© Screenshot Tilo Jung

Husam Zomlot, PLO-Sprecher

„Fatah ähnelt der SPD – Hamas wären die Christdemokraten“

Interview von Tilo Jung
etwa 19 Min. Lesedauer

http://youtu.be/kFwqtL9PRrc

Husam, was ist die Fatah?

Wer dieses Gespräch weder als Video gucken (deutsche Untertitel sind verfügbar!) noch lesen möchte, dem sei die Podcast-Version ans Ohr gelegt http://www.jungundnaiv-podcast.de/2014/10/fatah-the-plo-husam-zomlot-jung-naiv-in-palestine-episode-200/.Oder ihr hört euch den Beitrag hier an. Bitte anklicken.

Fatah ist die palästinensische nationale Befreiungsbewegung. Wir sind mehr oder weniger eine säkulare Bewegung. Wir sind Sozialdemokraten, und wir gehören zur europäischen Sozialdemokratie, und die SPD ist unsere Schwesterpartei.

Wir trafen Husam Zomlot in einem Luxushotel in Ramallah.

Foto: Alexander Theiler

Du zählst Palästina zu Europa?

Für uns ist diese Folge ein kleines Jubiläum. Theiler, Hans und ich hätten nie damit gerechnet, dass wir schon im August die 200. naive Folge und dann noch in Ramallah drehen würden. Zum Start der nächsten Hundert experimentieren wir ab sofort mit einem Vorspann, gespickt mit interessanten Passagen und Szenen aus der anstehenden Episode. Ob er funktioniert, zu lang, ungewohnt oder zu sehr Spoiler ist, fragen wir euch.

Ich hätte gar nichts dagegen, wenn Europa dieses Durcheinander hier beenden würde und die Gebiete…

Als wir nach eineinhalb Wochen in Tel Aviv nach Jerusalem umziehen, beginne ich, Vorschläge von Freunden und Kollegen für Fixer in den palästinensischen Gebieten durchzugehen. In Israel kommen wir dank der Hilfe vieler Kollegen, der kaum vorhandenen Verständigungsprobleme und der finanziell engen Hose ohne lokalen Journalisten aus. Für die Drehs in der Westbank ist aber früh klar, dass wir uns Hilfe holen. Nach einigem Hin und Her und den ersten Drehs in Jerusalem, finden wir Ramallah-Korrespondent Sam (Name geändert). Er beschäftigt sich einen Abend mit den bereits veröffentlichten Folgen aus Israel und ruft am nächsten Morgen an. Er freue sich auf die Gesichter und das Verhalten der interviewten Palästinenser.
Ich gehe mit ihm ein paar Themen durch, die ich unbedingt in Folgen behandeln will, unter anderen die palästinensische Parteienlandschaft. Später am Nachmittag ruft Sam erneut an. Wir haben uns eigentlich erst für den kommenden Tag in dem ein paar Kilometer entfernten Ramallah verabredet. Ja, morgen. Aber warum denn nicht gleich sofort, fragt Sam. Er könne uns nur an diesem frühen Abend den Sprecher der Fatah vermitteln. Dazu sei dieser Sprecher noch jemand, der fließend Englisch spreche. Wann wir in Ramallah sein können? 30 Minuten, wenn's nach Google Maps geht, sage ich.
Super, das passt, dann sehen wir uns in 45 Minuten am Punkt X in Ramallah, schreit Sam. Wir packen im Eiltempo unsere Ausrüstung zusammen und düsen mit dem Mietauto los. Googlemäpsige 30 Minuten später stehen wir vor Ramallah. Am Checkpoint der Endlosigkeit. Wir haben es in die palästinensische Rush Hour geschafft. Eine Stunde tut sich nichts, es geht weder vor noch zurück.Nur der Gesprächstermin bewegt sich. Als sich die Möglichkeit ergibt umzudrehen, fahren wir zu einem nahegelegenen Parkplatz an der Grenzmauer, stellen das Auto ab und gehen zu Fuß über die Grenze. Wir können ohne Hindernisse rübermachen und sind plötzlich irgendwie schon direkt auf der Hauptstraße. Sam ruft an und ahnt sofort, wo wir stecken. An einer Kreuzung holt er uns ab und fährt mit uns zuallererst zum Grab Jassir Arafats. Eile ist plötzlich nicht mehr geboten. Es habe sich glücklicherweise eh alles nach hinten geschoben. Nach der einminütigen Begrüßung von Arafat fahren wir zu Salah Khawaja, Führer der palästinensischen Befreiungsbewegung PNI (Folge 191). Erst gegen 19 Uhr fährt Sam uns dann ins Luxushotel. Weitere 30 Minuten später, die ich noch zur Gesprächsvorbereitung nutzen kann, kommt dann Husam. Er begrüßt Sam und lässt sich von mir die „Spielregeln“ des Formats erklären...

… Teil der Europäischen Union würden?

Ich hätte nichts dagegen. Ich selbst bin Europäer. Ich habe die britische Staatsbürgerschaft. Ich bin frei wie eine Taube und kann überall hinreisen. Wenn das hier für alle zuträfe, wäre das eine sehr gute Sache.

Hat jeder Palästinenser verschiedene Pässe?

Nur diejenigen, die die Möglichkeit hatten, im Ausland zu leben, beispielsweise um zu studieren. Ich habe viele Jahre in Großbritannien gelebt.

Wie ist das bei den anderen Palästinensern, können die hier weg?

Nein, die sitzen fest. Die können sich nicht mal in ihrer Heimatstadt frei bewegen.

Warum?

Weil dieser Ort vom Nationalismus heimgesucht wurde, der sehr resolut festlegt, wer Staatsbürger ist und welche Rechte jemand hat. Damit meine ich den Zionismus als Definition eines „Landes für die Juden“, das ganz entschieden nur für eine Religion da ist, für einen Glauben, eine Hautfarbe. Dieses Land diskriminiert nicht nur in seinem eigenen Territorium. Israel besetzt auch Land, das anderen gehört, wie hier in Ramallah oder in Jerusalem. Die Situation setzt sich aus Verschiedenem zusammen: die Exklusivität, die Besatzung und die Apartheid.

Was ist Apartheid?

Apartheid ist ein rassistisches System, das der Diskriminierung und der Trennung zwischen den Menschen dient, sie als Privilegierte und Unterprivilegierte voneinander unterscheidet. Die Privilegierten sind in diesem Teil der Welt die Juden. Und wir Palästinenser brauchen Genehmigungen, um uns bewegen zu dürfen.

Juden – das heißt jüdische Israelis?

Israelische Juden. Es gibt ja auch palästinensische Israelis, Palästinenser, die als israelische Staatsbürger diskriminiert werden. Israelische Juden sind die Oberschicht, die sind die Reinsten. Es ist traurig, dass Leute, die in deinem Land selbst Opfer einer solchen Reinheitsideologie wurden, die zur Vernichtung von Millionen von Menschen führte, dass diese Leute jetzt genauso denken. Wir sitzen hier, während Gaza immer noch bombardiert wird. Während der vergangenen beiden Wochen sind fast 2.000 Palästinenser von der israelischen Kriegsmaschinerie abgeschlachtet worden.

Ich habe gehört, das waren Terroristen.

Ich habe in Gaza gelebt. Ich wurde dort geboren, ich kenne die Familien, ich kenne die Gesichter, ich bin mit ihnen zur Schule gegangen, ich habe mit ihnen zusammengearbeitet. Wenn du unsere Babys als Terroristen bezeichnen willst, wenn du unsere Mütter als Terroristinnen bezeichnen willst, dann vielleicht. Aber es sind normale Familien, die in ihren Häusern ausgelöscht werden.

Wie bezeichnest du sie?

Als Menschen, die ein Recht auf ein besseres Leben hatten, bevor sie von dem ganzen Hass um sie herum erwürgt wurden. In all den Jahren haben sie kein anderes Verbrechen begangen, als hier geboren worden zu sein. Ich habe mit ihnen gelebt. Die Palästinenser in Gaza, die gehören zu den menschlichsten, schlausten, geselligsten, lustigsten Menschen.

Wurden auch Kämpfer getötet?

Davon haben wir jedenfalls nichts gesehen. Ich bin sicher, dass auch einige Kämpfer getötet worden sind, bestimmt. Alles was wir gesehen haben, war, dass Israel auf Familien geschossen hat, auf Wohngebiete.

Aber nicht mit Absicht.

Israel hat die bestausgerüstete Armee in dieser Region, und steht weltweit an vierter Stelle, was Präzisionswaffen angeht. Also erzähl mir nicht, dass die nicht wissen, wann sie ein Wohngebiet bombardieren oder zum hundertsten Mal eine UN-Schule. Nein, die wissen das ganz genau. Gaza ist ein kleines Stück Erde, etwa so groß wie ein Stadtteil von Berlin. Und es ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt. In Gaza leben nur Zivilisten, es gibt keine offenen Flächen in Gaza. Wo immer man hinschießt, man wird Babys töten. Israel weiß das sehr gut, es zählt zu ihrer Doktrin.

Was ist das?

Es bezeichnet eine Lehrmeinung. Die Militär-Doktrin der Israelis besagt, dass im Falle einer Konfrontation – egal mit wem – erst einmal auf Zivilisten geschossen werden soll, auf so viele wie möglich. Es geht um größtmögliches Chaos und Zerstörung. Zivile Strukturen werden ins Visier genommen, Stromgeneratoren und die Wasserversorgung werden bombardiert. Auf diese Weise werden die Zivilisten unter Druck gesetzt, damit sie Druck auf die führenden Köpfe in der Politik und im Widerstand ausüben. Israel ist auf der Grundlage dieser Doktrin entstanden.

Wann war das?

Im Jahr 1948.

Was war da?

Jüdische Terroristen-Gruppen, wie die Haganah und die Irgun, man kann es in europäischen Bibliotheken nachlesen, haben terroristische Angriffe auf palästinensische Dörfer verübt. Auf Zivilisten in ganz Palästina. Der Grundgedanke war die ethnische Säuberung Palästinas, so dass die Juden kommen und sich dort ansiedeln konnten. Das sind die nackten Tatsachen. Sie haben etwa die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung vertrieben. Mein Vater war auch dabei. Er wurde im heutigen Staatsgebiet von Israel geboren, dann wurde seine Familie mit vorgehaltener Waffe vertrieben. Sie sind in dem Glauben geflohen, dass sie nach einem oder zwei Tagen zurückkehren würden. Zu der Zeit gab es Israel noch nicht, sondern nur den jüdischen Terrorismus. Natürlich waren nicht alle Juden Terroristen, aber diese Gruppen, Irgun und Haganah. Siebzig Jahre später können mein Vater und sein Vater immer noch nicht in ihre Häuser zurückkehren. Mein Vater wartet heute noch. Ich hoffe, er wird sein Recht auf Heimkehr noch verwirklichen können.

Warum teilt ihr euch dieses schöne Land nicht?

Das ist eine schöne europäische Idee. Aber wie wäre es, auch mal die ansässige Bevölkerung zu fragen, meinen Vater, unsere Nation?

Aber es gab doch auch indigene Juden, oder?

Ja, aber ich spreche von den Einwanderern, die herkamen. Es gibt jüdische Palästinenser, ja. Die sind heute Teil unseres Systems und Teil unserer Gesellschaft. Es gibt Juden im Westjordanland, die jüdische Palästinenser sind. Wir haben auch Juden im Parlament und im Revolutionsrat der Fatah.

Bist du jüdisch?

Was?

Bist du Jude?

Ob ich Jude bin? Nein, ich bin kein Jude, ich bin Palästinenser.

Muslimisch? Arabisch?

Der Islam ist eine Religion. Und Religion sollte bei Fragen der Staatsbürgerschaft kein Thema sein. Ich bin Palästinenser, und ich sollte als Palästinenser respektiert werden. Bedauerlicherweise wird das oft verwechselt – ist das Judentum eine Religion, oder ist es eine Identität im Pass? Mir wäre es lieber, es würde allein als Religion definiert. Vor dem Judentum als Religion habe ich großen Respekt. Sie liegt allen monotheistischen Religionen zugrunde. Es geht aber nicht um Religion, sondern um politische Taten. Die Religion ist unschuldig.

Wird Religion instrumentalisiert?

Ja, das wird sie, auf allen Seiten und überall auf der Welt. Aber Gott ist unschuldig. Er ist unschuldig, oder sie ist unschuldig. Gott hat keine Schuld an den Ansprüchen der Israelis, oder an den Ansprüchen der ISIS, oder was der Gruppen sonst noch so sind. Gott ist auch kein Immobilienmakler, der Land verteilt. Gott hat auch nie beschlossen, wer seine Kinder und Völker sind. Ja, die Religion wird auf der ganzen Welt missbraucht.

Ich habe gelernt, dass es 1948 die Möglichkeiten für einen palästinensischen Staat gab.

Mein Vater wartet auf einen palästinensischen Staat, ich warte, und ich hoffe, mein Sohn wird nicht mehr warten müssen. Jedes Mal, wenn wir kurz davor sind, ihn zu bekommen, findet die israelische Regierung einen Weg, es zu blockieren. Die wollen das nicht.

Warum?

Sie glauben, sie seien allein auf der Welt, weil sie sich nicht überwinden können anzuerkennen, dass wir Rechte haben. Sie können uns nicht anerkennen, so wie wir sie anerkennen.

Machen das wirklich alle, oder nur die Fatah?

Nein, die PLO, die Vertretung der Palästinenser - Jassir Arafat war ihr Präsident, jetzt ist es Mahmoud Abbas - erkennen Israel seit 25 Jahren an. Israel hat nie Gleiches getan. Wir haben Israel anerkannt, auf seinem Territorium von 1967, auf 78 Prozent von unserem Land, in dem mein Vater geboren wurde. Von mir aus kann der Geburtsort meines Vaters in Israel sein. Aber das heißt nicht, dass ich auf das Heimkehrrecht meines Vaters verzichte. Sie müssen meinem Vater erlauben, auf sein Land zurückzukehren, als Mensch, Einwohner und als Staatsbürger.

Heimkehrrecht – ist das nicht was ganz Normales?

Sehr normal, ja. Aber Israel ist nicht normal. Manche von denen sind krank.

In der Politik, in der Regierung?

Die Regierung spielt mit Ängsten und existenziellen Bedrohungen. Die sind krank. Sie beschwören den Holocaust und produzieren damit eine Gesellschaft, die nicht über die Zukunft nachdenkt. Es ist leider eine sehr militarisierte, rechtslastige Gesellschaft geworden. Dabei sollte die Regierung sagen, dass es so nicht weitergehen kann. Man kann nicht wieder tausend palästinensische Zivilisten umbringen, Mauern bauen und palästinensisches Land, oder was davon übrig ist, stehlen. Wir wollten den palästinensischen Staat auf 22 Prozent des Landes errichten. Geh mal herum und sieh dir an, wie viele israelische Siedlungen da inzwischen errichtet worden sind. Es sind 650.000 israelische Siedler im Westjordanland und in Jerusalem.

Warum wollen manche Palästinenser Israelis umbringen? Es werden Raketen auf Israel abgeschossen.

Ja. Ich bin für bedingungslose Gewaltlosigkeit. Ich kann Gewalt nicht gutheißen. Ich sage das als Sozialdemokrat, und auch, weil ich glaube, dass Gewaltlosigkeit sehr effektiv ist. Gewalt ist kontraproduktiv. Sie stachelt Israel zu Taten auf, wie du sie in Gaza gesehen hast. Ich bin ganz und gar für Gewaltlosigkeit, und ich bin überzeugt, dass wir als Menschen, mit unserer Menschlichkeit in der Lage sind, uns Panzern und ihren Kampffliegern entgegenzustellen, mit unserer Logik und mit unserem Glauben. Erinnere dich an Mahatma Gandhi und Nelson Mandela. Gewaltlosigkeit ist sehr effektiv. Raketen sind keine gute Idee. Aber die Raketen und die Tunnel in Gaza sind nicht da, weil ein paar Leute beschlossen haben, mit Gewalt zu spielen. Raketen und Tunnel sind Folgen des Belagerungszustandes. Deshalb sollte man hinter die Symptome schauen. Die wirklichen Ursachen liegen in der Tatsache, dass Israel als werdende Nation unfähig ist, sich selbst und anderen gerecht zu werden.

Ist die Fatah immer friedlich gewesen?

Nein, wir haben vor fünfzig Jahren als bewaffnete Kämpfer angefangen. 1988 haben wir den palästinensischen Staat im Westjordanland und in Gaza ausgerufen. Wir haben Israel im Rest unseres Landes de facto anerkannt. Und 1993 haben wir Israel offiziell anerkannt, beim Osloer Friedensprozess.

Davon weiß ich nichts.

Im Osloer Friedensprozess kamen offizielle palästinensische Delegationen mit israelischen Delegationen zusammen, in geheimen Treffen in Oslo, um eine Lösung zu diskutieren. Damals wurde ein Durchbruch erzielt.

Wie sah er aus?

Beiden Seiten arbeiteten an einer Zwei-Staaten-Lösung, mit den Grenzen von 1967. Das ist jetzt 21 Jahre her. Israel hat es seither blockiert. Ich bin sicher, wir haben auch Fehler gemacht. Aber Israel hat uns nie mehr als einen Zwischenstatus zugebilligt. Sie haben die PLO wieder nach Palästina gelassen, sie haben Jassir Arafat die Palästinensische Autonomiebehörde errichten lassen. Vier Jahre sollte es so sein, im fünften sollte der Staat gegründet werden. Auf diesen Schritt warten wir sei 21 Jahren. Israel will den Konflikt managen, aber nicht lösen. Und sie wollen, dass die Besatzung sie nichts kostet, sie lassen also die Palästinenser alle Dienstleistungen machen, Bildung, Gesundheitsversorgung und so weiter. Wenn ich sage „die Israelis“ oder wenn ich sage „die Juden“, dann meine ich das nicht pauschal.

Die Regierung?

Ja, die Regierung, die jeweils das Sagen hat. Die israelischen Regierungen konnten sich zu nichts durchringen. Also gibt es nur Enklaven, Städte, die von Mauern und Checkpoints umgeben sind. Jede zweite Nacht marschieren israelische Soldaten durch sie durch.

Du sagtest, ihr hättet auch Fehler gemacht. Was für welche?

Wir hätten vieles besser machen können. Die Autonomiebehörde hätte in ihrem Anfangsstadium umsichtiger sein können, und effizienter. Aber es ist wirklich schwierig, in einer Besatzungszone einen Staat aufzubauen.

Sag mir, was ist der Unterschied zwischen Fatah und Hamas?

Die Fatah ist eine rein nationale Bewegung. Sie strebt danach, das Land zu befreien und aufzubauen, als Staat mit gleichen Rechten für alle. Mit einer Verfassung, für die alle Palästinenser gleich sind, ungeachtet ihrer Religion, Hautfarbe und Überzeugungen. Das ist sehr romantisch. Die Fatah entstammt der arabischen und internationalen globalen Revolutionen der Vierziger- und Fünfzigerjahre.

Und die Hamas?

Die Hamas ist konservativ. Mit einem nationalistischen Element, aber einem sehr viel stärkeren religiösen Element, sowohl in ihrer Ideologie als auch in ihren Praktiken. Zwischen Fatah und Hamas sind große Unterschiede. Die Fatah sieht sich als Partner der Sozialdemokraten, dann wäre das Äquivalent für die Hamas…

… Christdemokraten?

Ja, so etwas in der Art.

Wirklich? Da hab ich noch nie was von gehört. Die Hamas wäre so etwas wie Angela Merkels Partei in Deutschland... ohne Gewalt?

Ja, wenn man die Gewalt rausnimmt. Ohne zu enge Parallelen zu ziehen. Auch die Christdemokraten beziehen sich deutlich auf Religion. Die Fatah ähnelt der SPD, und die Hamas wären die Christdemokraten.

Welche Ressourcen habt ihr?

Wir haben Jerusalem, wir haben Bethlehem, den Geburtsort von Jesus. Wir haben den drittheiligsten Ort der Muslime. Wir sind an einem Ort gelegen, an dem Ost und West genau zusammentreffen. Wir haben das Tote Meer und seine Pottasche, mit der sich Israel versorgt. Der größte Teil des Toten Meeres ist in den besetzten Gebieten. Wir haben Öl gefunden. Und vor der Küste von Gaza gibt es auch Gas.

Warum redet die israelische Regierung nicht mit der PLO? Gibt es denn keine Friedensgespräche, hat nicht dieser John Kerry irgendwelche neuen Friedensgespräche organisiert?

Eine Kollegin weist mich auf dem Weg nach Ramallah noch darauf hin, dass Husam an den inoffiziellen Friedensverhandlungen der Kerry-Talks teilgenommen hatte, und so hoffe ich, dass wir ein paar Details aus solchen israelisch-palästinensischen Runden erfahren werden... Obwohl Husams Beteiligung als PLO-Vertreter kein Geheimnis ist, druckst er mir dennoch zu sehr rum... Als es kurz vor Schluss (siehe Video) dann auch um die Rolle des ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi geht, macht er komplett dicht. Eine bisher einzigartige Geste bei Jung & Naiv.

Wir reden seit 21 Jahren. Tagein, tagaus. Ich war indirekt auch an Gesprächen beteiligt. Wir haben endlose Gespräche geführt. Aber hier geht es nicht um Gespräche.

Ihr sitzt an einem Tisch?

Seit 21 Jahren. Zuletzt vor ein paar Wochen. Der amerikanische Außenminister und der Präsident hatten eine Initiative ins Leben gerufen.

Und wie lief es?

Die Palästinenser trugen ihren Standpunkt vor, wir sind prinzipiell übereingekommen, im Westjordanland und in Gaza einen Staat zu errichten, mit Ostjerusalem als Hauptstadt. Ich geb dir einen Überblick. Die Israelis sagen dann irgendwas wie: „Diskutieren wir doch über … dieses kleine Detail hier, können wir dort nicht einen Checkpoint einrichten …“ Die Logik ist falsch. Man sollte immer damit anfangen, sich bei den Prinzipien einig zu sein. Wenn man sich bei ihnen nicht einig ist, dann kann die stärkere Seite die Verhandlungen für ihre Diktate gebrauchen.

Was sind diese Prinzipien?

Dass es in diesem Land eine illegale militärische Besatzung gibt, und dass Israel eingesteht, dass es das tut.

Das tun sie nicht?

Nein. Die gehen davon aus, dass dieser Ort, an dem wir hier jetzt sitzen, in umstrittenem Gebiet liegt. Dieses Territorium ist aber nicht umstritten. Es ist besetzt. Ich glaube nicht, dass Verhandlungen irgendeinen Sinn haben. Was soll verhandelt werden? Es ist Zeitverschwendung.

Ich habe gelernt, dass die Menschen Gaza als Gefängnis bezeichnen. Aber stehen vor diesem Gefängnis nicht zwei Wächter, einmal Israel, und auf der anderen Seite Ägypten, warum sprecht ihr nicht mit Ägypten, und sagt: „Holt uns hier raus, so lange wir keinen Frieden mit Israel haben?"

Ja, Gaza hat zwei Grenzen, sechs Grenzübergänge mit Israel und einen mit Ägypten. Zweitens ist Israel als Besatzungsmacht verantwortlich für Gaza. Israel hat die völkerrechtliche Verantwortung. Nach der Genfer Konvention muss Israel die Menschen versorgen, die es unter seiner Kontrolle hält. Und Israel hat sie unter Kontrolle - zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Wir setzen uns dafür ein, dass Ägypten seine Grenze aufmacht. Aber das heißt nicht, dass Israel das nicht ebenso tun sollte...

Mit der letzten Frage, die wir in unserer Nahostreise stets stellen, wollen wir unsere Gesprächspartner auffordern, naiv zu sein, zu träumen. Also, wie kann das enden, was wäre deine ideale Lösung?

Sämtliche Folgen sowie Bonusmaterial von Jung & Naiv in Israel & Palästina gibt es in dieser Youtube-Playlist. Krautreporter Stefan Schulz hat sich in Eine Sache des Glaubens mit den ersten 14 Episoden unserer Reihe befasst. Die Ausgangsfolge mit Dan Schueftan gibt es hier zu lesen.

Es geht nicht um die Form der Lösung. Ich kann mit zwei Staaten leben, ich kann mit einem Staat leben. Meine Schlüsselworte sind Menschenwürde und Lebensqualität. Es geht um Respekt, Anerkennung. Das ist alles noch weit weg von institutionellen Lösungen. Sicherheit kann nicht nur mit Kampfjets und mit Raketen erreicht werden. Ich glaube, es wird noch eine Weile dauern, bis wir die Israelis davon überzeugt haben.

Wird dein Vater den Frieden noch erleben?

Deshalb habe ich mich dafür entschieden, mit meiner Familie und mit meinen zwei Kindern hier zu leben, hier zu arbeiten und am Kampf teilzunehmen. Ich möchte, dass er das erlebt, ja.

Als das Gespräch endet, stehen wir auf. Husam muss kurz telefonieren und kommt alsgleich zurück und mir nahe: Beim Interview müsse die Hälfte rausgeschnitten werden, das geht so nicht. Er hätte nicht so frei reden wollen und vielleicht auch sollen. Ich wundere mich, was denn los ist. Nichts. Gar nichts, meint Husam. Aber irgendwie doch, die Israelis würden schließlich alle öffentlichen Aussagen der Delegationsmitglieder kontrollieren und festhalten. Er bittet nun eindringlich, dass er vor Veröffentlichung der Folge entscheiden kann, was rausgeschnitten wird. Ich erinnere ihn an die Spielregeln von Jung & Naiv. Ungekürzt, ungeschnitten. Er versucht nun, auf Theiler einzuwirken, und ich spreche mit Sam, was wir tun sollen. Sam schlägt vor, schnellstens loszufahren. Wir müssen schließlich eh zurück nach Jerusalem. Wir packen zusammen und machen Husam klar, dass er als Erster den Youtube-Link bekommt. Er lässt uns gehen. Sam bringt uns noch zur Grenze, die wir mit deutlich mehr Hindernissen passieren, während Husam sich von nun an täglich bei Sam melden und uns erinnern wird, dass wir ihm das Gespräch noch einmal vorlegen...

Dieses Interview ist die aufbereitete Version der fünfzehnten Folge, die Jung & Naiv in Nahost gedreht haben. Was vorher gefragt und gesagt wurde, hat Stefan Schulz in Eine Sache des Glaubens eingeordnet. Krautreporter veröffentlicht die finalen Gespräche dieser Reihe - wie auch hier mit einer transkribierten Kurzfassung als Text und mit Zusatzmaterial für unsere Mitglieder.

Morgen geht es mit Yisrael Medad weiter, der uns in die jüdische Siedlung Shilo in der Westbank einlud.


Gespräch: Tilo Jung
Produktion: Alexander Theiler
Redaktion: Hans Hütt
Übersetzung: Elka Sloan
Videountertitel: Cristian Wente