der Körper uns Signale – oft ohne dass wir dies merken. „Das ist es also, was das Bauchgefühl ausmacht. Es ist, als würde der Körper uns am mentalen Ärmel zupfen und sagen: Hey, du warst schon einmal hier. Du hast diese Erfahrung schon einmal gemacht. So hast du darauf reagiert. Das hat funktioniert oder nicht. Das solltest du jetzt tun“, sagte Paul in einem Interview.

Der Körper agiert dabei möglicherweise sogar vernünftiger als der Verstand: Bei einem Experiment der Universität Virginia trafen Versuchsteilnehmer:innen, die regelmäßig meditierten, rationalere Entscheidungen beim sogenannten Ultimatumspiel als die Kontrollgruppe. Gehirnscans zeigten bei den Meditierenden eine Aktivität in der Insula, dem primären Gehirnareal für Interozeption. Sie schienen beim Spiel also unbewusst auf die Signale ihres Körpers zu achten.

Menschen wie ich, die ihren eigenen Herzschlag normalerweise nicht wahrnehmen, können ihre Körperwahrnehmung trainieren: Paul schlägt vor, ein Tagebuch mit drei Abschnitten zu führen. Im ersten hält man eine Entscheidung fest, die ansteht. Im zweiten beschreibt man so genau wie möglich die Körpersignale, die auftauchen, wenn man über die verschiedenen Optionen nachdenkt (etwa ein Ziehen im Bauch oder ein Anheben des Brustkorbs). Im dritten Abschnitt hält man die getroffene Entscheidung fest. Und die Körpersignale, die diese mit sich bringt.

„Sobald Sie wissen, was das Ergebnis einer bestimmten Entscheidung war – hat die Investition Geld eingebracht? Hat sich die neue Einstellung bewährt? War die Reise in die Ferne eine gute Idee? – können Sie zu dem Moment zurückkehren, in dem Sie diese Entscheidung getroffen haben“, schreibt Paul. So lernen wir die Signale unseres Körpers kennen. Wer sensibel dafür ist, meint sie, kann sie besser nutzen – so wie die Trader, die schlauer investierten.

In jedem Fall ist es gut, sich klarzumachen, dass Intelligenz nicht nur davon abhängt, was man in seinem Schädel hat. Sondern auch davon, was alles mit diesem Schädel in Verbindung steht.


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Christian Melchert


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