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Bundestagswahl verstehen, Folge 10

Respekt funktioniert anders, als du denkst

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Ich möchte dir eine Geschichte erzählen. Eines Tages geraten der Sonnenmann und die Mondfrau miteinander in Streit: darüber, wer den Himmel erleuchten soll. Weil sie sich nicht einigen können, kämpfen sie. Es zeigt sich, dass beide gleich stark sind. Also einigen sie sich darauf, die Aufgabe zu teilen: Die Sonne ist für den Tag zuständig, der Mond für die Nacht.

Wenn du diese Geschichte nicht kennst, bist du wahrscheinlich nicht auf den Philippinen aufgewachsen, im nomadischen Volk der Agta. Die Agta wissen, wie bedeutsam die Geschichte von Sonnenmann und Mondfrau ist. Sie erzählen sie seit Generationen, um daran zu erinnern, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind und kooperieren sollten. Sie könnten diese Lektion auch nüchterner verkünden. Aber als Märchen hat sie eine andere Kraft.

Auch in Deutschland erzählen wir uns Geschichten, um Wissen weiterzugeben. Wir tun es nur noch selten am Lagerfeuer. Doch die Kraft des Geschichtenerzählens ist immer noch stark. Sie hat unsere Entwicklung als Menschen geprägt. Geschichten beeinflussen, was wir glaubwürdig finden und wie wir Informationen verarbeiten. Besonders persönliche Erzählungen beeinflussen uns oft stärker als objektive Fakten. Dass das gefährlich sein kann, wissen alle, die in ihrem Leben schon mehr als fünf Minuten im Internet verbracht haben, wo es sehr schwer ist, die echten von den falschen Geschichten zu trennen. Es liegt aber auch eine Chance darin, besser zu verstehen, wie stark persönliche Geschichten wirken können.

In diesem Text geht es darum, wie eine bestimmte Art persönlicher Geschichten bessere Gespräche möglich macht – und zwar genau bei den Themen, bei denen wir uns sonst schnell anbrüllen.

Ein überraschender Faktor, der zuverlässig für Respekt sorgt

Die Krautreporter-Community hat einen ziemlich guten Instinkt. Vor ein paar Monaten habe ich ihr die Frage gestellt: „Wie überzeugt man Gesprächspartner:innen, die in einer wichtigen moralischen Frage anders denken, die eigene Haltung zumindest ernst zu nehmen?“ Die Antwortmöglichkeiten waren:

a) mit Daten und Fakten
b) indem man von seinen persönlichen Erfahrungen berichtet
c) Sonstiges.

Von den 725 Leser:innen wählten etwa 60 Prozent die persönlichen Erfahrungen. Nur knapp 18 Prozent waren der Meinung, dass Daten und Fakten der erfolgreichste Weg sind, Menschen zu überzeugen.

Meine Umfrage war keine wissenschaftliche Studie. Aber die KR-Leser:innen ahnen etwas, das wissenschaftliche Studien bestätigen: Wenn wir persönliche Erfahrungen teilen, kann das wie eine ausgestreckte Hand über die tiefsten Gräben in der Gesellschaft führen.

Die stärksten Geschichten tun weh

Als Emily Kubin herausfand, dass einer ihrer Freunde Donald Trump gewählt hatte, war sie entsetzt. Es war 2017, die Trump-Ära hatte gerade begonnen und die junge Wissenschaftlerin konnte kaum glauben, dass ihr Freund ein Fan war. Dann aber stellte sie fest, dass sie weiter gute Gespräche über Politik führen konnten, obwohl sie völlig anders dachten. „Es war nicht angenehm, aber es war möglich“, sagte mir Kubin, die heute an der Universität Koblenz forscht. Kubin machte das neugierig. Warum konnte sie die politische Meinung mancher Menschen eher respektieren als die von anderen? „Ich erkannte, dass es etwas damit zu tun hat, ob ich ihre Vergangenheit verstehe. Wo sie herkommen, aus welcher Familie, die Erfahrungen, die sie gemacht haben. Ich war dann eher bereit, mich auf sie einzulassen.“

Vier Jahre später, im Februar 2021, veröffentlicht Kubin gemeinsam mit anderen Forscher:innen einen Bericht, der zu belegen scheint, was Kubin damals geahnt hat: Nämlich, dass ein Schlüssel für bessere Gespräche zwischen Menschen mit entgegengesetzten Meinungen darin liegt, die innere Logik des anderen zu verstehen.

Die Wissenschaftler:innen analysierten unter anderem Youtube-Kommentare zu Abtreibungen, politische Interviews in Nachrichtensendungen und Gespräche mit Studienteilnehmer:innen über Waffengesetze. Sie stellten fest, dass es einen bestimmten Faktor gibt, der zuverlässig Respekt zwischen politischen Gegner:innen erzeugt. Er wirkt immer dann, wenn Menschen ihre Haltung mit persönlichen Erfahrungen begründen. Aber nicht irgendwelchen: Am stärksten wirken Geschichten, in denen jemand etwas Schlimmes erlebt oder verhindert hat. Kubin sagt: „Ich kann nicht einfach begründen, dass ich ein Fan von Waffen bin, weil ich mit Waffen in der Familie aufgewachsen bin und selbst einen Jagdkurs gemacht habe. Es muss eine Erfahrung sein, bei der ich selbst mich mit Waffen geschützt habe oder von Waffen verletzt wurde.“

Wir halten politische Gegner:innen oft für irrational oder dumm

Die Forscher:innen fanden heraus, dass Erfahrungen wie diese bei polarisierenden Themen „eine erhöhte Wahrnehmung von Rationalität“ bewirken. Nicht weil Leidensgeschichten uns gefühlvoll und emphatisch stimmen. Im Gegenteil: Mitgefühl hat sogar einen entgegengesetzten Effekt, es senkt die Wahrnehmung von Rationalität. Entscheidend bei Leidensgeschichten ist, dass sie uns helfen, die innere Logik unserer Gesprächspartner:innen zu verstehen. Eine Abtreibungsgegnerin, deren Tochter nach einer Ausschabung depressiv wurde. Ein Waffen-Fan, der sich gegen einen Einbrecher mit einer Waffe verteidigt hat. Eine Kohlegegnerin, in deren Heimatstadt ein Tagebau das Trinkwasser verschmutzt. Das sind Erfahrungen, die jeder verstehen kann – auch wenn er nicht die politische Sichtweise der Erzähler:innen teilt.

Das ist wichtig, weil politische Gegner:innen einander oft für irrational oder dumm halten. Weil jede Seite meint, dass die andere offensichtlich nicht in der Lage ist, überzeugende Argumente zu begreifen. Wir argumentieren mit Daten und Statistiken in der Annahme, dass diese objektiv wahr sind und also von allen akzeptiert werden müssten. Und übersehen dabei zwei Dinge: erstens, dass Daten und Statistiken nicht mehr die gleiche Bedeutung haben wie früher und Menschen sich leicht von falschen Informationen täuschen lassen. Und zweitens, wir stark wir auf persönliche Erzählungen reagieren. „Wenn ich davon überzeugt bin, dass Maskentragen sinnlos ist, kannst du mit jeder Statistik der Welt ankommen“, sagt Kubin. „Aber das wird nicht so stark wirken, wie wenn ich dir erzähle, dass ich mit Maske neben einem Covid-19-Infizierten saß und später selbst nicht krank wurde.“

Warum manche Geschichten wahrer wirken als andere

Kurt Gray erinnert sich noch gut an den Skandal um den US-Fernsehjournalisten Brian Williams. Für viele Zuschauer:innen war es ein berührender Moment, als Williams 2015 bei einem Hockeyspiel der New York Rangers sprach. Er bedankte sich bei einem Irak-Veteranen, weil dieser Williams und seine Crew bei einem Einsatz beschützt hatte. Die Gefahr war groß gewesen, feindliche Truppen hatten Williams' Hubschrauber beschossen und zur Landung gezwungen. Die Sache hatte nur einen Haken. Die Geschichte stimmte nicht. Williams war zwar im Irak gewesen, aber sein Hubschrauber war nie attackiert worden. Die Zuschauer:innen waren empört, Williams musste den Job wechseln.

„Die Leute waren unheimlich wütend, weil klar ist, dass man sich bei einer solchen Sache nicht einfach irrt oder den Teleprompter falsch abliest. So etwas verwechselt man nicht. Er musste bewusst gelogen haben. Für mich ist das ein Beispiel dafür, dass Menschen Erfahrungen sehr ernst nehmen, dass sie ihnen eine besondere Wahrheit zugestehen“, sagt Kurt Gray, der Neuropsychologie und Psychologie an der University of North Carolina lehrt und mit Kubin an den Studien gearbeitet hat.

Für Gray steckt in den Ergebnissen auch eine schmerzhafte Lektion. In einer Versuchsanordnung untersuchten die Forscher:innen die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftler:innen. Die Proband:innen bekamen Aussagen zum Thema Einwanderung zu lesen, die ihrer eigenen Haltung widersprachen. Sie stammten aus drei verschiedenen Quellen: Einmal war es ein Laie, der von seinen persönlichen Leidenserfahrungen erzählte, einmal ein Wissenschaftler, der seine Haltung mit Ergebnissen aus seiner eigenen Forschung begründete und einmal ein Laie, der ebenfalls Fakten lieferte. Die Proband:innen bewerteten die anekdotische Erfahrung als wahrer als die Ergebnisse des Wissenschaftlers.

„Als Wissenschaftler glaube ich an Fakten“, sagt Gray. „Wenn meine Studierenden mir sagen, dass das, was ich ihnen beibringe, nicht mit ihren Erfahrungen übereinstimmt, sage ich ihnen, dass es eine statistische Wahrheit gibt, die nicht auf sie persönlich zutreffen muss. Aber Wahrheit ist auch etwas, das wir wahrnehmen. Sie liegt im Auge des Betrachters.“

Ein Rezept für Verschwörungserzählungen

Obwohl wir mit Mini-Computern in der Tasche herumlaufen, in denen alles Wissen der Welt steckt, funktioniert unser Denken noch immer ähnlich wie vor vielen Jahrtausenden. Wir glauben noch immer persönlichen Erzählungen. Das ist eine Chance: Viele wichtige Bewegungen der Geschichte haben ihre Kraft und Glaubwürdigkeit daraus gezogen, dass Menschen persönliche Leidensgeschichten erzählt haben. Auch drei aus jüngerer Zeit: #metoo, Black Lives Matter oder die Berichte kanadischer Ureinwohner über das Leiden indigener Kinder in Umerziehungsschulen.

Wir leben aber auch in einer Zeit, in der es einfacher denn je ist, falsche Geschichten schnell millionenfach zu verbreiten. Deshalb wirft das, was Kubin, Gray und ihre Kolleg:innen herausgefunden haben, eine wichtige Frage auf: Taugen ihre Erkenntnisse wirklich dazu, Brücken in der Gesellschaft zu schlagen – oder haben sie nur eine weitere Schwäche unseres Denkens aufgetan, die sich sehr einfach ausnutzen lässt? Auch „Pizzagate“ war eine packende, persönliche Geschichte, schreibt eine Gruppe von Forscher:innen, die Kubins und Grays Arbeit analysiert hat. Die berüchtigte Verschwörungserzählung von missbrauchten Kindern im Keller einer Pizzeria in Washington hat viele Menschen überzeugt – ist aber frei erfunden. Ein zentrales Problem ist dieses: Eine persönliche Leidensgeschichte ist nicht anfechtbar, man kann sie nicht wegdiskutieren. Der Schmerz eines Impfgegners, der als Kind tatsächlich einen Impfschaden erlitten hat, lässt sich nicht leugnen. Welche Schlussfolgerungen man aus Fakten zieht, kann man hingegen neutral diskutieren. „Wenn es um Respekt geht, haben Gefühle Vorrang vor Fakten. Wie diese Studien zeigen, wird das, was wahr ist, weniger respektiert als das, was man für wahr halten könnte“, schreiben die Forscher:innen.

Auch Wissenschaftler:innen sind irrational

Der Psychologe Kurt Gray ist trotzdem optimistisch. „Es wäre schön, wenn wir vernünftiger wären. Aber das Wichtige ist doch, dass Menschen die Fähigkeit haben, rational zu denken.“ Auch Wissenschaftler:innen sind keine perfekt distanzierten Beobachter, meint Gray, auch sie werden wütend, wenn man ihr Ego angreift. Wer ein sachliches Gespräch führen will, muss die richtigen Bedingungen dafür schaffen.

Ausgerechnet persönliche Geschichten können also ein Schlüssel für sachlichere Gespräche sein. Und zwar genau dann, wenn es gar keine Hoffnung auf Verständigung zu geben scheint. Wenn du also das nächste Mal in eine Diskussion mit besonders harten Gegner:innen einsteigst, denk daran, dass eine gute Strategie sein könnte, über deine persönliche Erfahrung mit dem Thema zu reden. Besonders dann, wenn sie mit Schmerz verbunden ist. Das ist nicht immer einfach, weil es verletzlich macht. Aber die Chancen stehen gut, dass genau das Respekt bei deinen Gesprächspartner:innen erzeugt. „Wenn jemand von seinem Schmerz erzählt, dann wissen wir: Ja, Menschen leiden. Ich habe selbst gelitten. Und so kann ich die Wahrheit deines Leidens verstehen, selbst wenn ich politisch nicht deiner Meinung bin“, sagt Gray.


Dies ist der zweite Teil meiner Serie über bessere Gespräche, den ersten Teil findest du hier


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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