„Bei Fiction höre ich auf zu lesen, wenn es stilistisch schlecht ist“

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Zum Warmwerden schaue ich nach dem Aufstehen meist zuerst in die Apps von Tagesschau, Süddeutsche, Guardian, Spiegel. Praktischerweise kommt neuerdings außerdem der Krautreporter-Newsletter. In meiner verschobenen Nachtarbeitszeitzone erreicht er mich in den frühen Morgenstunden allerdings kurz vor dem Schlafengehen.

Auf Papier abonniert habe ich nach wie vor den Spiegel. Wann immer ich versucht habe, ihn abzubestellen, rief mich jemand an und bewarf mich mit kostenlosen Verlängerungen. Außerdem im Abo: das Missy Magazin. Die ZEIT und brand eins kaufe ich ebenfalls relativ regelmäßig. Und immer mal gern zwischendurch die Süddeutsche. Aber für eineTageszeitung reicht mir die Zeit leider nicht. Manchmal kaufe ich mir Wired auf Papier.

Den New Yorker oder The Atlantic lese ich vorwiegend im Netz. Online streune ich durch die Webseiten von Spiegel, ZEIT, Süddeutsche, Tagesschau, Guardian, New York Times, Freitag und taz. Und wenn mir interessante Artikel via Twitter oder Facebook in die Timeline gespült werden, lande ich auch mal auf den Seiten der Welt, der FAZ oder des Tagesspiegels. Auch bei Blogs verlasse ich mich häufig drauf, was mir andere, deutlich eifrigere Bloglesende in die Timelines werfen. Von selbst lande ich gern bei Stefan Niggemeier, bildblog, hin und wieder bei der Mädchenmannschaft, viel zu selten bei Laurie Penny und gelegentlich bei Wolfgang Sofsky.

Am schlimmsten finde ich beim Lesen im Netz die dumpfen Kommentare. Es gibt so Themen, da darf ich die Kommentare nicht lesen. Wenn es um feministische Themen geht, zum Beispiel. Dann tu ich’s trotzdem, wider besseres Wissen, und es kommt wieder alles von „…sollen sich nicht so anstellen“ bis hin zu den üblichen üblen Beleidigungen oder Androhungen von Gewalt. Schlimm finde ich auch die Systempresse/Mainstreammedien-Paranoiker,die „Deutschland ist kein souveräner Staat“-Rufer, die „Tel Aviv regiert uns im Geheimen“-Behaupter …

Auf Reisen lese ich gerne Magazine, zu denen ich sonst nicht komme: monopol, diese GEO Spezial/Epoche/Wissen-Hefte oder Psychologie heute. Einfach, was mich dann gerade zu einem bestimmten Thema in der Bahnhofsbuchhandlung oder am Kiosk anspringt.

Ansonsten lese ich natürlich sehr gerne Bücher. Momentan wieder mehr fiktionale Texte, weil ich jetzt wieder öfter Bücher besprechen soll, darf und will – aber ich lese sowieso einfach sehr gern gute Geschichten. Vorbereitend zu meinen eigenen Romanen lese ich viele Sachbücher zu den entsprechenden Themen, gerade im letzten Jahr habe ich mich durch Literaturberge zu Themenbereichen wie Kriegsberichterstattung oder Salafismus gegraben. Mich interessieren philosophische, psychologische, soziologische Überlegungen zum Thema Gewalt im weitesten Sinne (ich schreibe nicht umsonst Kriminalromane). Allerdings entscheide ich recht schnell, ob ich etwas zu Ende lese. Bei Fiction höre ich auf zu lesen, wenn es stilistisch schlecht ist. Zum Glück reicht da schon fast immer die Leseprobe, um das festzustellen. Sachbücher breche ich ab, wenn sie mich nicht weiterbringen. Das lässt sich manchmal am Inhaltsverzeichnis erahnen, manchmal leider nicht.

Beeindruckend fand ich „Far From the Tree“ von Andrew Solomon, das ich kürzlich gelesen habe. Es ist nicht mehr ganz neu, aber behandelt ein Thema, das mich privat und seit vermutlich fast vierzig Jahren ebenso sehr beschäftigt wie meine Eltern: Kinder,die nicht so sind, wie die Eltern sie gern gehabt hätten. Solomon führt darin nicht nur Krankheiten, körperliche Einschränkungen oder psychische Besonderheiten auf, sondern auch Homosexualität oder Hochbegabung. Eben grundsätzlich alles, was die Kinder von ihren Eltern stark unterscheidet, was das Verständnis für den Nachwuchs, die Akzeptanz schwierig macht. Wie gehen Eltern in solchen Fällen mit ihrer Enttäuschung, mit der Überforderung um? Was passiert, wenn sie feststellen, dass ein Kind eben nicht „Reproduktion“, sondern „Produktion“ ist? Nicht Abbild, sondern etwas Eigenes? Solomon hat auch ein gutes Buch zum Thema Depression geschrieben. Ich lese ihn gerne.

Andrew Solomon wuchs in New York City auf, unterrichtet Psychiatrie an der Cornell University und schreibt unter anderem für den New Yorker und das New York Times Magazine. Seine Bücher – am bekanntesten „Saturns Schatten: Die dunklen Welten der Depression“ – wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Eine ausführliche und fundierte Rezension seines aktuellen Buchs „Far From the Tree“ aus dem New Yorker, kann man hier nachlesen.

Neben seiner Tätigkeit als Psychologe und Autor setzt sich Solomon auch stark für die LBGT-Community ein und ist Vorstandsmitglied der National LBGTQ Task Force. Solomon hat mehrere TED-Talks gehalten, hier ist der aktuellste – das Thema „Wie die schlimmsten Momente unseres Lebens uns zu dem machen, was wir sind“:

Ebenfalls gerne lese ich:

Carolin Emcke, eine kluge und mutige Frau mit wichtigen, schwierigen Themen und sehr guten Büchern, Essays und Vorträgen.

Laurie Penny, Aktivistin, Feministin,schreibt wichtige, radikale Bücher und hält wichtige, radikale Vorträge.

Pippa Goldschmidt, ich übersetzte bereits einige ihrer Kurzgeschichten und übersetze gerade ihren Debütroman. Verbindet Astrophysik, Feminismus und erzählerisches Talent zu grandioser Prosa.

Tagesthemen und/oder das heute journal sehe ich mir jeden Tag an, aber immer online. Mehr so der Vollständigkeit halber. Kulturzeit auf 3sat schaue ich gern. Im Radio höre ich am liebsten BBC World, Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. In Berlin noch Radio Eins und FluxFM, die einzigen Sender, die sich mit meinem Musikgeschmack einigen können.

Bewusst vermeide ich beispielsweise BILD, Focus online und die Huffington Post, weil ich da allein schon den Stil, die Aufbereitung der Information, das Drumherum – weil ich die Gesamtkonzepte nicht ertrage. Über heftig.co und ähnliches müssen wir erst gar nicht reden, oder?

Aus aktuellem Anlass, und weil es ohnehin eine sehr gute Seite ist, möchte ich statt dessen eine andere Seite empfehlen: Qantara, ein Projekt der Deutschen Welle, an dem auch das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen und die Bundeszentrale für politische Bildung beteiligt sind, gefördert vom Auswärtigen Amt. Gibt es auf Deutsch, Englisch und Arabisch und will den Dialog mit der islamischen Welt fördern.

Screenshot der deutschsprachigen Qantara-Version

Screenshot: de.qantara.de

Das Onlinemagazin Qantara (arabisch für „Brücke“) wurde 2003 auf Initiative des Auswärtigen Amtes und als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 gegründet. Der Islamforscher Dr. Michael Kiefer schreibt über das Portal: "Qantara.de muss im deutschsprachigen Internet in seiner Sparte zu den Topadressen gezählt werden. Das Webportal bietet durchweg hochwertige und ausgewogene Hintergrundinformationen und Debattenbeiträge zu allen wichtigen zeitgenössischen Islamthemen. Besonders zu empfehlen sind die umfangreichen Dossiers zu den kontrovers diskutierten Islamthemen: 'Kopftuch','Frauen im Islam' oder 'Reformislam'. Besucher erhalten gerade hier einen aktuellen und umfangreichen Einblick, der auf verzerrende Verkürzungen und tendenziöse Darstellungen verzichtet.“

Über die ungewisse Zukunft des Projekts, dessen Finanzierung offenbar auf der Kippe steht, berichteten unlängst FAZ und taz.

Als Digitalverlegerin muss ich natürlich auch schauen, was sich Neues in der Buchbranche tut. Da hole ich mir die Nachrichten hauptsächlich bei Buchreport, Buchmarkt und Börsenblatt. Aus dem englischsprachigen Raum bei The Bookseller aus Großbritannien, Publishers Weekly aus den USA, sowie Publishing Perspectives mit internationalen Buchnachrichten.

Gut informiert über die Neuerungen in der digitalen Buchszene ist Fabian Kern, was er sehr gern zusammen mit seinen Einschätzungen weitergibt. News ums E-Book finden sich gesammelt auf lesen.net. Thematisch etwas breiter nimmt sich Kai Wels die Digitalisierung in seinem Blog vor.

Großes Thema in der Buchbranche, abseits der Digitalisierung, ist die Unabhängigkeit des Buchhandels und der Verlage. Es gibt eine schöne, nützliche Übersicht der unabhängigen Verlage in Deutschland, der Schweiz und Österreich, und Informationen zur Hotlist, dem Buchpreis der Indies. Wenn ich was zum Lesen suche, sehe ich mich gerne dort um.

Gesine von Prittwitz stellt in ihrem Blog Steglitzmind den Indie-Buchhandel sowie die Indie-Verlage vor, aber auch Buchblogger und -bloggerinnen, man wird also von dort auch gut weitergeleitet. Und wo wir gerade beim Vorstellen und Vernetzen sind: Leander Wattig gibt Buchmenschen seit fünf Jahren die Möglichkeit, unter Ich mach was mit Büchern zu erzählen, was sie genau mit diesen Büchern machen.

Die großen Feuilletons sind nach wie vor wichtig, aber Buchblogs und unabhängige Onlineprojekte sind längst genauso wichtig für Lesende, Schreibende und die Verlage. We Read Indie ist beispielsweise ein Zusammenschluss von Bloggerinnen, die Literatur von deutschsprachigen Indie-Verlagen besprechen. Gut finde ich auch, was der Suhrkamp Verlag mit seinem Logbuch Suhrkamp macht: Aktuelles, Diskussionen, Meinungen um und über Gegenwartsliteratur. The Daily Frown ist das Blog von Fabian Thomas, unter anderem Mitinitiator der Electric Bookfair, und behandelt Literatur, Musik und alles mögliche andere mit kritischem Blick aufs Erhabene in Printform und guter digitaler Vernetzung. Culturmag ist kein Blog,sondern eher ein Online-Magazin mit den Schwerpunkten Literatur, Krimi und Musik. Ich schreibe selbst dafür, was allerdings nichts daran ändert, dass ich die anderen Artikel immer sehr gern lese. Ebenso empfehlenswert zu Kulturthemen: satt.org, herausgegeben von Marc Degens, Torsten Franz und Frank Maleu. Noch ein lohnendes Online-Magazin ist, wie ich finde, Aviva-Berlin, herausgegeben von Sharon Adler. Feministisch, jüdisch, beides ohne aus- oder einzugrenzen. Und natürlich der Perlentaucher, der eine Feuilletonschau bringt, aber auch viele eigene Artikel hat.

Auch schön gemacht: das Blog zum Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt sowie die Empfehlungen der Litprom, Gesellschaft für Literatur aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Litprom hilft, Verlage zu vermitteln, fördert Übersetzungen, macht Literatur aus weniger bekannten Regionen der Welt bekannter. Die Jury des Litprom-Projekts „Weltempfänger“ stellt außerdem regelmäßig die besten Bücher aus diesen Gebieten vor.


Zoë Beck ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Digitalverlegerin. Ihr E-Book-Verlag Culturbooks veröffentlicht monatlich etwa fünf Titel. Sie bloggt unter zoebeck.net und arbeitet außerdem als Synchronregisseurin für Film und Fernsehen.

In diesem Interview erklärt Zoë Beck gemeinsam mit ihrem Culturbooks-Kompagnon Jan Karsten das Konzept hinter ihrem E-Book-Verlag. In diesem Gespräch mit Bayern2Radio erzählt sie, wie sie zum Krimischreiben kam und wie eine überwundene Krebserkrankung sie verändert hat.


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „__Medienmenü stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik portraitiert sehen würden.

Illustration:Veronika Neubauer (Foto: Victoria Tomaschko)