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Anders denken

Dieses Buch hat mir gezeigt, warum wir Menschen im Westen so seltsam sind

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In meinem letzten Urlaub habe ich meiner Freundin ihre Tasche geklaut. Es war keine Absicht: Als sie mich am Tag meiner Abreise zur Fähre brachte, hatten wir beide zufällig den gleichen beigen Stoffbeutel dabei. Es war alles ein bisschen hektisch und als ich auf der Fähre in meinen Beutel guckte, sah ich statt meines Buchs und meines Sandwichs ein iPad. Mit einem Hechtsprung warf ich mich über die Reling zurück auf den Pier und … nein, okay, ich ging zügig die Rolltreppe runter und gab meiner Freundin die Tasche zurück.

Wenn ich das nicht geschafft hätte – wie schlimm fändest du, was ich getan habe? Und was, wenn es nicht das iPad meiner Freundin, sondern das einer Fremden gewesen wäre? Wäre ich für dich eine Diebin? Immerhin hatte ich de facto ein iPad geklaut. Oder fändest du mich nicht kriminell, sondern nur schusselig, weil ich die Tasche ja nicht absichtlich mitgenommen habe?

Wenn du eindeutig zur zweiten Antwort tendierst, bist du eventuell WEIRD. So nennt der in Harvard lehrende Anthropologe Joseph Henrich Angehörige von Gesellschaften, die westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch sind (Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic). Ein Merkmal von uns Menschen aus WEIRDen Kulturen ist, dass wir dem Innenleben einer Person sehr viel Bedeutung beimessen. Dieses Denken findet sich auch in unserem Strafrecht wieder: Ein Mord gilt zunächst immer als Totschlag, erst Merkmale wie „niedere Beweggründe“ machen ihn zum Mord.

Henrich beschreibt in seinem Buch eine Versuchsreihe von Forscher:innen, die ähnliche Szenen wie meinen Taschenklau mehreren hundert Menschen aus zehn verschiedenen über den Globus verteilten Bevölkerungen vorgelegt haben, darunter Bewohner:innen Südasiens, Afrikas, des Amazonasbeckens und Ozeanien. Die meisten davon aus ländlichen Gemeinschaften mit viel Jagd, Fischfang und Ackerbau. Zum Abgleich nahmen die Forscher:innen Menschen aus Los Angeles in die Reihe auf. Sie wollten unter anderem herausfinden, wie wichtig die Versuchtsteilnehmer:innen die inneren Antriebe eines Diebes einschätzten. Also: Geschah es mit Absicht oder nicht? Und wie schlimm sollte die Strafe entsprechend sein? Manche Gruppen fanden das Innenleben des Diebs deutlich wichtiger als andere. Keiner Gruppe war die Absicht des Diebes so extrem wichtig wie den WEIRD-Teilnehmer:innen. Für sie war die Intention des Täters entscheidend, um die Schwere der Tat zu beurteilen. Ähnliche Muster zeigten sich bei anderen Straftaten.

Henrich gilt zur Zeit als einer der aufregendsten Köpfen seines Fachs – spätestens, seit er 2010 mit zwei Kolleg:innen eine richtungsweisende und vielbeachtete Studie veröffentlichte, „The weirdest people in the world?“. Dafür haben die Forscher:innen die Literatur der Verhaltenswissenschaften von 2003 bis 2007 durchgesehen. Sie fanden heraus, dass sie sich nahezu ausschließlich auf Experimente mit Menschen stützten, deren Verhalten für die Menschheit alles andere als repräsentativ ist: 96 Prozent der darin untersuchten Personen stammten aus Nordeuropa, Nordamerika oder Australien. Etwa 70 Prozent waren amerikanische Studienanfänger:innen. Das ist besonders unglücklich, denn amerikanische Studienanfänger:innen sind laut Henrich noch WEIRDer als andere Populationen, nämlich „ungewöhnlich egozentrisch“.

Verhaltenswissenschaften ist ein Begriff für jene Disziplinen, die mit naturwissenschaftlichen Methoden das Verhalten von Organismen untersuchen. Dazu gehören unterschiedliche Fachrichtungen, darunter die Verhaltensanalyse, die Kognitionswissenschaft und Teile der Neurowissenschaften, die Psychologie und die Sozialwissenschaften.

Bis vor kurzem dachten Forscher:innen also, dass sie mithilfe ihrer Experimente allgemeine Aussagen über menschliche Gehirne, Hormone, Motivationen, Emotionen und Entscheidungsprozesse treffen können. Sie haben aber nicht den Mensch an sich verstanden, sondern Amerikaner:innen. Jahrelang haben sie vor allem Homer Simpson in den Kopf geschaut.

Der Homer-Simpson-Vergleich stammt von Yuval Noah Harari, der sich in seinem Buch „Sapiens“ ebenfalls auf das Phänomen der WEIRD-Bevölkerung bezieht.

Immer wenn Forscher:innen versuchten, ihre Versuche mit nicht-westlich geprägten Teilnehmer:innen zu wiederholen, fielen die Ergebnisse auf einmal anders aus. Und zwar nicht nur bei Experimenten mit Menschen aus Jäger- und Sammlerkulturen, sondern auch mit Teilnehmer:innen aus den Oberschichten asiatischer Länder. Obwohl immer noch 90 Prozent der Teilnehmer:innen experimenteller Studien WEIRD sind: Je mehr Daten es aus anderen Bevölkerungsgruppen gibt, desto mehr wird klar, dass das Denken und Fühlen von Weirdos nicht die universelle Landschaft des menschlichen Innenlebens abbildet, sondern eine merkwürdige Orchidee.

In diesem Artikel beschreibt der Psychologe Nicolas Geeraert einige interessante Erkenntnisse über die psychologischen Unterschiede zwischen Menschen aus westlichen und nicht-westlichen Kulturen: Wie das Verständnis für unterschiedliche Kulturen die Grundlagen der Psychologie erschüttert.

Die Menschen im Westen sind nicht normal

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, also bin ich WEIRD. Genau deswegen habe ich lange den Fehler gemacht, der für uns Weirdos typisch ist: Wir haben nämlich die schlechte Angewohnheit, aus unserer eigenen Perspektive universelle Gesetze abzuleiten. Wir glauben also zum Beispiel, dass alle Menschen auf der Welt wie wir denken und fühlen und dass das, was für uns gut ist, dem Menschen an sich gut tut. Diese Annahme ist falsch. Sicher, Menschen sind einander ähnlich – zum Beispiel darin, wie unsere Körper funktionieren oder was Grundbedürfnisse wie Ernährung, Sicherheit und unseren Wunsch nach Sexualität und Fortpflanzung betrifft. Die Kultur, in der wir leben, und die Geschichte dieser Kultur, hat jedoch einen viel größeren Einfluss auf die Psyche, als bisher angenommen.

Hier einige wesentliche Merkmale von WEIRD-Menschen: Sie sind extrem individualistisch und mobil und haben schwache Familienbande. Sie sind besessen davon, was sie persönlich im Leben erreichen. Sie identifizieren sich stark mit freiwilligen Zusammenschlüssen von Menschen – Parteien, Gewerkschaften, Berufsverbänden – und wenig mit verwandtschaftlichen Verhältnissen.

Joseph Henrich verwendet die Begriffe „Kinship“ und „Kinship Institutions“, die ich hier mit „Verwandtschaft“ und „verwandtschaftliche Verhältnisse“ übersetze. Die englischen und deutschen Begriffe decken sich nicht genau. „Kinship“ bezeichnet im Alltagsgebrauch nur Blutsverwandtschaften, in der anthropologischen Analyse gehören aber auch Affinalverwandschaften dazu, also auf Heirat beruhende Beziehungen. Im Deutschen umfasst der Begriff der Verwandtschaft beides.

Was Menschen in westlichen Kulturen psychologisch ungewöhnlich macht: Schuldgefühle, Analytisches Denken, Lineare Zeitvorstellung, Fortschrittsdenken, Geringe Konformität, Selbstregulierung, Wichtigkeit von Arbeit, Kontrollwunsch, Vertrauen in Fremde, Freier Wille, Besitzdenken.

Das ist keine umfassende Liste, ich habe nur einige Merkmale herausgegriffen, die ich besonders interessant finde. Eine erweiterte Liste findest du, wenn du am Ende dieses Satzes auf das i klickst.

Hier die erweiterte Liste der Schlüsselelemente der WEIRD-Psychologie, wie sie Joseph Henrich in seinem Buch aufzählt. Die Übersetzung ist von mir.

Individualismus und persönliche Motivation

  • Selbstfokus, Selbstachtung und Selbstverbesserung
  • Schuldgefühle statt Scham
  • Attributionsfehler und kognitive Dissonanz
  • Geringe Konformität und Ehrerbietung gegenüber Tradition/Ältesten
  • Geduld, Selbstregulierung, Selbstbeherrschung
  • Zeitsparen und harte Arbeit (Wert der Arbeit)
  • Kontrollwunsch und Wunsch nach Auswahl

Unpersönliches prosoziales Verhalten (und damit verbundene Weltsichten)

  • unparteiische Prinzipien statt kontextuellen Partikularismus
  • Vertrauen, Fairness, Ehrlichkeit und Kooperation mit anonymen Fremden und unpersönlichen Institutionen (z.B. der Regierung)
  • Betonung mentaler Zustände, insbesondere bei moralischen Urteilen
  • Kaum Rachedenken, aber Bereitschaft zur Bestrafung Dritter
  • Reduzierte Bevorzugung von Menschen in der eigenen Gruppe
  • Freier Wille: Vorstellung, dass Individuen ihre eigenen Entscheidungen treffen und diese Entscheidungen von Bedeutung sind
  • Moralischer Universalismus: Die Vorstellung, dass moralische Wahrheiten auf die gleiche Weise existieren wie mathematische Gesetze
  • lineare Zeit und Vorstellung von Fortschritt

Wahrnehmungs- und kognitive Eigenschaften und Verzerrungen

  • Aufmerksamkeit für vordergründige und zentrale Akteure
  • Endowment-Effekt – Überbewertung der eigenen Besitztümer
  • Feldunabhängigkeit – Isolierung von Objekten vom Hintergrund
  • Selbstüberschätzung (der eigenen Fähigkeiten)
  • eher analytisches als ganzheitliches Denken

Quelle: Joseph Henrich, „The weirdest people in the world“

Zehn Jahre nach seiner Studie hat Henrich nun ein Buch veröffentlicht, es hat den gleichen Titel wie sein Aufsatz damals, nur kein Fragezeichen. Und einen bedeutungsschwangeren Untertitel: „The weirdest people in the World: How the west became psychologically peculiar and economically prosperous“ („Die seltsamsten Menschen der Welt: Wie der Westen psychologisch einzigartig und ökonomisch besonders erfolgreich wurde“).

Es ist eines dieser Mammutwerke, in denen ein:e Autor:in die gesamte Menschheitsgeschichte durchscannt, um den einen entscheidenden Grund dafür zu finden, warum wir wurden, was wir sind. Ähnliches hat Yuval Noah Harari mit „Sapiens“ versucht oder Jared Diamond mit „Guns, Germs and Steel“. Im Vergleich zu Henrich liest sich Hararis Werk allerdings wie ein Lustiges Taschenbuch. Henrichs Buch hat in der Hardcover-Ausgabe 657 Seiten, es ist also ungefähr halb so dick wie eine durchschnittliche Bibel. Im Unterschied zur Bibel nehmen die Quellenangaben bei Henrich ein Viertel der Seiten ein. Die braucht es auch, denn Henrich stellt eine ziemlich irre Behauptung auf: Nicht nur, dass die Menschen im Westen psychologisch ungewöhnlich und deswegen ökonomisch besonders erfolgreich sind. Er glaubt auch den Grund dafür gefunden zu haben: Die katholische Kirche des Mittelalters.

Wie bitte? Tatsächlich, die katholische Kirche soll laut Henrich zwischen dem fünften und dem fünfzehnten Jahrhundert Strukturen geschaffen haben, deretwegen Europäer:innen, Amerikaner:innen und Australier:innen heute psychologisch einzigartig ticken. Und zwar tat die Kirche das nicht absichtlich, sondern aus Versehen. Diese psychologischen Besonderheiten sieht Henrich als einen wesentlichen und bisher übersehenen Grund dafür, dass westliche europäische Gesellschaften nach dem Mittelalter ihren enormen Einfluss auf die Welt gewonnen haben. Und dass sie im 18. Jahrhundert nicht nur die industrielle Revolution in Bewegung gesetzt haben, sondern auch die Wellen der Globalisierung, die wir bis heute spüren.

Zugegeben, es klingt wie eine Idee, die man genial findet, wenn man sie nachts betrunken auf einen Bierdeckel kritzelt. Aber Henrich meint es bitterernst. Seine Beweisführung ist extrem systematisch und detailliert – wie gesagt, er braucht fast 200 Seiten, um seine Quellen aufzulisten. Dabei bemüht er sich um einen Stil, der auch für Anthropologie-Laien lesbar ist. Dennoch fühlt sich die Lektüre manchmal an, als müsste man durch 10.000 Jahre alten Ackerlehm stapfen. Ich habe mehr über Verwandschaftsbeziehungen im Mittelalter oder die Synoden der katholischen Kirche gelernt, als ich jemals wissen wollte. Aber es hat sich gelohnt. Ich sehe die Welt jetzt anders.

Pest und Inzest

Wie nun sind wir WEIRD geworden? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir in historisches Nerd-Territorium. Dort passieren drei wesentliche Dinge: Erstens, die römisch-katholische Kirche des Mittelalters denkt sich ein verrücktes Programm für Ehen und Familien aus. Zweitens, die Verwandschaftsbeziehungen in europäischen Gesellschaften werden schwächer und zerfallen. Drittens, die entwurzelten Menschen Europas müssen sich umorientieren.

Gegen Ende des 6. Jahrhunderts hatten ein Mönch namens Augustinus und sein Team König Æthelberht von Kent und seine Untertanen zum Christentum bekehrt. Nun hatte Augustinus den undankbaren Auftrag, die neuen Christ:innen in kirchlich erwünschte Ehen zu zwängen. Dafür musste er heidnische Praktiken wie Polygamie und arrangierte Ehen unterdrücken. Kopfzerbrechen bereitete ihm das Inzestverbot der Kirche, denn Augustinus war nicht sicher, was als Inzest zählte. Also schrieb er einen Brief an Papst Gregor I. Durfte ein Mann eine Cousine zweiten Grades heiraten? Eine dritten Grades vielleicht? Und wie sah es mit zwei Brüdern aus, die zwei Schwestern heiraten wollten? Aus Rom kam eine Liste an Vorgaben. Cousinen ersten Grades waren streng verboten, aber auch verwitwete Schwiegermütter oder Geschwister verstorbener Ehepartners. Cousinen zweiten und dritten Grades waren okay.

Erst seit 1983 dürfen laut Papst Johannes Paul II. Cousins und Cousinen zweiten Grades wieder heiraten.

Der Papst war hier noch großzügig. Mit der Zeit definierte die Kirche Inzest immer strenger. Nachdem die östliche orthodoxe Kirche und die römisch-katholische Kirche sich im Jahr 1054 getrennt hatten, steigerte sich das Interesse der Westkirche an Ehe- und Familiengeboten zur Besessenheit. Ihre zunehmend verrückte Definition von Verwandtschaft schloss tausende Menschen als Ehepartner:innen aus. „Wer im 11. Jahrhundert heiraten wollte (…), musste im Durchschnitt theoretisch 2.730 Cousins und potenziell 10.000 Verwandte als Kandidaten ausschließen, einschließlich der Kinder, Eltern und überlebenden Ehepartner all dieser Cousins“, schreibt Henrich. „In der modernen Welt mit ihren Millionenstädten könnten wir mit solchen Verboten leicht umgehen. Aber in einer mittelalterlichen Welt aus verstreuten Bauernhöfen, Dorfgemeinschaften und Kleinstädten zwangen diese Verbote die Menschen dazu, sich in der Ferne umzusehen.“ Die Angst davor, die Regeln zu brechen, war groß. Wenn die Pest ausbrach, galt das als Gottes Strafe für Inzest. Sünder:innen drohte die Exkommunikation oder sogar Anathema, der Bannfluch der Kirche. Ein gruseliges Ritual, bei dem die Seele des Gläubigen dem Teufel übergeben wurde.

Zu den Inzest-Tabus erfand die Kirche in einem mehrere hunderte Jahre dauernden Prozess noch weitere Regeln: Etwa die, dass Individuen Land besitzen und vererben konnten (vorher gehörte das Land automatisch der ganzen Familie). Die Kirche sorgte dafür, dass Ehepartner:innen einer Ehe mündlich zustimmen mussten („Ja, ich will!“), was arrangierte Ehen gegen den Willen der Beteiligten schwieriger machte. Sie führte die Idee unehelicher Kinder ein, missbilligte Adoptionen, bestand auf Monogamie und sorgte dafür, dass frischverheiratete Paare einen eigenen Hausstand gründeten, statt mit der erweiterten Familie zu wohnen. Das Gesamtpaket dieser kirchlichen Vorschriften nennt Henrich „Marriage and Family Program“ (Ehe-und Familienprogramm), kurz: MFP.

Wie die katholische Kirche Familien zerstörte

Auch wenn nicht ganz klar ist, warum die Kirche das MFP so hart durchsetzte, war der Effekt durchschlagend. Laut Henrich war es der entscheidende Faktor dafür, dass die Menschen in Europa in ihrer Entwicklung auf einen Sonderweg abbogen. Das Familienprogramm der Kirche nämlich zerstörte effektiv die Kraft und den Zusammenhalt der europäischen Sippen und Verwandtschaften. Um das Jahr 1000 gab es in Europa kaum noch Clans – und stattdessen kleinere Kernfamilien.

Um die enorme Bedeutung dieser Entwicklung zu verstehen, muss man wissen, dass unser Vorfahren sich jahrtausendelang über enge verwandtschaftliche Beziehungen organisiert hatten. Sie schlossen sich zu Clans zusammen, indem sie Verwandte heirateten. So konnten sie ihren Besitz an die Nachkommen vererben und gegen Angreifer:innen verteidigen. Die Menschen waren in komplexe Familienstrukturen eingebunden, individuelle Rechte und Besitz gab es nicht.

Das MFP der katholischen Kirche zerstörte diese Strukturen. Ohne Adoption, Polygamie und Verwandtenheirat zerfielen die Netzwerke. Aus erweiterten Familienhaushalten wurden kleinere Kernfamilien. Gezwungen, christliche Partner:innen zu finden, verließen die Christ:innen ihre Gemeinschaften. Das MFP schwächte die Loyalität der Menschen zu ihren Verwandten und nahm mächtigen Familien ihren Reichtum, indem sie ihnen ein unwiderstehliches Angebot machte. Nämlich einen in moralischen Fragen äußerst empfindlichen Gott mit einem besonderen Versprechen: Wenn du Gutes tust, kommst du in den Himmel. Dieser Gott hielt die Gläubigen dazu an, ihren Besitz nicht an Verwandte, sondern der Kirche oder den Armen zu vermachen. Damit „schaltete das MFP der Kirche ihren Hauptkonkurrenten um die Loyalität der Menschen aus und schuf gleichzeitig eine Einnahmequelle“, schreibt Henrich. So bereichert, breitete sich die Kirche über den ganzen Globus aus. Um 900 n. Chr. besaß die Kirche bereits ein Drittel der Anbauflächen in Westeuropa.

In einer Welt ohne starke Verwandtschaftsbeziehungen mussten die Menschen sich umorientieren. Ab dem 11. Jahrhundert vervielfachte sich die Zahl der Städte in Mitteleuropa, alte römische Städte erwachten wieder zum Leben und neue wurden gegründet. Die entwurzelten Menschen sammelten sich dort und entwickelten neue soziale Verbindungen. Sie lernten, mit Fremden zu kooperieren und ihre eigenen Talente und Fähigkeiten auszubauen, um Freund:innen und Geschäftspartner:innen zu finden. Sie bildeten Berufszünfte, trieben Handel und fingen an, Repräsentant:innen zu wählen.

Als der Protestantismus, die laut Henrich „WEIRDeste aller Religionen“ im 16. Jahrhundert aufkam, hatten die Menschen in Europa bereits ein individualistisches Weltbild verinnerlicht. Die neue Religion entstand also aus einer neuen Art zu denken, gleichzeitig verstärkte sie die Entwicklungen, die die katholische Kirche auf den Weg gebracht hatte. Die Idee der Reformation, dass der Glaube eine persönliche Angelegenheit ist, ist bereits ziemlich modern. Das Gebot, die Bibel zu lesen, sorgte für Alphabetisierung und Bildung. Allmählich entwickelten die Menschen Ideen wie natürliche und persönliche Rechte, versuchten die Gesetze der Natur zu verstehen und fingen an, die Welt in abstrakte Kategorien aufzuteilen. Kurz gesagt: Sie wurden WEIRD.

Cousinen heiraten und Blut spenden

Um seine Theorie zu belegen, wartet Henrich mit einer enormen Masse an Daten und Studien auf. Mit Kolleg:innen entwickelte er anhand von Daten des Ethnographic Atlas, der kulturelle Praktiken für 1.291 Gesellschaften beschreibt, einen Index der „Verwandtschaftsintensität“. Ihre Ergebnisse verglichen die Forscher:innen dann mit psychologischen Tests, die weltweit Individualität und Konformismus messen.

Der Kinship Intensity Index (KII) kombiniert anthropologische Daten über Cousinenheiraten, Kleinfamilien, Monogamie und Erbschaftsregelungen. Wo der Index nicht funktioniert, weil es zu wenig Daten gibt, beschränkten Henrich und seine Kolleg:innen sich auf Daten über Cousinenehen.

Dazu gehörte einer der aufwändigsten und anerkanntesten Beiträge der kulturvergleichenden Forschungen, eine Befragung von IBM-Mitarbeiter:innen in 60 Ländern, die der niederländische Psychologe Geert Hofstede durchgeführt hat. Eine Frage darin lautete zum Beispiel „Wie wichtig ist es für Sie, ein persönliches Gefühl von Erfolg aus Ihrer Arbeit zu ziehen?“ Individualistisch orientierten Menschen war es sehr wichtig, ihre Talente ausleben zu können und Erfolgserlebnisse bei der Arbeit zu haben. Extrem hoch schnitten bei den Individualismus-Werten Amerikaner:innen und Brit:innen ab, gefolgt vom Rest Europas, besonders den nördlichen und westlichen Ländern, und britisch geprägten Ländern wie Kanada und Neuseeland.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass es nicht für alle Gesellschaften der Welt Daten über die psychologische Beschaffenheit der Menschen gibt, besonders in Teilen Afrikas und Zentralasiens fehlt es an Forschung.

Diese Individualismus-Werte überschneiden sich auffallend mit Ergebnissen anderer globaler Umfragen. Menschen aus individualistischeren Ländern haben zum Beispiel schwächere Familienbande und betreiben weniger Vetternwirtschaft, was bedeutet, dass Firmenchef:innen, Manager:innen und Politiker:innen seltener Verwandte einstellen oder befördern. Außerdem neigen individualistischere Länder weniger dazu, zwischen In-Groups und Out-Groups zu unterscheiden, sind eher bereit, Immigrant:innen zu helfen (auch wenn uns das überraschen mag) und sind weniger stark an Traditionen und Bräuche gebunden. Individualistischere Länder sind außerdem reicher, innovativer und wirtschaftlich produktiver. Sie haben effektivere Regierungen, die öffentliche Dienstleistungen und Infrastruktur wie Straßen, Schulen, Elektrizität und Wasser besser bereitstellen können.

Zurück zur Kirche: Die Forscher:innen fanden starke Korrelationen zwischen der „Verwandtschaftsintensität“ und dem MFP. Je stärker und länger eine Gesellschaft unter dem Einfluss von Rom stand, desto eher zeigt sich noch heute, dass die Menschen auf Individualität setzen, sich nicht in die Konformität fügen und vertrauensvoll mit Fremden zusammenarbeiten. Anders gesagt: Je länger das MFP in einer Region wirkte, desto WEIRDer die Bevölkerung. Diese Korrelationen blieben auch dann erhalten, wenn die Forscher:innen andere Einflussfaktoren wie Klima, Umwelt und Geographie statistisch konstant hielten.

Die Aussagen, die Henrich aus seinen Messungen zieht, sind teilweise verblüffend spezifisch:

  • Mit einem Jahrtausend MFP-Einfluss in einer Bevölkerung sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand heute für eine:n Freund:in vor Gericht zu lügen bereit ist, um 30 Prozentpunkte. Die Bereitschaft, unter Gruppendruck eine falsche Antwort geben, sinkt um fast 20 Prozentpunkte.

  • Jedes Jahrhundert MFP erhöht die Tendenz zu analytischem Denken in einer Bevölkerung um etwa drei Prozent und senkt die Häufigkeit von Cousinenheiraten in einer Region um fast ein Viertel.

  • Je länger eine Stadt in den Jahren 800 bis 1500 dem Einfluss der römisch-katholischen Kirche ausgesetzt war, desto schneller wuchs sie und desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Form von repräsentativer Regierung entwickelte.

Interessant ist, dass die psychologischen Unterschiede sich auch innerhalb Europas zeigen. Italien ist ein gutes Beispiel: Der Süden des Landes war bis zum 11. Jahrhundert nicht unter dem Einfluss des MFP, sondern unter muslimischer Herrschaft (in Sizilien) beziehungsweise unter Einfluss der orthodoxen Kirche. Das ist laut Henrich ein Grund dafür, dass die Mafia im Süden des Landes mächtig ist und die Cousinen-Ehe dort zehnmal häufiger vorkommt als im Norden. Blutspender:innen wiederum finden sich Süden Italiens deutlich weniger als in einigen nördlichen Provinzen: Die Bereitschaft, anonymen Fremden zu helfen, ist ein WEIRD-Phänomen.

Ein Argument gegen westliche Arroganz

Ich bin, wie die meisten Leser:innen dieses Buchs, weder Anthropologin noch Statistikerin. Die Daten und Diagramme, die Henrich als Beweise für seine Aussagen anführt, sind für Laien allein schon der Masse wegen nicht wirklich überprüfbar. Selbst der Kognitionswissenschaftler Daniel Dennett, der das Buch in der New York Times sehr positiv besprochen hat, fordert Statistiker:innen auf, das Buch einmal ordentlich durchzuprüfen, er könne es nicht.

Henrichs Datenberge sollten auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er eine ziemlich wichtige Antwort schuldig bleibt. Nämlich die, warum um Gottes Willen die römisch-katholische Kirche auf die Idee kam, derart ungewöhnliche Ehe- und Familienvorstellungen durchzusetzen (die Bibel redet jedenfalls nicht von Inzest bei Cousinen sechsten Grades). Henrich lässt das ein bisschen unter den Teppich fallen, er redet nur vage von „einer Reihe historischer Umstände“, das MFP habe für die Kirche halt gut funktioniert. Es ist auch wichtig darauf hinzuweisen, dass Henrichs Daten mehr über die Psyche von Menschen aus westlichen Kulturen aussagen als über andere. Denn zum einen ist diese Psyche viel besser erforscht. Zum anderen sind auch die Menschen, die die Ergebnisse auswerten, zum großen Teil, nun ja: WEIRD. Das beeinflusst, wie sie interpretieren und bewerten. Wer bestimmt etwa, ob analytisches Denken oder holistisches Denken „besser“ ist?

Die vielleicht wichtigste Lektionen aus Henrichs Buch funktionieren glücklicherweise ohne Statistiker:innen-Expertise und Kirchengeschichte. Das ist einmal die für viele Leser:innen sicher ernüchternde Erfahrung, Teile ihrer scheinbar hochindividuellen Privatpsyche auf einer Liste allgemeiner WEIRDer Eigenschaften abgehakt zu sehen. Du brauchst persönliche Erfolgserlebnisse, möchtest frei eigene Entscheidungen treffen und suchst nach deinem authentischen Selbst? Du bist kein ganz besonderes Einhorn, du hast ein westliches Gehirn. Selbst Individualismus ist überhaupt nicht individuell.

Das macht nicht nur demütig, es ist auch erleichternd. Das gilt auch für die Erkenntnis, dass Schuld ein sehr WEIRDes Gefühl ist. Schuldgefühle sind ein inneres Ereignis, sie entstehen, wenn die eigenen Handlungen und Gefühle nicht dem persönlichen Standard entsprechen. Du gibst dem Obdachlosen auf einer menschenleeren Straße kein Geld oder bestellst dir in einer fremden Stadt eine Pizza mit Speck, obwohl du sonst Vegetarier:in bist? Niemand sieht oder verurteilt dich, aber du fühlst dich trotzdem schlecht. Ein solches Verhalten ist typisch für individualistische Gesellschaften, die Menschen dazu anhalten, ihre eigenen einzigartigen Eigenschaften und Talente zu kultivieren. In nicht-WEIRDen Gesellschaften, in denen soziale Kontrolle eine größere Rolle spielt, ist hingegen Scham ein wichtigeres Gefühl.

Menschen fragen Google so ziemlich alles. Vor diesem Hintergrund hat der Ökonom Benjamin Enke, ein Kollege von Joseph Henrich, die Übersetzungen von „Schuld“ und „Scham“ aus neun Sprachen genutzt, um Daten über die Häufigkeit von Google-Suchen mit diesen Begriffen in 56 Ländern in den letzten fünf Jahren zu sammeln. Dabei fand er heraus, dass in Nicht-WEIRDen Gesellschaften deutlich häufiger nach „Scham“ als nach „Schuld“ gesucht wurde.

Natürlich erleben Menschen auf der ganzen Welt sowohl Schuld als auch Scham. Es geht bei Henrich um sehr breite Beobachtungen und statistische Tendenzen. Individuelle Personen lassen sich damit nicht automatisch in Schubladen sortieren. Nepotismus etwa, also Vetternwirtschaft, ist laut Henrich typisch für Nicht-WEIRDe Gesellschaften. Ein hervorragendes Gegenbeispiel ist Donald Trump: WEIRDer kann ein Mensch kaum sein, dennoch hat der Noch-Präsident der USA seine Verwandten in leitende Positionen gehievt.

Im schlimmsten Fall werden Menschen Henrichs Beobachtungen als Argument für die Überlegenheit westlicher Kultur nutzen. Das geht zwar nur, wenn man sein Buch nicht genau liest, denn er er bemüht sich nach Kräften, genau diesem Denken entgegenzuarbeiten: Immer wieder betont er die Zufälligkeit unserer Entwicklung und dass es nicht um genetische Unterschiede geht. Aber seit wann legen Populist:innen Wert auf Genauigkeit?

Im besten Fall allerdings ist Henrichs Theorie ein wirksames Mittel gegen westliche Arroganz. Er ist überzeugt von der Theorie kultureller Evolution, Menschen vererben demnach neben ihrer DNA auch psychologische Muster und Verhaltensweisen an ihre Nachkommen. Gesellschaften entwickeln kollektive Gehirne, die alles Wissen, alle Normen und Werte enthalten, die jeder Einzelne von seiner Kultur übernimmt. Folgt man Henrichs Argument, ist unsere Andersartigkeit kein Beweis unserer Überlegenheit, sondern ein Produkt natürlicher Selektion bestimmter kultureller Praktiken und Gewohnheiten. Sie hat sich im Laufe der Geschichte ausgeprägt und wird sich mit der Zeit weiter verändern und entwickeln. Eine interessante Frage könnte etwa sein, ob das Internet mit der Zeit eine globale Psyche formt.

Mehr noch: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte begannen nicht damit, dass geniale westliche Intellektuelle, Philosoph:innen oder Theolog:innen sie sich ausdachten. Diese Ideen bildeten sich langsam, Stück für Stück, indem ganz normale Menschen, Nonnen, Kaufleute und Handwerker, als Individualist:innen zu denken begannen, sich in freiwilligen Zusammenschlüssen miteinander austauschten und Organisationsformen dafür entwickelten.

„Menschenrechte, Freiheit, repräsentative Demokratien und Wissenschaft sind nicht Monumente reiner Vernunft und Logik, wie so viele glauben. Die Menschen wurden während der Aufklärung im 17. und 18 Jahrhundert nicht plötzlich rational und erfanden dann die moderne Welt“, schreibt Henrich. Diese Welt entstand, weil die Bevölkerungen Europas gemeinsam einen psychologischen Prozess durchmachten, den ausgerechnet der erklärte Feind der Aufklärung, die katholische Kirche, über Jahrhunderte maßgeblich beeinflusst hatte. Die christlichen Führungsfiguren, die sich die Inzesttabus und Familienvorschriften des MFP ausgedacht hatten, folgten keiner Vision einer progressiven Welt. Sondern handelten aus dem Glauben an ein mächtiges übernatürliches Wesen, das ein Problem mit dem Sexleben der Menschen hatte.

Was natürlich die Frage aufwirft: Welche Institution und welche albernen Vorstellungen beeinflussen uns heute auf eine Weise, die unser Denken im nächsten Jahrtausend bestimmen werden? Wird der Westen dann immer noch WEIRD sein? Henrich hat darauf keine Antwort. Aber wer sein Buch gelesen hat, hält garantiert Ausschau danach.


Redaktion: Philipp Daum, Schlussredaktion: Bent Freiwald, Bildredaktion: Till Rimmele, Grafik: Bent Freiwald.

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