© Lea May

Nährboden für Hass

Wie ich zum Rassisten wurde

von Benjamin  Hindrichs
etwa 18 Min. Lesedauer

Der Hass schmeckt staubig und erschreckend unaufgeregt: Mit elf Jahren stehe ich mitten im nachmittagsbesonnten Industriegebiet am Rande der westdeutschen Kleinstadt, in der ich lebe. Vor mir ein Zaun, der mich von einem Fußballplatz trennt. Die Sonne glüht am Himmel. Sehnsüchtig folgen meine Augen dem Ball. Ich könnte sie alle fertig machen, denke ich und beiße mir auf die Lippe. Aber ich darf nicht. In der Pause kommt ein Bekannter meines älteren Bruders zu mir und deutet mit dem Kinn auf die andere Seite des Spielfeldes. „Geh mal rüber zu Jouma* und spuck ihn an, den Kanacken, dann kannste mitspielen“, sagt er. Ich zögere nicht, gehe rüber, spucke ihm ins Gesicht und brülle: „Kanacke!“ Als er mir dafür eine runterhauen will, stellen sich die Freunde meines Bruders vor mich. Ich darf mitspielen, Jouma muss abhauen.

14 Jahre sind seither vergangen. 14 Jahre der Gewalt, in denen die Amadeu-Antonio-Stiftung insgesamt 52 Todesopfer rechter Angriffe in Deutschland zählt. Hinzu kommen allein im Jahr 2017 durchschnittlich mehr als vier Angriffe pro Tag auf Geflüchtete oder ihre Unterkunft und aktuell 482 polizeilich gesuchte Rechtsextreme im Untergrund. Rassismus gehört in Deutschland zum Alltag. Deshalb protestieren nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA auch hierzulande gerade tausende Menschen gegen strukturelle Diskriminierung und Ausgrenzung.

Wie groß das Problem ist, zeigte nicht zuletzt der rassistische Anschlag in Hanau, bei dem der Täter acht Männer und eine Frau in einer Shisha-Bar erschossen hat. Die Bild-Zeitung faselte zunächst etwas von „organisierter Kriminalität“. Dann begriffen Medien und Politik größtenteils, dass der Anschlag rassistisch und nicht „fremdenfeindlich“ war; die Ermordeten waren nicht fremd. Sie wurden aufgrund ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer Namen und ihres Akzents hingerichtet.

„Rassismus ist natürlich auch eine Verschwörungstheorie“, murmelte Alexander Gauland, Fraktionsvorsitzender der AfD im Bundestag, wenige Tage später in eine Kamera. Und als die FAZ kurz darauf die Ergebnisse einer neuen Studie mit den Worten „AfD-Wähler antidemokratisch und antisemitisch geprägt“ zusammenfasste, dürfte niemand sonderlich überrascht gewesen sein. Ich zumindest war es nicht.

Aber ich fragte mich: Was hat das mit mir zu tun?

Nicht mit jenen, die ihre rassistische und rechtsextreme Gesinnung offen zur Schau stellen und aus ihrer Menschenfeindlichkeit keinen Hehl machen. Welche Mitschuld trage ich an Hanau? Was ist mein Anteil an den Grausamkeiten, die all jene täglich erfahren, die anders leben, begehren, aussehen, glauben oder sprechen? Welche Rolle spiele ich in einem System, gegen das seit einigen Wochen weltweit Hunderttausende auf die Straße gehen?

Mein Uropa war ein rassistischer Antisemit

„Der Hass bricht nicht plötzlich aus, sondern er wird gezüchtet. Alle, die ihn spontan oder individuell deuten, tragen unfreiwillig dazu bei, dass er weiter genährt werden kann“, schreibt die Philosophin und Journalistin Carolin Emcke. Was sie damit meint, wird an meiner eigenen Familie und ihrer Geschichte besonders deutlich.

Ich bin im Bergischen Land aufgewachsen. In einer Familie, in der gerne von der Vergangenheit geredet wird. Oder zumindest von einer Illusion davon: Von all dem, was angeblich mal besser war, geordneter und sicherer. Um die wahrhafte Vergangenheit geht es selten. Das verwundert nicht, entpuppt jeder genauere Blick doch ihr wahres Antlitz.

„Er war kein Nazi“, behauptet mein Vater immer wieder, wenn ich ihn auf die Rolle meines Uropas im Zweiten Weltkrieg anspreche. Dass mein Urgroßvater ein rassistischer Antisemit war, kommt meinem Vater nicht in den Sinn, im Gegenteil. Für ihn ist die Lage klar: Sein Großvater hatte angeblich keine andere Wahl, als an die Front zu gehen. Er sei ein guter Mann und ehrlicher Christ gewesen, das Kämpfen fürs eigene Vaterland eine „Frage der Ehre“.

Das Problem: Wenn all jene, die an der Front für das deutsche „Vaterland“ mordeten; alle, die zuhause das Verschwinden ihrer Nachbar:innen bemerkten; wenn all die Hunderttausenden, die an der Shoah beteiligt waren, und all die anderen, die dem Volksempfänger Beifall spendeten und die Straßenseiten wechselten, nichts wussten und nichts mit der NS-Ideologie zu tun hatten: Wer waren dann „die Nazis“?

Autoren wie Max Czollek und Samuel Salzborn räumen mit dem Mythos der Vergangenheitsbewältigung hierzulande auf. Sie beschreiben, wie das Verdrängen der eigenen Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus der erste Schritt zur gemeinsamen „Wiedergutwerdung“ der Deutschen war. Und das Verschweigen der eigenen Leichen im Keller eine Art Komplizenschaft begründete: Es diente als Klebstoff einer Gesellschaft, die sich über Jahre hinweg vom antisemitischen Hass genährt hatte – und das später nicht zugeben wollte. Dieses Verschweigen und die Verortung der Schuld bei den „anderen“ dient bis heute der Selbstentlastung.

Mein anderer Uropa war ein stummer Zuschauer

Mein anderer Uropa war nicht im Krieg. Als die Wehrmacht im April 1945 vor den Alliierten floh, kreuzte ihr Weg aber auch seinen Bauernhof. Gerüchte gingen um: Sie würden alles mitnehmen, was ihnen in die Hände fiel. Mein Uropa wollte aber seinen Wagen behalten, schraubte deshalb alle Reifen ab und ersetzte sie durch abgewetzte Gummiringe. Die anderen versteckte er unter dem Heuhaufen. Er muss um sein Leben gefürchtet haben, doch die List gelang. Und sie wird in meiner Familie gerne als Heldengeschichte erzählt.

Aber mein Uropa war kein Held. Er war kein Widerstandskämpfer und auch kein Gegner des Nationalsozialismus. Er wollte einfach nur sein Auto nicht hergeben.

Das augenscheinlich einzige Mal, dass er sich dem NS-Regime widersetzte, tat er es also aus purem Eigeninteresse. Sonst sah er weg. Er schloss die Augen vor einer Wirklichkeit, die abermillionen Menschen ihre Menschlichkeit absprach. Und nickte ihre Vernichtung stillschweigend ab.

Dieses unsichtbare Einverständnis mit dem NS-Gedankengut verschwand auch nach 1945 nicht einfach, im Gegenteil. Menschen wie meine Urgroßeltern gaben es an ihre Kinder weiter, und die an ihre Kinder – durch Spiele, Bücher, Erziehungsmethoden, Traumata, Männlichkeitskult, Rollenbilder und der stummen Sehnsucht nach Autorität, „Volk“ und Vaterland.

Meine Großeltern väterlicherseits kannte ich kaum. Ich weiß nicht, was sie bewegte. Ich weiß nicht, wovon sie mal träumten oder wer sie waren und sein wollten. Ich weiß aber, dass mich bei meinen Besuchen ein riesiges Heer an kleinen Plastiksoldaten, Panzern und Modellflugzeugen erwartete, das sie jedes Mal aus Schuhkartons und staubigen Kisten aus dem Keller holten. Meine Besuche waren selten, aber immer gleich: Erst schlugen wir uns den Bauch voll. Dann gingen wir Krieg spielen. Wer die meisten Russen oder Alliierten umbrachte, gewann. Erst als junger Erwachsener habe ich verstanden, dass die geschichtsrevisionistischen Zeitschriften im Bücherregal meines Vaters und sein rechtsautoritäres Gedankengut nicht von irgendwoher kommen.

Mein Vater ist rechtsautoritär und meine Mutter schweigt

Er habe nichts gegen Ausländer:innen, betont mein Vater heute immer wieder. Aber es sei ja langsam auch genug. Er fürchtet sich. Vor „Überfremdung“, „dem Islam“, offenen Grenzen, „denen da oben“, dem „Genderwahn“ und der Homo-Ehe. Er bezeichnet sich als „Klimarealist“ und findet, Schüler:innen gehören in die Schule. Das Coronavirus, so glaubt er, sei nur ein Vorwand um unsere Rechte zu beschränken. Berichtet die Tagesschau über Klimaproteste, wettert er gegen die „Indoktrinierten“. Nennt jemand Björn Höcke einen Faschisten, fragt er mich, warum denn nie über Linksextremismus berichtet werde. Referiere ich über den Zusammenhang von rassistischer Hetze und Rechtsterrorismus, schweift er ab und redet über das Wetter. Meine Mutter akzeptiert das, sie schweigt und rollt genervt mit den Augen, wenn mein Vater und ich aneinandergeraten. Sie versteht nicht, wieso sie das N-Wort nicht sagen soll und was das mit Rassismus zu tun hat, schließlich hätten früher in der Schule alle den schwarzen Schularzt so genannt.

Dass ihr Schweigen und Wegsehen die Gräuel der Gegenwart legitimieren und fortschreiben, das werfe ich beiden immer wieder vor. Ihre Positionen frustrieren mich. Vor allem die Ansichten meines Vaters lösen maßloses Unbehagen in mir aus, seine Deutung der Welt eine überwältigende Wut.

Aber bin ich selber so viel besser?

Über Jahre hinweg dachte ich, ich gehöre zu den Guten. Doch es waren Jahre der Unwissenheit, der Verdrängung und des Wegsehens. Ich verkannte das Kontinuum der Gewalt, das bis in die Wurzeln unserer Kultur reicht. Und damit auch mein eigenes Handeln und Denken prägt, nicht bloß das meiner Vorfahren und Verwandten.

Meine Kindheitshelden waren weiße Männer, die über andere herrschten

Die Geschichte der Gewalt beginnt immer im Kleinen. Die Explosion steht am Ende der Zündschnur, nicht an ihrem Anfang: Es braucht Funken, um die Schnur in Brand zu setzen. Und die allein wirken meist unscheinbar, nicht bedrohlich. Gerade das macht sie so gefährlich.

Als Kind spielte ich oft mit Playmobil „Cowboy und Indianer“. Ich war natürlich immer der Cowboy. Ich liebte die Vorstellung, auf dem Rücken eines muskulösen und sehnigen Vollbluts über die Prärie zu jagen und neue Ländereien zu entdecken, ich träumte von nichts anderem. Schon mit fünf oder sechs Jahren las ich sämtliche Bücher von Karl May, versinke in diesen unberührten Phantasielandschaften voller Abenteuer.

Meine Helden in dieser Zeit waren weiße Männer, die rauchend in die Abendsonne ritten, nachdem sie andere abgeschlachtet und vertrieben hatten. Weiße Männer, die die als primitiv, arm und wehrlos dargestellten sogenannten Indianer retteten, weil sie das ja selbst nicht konnten. Ich wollte so sein wie sie. Ich wollte ein Held sein.

Was ich damals nicht wusste: Der amerikanische Kontinent wurde nicht entdeckt. Schon bevor Kolumbus 1492 in Guanahani an Land ging, lebten dort Millionen von Menschen. Doch die wurden ausgerottet und vergewaltigt, ihr Besitz geplündert, ihr Glaube verteufelt, ihr Wissen vernichtet.

Mit der Bezeichnung „Indianer“ kollektivierten wir Europäer:innen Millionen von Menschen, stellten sie als unterlegen dar, diskriminierten sie und machten sie als Individuen unsichtbar. Wir sprachen ihnen ihre Menschlichkeit ab. Wir fetischisierten sie als „edle Wilde“ oder als „Barbaren“, die es zu unterwerfen und zu missionieren galt. Und dieser Mythos wurde in unseren Geschichten festgeschrieben und lebt weiter fort, in Büchern, Filmen und Erzählungen, auf dem Meeresgrund unserer kollektiven Erinnerung. Dort liegt die Gewissheit, dass die Weißen die Guten seien, die anderen die Bösen, Exoten. Und dass die Gewalt meiner Kindheitshelden, körperlich wie sprachlich, okay ist. Das bedeutet, ich lernte von klein auf also auch: Meine Gewalt ist okay.

Natürlich ist das zunächst bloß Spiel, Fantasie und Fiktion. Doch irgendwann werden die Personen real. Und die Feindbilder bleiben gleich. Das ist das Fundament, auf dem wir Rassismus, Sexismus und Antisemitismus erlernen. Der Nährboden, auf dem der Hass gedeihen kann.

Aus abstrakten Feindbildern wurden für mich reale Menschen

Ich bin in der Grundschule. Ich trage eine Tigerentenbrille, habe Segelohren und einen Pferderanzen. Noch dazu bin ich ein absoluter Klugscheißer. Ich hatte kaum Freunde in meinem Alter. Also hängte ich mich an die Freunde meines älteren Bruders. Ich wollte dazugehören und sie köderten mich mit ihrer Anerkennung: Wenn ich ihren Aufforderungen und Befehlen Folge leistete, gehörte ich dazu. Deshalb fragte ich auch nicht nach, als mir einer aufträgt, einen Mitschüler abzuziehen. Eine „Schwuchtel“ – einen, der nicht ihrem Bild eines „echten Kerls“ entspricht.

Ich bin in der ersten oder zweiten Klasse, als ich nach dem Unterricht zu ihm gehe, mich vor ihm aufbaue und zu ihm hinaufblicke. Er ist zwei Köpfe größer als ich, aber mein Ego überragt seine Schultern um Meter: Ich bin unbesiegbar. „Gib mir deine Zeitschrift, dann kannst du gehen“, zische ich ihn an und deute auf das Magazin in seiner Rechten. Er zögert. Ich nicht. Seine Brille landet klirrend auf dem Schulhof. Er weint. Ich werde von ihm weggezerrt und nach Hause geschickt. Dort muss ich einen Entschuldigungsbrief schreiben, um ihn anschließend vor seiner Klasse vorzulesen. Das ist mir nicht nur völlig egal, ich finde es großartig. Ich berausche mich an dem Gefühl der Überlegenheit, das meinen Körper durchströmt.

Es macht mir nichts aus, andere zu erniedrigen oder zu beleidigen, im Gegenteil. „Kanacke“, „Schwuchtel“ und „Homosau“ sind zu dieser Zeit meine Lieblingsbeleidigungen. Später dann auch: „Du Jude“, manchmal ebenfalls mit dem Zusatz „Sau“. Was ein Jude ist, weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht. Aber ich mache zahllose Witze über sie. Habe ich so übernommen, von den Älteren.

Mit zehn Jahren habe ich so bereits gelernt, dass der Bodensatz unserer Gesellschaft aus allen besteht, die nicht weiß, männlich und heterosexuell sind. Mit zehn bin ich die Krone der Schöpfung. Ich bin die weiße Mehrheitsgesellschaft. Und so verhalte ich mich auch, jahrelang. Ohne es auch nur einmal zu hinterfragen.

Bis ich einige Jahre später auf dem Heimweg nach der Schule einen Streit provoziere und Muhanad* eine Mischung aus all diesen Beleidigungen an den Kopf werfe. Diesmal ist niemand da, der sich vor mich stellt. Kurz darauf liegen wir neben der Straße und wälzen uns durch den Matsch. Er hat eine blutende Nase, ich ein gebrochenes Schlüsselbein. Zuerst fühle ich mich unglaublich männlich: Mutig, überlegen, entschlossen. Abends dann liege ich in meinem Bett und heule ins Kissen. Ich fühle mich armselig und frage mich, warum ich so gehandelt habe. Muhanad ist eigentlich ein Freund, wir sehen uns jeden Tag. Wir spielen gemeinsam Fußball, oder hängen an den Bahnschienen ab. Ich widere mich selbst an. Vielleicht, weil ich zum ersten Mal merke, dass meine Provokation keinen triftigen Grund hatte, außer der puren Lust auf Gewalt und auf das Verspüren von Macht. So will ich nicht sein, denke ich und beschließe, mich zu ändern.

„Männlichkeit zu konstruieren bedeutete, sich ein anderes Leben zu versagen, eine andere Zukunft, ein anderes gesellschaftliches Schicksal“, schreibt Édouard Louis in seinem Buch „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ Was er damit sagen will: Unser Bild davon, wie Männer sein und handeln müssen, ist ein Käfig. In dem Moment, in dem wir es annehmen, nehmen wir uns die Möglichkeit, selbstbestimmt anders zu sein.

Nach der Prügelei distanzierte ich mich allmählich von meinem früheren Ich und mied die Gesellschaft der Freunde meines Bruders. Ich las viel und begann, mein eigenes Verhalten und Ego zu hinterfragen. Erst mit etwa 15 Jahren lernte ich, was Rassismus ist und merkte, wie Männlichkeitsvorstellungen mein Verhalten prägten. Ich hielt mich jetzt für unglaublich aufgeklärt und tolerant. Das Problem: Rassismus hat viele Gesichter. Sie alle sind hässlich, doch ich hatte mich so sehr an sie gewöhnt, dass sie mir als Nicht-Betroffenem gar nicht auffielen.

Wir Nicht-Betroffenen sehen oft nicht die vielen Gesichter von Rassismus

Im Matheunterricht der elften Klasse – ich bin inzwischen Schüler:innensprecher – stellt mein Mitschüler Sam*, der als Kind aus dem Iran geflohen ist, eine Frage. Unser Lehrer antwortet mit einem spöttischen Lächeln auf den dünnen Lippen: „Wie soll ich dir denn Mathe beibringen? Du kannst ja nicht mal richtig Deutsch.“ Keiner von uns sagt etwas. Niemand steht auf und stellt ihn zur Rede. Niemand nimmt ihn in Schutz. Wir sagen nicht einmal das Offensichtliche: Er spricht fließend Deutsch. Wir sind uns zwar einig, dass unser Lehrer ein Arschloch ist, aber wir schweigen, weil wir selber nicht betroffen sind. Weil wir glauben, die Feindseligkeit unseres Lehrers hätte mit uns nichts zu tun. Wir irren uns.

Wir sehen nicht, dass wir als Weiße Teil der Gruppe sind, die seit Jahrhunderten von systematischer Unterdrückung profitiert. Wir sehen nicht, dass wir nicht gesehen werden. Dass wir uns in der Öffentlichkeit bewegen können, dass wir frei sprechen können, ohne die Blicke der anderen auf uns zu ziehen. Wir sehen auch nicht, dass wir als freie Individuen und nicht als Teil einer Gruppe, etwa der Flüchtlinge, des Islam, der Ausländer, gesehen werden. Und dass unser Verhalten nicht umgehend auf unsere vermeintliche Herkunft bezogen wird.

Wir sehen auch später nicht, dass wir es deshalb leichter im Leben haben. Dass wir häufiger zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden. Dass wir unbemerkt durch die Stadt laufen können. Dass uns niemand andauernd fragt, wo wir denn „wirklich“ herkommen. Dass wir schneller ein WG-Zimmer finden.

Unser Weißsein fällt uns nicht auf, wir behaupten, farbenblind zu sein. Eine Illusion. Sie speist sich aus dem Privileg, niemals auf seine vermeintliche Kultur oder sein Aussehen reduziert zu werden. Sich niemals dafür rechtfertigen zu müssen.

Meine Eltern habe ich immer wieder dafür kritisiert, dass sie die Augen vor Rassismus verschließen. Dabei gehörte ich während meiner ganzen Schulzeit selbst zu denjenigen, die weggesehen haben. Ich gehörte zu denen, die nichts gehört haben wollen, die durch ihr Schweigen ihre Zustimmung kaschierten. Und die Unterdrückung fortgeschrieben haben, ohne es zu merken.

Ich begann, mich selbst zu hinterfragen

„Es kommt nicht so sehr darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat“, schreibt Jean-Paul Sartre in seinem Buch „Saint Genet“. Wenn das nur so leicht wäre: Ich selbst habe meine eigenen Fehler immer erst erkannt, nachdem ich rassistisch, sexistisch oder antisemitisch gehandelt oder gedacht habe und andere – Personen oder Bücher – mich anschließend auf mein Fehlverhalten aufmerksam machten. Das kann es nicht sein. Denn es ist nicht nur wahnsinnig anstrengend für Betroffene, sondern auch reaktionär: Es behandelt Symptome, aber keine Ursachen. Das muss so nicht sein.

Wir können das Problem auch an der Wurzel angehen. Denn die Geschichte meines eigenen Rassismus ist die Geschichte unseres gesellschaftlichen Rassismus. Sie begann nicht erst mit elf Jahren auf dem Fußballplatz und auch nicht mit meinem Uropa im Zweiten Weltkrieg, sondern schon Jahrzehnte, nein, Jahrhunderte zuvor.

„Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften“, schrieb der Philisoph Immanuel Kant im 18. Jahrhundert. Die Gallionsfigur der Aufklärung bezog deren Vision – Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit – vor allem auf weiße Männer. Darüber haben wir im Philosophieunterricht nie gesprochen. Dabei ist Kant bloß ein Beispiel von vielen dafür, dass Rassismus hierzulande auf eine gut gepflegte und namhafte Tradition zurückgreift. Doch wir verschweigen sie, reden nicht darüber.

Auch unsere Kolonialgeschichte haben wir bis heute nicht aufgearbeitet. Wir Deutschen verübten den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Zwischen 50.000 und 70.000 Menschen wurden nach der Unterjochung geschlachtet, in der Wüste ausgehungert oder zu Tode gehetzt. Auch davon habe ich in der Schule nie ein Wort zu hören bekommen. Wir Deutschen verschweigen und verdrängen die eigene Schuld. Und schreiben sie so fort.

Wir brauchen neue Debatten, um alte Denkmuster aufzubrechen

„Wir schreiben, wir schreien, wir warnen, wir leiden, wir trauern, wir verstummen. Wir heilen. Wir schreiben. Jetzt seid ihr an der Reihe“, schrieb die Journalistin Şeyda Kurt nach dem Terroranschlag in Hanau. Sie hat recht. Noch heute erwische ich mich immer mal wieder dabei, wie ich mein Handy fester greife, wenn ich nachts an People of Color vorbeilaufe. Oder, dass ich genervt die Augen abwende, wenn eine migrantische Person am Bahnhof auf mich zukommt – nur weil ich reflexartig glaube, sie will mir Drogen verkaufen.

Ich will so nicht denken, ich schäme mich dafür. Aber ich habe es von Klein auf nicht anders gelernt: Die Guten, die Helden, sind weiß. Die Bösen, die Grausamen, das sind die anderen. Diese Erzählung hat sich in meiner Denkweise festgesetzt. Das zu erkennen, ist der erste Schritt. Doch er reicht nicht aus. Dass wir Betroffenen zuhören und uns informieren, Bücher wie die von Alice Hasters, Noah Sow oder Tupoka Ogette lesen, sollte selbstverständlich sein. Aber nicht nur das: Wir müssen auch öfter und offener über unser Weißsein und unser eigenes rassistisches Verhalten reden. Darüber, wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus unser Weltbild prägen. Wie wir es reproduzieren.

„Wann warst du das letzte Mal traurig, und wie hast du es ausgedrückt?“, fragen wir uns regelmäßig in meinem Freundeskreis, wenn die Lust auf Smalltalk verschwindend gering ist. Zuletzt wandelten wir die Fragestellung ab. Wir fragten uns, wann wir das letzte Mal rassistisch gehandelt oder gedacht haben, wie wir darauf reagiert und uns dabei gefühlt haben haben. Ein guter Freund erzählte daraufhin, wie er einige Tage zuvor auf dem Liegestuhl eines Cafés in aller Ruhe einen Cappuccino trank, während ihm gegenüber zwei Polizist:innen die einzigen People of Color weit und breit nach Drogen durchsuchten. Er sagte nichts.

Das muss sich ändern. Wir müssen aufhören zu schweigen. Denn es ist dieses Schweigen, es ist unser Schweigen, dass seit jeher den Hass in diesem Land kaschiert, ihm die Türe öffnet, ihn nährt. Wenn sich das nicht ändert, wenn wir uns nicht ändern und Rassismus weiterhin nur im Selbstgespräch der Betroffenen thematisiert wird, ändert sich langfristig wenig. Außer vielleicht der Tatort und die Anzahl der Opfer.


*Name vom Autor geändert

Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Martin Gommel

Prompt headline