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Atemmasken, Desinfektionsmittel, Kittel – was gerade wirklich fehlt

Unsere Kliniken brauchen dringend Schutzkleidung – sonst wird die Epidemie noch schlimmer

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Es scheint, als würden sich die Menschen in Deutschland gerade mit dem Coronavirus arrangieren: Die Straßen sind leer, die Panikkäufe in den Supermärkten legen sich. Aber ich habe mit Krankenpfleger:innen, Ärzt:innen und Sanitäter:innen geredet: Es wird schlimmer, als wir uns das gerade vorstellen können.

Denn den Menschen im Gesundheitswesen und in der Pflege fehlt eine Sache: Schutzausrüstung. Mitten in einer sich schnell entwickelnden Pandemie, in einem Land, das sich im Überfluss wähnt.

Das Material wird streng rationiert: eine Atemschutzmaske, die sogenannte FFP2-Maske, pro Person pro Schicht. In vielen Rettungswagen, Notfallambulanzen und auf Station ist das gerade die Realität. In Altenheimen und bei Pflegediensten, in Hausarztpraxen und spezialisierten Praxen, wie Dialyse-Zentren, gibt es manchmal gar nichts. Keine Atemschutzmaske, keinen einfachen Mundschutz, keine Kittel, kein Desinfektionsmittel, vielleicht noch Handschuhe. Viele strengen sich an, auf eigene Faust Masken zu organisieren. Sie bezahlen auch mal 10 Euro pro Stück, bei einem Herstellungspreis von 40 Cent.

Das alles sind keine Breaking News. Wir haben es schon oft gehört. Aber mein Eindruck ist: Wir haben noch nicht verstanden, was das eigentlich bedeutet.

Das Virus ist gefährlich. Punkt.

Viele Menschen wissen zwei Dinge über das SARS-CoV-2-Virus. Das Virus macht nicht jede:n schwer krank, sondern „nur“ etwa jede:n fünften. Und es ist hoch ansteckend. Deshalb die Kontakteinschränkungen. Den meisten ist zwar bewusst, dass das Coronavirus jetzt zu einem „Stresstest“ für das Gesundheitssystem wird. Doch Stresstest klingt ein bisschen nach Trockenübung. Nichts Ernstes halt. Ein fataler Irrtum.

Schauen wir mal etwas anders auf die Situation. Erstens: Das Virus bringt einen von fünf Menschen in schwere Atemnot, die im Krankenhaus versorgt werden muss. Von diesen Menschen muss wiederum circa jede:r zehnte künstlich beatmet werden, und das etwa drei Wochen lang. Im Schnitt zwei Wochen länger als der Durchschnitts-Intensivpatient. Das heißt, die Betten sind schnell voll. Zweitens: Das Virus ist hoch ansteckend, selbst wenn es nur Symptome auslöst, die man nicht bemerkt. Dann ist die Lunge oft trotzdem betroffen, das bleibt aber unentdeckt.

Daraus folgt: Medizinisches Personal kann sich anstecken, ohne es zu bemerken. Denn diese Menschen werden genauso wie wir alle nur bei einem begründeten Verdacht getestet, das heißt bei Kontakt zu einem bestätigten Fall plus Symptomen. Das Robert Koch-Institut antwortet am 25. März auf meine Frage, wie das zu verstehen ist: „Bei der Teststrategie ist das Medizinpersonal natürlich wichtig. Die Schutzmaßnahmen fürs Medizinpersonal kennen Sie vielleicht. Es ist wichtig, dass sie eingehalten werden, um Infektionen bei Medizinpersonal und bei Patienten zu vermeiden.“

Ein Flussschema des Robert Koch-Instituts soll Ärzt:innen helfen zu entscheiden, wer getestet wird und wer nicht.

Der letzte Halbsatz verdient besondere Beachtung. Denn Patient:innen sind gefährdet, wenn sich das Personal nicht selbst vor einer Ansteckung schützen kann.

Fehlende Schutzkleidung ist gefährlicher. Ausrufezeichen.

Aber niemand im Gesundheitswesen kann es sich im Moment leisten, auf die gut ausgebildeten Fachkräfte zu verzichten. Selbst wenn sie eigentlich vorsichtshalber in Quarantäne gehörten, weil sie Symptome haben, die auf Covid-19 deuten. Sie arbeiten im Zweifel weiter. Weil es Arbeitgeber:innen so wollen oder aus Pflichtgefühl. Warum auch nicht, wenn man sich nicht krank genug fühlt und alle gebraucht werden?

Nur nach dieser Logik wird ein signifikanter Anteil der Fachkräfte vermutlich an Covid-19 erkranken. Und ja, einige von ihnen werden auch daran sterben, sagt die Statistik. Das setzt eine Kettenreaktion in Gang, die noch mehr Menschenleben gefährdet. Auch in Deutschland. Das Virus erkennt nicht an, dass wir uns manchmal für besser halten als andere.

Sieben medizinische Fachgesellschaften haben inzwischen eine klinisch-ethische Handlungsempfehlung veröffentlicht, die Entscheidungen erleichtern soll. Sie ist nur für absolute Notsituationen gedacht: Wann sollen Menschen beatmet werden, wenn zu wenige Beatmungsplätze da sind? Wann soll der Sterbeprozess akzeptiert und wann erleichtert werden? Das sind Entscheidungen, die niemand von uns treffen will. Auch erfahrene Intensivmediziner:innen nicht. Das haben mir mehrere von ihnen berichtet.

Wie es weitergehen könnte, zeigen Italien, Spanien und Frankreich. Dort ist Schutzausrüstung ebenso knapp. Altenheime müssen evakuiert werden, weil sich in ihnen das Virus ungehindert verbreitet hat, übertragen von den Pfleger:innen. Wie lebt ein Krankenpfleger mit dieser Belastung, wie eine Ärztin? Sie würden sich ja schützen, wenn es möglich wäre.

Eine Delegation des deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen hat eine Klinik in Straßburg besucht und danach einen Brandbrief an die Landesregierung von Baden-Württemberg geschrieben. Nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, trifft zum Teil pro Stunde ein:e beatmungspflichtige:r Patient:in in der Klinik ein. Was sonst üblich ist, dass sie der Reihe nach behandelt werden, ist unter diesen Umständen längst nicht mehr möglich. Diejenigen mit der besten Prognose auf Heilung kommen zuerst dran, wenn nicht genug für alle da ist. Und Menschen über 80 eben im Zweifel gar nicht mehr. So gehen Ärzt:innen nur im Katastrophenfall vor, zum Beispiel bei Unfällen mit vielen Verletzten.

Wir brauchen Masken. Schnell.

Für die Mediziner:innen, mit denen ich gesprochen habe, ist das drängendste Problem jetzt die fehlende Schutzausrüstung. Die Bundesregierung hat zwar versprochen, alles zu besorgen, was jetzt noch fehlt. Doch dieses Versprechen scheint vor allem eins zu sein: leer. Ein Hersteller der Schutzausrüstung hatte schon vor knapp zwei Monaten beim Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Alarm geschlagen – ohne eine Antwort zu erhalten.

Die Zahl der bestätigten Infektionen steigt weiter. Gestern sind offiziell fast 6.000 infizierte Menschen dazugekommen. Ein Amtsarzt aus Berlin stellt fest: „Zehn Prozent der bestätigten Infektionen in Berlin gehören zum medizinischen Personal.“

Deutschland ist in einer außergewöhnlichen Situation. Außergewöhnliche Maßnahmen müssen nun folgen. Der Staat muss jetzt die Herstellung von Schutzausrüstung organisieren. Mobile Produktionsstraßen von mir aus. Oder Klopapier-Hersteller, die auf Mundschutzmasken umstellen. Ja, so radikal denke ich inzwischen.

Niemand will erleben, dass sich Pflegekräfte Schutzkittel aus Müllsäcken basteln müssen, wie in New York geschehen. Oder dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen auf selbstgenähte Mundschutzmasken zurückgreifen müssen.

Der Bundestag hat der Bundesregierung inzwischen mit einem Gesetz die Möglichkeit gegeben, die Herstellung von Schutzausrüstung besser zu steuern und diese im Zweifel auch zu beschlagnahmen. Davor darf die Regierung nicht zurückschrecken, wenn es nötig ist.

Denn es reicht nicht, den Menschen im Gesundheitswesen, die sich gerade für uns verheizen lassen, nur zu applaudieren. Es braucht eine Gefahrenzulage und die Umsetzung dessen, was versprochen wurde. Viel Zeit bleibt dafür nicht mehr.


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