Putin: © NurPhoto / Kontributor, Landkarte: © belterz (Bearbeitet)

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Was will Putin? Seine Weltanschauung verrät es

Seit Wochen diskutieren wir über die Rolle der NATO im Ukraine-Krieg. Doch eigentlich geht es Putin um die Ausweitung seiner Macht. Ich erkläre dir, was ihn antreibt.

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Reporterin

Putin hat Angst. Dieser Eindruck entsteht zumindest, wenn man glaubt, wie sehr er sich von der NATO bedroht fühlt. Es gibt aber noch eine andere These, warum Putin die Ukraine in einem Angriffskrieg überfallen hat: Dahinter steckt weniger Angst – sondern Putins unbedingter Machtanspruch. Vieles deutet darauf hin, dass er ein Großreich anstrebt, eine wirtschaftliche und ideologische Einheit zwischen Westeuropa und China. Er selbst: eine Art Zar, der Herrscher über dieses Riesenreich.

Natürlich: Niemand kann in Putins Kopf schauen. Ich auch nicht. Aber es gibt zahlreiche Reden und Aufsätze von Putin, denn er wendet sich gern an sein Volk. Seine Worte lassen sich analysieren, ebenso wie die Personen seines Umfelds. Aus beidem lässt sich konstruieren, was Putin wahrscheinlich antreibt. Vier Punkte, an denen das deutlich wird, will ich in meinem Text genauer beleuchten:

1. Putin und die Geschichte

Wäre Putin nicht Präsident der Russischen Föderation, wäre er Geschichtslehrer. Aber kein besonders guter, denn er mag ausufernde Erklärungen und verliert sich in Details. Sein Essay „Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern“, den er im Juli 2021 auf der Homepage des Kreml veröffentlichte und der dort für jede:n zugänglich ist, hat viel Aufmerksamkeit erregt, einige Menschen sogar alarmiert.

In mehr als 12.000 Wörtern erklärt Putin, warum Russ:innen und Ukrainer:innen „ein Volk“ seien. Der Essay ist, seien wir ehrlich, größtenteils wahnsinnig langweilig. Die meisten Menschen aus Russland und der Ukraine dürfte es herzlich wenig interessieren, ob im 17. Jahrhundert die Bevölkerung von Kyjiw dem russischen Zaren die Treue geschworen hat oder dass im 15. Jahrhundert Großfürsten von Litauen gemeinsam mit Großfürsten von Moskau gekämpft haben.

Dafür gipfelt der Text in Aussagen wie: „Die moderne Ukraine ist also ausschließlich ein Produkt der Sowjetära.“ So ähnlich wiederholte er das in einer einstündigen Fernsehansprache im Februar 2022, kurz nachdem er Luhansk und Donezk als unabhängige Volksrepubliken anerkannt hatte und nur wenige Tage vor dem Angriff auf die Ukraine. In dieser Fernsehansprache sagte er, dass die moderne Ukraine von Russland erschaffen worden sei. Das ist übrigens Unsinn, denn ungefähr zwei Jahre lang existierte ein ukrainischer Nationalstaat, bevor er 1920 von der Roten Armee eingenommen wurde.

Die Russische Welt erobert Osteuropa

Wie man Putins Worte unweigerlich interpretieren muss, wenn man seiner Logik folgt: Die heutige Ukraine hat keine eigene Geschichte, sie gehört zu Russland und hat sich an Russland zu orientieren. In seiner Rede kurz nach dem Angriff auf die Ukraine sagte Putin: „Das Problem besteht darin, dass [...] auf unseren eigenen historischen Gebieten ein uns feindlich gesinntes Anti-Russland geschaffen wird.“

In Putins Händen ist Geschichte ein Instrument. Historische Tatsachen formt er, interpretiert sie nach seinem Belieben und benutzt sie als Begründung für sein Handeln von heute.

Deshalb erzählt Putin auch gerne von der Kyjiwer Rus (russisch: Kiewer Rus). Das war ein Großreich, das bis Mitte des 13. Jahrhunderts auf dem Gebiet der heutigen Staaten Ukraine, Belarus und Russland lag. Dieses Mittelalterreich ist eine der historischen Grundlagen für die Vorstellung der sogenannten Russkij Mir. Das bedeutet übersetzt Russische Welt und ist ein Kulturkonzept, das eine ostslawische Identität und die gemeinsame Sprache Russisch betont.

Schon 2014 analysierten Wissenschaftler:innen, dass die Idee der Russkij Mir ein Grund für die Annexion der Krim war. Und in der Präambel der Verfassung der sogenannten Volksrepublik Donezk, dem langjährigen Kriegsgebiet in der Ostukraine, taucht der Begriff Russkij Mir immer wieder auf.

2. Putin und die Kirche

Putin küsst Ikonen, russische Heiligenbilder, zündet Kerzen in der Kirche an und geht am Dreikönigstag Eisbaden. Er ist ein gläubiger orthodoxer Christ – oder zumindest will er, dass ihn die Welt so sieht. Deshalb präsentiert er sich nicht nur selbst als frommer Christ, sondern lässt auch keine Gelegenheit aus zu zeigen, wie gut er sich mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill versteht.

Die orthodoxe Kirche hat nicht, wie zum Beispiel die katholische Kirche, einen offiziellen Vorsteher. Es gibt verschiedene Erzbischöfe, die Patriarch oder Metropolit genannt werden. Kyrill ist der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche. Und er unterstützt offiziell Putins Kurs. Es gebe generell eine „Kontinuität“ zwischen der Weltanschauung Putins und Kyrills, sagte mir Kristina Stoeckl, mit der ich für diesen Text telefoniert habe. Sie ist Religionssoziologin und Spezialistin für das Verhältnis von Religion und Politik in Russland.

Dazu gehören zum Beispiel die starke Betonung von Zusammengehörigkeit und traditionellen Geschlechterrollen. „Das soll dazu dienen, Russland wieder stark zu machen“, erklärt Stoeckl. Bei einer Sonntagspredigt zwei Wochen nach der Invasion sagte Kyrill, dass Gay-Pride-Paraden der Grund für den Krieg seien. Die Bevölkerung im Donbass müsse vor „Schwulenparaden“ beschützt werden.

Putin und Kyrill teilen einige Ansichten – und beide profitieren vom jeweils anderen: Putin begründet politische Entscheidungen mit religiösen Werten. Kyrill wiederum sieht in Putins Politik eine Möglichkeit, den Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche in Osteuropa zu vergrößern.

Kyrill fühlt sich der Ukraine beraubt

Putin begründete den russischen Militäreinsatz in Syrien damit, dass er die dort lebende christliche Bevölkerung schützen müsse. Etwas ähnliches sagte er in seiner Rede wenige Tage vor dem Einmarsch in die Ukraine: Die im Donbass lebende russische Bevölkerung werde „religiös verfolgt“.

Auf der anderen Seite profitiert Kyrill davon, wenn sich Russlands Machtbereich erweitert, vor allem in der Ukraine. Um das zu verstehen, müssen wir einen kleinen Exkurs in die Struktur der orthodoxen Kirche machen; es ist zwar etwas kompliziert, aber hilft zu verstehen, warum die Ukraine für Kyrill so wichtig ist. In der Ukraine gibt es zwei orthodoxe Kirchen: Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche (UOK), die zum Moskauer Patriarchat gehört, und die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU), die eigenständig ist.


Dieser Text ist Teil des Zusammenhangs: „Krieg in der Ukraine: Wie konnte das passieren?“


Diese zweite, eigenständige Kirche erhielt erst 2018 ihre Unabhängigkeit und löste sich damit aus dem Einflussbereich Kyrills. „Das Moskauer Patriarchat fühlt sich der ukrainischen Gebiete beraubt“, sagt Kristina Stoeckl. Knapp die Hälfte aller Gläubigen in der Ukraine, also fast 20 Millionen Menschen, gehören der vom Moskauer Patriarchat unabhängigen orthodoxen Kirche an. Ein Skandal aus Sicht der russisch-orthodoxen Kirche. Eine Niederlage für Kyrill.

Der Ausdruck „Russische Welt“, der auf die Kyjiwer Rus zurückgeht und auf den sich Putin gerne bezieht, kommt aus der russisch-orthodoxen Kirche. Die Russische Welt sei zu einer „nationalen Idee“ geworden, schreibt der Allrussische Weltkongress, eine radikale Organisation, deren Vorsitzender Kyrill ist. Das Wort „russisch“ sieht der Kongress in diesem Zusammenhang als „vereinheitlichend“ und „synthetisierend“.

3. Putin und der Imperialismus

Putin ist gut darin, sich aus verschiedenen Ideologien zu bedienen: hier ein bisschen Nationalismus, da ein bisschen Konservatismus, dort eine Prise Orthodoxie. Der Gegenwartsphilosoph Michail Ryklin hat das etwas eleganter formuliert. Er beschreibt den sogenannten Putinismus als eine Herrschaftsform, die sich auf keine beständige Ideologie stützt.

Ein Teil dieser Ideologie-Suppe ist die Weltanschauung von Alexander Dugin. Er ist einer der bekanntesten Rechtsextremen Russlands und Vertreter des sogenannten Neo-Eurasismus. Darunter versteht man die Vorstellung, dass Europa und Asien unter der Führung Russlands ein Riesenreich bilden. Der ultimative Gegenspieler sind die USA. Länder wie die Ukraine oder Georgien sollen ein Bestandteil Russlands werden.

Das wichtigste Buch Dugins ist „Grundlagen der Geopolitik“ von 1997, in dem er diese Ideen beschreibt. Natürlich sollte man Dugins direkten Einfluss auf Putins Politik nicht überschätzen. Dugin war vor allem in den Neunzigern und Anfang der Zweitausenderjahre aktiv und nahm damals an Parlamentsausschüssen und militärischen Beratungsgremien teil. Er ist auch bei Weitem nicht der einzige Ideologe, der eine russische Großmacht anstrebt.

Doch er vertritt eine Denkweise, die immer mehr Teil des politischen Mainstreams in Russland wurde. Und über die Jahre hat Putin regelmäßig Dinge geäußert, die nahelegen, dass sich seine Weltanschauung mit der Dugins zumindest überschneidet.

Putin denkt, dass alle postsowjetischen Länder zu Russland gehören

Russland habe „riesige Territorien an die ehemaligen Republiken der Sowjetunion abgegeben“, sagte Putin 1994 bei einem Gesprächskreis der Körber-Stiftung. Er bezog sich mit diesem Satz auf den Zerfall der Sowjetunion. Deshalb fühle sich Russland verantwortlich für die vielen Russ:innen, die jetzt in diesen Gebieten leben. 2005 bezeichnete Putin das Ende der UdSSR in seiner Rede zur Lage der Nation als „größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“. Vier Jahre später nannte er die Ukraine „kleinrussische Erde“.

Und 2014 sagte Putin in einer Pressekonferenz, dass es sich beim Südosten der Ukraine um russische Territorien handele. Wörtlich äußerte er sich so: „Wenn man noch die zarische Terminologie benutzt, dann möchte ich sagen, dass das nicht Ukraine ist, sondern Neurussland.“

Es deutet also sehr viel darauf hin, dass Putin die Ukraine nie als eigenständigen Staat betrachtet und respektiert hat. Für den russischen Machthaber scheint die Ukraine immer noch zu Russland zu gehören, oder mehr noch: zu einem Imperium, das es so längst nicht mehr gibt. „Im Grunde strebt er seit zwei Jahrzehnten danach, die Sowjetunion in alter Größe wieder herzustellen“, interpretiert die Juristin und Historikerin Jana Osterkamp Putins Anspruch in dieser Sendung. Auch die Philosophin und ehemalige Kriegsreporterin Carolin Emcke sagte in einem Interview bei Krautreporter, dass man in Putins Fernsehansprache „ganz unverhohlen die imperialen, neovölkischen, kolonialen Ambitionen“ erkenne.

4. Putin und der Westen

Viele Menschen würden Putin spätestens seit dem Einmarsch in die Ukraine ohne langes Zögern als Bösewicht bezeichnen. Aber für Putin gibt es einen ganz anderen Bösewicht: den Westen. Der Westen will, dass es Russland schlecht geht, diesen Eindruck vermitteln Putin und die Moderator:innen im Staatsfernsehen. Und in seinem 90.000-Zeichen-Essay schreibt Putin, wenn etwas zur Schwächung Russlands führe, dann „sind unsere Bösewichte damit zufrieden.“

Dies ist eine Grundhaltung, die Putin seit Jahrzehnten pflegt. Gleb Pawlowski ist einer der bekanntesten Politikwissenschaftler Russlands. Er soll Putin zum ersten Wahlsieg verholfen und das System der Gelenkten Demokratie in Russland etabliert haben. Er erklärt in einem Interview, dass die scheinbar konstante Bedrohung durch den Westen elementarer Bestandteil seiner und Putins Denkweise war.

Aus ihr folgt: Alle Menschen sind nur Marionetten bestimmter Einflussnehmer:innen. Und natürlich auch die Menschen in der Ukraine. Sobald jemand etwas tut, das dem Kreml nicht gefällt, behauptet Putin reflexhaft, dies sei der Einflussnahme des Westens geschuldet. Die Ukrainer:innen wollen mehrheitlich eine Annäherung an die EU? Der Westen hat seine Finger im Spiel! Es gibt Demos? Jemand will gewaltsam einen Regimewechsel herbeiführen!

„Den Worten über die Werte der Demokratie schenkt er keinen Glauben“, so charakterisiert Dmitri Muratow, Friedennobelpreisträger, Journalist und ehemaliger Chefredakteur der russischen Zeitung Nowaja Gaseta, Putins Denkweise in dieser Fernsehdokumentation.

Putin denkt, dass fast die ganze Welt gegen ihn ist

Diese Haltung zieht sich durch den gesamten Machtapparat, bis sich dort niemand mehr vorstellen kann, dass ein Mensch aus Überzeugung für demokratische Werte eintritt. Die russische Redakteurin Marina Owsjannikowa, die weltweit Berühmtheit erlangte, weil sie im russischen Staatsfernsehen ein Antikriegsplakat zeigte, erzählte in einem Interview, die erste Frage der Polizei sei gewesen, für welchen Geheimdienst sie arbeite. „Bis zum Schluss glaubte mir niemand, dass ich nichts mit Geheimdiensten zu tun habe, dass ich eine gewöhnliche Angestellte bin.“

Auch in seinem Essay schreibt Putin, dass fremde „Kräfte“ für den Zwiespalt zwischen Russland und der Ukraine verantwortlich seien. Diese Denkweise entspricht auch der des rechtsextremen Publizisten Alexander Dugin – womit wir wieder am Anfang wären. Eine zentraler Punkt in dessen eingangs erwähntem Buch „Grundlagen der Geopolitik“ ist der ultimative Gegensatz zu den USA, deren Einfluss zurückgedrängt werden soll. Und, um den Kreis zu schließen: Auch Kyrill lehnt die Werte des Westens wie etwa die Gleichberechtigung queerer Menschen ab.

Die Ideologie, die ich bis hierher erläutert habe, beherrscht Putins Denken nicht erst seit dem 24. Februar 2022. Kyrill ist seit 2009 Patriarch, Dugin schrieb sein Buch 1997, Putin annektierte die Krim 2014 und führte seitdem einen Krieg im Donbass.

Es gab also früh Hinweise, in welche Richtung Putins Ideologie geht. Wirklich ernst genommen aber haben sie nur die wenigsten.


Redaktion: Esther Göbel, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos; Audioversion: Iris Hochberger

Was will Putin? Seine Weltanschauung verrät es

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