Screenshot © YouTube / Netflix Kanal

Mensch und Natur

Ein Mann geht tauchen und verliebt sich in einen Tintenfisch – wie bitte?

Autorinnen des Artikels
etwa 3 Min. Lesedauer

Ich bin eigentlich kein Mensch, der zu Freude an Weichtieren tendiert. Als Kind habe ich mich geweigert, Dinge zu essen, die eine „molluskenhafte“ Konsistenz haben (fast alle gekochten Gemüse). Die Tatsache, dass das eines meiner ersten Fremdwörter war, spricht für sich. Mit Nacktschnecken habe ich bis heute ernste ästhetische Probleme und Bananen kriege ich nur an guten Tagen runter. Die Fotografin und Künstlerin Merav Maroody hat einmal Fotocollagen von Menschen und ihren Ekelobjekten gemacht, so sieht mein Bild aus:

Eine Frau sieht in die Kamera, daneben eine Banane.

Merav Maroody

Das alles erzähle ich hier, weil es klar macht, wie ernst es mir mit der Empfehlung für den folgenden Film ist: „My Octopus Teacher“ ist ein Dokumentarfilm, seit dem 7. September auf Netflix zu sehen. Zehn Jahre hat es gedauert, ihn zu produzieren und es ist einer der besten Filme dieser Art, die ich je gesehen habe. Mit meiner Vorgeschichte hätte ich ihn nie angeschaut, wenn ihn mir nicht ein lieber Mensch empfohlen hätte. Und ich bin verdammt froh darüber.

Es geht um Craig Foster, einen Tierfilmer und Taucher, der im Jahr 2010 in seinem Job nur noch Erschöpfung und Burnout spürt. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll und fängt an, im wilden, kalten Ozean an der Südspitze von Afrika zu tauchen. Als Freitaucher, also ohne Sauerstoffgerät. Bei einem dieser Ausflüge beobachtet er etwas Merkwürdiges: einen grob zusammengefügten Turm aus Muschelschalen und Steinen. Als er sich nähert, fliegt der Turm auseinander und heraus schwimmt ein kleiner, gefleckter Tintentisch.

Tintentfische sind ziemlich rätselhafte Tiere, über die es in der Forschung noch viele offene Fragen gibt. Foster hat keine Ahnung, warum das Tier diesen Turm gebaut hat, aber er ist fasziniert. Und beschließt, ein Jahr lang – so lange lebt ein solches Tier ungefähr – jeden Tag zurückzukehren und die Krake zu filmen.

Kein Witz: Es ist eine Liebesgeschichte

Unterwasser Nahaufnahme eines Kraken, der einen seiner Arme über seinen Kopf legt.

© Sea Change / Craig Foster

Tintenfische sind sehr clever, sie benutzen Werkzeuge und sie können zählen. Trotzdem ist es nicht leicht, einen Bezug zu ihnen zu finden. Sie sind uns so fremd wie intelligenter Pudding. Ihre zoologische Klasse heißt Kopffüßer, sie haben drei Herzen, keine Knochen und ihr Gehirn steckt zum großen Teil in ihren Armen. Nicht umsonst werden sie oft mit Aliens verglichen. Nach diesem Film aber liebt und respektiert man sie. Es ist nicht einfach ein Film, in dem ein Mann auf der Suche nach Sinn die wilde Natur wiederentdeckt. Sondern eine der schönsten Geschichten einer Freundschaft zwischen zwei völlig unterschiedlichen Lebewesen, die es je gab. Der Filmemacher vermeidet es dabei, das Tier zu vermenschlichen oder zu zähmen: Er gibt ihm keinen Namen, hilft nicht, als Haie angreifen und tut zu keinem Zeitpunkt so, als würde das Tier seine Liebe erwidern. Stattdessen beobachtet er sehr genau das Leben der Krake – ihre atemberaubenden Strategien bei der Hummerjagd oder der Flucht vor Fressfeinden etwa – und wie nah das Tier ihn an sich ranlässt! Im wahrsten Sinne: Manchmal schwimmt der Tintenfisch auf Craig zu und legt sich in seine Arme wie ein Hündchen.

Trotzdem, oder vielleicht gerade weil der Film den Oktopus über den ganzen Film hinweg konsequent als wildes Tier behandelt, nicht als nasses Haustier oder achtarmigen Kumpel, wirft der Film Fragen auf. Eine der wichtigsten gehört zu den härtesten Nüssen, die Forscher:innen und Philosoph:innen in unserer Zeit zu knacken versuchen: Was für ein Bewusstsein haben Tiere? Dass sie überhaupt eins haben, war in der westlichen Welt lange umstritten, inzwischen wird das aber von vielen Wissenschaftler:innen bekräftigt, die sich mit tierischer Kognition befassen. Und zwar nicht nur Affen und Hunde, sondern auch Vögel und wahrscheinlich auch Tintenfische.

Eine Taucherin und ein Taucher nahe der Wasseroberfläche tauchend, umgeben von Fischen neben einem Wald aus Seetang im blau schimmernden Meer.
Filmaufnahmen zu "My Octopus Teacher"

© Sea Change / Faine Loubser

Was genau „Bewusstsein“ bedeutet und wie genau wir feststellen können, ob jemand oder etwas es hat, kann ich nicht beantworten. Sonst hätte ich einen Nobelpreis im Regal. Ich kann nur sagen, dass dieser Film mich glücklich, demütig und verwirrt gemacht hat. Dass ein Dokumentationsfilm das kann, finde ich eine sehr wertvolle Erinnerung in Zeiten, in denen man eher neun Stunden Drachentöten im Kino gewöhnt ist.

Sollte es für dich absolut unvorstellbar sein, dass ein Mensch einen Oktopus liebt, kann ich dich hiermit von der Verpflichtung entbinden, diesen Film zu sehen. Hat ja niemand was von. Bei allen anderen bleibe ich dabei: Es ist ein Muss.

https://www.youtube.com/watch?v=3s0LTDhqe5A


Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Robert Rausch.

Prompt headline