Eine Sache des Glaubens

Eine Sache des Glaubens

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Nach Israel fahren und dort mehr als ein Dutzend Menschen fragen, wann der Frieden kommt? Wie naiv! Aber der Fragende ist jung. Benny Ziffer, einer der Antwortenden und Literaturchef von Israels ältester Tageszeitung, „Haaretz“, legt sich nur ungefähr fest und hofft, wenigstens im Alter von 100 Jahren einen ruhigen Nahen Osten zu erleben. Heute ist er 60 Jahre alt. Dan Schueftan, ähnliche Altersklasse, Leiter des National Security Studies Center der Universität Haifa, gibt eine ebenso eigenwillige Antwort: Nämlich gar keine. Er sei schließlich kein Idiot. Wenn nun die intellektuelle und akademische Elite in Israel vom Frieden nur als Unmöglichkeit spricht, worüber lässt sich dann überhaupt reden? Na, zumindest darüber, was diese „unendliche Geschichte, in der jeder jeden anderen töten will“ (Benny Ziffer) ausmacht.

Es gibt für das, was in diesem Text über die Interviews von „Jung & Naiv in Israel und Palästina“ steht und was während der derzeit zehneinhalb Stunden veröffentlichter Gespräche wörtlich gesagt wird, eine Gegenprobe: Was denkt ein israelischer Sicherheitsforscher, persönlicher Freund von Regierungschef Benjamin Netanjahu und weltweit gefragter Vortragsredner wie Dan Schueftan eigentlich von Europa? „Es ist ein Freizeitpark“, sagt er, „ein La-La-Land“, in dem Menschen merkwürdige politische Vorstellungen hätten und sie mit “dummem Optimismus" in den Nahen Osten zu bringen versuchten. Man braucht sich daher wenig Mühen damit machen, herausfinden zu wollen, was wirklich wahr und wer wirklich schuld ist: Der Konflikt wird nicht weniger mit Worten als mit Waffen ausgetragen.

Dan Schueftan im Gespräch vor einer kahlen, weißen Wand, während die Dunkelheit einbricht.

Alex Theiler

Deshalb von vorn, zweieinhalb Absätze zur Geschichte: Literaturjournalist Ziffer erinnert an die Briten, als die Urheber der zionistischen Idee, abseits religiöser Lehren und des Wartens auf Messias und Erlösung einen Staat für Juden zu gründen. Und er verweist auf die dazugehörige Literatur. In George Eliots „Daniel Deronda“ von 1876 werde es formuliert, sagt Ziffer: Eine jüdische Heimat in Palästina, zur „Wiederbelebung der westlichen Kultur“ und „Erhellung der Region“. Nur geriet die politische Planung durcheinander. Thomas Edward Lawrence (später berühmt als „Lawrence of Arabia“) versprach den Arabern alle Ländereien für ihren Einsatz an Britanniens Seite gegen das Osmanische Reich. Lord Arthur Balfour nahm ihnen dann per Deklaration ein Stück für Israel wieder weg. Es folgte der erste arabische Aufstand gegen jüdische Siedlungen in Palästina. All das geschah zwischen 1916 und 1921.

Ziffer nennt die dann folgenden historischen Jahreszahlen: Das arabische Massaker an Juden in Hebron 1929. Der große arabische Aufstand gegen Briten und Juden 1946, der auf der Gegenseite zur Gründung der Haganah führte, bis heute Kern der israelischen Streitkräfte. Der Unabhängigkeitskrieg 1948. Der Sinai-Krieg 1956. Der Sechstagekrieg 1967. Der Jom-Kippur-Krieg 1973. „Und so weiter, und so weiter, und so weiter, und so weiter.“ Aber warum? Theodor Herzl, Autor von „Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ (1896), ersann die konkrete Idee, eine Heimat für Juden zu schaffen, um so die Diaspora, und mit ihr Vertreibung und Antisemitismus zu beenden – allerdings in Uganda. Beim Zionistenkongress in Basel stieß er 1903 auf taube Ohren. Im Jahr darauf erlag er einem Herzleiden.

Entschieden wurde pragmatisch, per bereits genannter Deklaration von Lord Balfour. Es könne sein, sagt Ziffer, dass die Briten den Konflikt bewusst säten, wie sie es vor ihrem Abzug in Indien taten. Dem folgte damals die Abspaltung Pakistans und ein bis heute aktueller und akuter Streit um Grenzgebiete. Israels Grenze wurde seinerzeit von den Vereinten Nationen auf eine Karte gemalt. Am selben Tag im Mai 1948, an dem die Briten die Region verließen, bombardierte Ägypten Israel.Rund 600.000 Einwanderer lebten damals in Israel, nicht einmal ein Zehntel der heutigen Zahl jüdischer Bürger des Landes. Dies ist der Ursprung der inzwischen historisch und politisch orientierungslosen Konflikte. Jeder israelische Siedlungsbau, jede Hamas-Rakete ist eine neue kleine Deklaration. Der rote Faden der bisher 17 Videos ist ein Fragen aufwerfender Widerspruch: Wieso führte ausgerechnet der Zionismus, die Abkehr von religiösen Lehren, zum erbitterten Kampf um religiöse Stätten?

Die Karte an der Wand hinter Sumoud Ahmad Sa'adat zeigt die Grenzen von Palästina und Israel.

Alex Theiler

Man muss eine Karte zur Hand nehmen. Bei Sumoud Ahmad Sa'adat in Ramallah hängt eine Karte von den Golanhöhen über dem Sofa. Es ist ein kleiner Landstrich, der international anerkannt zu Syrien zählt, aber von Israel annektiert wurde. Zoomt man heraus, kommt das Westjordanland in den Blick, dann der Gazastreifen. Die Grenzen verlaufen je nach Jahreszahlen und Kriegsausgängen unterschiedlich. Noch weiter herausgezoomt sieht man, wovor Dan Schueftan sich fürchtet: In „Syrien, Iran, Irak, Libanon, Jemen, Algerien, Sudan“ suche man Stabilität und Pluralismus vergebens und finde nirgends Demokratie. Ja, Israel besetze das Westjordanland, niemandem gefalle das, auch Israel wolle es eigentlich nicht, schließt er an.

Dadurch ist Israel, damit behauptet sich das Land, die einzige Demokratie in der Region. Und die „einzige auf der Welt, die ein anderes Land dauerhaft besetzt und alle zwei Jahre tödliche Angriffe startet“, sagt Aktivistin Elizabeth Tsurkov in Tel Aviv. Sie appelliert an die Weltgesellschaft, Israel aufzufordern, die Besatzung zu beenden. Tilo Jung hat die Frage, was der Westen und insbesondere Deutschland tun sollten, mehrmals gestellt. Die Antworten ähnelten sich. Noam Sheizaf, Journalist in Tel Aviv, schlägt vor, die internationale Anerkennung Israels an das Einhalten gewisser Friedensgebote zu binden. Aktivist Salah Khawaja aus Ramallah setzt darauf, dass sich in der europäischen Zivilgesellschaft die Idee verbreite, Israel könnte die Besatzungen beenden. Max Blumenthal ist gänzlich desillusioniert: „Dein Land, Deutschland, versorgt Israel mit atomwaffenfähigen U-Booten.“Elizabeth Tsurkov sagt, Deutschland solle lernen, „Juden nicht nur als Opfer zu sehen“. Sie meint es gerade nicht als Provokation.

Max Blumenthal vor einer alten palästinensischen Siedlung im heutigen Jaffa

Alex Theiler

Schueftan erzählt, er habe einmal den großen Schritt gewagt und 2005 seiner Regierung geraten, Gaza zu verlassen. Tags darauf seien Raketen auf Israel geflogen. Nun verdamme er jede Art von Optimismus, sei es die „dumme oder die dümmere“, an einen militärisch ungesicherten Frieden zu glauben. Seine und die israelische Einstellung sei eine andere: „Ja, die Dinge sind schlecht. Sie lassen sich aber aushalten.“ Schueftan hat dafür ein sprachlich hochgerüstetes Bibel-Zitat zur Hand und verweist mit ihm auf das überraschendste Phänomen in allen Videos: Um Religion geht es nie, bei niemandem, zu keinem Zeitpunkt. Schueftan beispielsweise beschreibt sich als „absolut unreligiös“. Benny Ziffer nennt die linken Fraktionen, die nicht nachvollziehen wollen, warum ein jüdischer Staat auf religiöse Stätten wert legt, statt sein wohlfahrtstaatliches Funktionieren voran zu stellen. Max Blumenthal beschreibt es am drastischsten: Regierungschef Netanjahu sei ein Atheist. Er glaube nicht an Gott, bete nicht und spreche darüber öffentlich. Dass eine nicht religiöse Regierung wiederum ihre Politik religiös begründe, „ist eine Logik, die ich nicht verstehe“.

Interessant ist das insbesondere mit Blick auf die Streitkräfte. Denn zum einen, berichtet die mit Zwillingen schwangere Fernsehjournalistin Yael Wissner-Levy, gebe es in Israel seit Generationen einen Spruch, der jede Geburt begleite: „Hoffentlich muss mein Kind nicht zur Armee!“ Auf der anderen Seite steht die Frage im Raum, warum ausgerechnet die Religiösesten, nämlich orthodoxe Juden, nicht eingezogen werden. „Es wird in der Politik heiß debattiert: 'Wie kriegt man mehr Orthodoxe in die Armee?'“, sagt Arye Shalicar, Sprecher der Israel Defense Forces. Welchen neuen zwischenmenschlichen Umgang orthodoxe Juden als Soldaten lernen würden, berichtet er auch. Ein Krieg im eigentlichen Sinne sei der Einsatz in Gaza nämlich nicht, sondern eher eine individuelle Herausforderung: „Wenn ich mit einem 18 Jahre alten Soldaten rede, der seit zwei Monaten in der Armee ist, mit seiner Einheit im Gazastreifen war und der mir sagt: 'Arye, ich dachte die wären besser, ich dachte, die hätten was drauf – aber ich bin enttäuscht worden.' Wenn das ein achtzehnjähriger Kampfsoldat der israelischen Armee sagt, dann ist das eine Enttäuschung.“

Arye Shalicar warnt davor, mit Kippa einige deutsche Stadtteile zu betreten

Alex Theiler

Dieses Zitat sollte die Feigheit der „Weicheier und Angsthasen“ der Hamas darstellen, lässt sich im Sinne einer Aussage Max Blumenthals aber auch anders verstehen: „Das hier ist kein Krieg, es ist eine Eroberung.“ Es gehe nur vermeintlich um regionale Grenzen, die Israel schon immer behaupten konnte. Tatsächlich gehe es um die demografische Oberhand Israels, sagt Blumenthal. Achtzig Prozent der Menschen im Gazastreifen seien Vertriebene: „Warum ist das am zweitdichtesten besiedelte Gebiet der Erde umgeben von elektrischen Zäunen? Weil die, die dort leben, keine Juden sind.“ Als amerikanischer Jude zu Besuch habe er in Israel mehr Rechte, als von dort vertriebene Araber. Ist das das eigentliche Thema des Konflikts? Geht es gar nicht um nationale Sicherheit, zumindest nicht grundlegend, sondern um die Verteilung wohlfahrtstaatlicher Privilegien?

Es gehe um Gerechtigkeit, sagt Sabri Saidam, ehemaliger palästinensischer Minister für Telekommunikation. Israel besetze nicht nur Land, sondern beschränke die Infrastruktur: Es gebe nur wenig Wasser, wenig Internet, keine guten Straßen. Und überall Checkpoints, mehr als 600 im Westjordanland, sagt Salah Khawaja. Außerdem gälten unterschiedliche Rechtssysteme für unterschiedliche Völker, erklärt Elizabetz Tsurkov. Jüdische Kinder würden beispielsweise zwei Jahre später strafmündig als ihre Nachbarn ohne israelische Staatsangehörigkeit. Es mangelt an Reisefreiheiten, die Familienzusammenführungen erschweren, sagt Sumoud Ahmad Sa'adat als Betroffene. Im Gespräch mit Noga Tarnopolsky in Jerusalem stellt sich eher nebenbei heraus, dass israelische Siedler im Westjordanland liberaleren Zugang zu Waffen haben. Und dass dort für Palästinenser wiederum nur Militärrecht gelte. Es seien rund 50 Gesetze, nach denen Palästinenser in Israel diskriminiert würden, sagt Max Blumenthal. Noam Sheizaf merkt an, dass in Israel nach Unabhängigkeit strebende Völker leben, die gleichzeitig keine legitimen Bürger seien. Das unterscheide Palästinenser beispielsweise von Katalanen, Kurden und selbst Tibetern.

Salah Khawaja berichtet von 600 israelischen Checkpoints im Westjordanland.

Alex Theiler

Das Wort, das überraschend häufig fällt, ist Apartheid. Benny Ziffer beschreibt es instruktiv: Es sei doch häufig so, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen, Ethnien und Religionen zusammenleben. Im Heimatland seiner Eltern, Ägypten, sei alles noch komplizierter. Nur in Israel gehe es dabei so bemerkenswert gewalttätig zu. Wahrscheinlich, vermutet Ziffer, „weil man sich hier eigentlich so ähnlich ist“. Das Hervorheben der Unterschiede erfordere sehr viel Energie. Was derzeit einmal mehr darin münde, dass die Kulturjournalistin Schen Libermann nichts zu tun hat, weil sich niemand für etwas anderes als den Konflikt interessiere und die Künstler aufgefordert seien, die Kampfeinsätze nicht zu kommentieren. Hass bestimme die politischen Geschicke, sagt Max Blumenthal. Und es gibt wenig Grund, an den Zitaten der politischen Klasse zu zweifeln, die er referiert. Lediglich fünf Prozent der Israelis seien derzeit gegen den Krieg, sagt Tsurkov. Studenten würden von Rektoren ihrer Universitäten aufgefordert, sich in sozialen Netzwerken nicht negativ über die eigenen Streitkräfte zu äußern.

Wie ungewöhnlich die Sehgewohnheiten von außen sind, zeigt Matthew Kalman, britischer Korrespondent im Nahen Osten. Er spricht von Jassir Arafat, den wir Europäer aus der Berichterstattung kennen, der aber von keinem der anderen einheimischen Gesprächspartner genannt wird. Und Kalman führt sogleich wieder von ihm weg und verweist auf Marwan Barghuti, einen „sehr wichtigen Mann“, den die Palästinenser als Nachfolger von Mahmud Abbas wählen würden, und dem durch sein politisches Schaffen eine friedliche Wende im Nahen Osten zugetraut wird. Nur sitze er bislang wegen Mord und Terrorismus zu mehrfach lebenslänglichem Freiheitsentzug verurteilt in israelischer Gefangenschaft.

Jassir Arafat und Marwan Barghuti als Graffiti in Ramallah

Alex Theiler

Es geht, nimmt man die Gespräche zusammen, vordringlich weder um Vergleich und Aufrechnung tagesaktueller Todeszahlen, noch um von niemandem in ihrer Bedeutung abgestrittenen Erinnerungen an den Holocaust. Und doch geht es um einen historischen Gegensatz. Benny Ziffer in Ra´anana sagt. „Ich gehöre zur ersten Generation in meiner Familie, die nicht mehr flüchten musste. Ich habe Kinder und Enkel, die geboren wurden, wo ich geboren wurde.“ Ihm gegenüber sitzt Sabri Saidam in Ramallah: „Meine Mutter hoffte, dass es mir besser ergehe als ihr. Genau das hoffe ich heute für meine Kinder. Ich träume davon, dass meine Kinder einen Platz zum Leben finden. Wir brauchen eine neue Zukunft.“ Ob diese besser mit einem oder zwei Staaten gelänge, fragt Tilo Jung häufig als abschließende Frage. Die Antworten fallen erwartungsgemäß kontrovers aus. Was aber auch bedeutet, dass die Vorstellungen, unter welchen Bedingungen Frieden möglich sein kann, grenzenlos sind. Was schon immer behauptet wurde, gilt also für den Nahen Osten ganz besonders, nur anders: Es ist eine Sache des Glaubens.