„Auch im Netz müssen Geschichten nicht unendlich lang erzählt werden“

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Wenn mein Tag beginnt, nehme ich als erstes mein Smartphone in die Hand, scrolle über die letzten Push-Meldungen und filtere die Nachrichten heraus. Die stammen entweder aus klassischen Medien-Apps wie zum Beispiel Guardian oder SZ oder von „Digg Deeper“. Das gehört zu Digg.com und ist ein Dienst, der meine Twitter-Timeline sortiert. Twittern vier bis sieben Leute, denen ich folge, denselben Link, kriege ich den gepusht.

Wenn ich mit der S-Bahn in die Arbeit fahre, nutze ich dort Economist Espresso und die App Cir.ca. Cir.ca hat eine Wire-Funktion: Ich kann dort entscheiden, zu welcher Zeit ich ihren Tagesplan geschickt bekommen will. Ich wähle die europäische Edition, die kommt morgens an. Außerdem lese ich qz.com und deren E-Mail-Newsletter (Daily Brief, Europe Edition) für einen groben Überblick. Danach schaue ich durch meine „Technews“- und „Evrytweet“-Twitterliste, die ich angelegt habe. In Technews sind die Tech-Kanäle fast aller großen Seiten drin, in Evrytweet eine Liste von spannenden Menschen und Bots, von denen ich möglichst wenig Tweets verpassen möchte. Wenn ich mit dem Auto in die Arbeit fahre, was aber nur selten passiert, höre ich B5 aktuell oder Podcasts.

Podcasts höre ich aber auch außerhalb des Autos. So gut es geht, höre ich jede Folge von:

  • Snap Judgment: Hat mir @basbrinkmann empfohlen, nennt sich selbst "Storytelling with a Beat" und ist nach dem Prinzip vieler amerikanischer Podcasts aufgebaut. Ein Thema, drei Geschichten. Hier wird sehr viel Wert auf das Sounddesign gelegt und der Moderator ist sehr dope.
  • This American Life: analog zu Snap Judgment
  • ARD-Radiofeature: sehr spannende Reportagen
  • Deutschlandfunk Hintergrund: 20 Minuten, das bedeutet, es passt gut für kurze Fahrten und man hat einen (eher trockenen) Überblick
  • Lawfare Podcast: Themenbereich "nationale Sicherheit und Tech". Da reden sehr interessante Leute, zum Beispiel Hayden (CIA/NSA) und das in aller Ausführlichkeit
  • Radiolab: Toll erzählt, Wahnsinn, wie sehr sie das Prinzip von O-Tönen gelöst haben
  • Außerdem WDR Dok 5, The Moth, Freakonomics, Planet Money, Love + Radio, New Tech City, Strangers, Startup, The Longest Shortest Time, Reply All, Invisibilia
    In der Redaktion und zu Hause lese ich regelmäßig die Süddeutsche Zeitung, New York Times, Wall Street Journal, Bloomberg Businessweek, Time, Wired, Vice, Al Jazeera Magazine und The Atlantic. Lesen heißt natürlich nicht von vorne bis hinten durchlesen, sondern durchblättern und ein paar Geschichten pro Tag lesen. Fast alles davon lese ich auf dem iPad oder im Browser (meines Smartphones). Mein einziges Print-Abo ist das Missy Magazine. Unregelmäßig lese ich Spiegel, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, ZEIT und Neon.

Die wichtigsten Nachrichtenseiten im Netz sind für mich New York Times, Bloomberg, Wall Street Journal, Wired, The Verge, Ars Technica, Süddeutsche.de, Guardian,Financial Times,Techmeme (als Aggregator), The Atlantic und die amerikanische Buzzfeed-Ausgabe. Auf Medium.com lese ich gerne die themenspezifischen Unterseiten „Cuepoint“, „The Message“, „Matter“ und „Backchannel“. Steven Levy, lange Jahre Top-Autor der amerikanischen Wired, ist der Chefredakteur von Backchannel – hier erklärt er, warum er das Ressort gegründet hat.

Medien aus dem Springer-Verlag vermeide ich nach Möglichkeit. Ich lese aber ihre Vorabmeldungen und Geschichten, die mir empfohlen werden (siehe „Digg Deeper“).

Neben den großen Seiten und Aggregatoren lese ich auch zahlreiche Blogs sehr gerne und regelmäßig: Wait but why setzt sich sehr intensiv mit seinen Themen auseinander und ist in meinem RSS-Reader, seit er über das Fermi-Paradox geschrieben hat. Der Text faszinierte mich sehr.

Ich weiß nicht mehr, wie ich genau auf Nina Mitchell und ihr Blog Mindpop gekommen bin. Sie schreibt in kurzen Einträgen über ihr Leben nach einem Schlaganfall, den sie mit 26 hatte. Im Atlantic schreibt sie ausführlicher über ihre Geschichte. Habe ich in einem Zug „durchgelesen“.

Nina Mitchell zu Gast bei "The Moth"

Screenshot: themoth.org

In ihrem Blog Mindpop (der Name bezieht sich direkt auf ihre Krankheit - „my mind went pop“) schreibt Nina Mitchell über ihr Leben nach dem Schlaganfall. Über die komischen Seiten, darüber, wie er Beziehungen und den eigenen Charakter verändert, aber auch über Statistiken wie diese: Schlaganfälle sind nicht mehr die viert- sondern nur noch die fünfhäufigste Todesursache in den USA. Unter jungen Leuten nehmen sie allerdings zu.

Nina Mitchell war mit der Geschichte über ihren Schlaganfall auch auf der Bühne von „The Moth“ zu Gast (Hakan Tanriverdi empfiehlt die Podcast-Reihe etwas weiter oben völlig zurecht). Die Episode, in der sie davon erzählt, wie sie für eine Party aus dem Krankenhaus ausriss, kann man hier nachhören_._

Steve Ragan auf CSO schätze ich für spezielleren Tech-Kram. „Room for Debate“ bei der New York Times mag ich als Format, weil es große Themen meist sehr lesenswert als Debatte zusammenfasst. Site Intel und Jihadology.net (inklusive dem dazugehörigen Instagram-Account) wissen sehr viel zum Thema IS. Ansonsten lese ich gerne Laboratorium.net, Ben Thompsons Stratechery, Project Syndicate, XKCD und Kleinerdrei (dort bin ich auch Mitautor).

Viele Texte, auf die ich stoße, speichere ich in Instapaper und lese sie dort. Das funktioniert auch offline und ich kann wichtige Stellen markieren. Wenn ich den Text wichtig finde, taucht er dort auch in meinem öffentlichen Profil auf.

Was mich bei Artikeln im Netz stört: Hin und wieder habe ich das Gefühl, dass gutes Storytelling blockiert wird, weil Menschen lieber lange Essays schreiben als ihr Argument in bestmöglicher Form erzählen. Nur weil der Platz im Netz unendlich ist, heißt das nicht, dass die Geschichten unendlich lang erzählt werden müssen.

Wenn ich Bücher lese, dann fast ausschließlich Sachbücher. Zu Romanen komme ich nur noch selten. Das ist schade, denn mehr Zadie Smith in meinem Leben wäre schon schön. Sehr beeindruckt hat mich zuletzt Kim Zetters Buch „Countdown to Zero Day“. Zetter ist eine Journalistin und schreibt für die amerikanische Wired über Spähsoftware, Hacker und IT-Sicherheitslücken. In diesem Buch erklärt sie ausführlich, wie Stuxnet entstanden ist und wie solche Angriffe auf IT-Ebene funktionieren. Sehr, sehr gut.

Kim Zetter ist eine Technikjournalistin aus dem kalifornischen Oakland. Sie erlangte eine gewisse Bekanntheit, als sie 2003 für Wired über die Sicherheitsprobleme bei Wahlautomaten berichtete Monate bevor andere Medien sich des Themas annahmen. Über ihr Buch „Countdown to Zero Day“, in dem sie sich mit dem Stuxnet-Virus/Wurm befasst, schrieb Sicherheitsexperte Bruce Schneier: „Die spannende und verständlich erzählte Geschichte der ersten Cyberwaffe der Geschichte. Zetter erklärt nicht nur, wie diese Waffe funktioniert und wie sie entdeckt wurde, sondern erklärt auch die Motivation und Mechanik hinter dem Angriff. Und legt sehr schlüssig dar, warum diese Geschichte höchst relevant ist.“Eine Rezension des Buches aus der Washington Post findet sich hier, eine aus dem Economist hier.

In einem kurzen Videointerview mit dem Bayrischen Rundfunk erklärt Zeter, welche Schäden Stuxnet im Iran vermutlich noch angerichtet hat:

Über die Situation in der Türkei informiere ich mich vor allem durch die Hürriyet Daily News, ansonsten folge ich einer Handvoll Journalisten und Journalistinnen auf Twitter, die sich um die Türkei kümmern (@amberinzaman, @benjaminharvey,@ragipsoylu, @ceydak, @kadrigürsel, @ceylanwrites, @um_uras, @akyolinenglish). Über die bin ich dann meist gut informiert.

Ein Medium, durch das ich mich ebenfalls sehr oft informiere und das meist unterschätzt wird, sind Newsletter. Newsletter sind ein tolles Prinzip. Streams an sich sind unendlich und so wie ich meine Timeline organisiert habe, will ich dort diese Masse haben. Bei einigen Leuten hingegen lohnt es sich, ihre Kuratier-Fähigkeiten zu nutzen. Sprich: Sich das, was sie selbst scannen und filtern, in regelmäßiger und abgeschlossener Form präsentieren zu lassen. Hier ein paar Empfehlungen:

Bei Reddit verfolge ich wiederum verschiedene Unterkategorien, "Subreddits“ genannt:
Für meine Arbeit vor allem netsec und technology. Ansonsten vor allem TIFU (steht für „Today I fucked up“), Data is beautiful, interesting as fuck und showerthoughts.

Bei Tumblr zu guter Letzt arbeite ich mich gerade wieder erneut ein. Plattformen wie Tumblr und Youtube sind für mich persönlich schwer zu durchdringen, weil man dafür mehr Zeit investieren muss, als einfach einen Feed zu abonnieren und dann automatisch Links zu interessanten Dingen zu bekommen, die anderswo passieren. Man muss sich mit den Menschen auseinandersetzen. Gerade bei Tumblr gibt es anscheinend eine sehr politische Komponente, die mir persönlich komplett abgeht, weil ich sie nicht mitbekomme. Ich lese gerade aber eine Masterarbeit zu dem Thema und hoffe, dass ich dann mehr zu dem Thema sagen kann. Daily Dot – die sehr viel im Blick haben, was digital passiert – verlinken sehr oft auf Tumblr-Diskussionen und das ist schon mal ein Indiz.


Hakan Tanriverdi ist freier Journalist und schreibt über Digital- und Technologiethemen - unter anderem für das Digitalressort von sueddeutsche.de und die deutsche Wired-Ausgabe. Er twitter unter @hakantee und bloggt auf ichschwoersdir.de und kleinerdrei.org.

Gemeinsam mit Ole Reißmann (Spiegel Online) und Jessica Binsch (dpa) hat Hakan Tanriverdi 23 Thesen zur Zukunft des Journalismus entwickelt, die die drei auf der re:publica und der MediaConvention vorstellten (Videos unten).

Außerdem war Hakan Tanriverdi bereits in dem beliebten Frageformat „Ask Me Anything“ auf Reddit zu Gast. Dort verrät er neben seiner Lieblingslektüre auch seine Lieblingsmusik.


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü“ stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.

Illustration:Veronika Neubauer (Foto: privat)