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Ein Containment-Scout berichtet von seiner Arbeit

„Ich bin optimistisch, dass es keinen neuen Lockdown geben wird“

Interview von Silke Jäger
etwa 15 Min. Lesedauer

Ich rufe Sebastian an, wir wohnen nicht in derselben Stadt: er in Berlin, ich in Marburg. Aber auch wenn wir uns persönlich treffen könnten, hätten wir darauf verzichtet. Wir sind mitten in Deutschlands erstem Corona-Sommer. Im Moment stecken sich vergleichsweise wenig Menschen neu an, trotzdem hat Sebastian im Gesundheitsamt gut zu tun. Einen passenden Gesprächstermin zu finden, war nicht ganz leicht. Schließlich klappt es an einem Abend kurz vor neun Uhr und als wir auflegen, ist es fast halb zwölf. Obwohl es viel um bürokratische Abläufe geht, finde ich unser Gespräch hochinteressant. Wie bürokratisch es in einem Amt zugeht, sollte mich eigentlich nicht erstaunen. Ich wundere mich über vieles, was Sebastian erzählt.

(Damit Sebastian frei berichten kann, haben wir seinen Namen geändert.)


Sebastian, bevor wir darüber sprechen, was du im Gesundheitsamt genau machst, muss ich erstmal fragen: Was ist denn ein Containment-Scout eigentlich?

Containment-Scouts sind sowas wie Detektive. Sie versuchen, herauszufinden, mit wem ein Mensch alles Kontakt hatte, bevor er selbst wusste, dass er sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Scouts müssen viele Gespräche führen. Sie sind ständig am Telefon, um Leute darüber zu informieren, dass sie sich testen lassen und zu Hause bleiben sollten. Scouts müssen viel erklären, zum Beispiel, warum das Testen und Zuhause-Sitzen wichtig ist.

Warum ist es denn wichtig?

Containment-Scouts versuchen, die Kontaktketten zu unterbrechen und damit das Virus aufzuhalten. Zuhausebleiben und niemanden zu treffen, ist im Moment das beste Mittel, um das zu erreichen. Die meisten Leute verstehen das auch und viele sind sogar dankbar, wenn ich sie anrufe.

Wie kam es dazu, dass du angefangen hast, im Gesundheitsamt zu arbeiten?

Vielleicht muss ich erst mal kurz erzählen, wie ich so lebe, damit man besser versteht, wie ich auf die Idee mit dem Gesundheitsamt kam.

Gerne. Erzähl!

Ich hatte meinen Job verloren, wie sehr viele andere Menschen im März auch. Ich habe in meinem Leben schon viele verschiedene Dinge gemacht: Bioinformatik studiert, auf Ferienfreizeiten Kinder betreut, Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, Stadtführungen, als Flugbegleiter gearbeitet. Zuletzt habe ich in einem Club an der Bar gearbeitet. Bis die Kontakteinschränkungen kamen.

Es gab dann wenig neu ausgeschriebene Stellen. Da hat sich ausgezahlt, dass ich viele Leute kenne. Denn so erfuhr ich früh unter der Hand von den Jobs im Gesundheitsamt. Da hatte ich auch Glück.

Es war also nicht ganz leicht, den Job zu bekommen?

Ich glaube, es wurden circa 500 Leute gesucht. Aber bereits in den ersten Stunden bewarben sich mehr als 11.000. Die sollten am besten einen naturwissenschaftlichen oder medizinischen Hintergrund haben, aber eigentlich waren die Anforderungen ansonsten nicht besonders hoch. Ich musste dann recht lange warten, ich glaube drei Wochen, bis mich im April jemand vom Robert Koch-Institut anrief. Nach einem kurzen Bewerbungsgespräch am Telefon habe ich dann aber schnell die Nachricht bekommen, dass es klappt. Ich konnte mir sogar das Gesundheitsamt aussuchen.

Ist es nicht unlogisch, dass du nur einen Vertrag für ein halbes Jahr bekommen hast? Bedarf an Kontaktverfolgung wird es ja noch länger geben.

Das wissen wir jetzt, aber vieles war am Anfang noch nicht klar. Vor Corona hatten wir schon andere Pandemien – Sars, Mers, die Schweinegrippe. Und jedes Mal gab es Befürchtungen, dass es uns schwer erwischen würde. Das war dann aber immer gar nicht so dramatisch. Vielleicht hatten wir deshalb alle ein Gefühl von falscher Sicherheit. Und am Anfang gab es ja auch die Vorstellung, naja, wir haben ein gutes Gesundheitssystem, sind ein technologisch weit entwickeltes, reiches Land, es erwischt uns vielleicht gar nicht so schlimm.

Wurden deshalb die Gesundheitsämter anfangs so überrollt? Weil sie auch gedacht haben, das würde uns schon nicht so schlimm erwischen?

Eigentlich haben sich die Gesundheitsämter am Anfang gar nicht so sehr umstellen müssen. Der Umgang mit meldepflichtigen Krankheiten ist immer derselbe. Auch vorher gehörte unter anderem das Handling und Eindämmen von Krankheiten zu ihren Aufgaben, und das ging eigentlich ganz gut mit einem kleinen Mitarbeiterstamm. Man muss immer nachvollziehen, wer noch alles angesteckt sein könnte, diejenigen finden und dafür sorgen, dass sie niemanden anstecken können.

Am Anfang der Pandemie ging das auch noch ganz gut. Es gab ja zuerst einzelne kleinere Ausbrüche in Städten, zum Beispiel in Clubs. Die Maßnahmen mussten dann aber ziemlich schnell verschärft werden, als man gemerkt hat, dass das Virus sich viel schlimmer ausbreitet als erwartet. Und gleichzeitig hat man begriffen, dass man nie den aktuellen Zustand sieht. Man sah vielleicht vier Fälle und in Wirklichkeit gab es schon hunderte, vielleicht tausende im Bezirk.

Zu dem Zeitpunkt waren die Hotlines dann schon überlastet und es war gar nicht so leicht, an einen Test zu kommen. In den Gesundheitsämtern war dann klar, dass weder das Personal, noch die Organisation noch die Infrastruktur da war, um irgendetwas in dieser Größenordnung bewältigen zu können.

Wie haben die Gesundheitsämter es dann doch hinbekommen?

Ein Gesundheitsamt hat viele verschiedene Abteilungen. Die Hygieneabteilung ist für Krankheitseindämmung zuständig. Dann gibt es einen sozialpsychiatrischen Dienst, einen kinder- und jugendpsychiatrischen Gesundheitsdienst, ein Zentrum für sexuelle Gesundheit und Familienplanung, zu dem auch eine Testungsstelle für sexuell übertragbare Infektionen gehört, eine Hörberatung und noch mehr. Die Hygieneabteilung, die unter anderem für meldepflichtige Krankheiten zuständig ist, hat knapp ein Dutzend Mitarbeiter:innen. Das reicht für den Normalbetrieb, aber ist für den Krisenmodus viel zu wenig. Deshalb mussten Leute aus anderen Abteilungen mithelfen.

Andere Ämter, die zu dieser Zeit geschlossen waren, haben auch Mitarbeiter:innen zur Verstärkung geschickt. Die haben dann zum Beispiel die Hotline betreut. Sie hatten aber kaum Erfahrung mit Gesundheitsfragen, es lief dann also eher chaotisch. Es gab einfach nicht genug Zeit dafür, vorausschauend zu planen und die Leute gut einzuarbeiten. Jedes Amt hat sich irgendwie selbst geholfen. Das, was nötig war, musste halt gemacht werden.

Hört sich wirklich ziemlich chaotisch an. Als du Ende April angefangen hast, war diese erste Phase schon vorbei, oder?

Ja, und es gab dann auch erstmal wenig zu tun. Denn nachdem die Bundesregierung die generellen Kontakteinschränkungen erlassen hatte, haben sich sehr viel weniger Menschen angesteckt. Wenn man Ende April Corona-Infizierte gefragt hat, zu wem sie Kontakt hatten, dann war das zu der Zeit natürlich ziemlich überschaubar. Wir hatten nur circa drei bis fünf Fälle am Tag und zu diesen Fällen gab es wenige Kontaktpersonen. Das heißt, ich saß in den ersten Wochen manchmal ziemlich nutzlos rum. Auch die Leute an der Hotline saßen manchmal da, haben Kaffee getrunken und gewartet, dass mal jemand anruft. In den Wochen davor war das ganz anders gewesen. Pausen konnte da niemand machen.

Klingt langweilig.

Ich war ziemlich motiviert. Also habe ich mich selbst in die Prozesse reingefuchst. Ich habe mich mit vielen Menschen unterhalten, um besser zu verstehen, was wichtig ist fürs Fallmanagement. Es hatten nicht viele Leute einen kompletten Überblick.

Der größte Teil der Arbeit fand auf Papier, in Leitz-Ordnern und am Faxgerät statt. Und wir hatten eine große Excel-Liste für alle Leute, die unter Quarantäne standen und positiv getestet waren. Es gab zwar schon eine Datenbank, aber wir konnten sie noch nicht richtig nutzen.

Heute haben wir zwei Datenbanken zur Verfügung. Eine für positiv getestete Fälle, die zur anonymisierten Übermittlung der Daten ans Robert Koch-Institut genutzt wird: Survnet. Aber die ist nicht zur Verwaltung der Kontaktpersonen geeignet.

Dafür gibt es die Datenbank Sormas. Sie war seinerzeit vom Helmholtz-Institut entwickelt worden, um die Ebola-Ausbrüche in Westafrika zu managen. Man kann da Fälle eintragen, Falldaten, medizinische Daten, Testdaten und Kontaktpersonen verknüpfen. Ich habe es mir dann zur Aufgabe gemacht, Sormas einzuführen.

Moment, habe ich das richtig verstanden – du hast mal eben die Corona-Kontaktdatenbank mit eingeführt?

Für mich war es anstrengend, nur rumzusitzen. Und durch mein Studium hatte ich einen Vorteil, weil viele Behörden nicht so IT-affin sind. Da arbeiten viele Leute, die schon seit Jahrzehnten da sind. Sie machen ihren Job eigentlich sehr gut, aber in dieser Situation fehlte ein bisschen die Flexibilität. Das Wissen, was mit IT möglich ist, ist nicht da und die Motivation, nochmal was Neues zu machen, auch nicht.

Wie hat die Fall-Datenbank deine Arbeit verändert?

Mit der Datenbank ist es viel einfacher, die Quarantänefälle zu verwalten, weil viele Menschen gleichzeitig an den Daten arbeiten können. Die Gesundheitsämter sind aber sehr auf Datenschutz bedacht, deshalb haben die Mitarbeiter:innen nur Zugriff auf Daten aus dem eigenen Bezirk. Es gibt keine Datenbank, in der alle Daten aus ganz Deutschland zusammengeführt sind.

Schickst du auch Faxe?

Tja, die Mühlen der Behörden mahlen langsam. Und das Fax ist etabliert. Labore faxen uns Testergebnisse zu, die wir dann in die Datenbank eintragen. Wir dokumentieren jeden Fall doppelt und dreifach: auf Papier, in der Fall-Datenbank Sormas und dann ist da noch die anonymisierte Meldung fürs Robert Koch-Institut in der Übermittlungs-Datenbank Survnet.

Ist das nicht furchtbar umständlich?

Das ist nichts im Vergleich dazu, wie es war, bevor wir die Datenbanken hatten. Da war es zeitweise so, dass eine Person für die Excel-Liste zuständig war und wenn man diese Liste bearbeiten wollte, musste man diese Person anrufen, damit sie den Eintrag vornimmt. Gleichzeitig konnten Leute, die die Hotline betreuen, nirgendwo nachschauen, zum Beispiel, falls jemand Rückfragen hatte zu seinem eigenen Fall.

Die Papierdokumentation wird zu Fallakten zusammengeführt, die in Leitz-Ordnen gesammelt werden. Mit Ordnern zu arbeiten, ist aber schwierig, wenn eigentlich gerade nicht so viele Leute zusammen in einem Raum sein dürfen. Trotzdem ist der Ordner wichtig, weil für eine Behörde nur das existiert, was auch auf Papier festgehalten ist. Aber die Daten aus den Akten werden danach dann auch noch in die Datenbank eingegeben. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen, als Millenial, der Papier eigentlich nicht braucht.

Ich würde gerne noch was über die Testorganisation wissen. Das Gesundheitsamt kann ja auch Tests anordnen. Habt ihr einen Überblick darüber, wie viele Tests noch gemacht werden können und wie stark die Testkapazitäten schon ausgeschöpft sind?

Das Problem ist, dass der Bedarf sehr stark schwanken kann. Im Haus selbst können wir circa 40 Leute am Tag testen. Dann gibt es einige große Testzentren. Aber die meisten Tests werden bei den Hausärzten gemacht.

Mit den Tests stößt man schnell an Grenzen, wenn es viele Fälle gibt, die viele Kontakte haben. Zum Beispiel, weil alle Leute wieder im Großraumbüro sitzen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, auf Partys gehen.

Ich habe gesehen, was passiert ist, als die Kontakteinschränkungen gelockert wurden. Die Fallzahlen sind nicht weiter gesunken, sondern stabil geblieben. Aber mit dem Unterschied, dass jetzt jeder einzelne Fall viel aufwändiger ist, weil alle jetzt ja wieder viel mehr Kontakte haben. Wir sind im Mai sozusagen vom Ruhemodus direkt in den vollen Arbeitsmodus gewechselt. Die Fallzahlen sind zwar nicht wesentlich gestiegen, aber unsere Arbeit hat sich vervielfacht.

Das heißt, eigentlich habt ihr jetzt wieder zu wenig Personal, um die Arbeit zu schaffen?

Zumindest ist das Personal ziemlich knapp. Die anderen Behörden brauchen ja auch wieder ihre eigenen Leute. Wir haben jetzt die Stammbelegschaft der Hygieneabteilung, einige Mitarbeiter:innen aus anderen Abteilungen und fünf Containment-Scouts. Aber wenn ein Fall in einer Institution auftritt, zum Beispiel in einem Kindergarten, und es müssen an einem Tag zum Beispiel 40 Leute getestet werden, dann müssen die alle angerufen und befragt werden. Und man muss versuchen, alle Kontaktpersonen zu ermitteln. Das sind dann schnell mal eben 200, die man ebenfalls anrufen und befragen muss.

Wie laufen die Telefonate ab?

Ich muss viele Fragen stellen: Wie war die Art des Kontakts? Fand das in einem Innenraum statt? Wie lange? Wie groß war der Abstand? War der Raum belüftet? Wurde Mund-Nasen-Schutz getragen? Gibt es Vorerkrankungen? Lebt eine Person im Haushalt, die zu einer Risikogruppe gehört? Und persönliche Details, wie zum Beispiel der Beruf.

Dann wird bei jeder Person entschieden, ob sie Kontaktperson 1. Grades zu einer positiv getesteten Person ist. Das ist sie, wenn sie mehr als 15 Minuten persönlichen Kontakt im Abstand von unter zwei Metern hatte oder längere Zeit im gleichen Raum war. Diese Leute schicken wir in Quarantäne.

Was passiert, wenn Leute in Quarantäne sind? Überwacht ihr, ob die Quarantäne eingehalten wird?

Wir rufen die Betroffenen regelmäßig an und fragen, ob sie Symptome haben und ob es ihnen gut geht. Menschen mit einem positiven Test und Kontaktpersonen 1. Grades rufen wir jeden Tag an. Wir wollen sichergehen, dass sie nicht doch mehr ärztliche Hilfe brauchen. Ob das andere Gesundheitsämter genauso machen, weiß ich aber nicht.

Wir machen keine Kontrollanrufe. Wir fragen nicht: „Waren Sie den ganzen Tag zu Hause?“ Wir setzen Quarantäne auch nicht mit Gewalt durch. Die Währung hier ist Vertrauen. Aber damit ist es manchmal auch schwer. Vielleicht kennst du die Berichte von Hochhäusern, in denen sich viele Menschen infiziert haben? In diesen Häusern leben oft auch viele Menschen, die nicht so gut Deutsch sprechen. Wir hatten so ein Hochhaus auch mal in unserem Bezirk. Wir haben es dann geschafft, Sozialarbeiter:innen mitzunehmen, die die Leute dort schon kannten – anstelle der Polizei, wie es in manchen anderen Fällen gemacht wurde. Dadurch hatten die Bewohner:innen mehr Vertrauen, dass ihnen nichts Schlimmes passiert, wenn sie mit uns zusammenarbeiten und sich testen lassen.

Beim weit überwiegenden Teil der Fälle klappt es gut mit der Quarantäne. Trotzdem müssen wir akzeptieren, dass jede Regel, die man aufstellt, auch von manchen verletzt wird. Einige Leute hält man selbst mit hohen Strafen nicht davon ab. Corona-Leugner:innen fühlen sich wohl wie Rebellen und je höher die Strafe, desto mehr fühlen sie sich bestärkt in ihrem Rebellentum.

Wie reagieren die Leute denn allgemein auf die Nachricht, dass sie in Quarantäne gehen sollen?

Die meisten Leute sind sehr verständnisvoll. Neulich habe ich mit einer älteren Dame gesprochen, die sich überschwänglich bei mir bedankt hat, dass ich ihr Bescheid sage. So viel Dankbarkeit freut mich natürlich. Das ist angenehmer, als länger diskutieren zu müssen, zum Beispiel, wenn das Testergebnis negativ ist. Dadurch verkürzt sich die Quarantäne bei Kontaktpersonen 1. Grades nämlich nicht.

Warum?

Man kann nie sicher sein, ob ein negatives Testergebnis daher kommt, dass Menschen zu früh oder zu spät getestet wurden oder weil der Abstrich vielleicht falsch genommen wurde. Deshalb sollen alle Kontaktpersonen 1. Grades sicherheitshalber auch 14 Tage in Quarantäne bleiben. Das versteht nicht jeder gleich.

Wie reagieren Arbeitgeber auf Quarantäne-Anordnungen?

Eigentlich ziemlich verständnisvoll. Anders ist das aber, wenn Kinder in Quarantäne müssen. Da fehlt manchmal schon das Verständnis dafür, dass die Eltern dann nicht zur Arbeit gehen können. Besonders, wenn Kinder mehrmals in Quarantäne müssen, weil es mehrere Fälle hintereinander in einem Kindergarten gibt. Letztens hatte ich ein Gespräch mit einer ziemlich verzweifelten Mutter, die Angst hatte, dass ihr gekündigt wird. Sowas geht einem dann schon nah.

Was mich auch aufregt, ist, wenn Arbeitgeber das Problem runterspielen wollen. In einem Restaurant in einer Fast-Food-Kette war das so. Da stellte sich erst nach und nach heraus, wer alles Kontakt zu einer infizierten Person hatte. Der Besitzer hatte seinen Leuten nahegelegt, manches zu „vergessen“, damit er die Schichten alle besetzen kann.

Oh!

Ja, sehr ärgerlich, sowas.

Hilft euch eigentlich die Corona-Warn-App?

Sie hilft, wenn viele Leute sie nutzen. Sie ist wichtiger, je weniger Kontakteinschränkungen es gibt. Die App ermöglicht, dass sich Kontaktpersonen bei den Gesundheitsämtern melden, die wir sonst nicht so ohne Weiteres ausfindig machen können. Es wäre sinnvoll zum Beispiel für alle, die in einem Zugabteil sitzen, die App zu nutzen. Aber weil im Moment nicht genügend Menschen die App haben, ist der Nutzen noch überschaubar. Aber man sieht auch eine Entwicklung. Es kommt mittlerweile häufiger vor, dass sich Leute melden, deren App eine erhöhte Warnstufe anzeigt. Das waren so zwei Leute am Tag in der letzten Woche. Wir bieten den Personen dann einen Test an. Diese waren bis jetzt in unserem Bezirk alle negativ.

Was denkst du, wie es im Herbst weitergeht?

Ich sehe für Berlin drei mögliche Entwicklungen: Optimistisch wäre, dass die Fallzahlen weiter abnehmen. Die Fortsetzung des jetzigen Trends wäre, dass die Fallzahlen auf recht niedrigem Niveau stabil bleiben. Wir bereiten uns aber auch darauf vor, dass nach den Sommerferien die Fälle wieder zunehmen können, vor allem mit Öffnung der Schulen, und wenn sich im Herbst das Leben wieder mehr in die Innenräume verlagert. In jedem Fall ist es für eine Stadt wie unsere immer möglich, dass es unerwartet neue Ausbrüche gibt, die im schlimmsten Fall auch eine Zeit lang unerkannt bleiben.

Wenn es wieder zu einem Anstieg der Fallzahlen kommt, würden die Medien das dann wohl 2. Welle nennen. Aber diesen Begriff finde ich schwierig, denn er beschwört eine Lage herauf, wie wir sie im März und April hatten: Das Virus konnte sich damals unbemerkt in der Bevölkerung verbreiten. Wir waren nicht ausreichend vorbereitet: Zu wenige Test, kein Bewusstsein für Hygienemaßnahmen – damals besaß fast niemand eine Maske. Außerdem waren die Orte mit dem höchsten Risiko noch offen, wie zum Beispiel Clubs. Es gab vielerorts viele Tote.

Die Politik musste dann mit einem kompletten „Lockdown“ reagieren, also mit der pauschalen Schließung von Schulen, Restaurants, Bars und so weiter. Da bin ich optimistisch, dass sich diese Geschichte so nicht wiederholen wird. Wir würden einen neuen Anstieg der Fallzahlen schneller erkennen und könnten zielgerichteter reagieren.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Verena Meyer

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