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Vorurteile in den Medien

„Putin war's!“ – Darum sind manche Länder immer die Bösen

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Gab es in den vergangenen Jahren einen größeren Hackerangriff, kam oft schnell der Verdacht: Die Russen waren’s! Und das, obwohl es bei den vorhandenen technischen Möglichkeiten praktisch unmöglich ist, sowas eindeutig nachzuweisen.

Das heißt nicht, dass Russland in der Richtung nichts tut, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass die Paranoia überhandnimmt, nicht nur bei den Hackerangriffen. 2015 sorgte die angebliche Sichtung eines russischen U-Boots vor Schweden für Aufregung, obwohl das Fahrzeug nicht von dort, sondern eventuell sogar aus Deutschland stammte.

Bei aller berechtigen Kritik an Russland gibt es immer wieder mal Berichte, in denen sich Fakten mit Behauptungen vermischen - etwa der, dass Putin die AfD finanziere. Schon die Berichterstattung im Ukraine-Konflikt 2014 war nachweislich von einem Schwarz-Weiß-Denken geprägt, für das es viel Kritik gab.

Die Rolle von Medienberichten ist nicht zu unterschätzen: Sie können die Einstellung der Bevölkerung und darüber hinaus auch die der Politik beeinflussen. Wenn sie einseitig ausfallen, bekommen wir dann selbst von Appellen zur Deeskalation vielleicht gar nichts mehr mit. So wie allgemein gilt: Wenn voreilige Verdächtigungen oder Falschmeldungen später aufgeklärt werden, erreicht das meistens nicht mehr so viele Menschen wie die ursprüngliche Nachricht.

Die Berichterstattung über Russland scheint unausgewogen zu sein. Ist sie das wirklich? Und falls ja, warum? Um diese Frage zu beantworten, habe ich mit zwei Menschen gesprochen, die Russland und die Berichterstattung darüber gut kennen. Sie sagen, dass es tatsächlich manchmal eine Schieflage gebe; sie können auch erklären, woran das liegt. Was sie aber auch sagen: Die Berichterstattung über Russland sei besser als ihr Ruf.

Medien behandeln Russland anders als andere Länder – das zeigen diese Beispiele

Ein Ansatzpunkt für die Suche nach einseitiger oder oberflächlicher Berichterstattung ist die Sprache, die Medien verwenden. Warum benutzen Journalist:innen bei US-Präsidenten etwa manchmal noch immer die Formulierung „Anführer der freien Welt“? Wann nennen Medien (wie im Fall von Russland oder dem Iran) die Regierung eines Landes ein „Regime“? Solche Fragen sind wichtig und beeinflussen unsere Wahrnehmung von Ländern mehr, als wir vielleicht denken.

„Ich glaube, dass wir als Journalisten viel zu stark Transporteure sind von bestimmten Begriffen, die sich eingebürgert haben“, sagt Gemma Pörzgen, freie Journalistin mit Schwerpunkt Osteuropa, die auch Vorstandsmitglied der deutschen Sektion von Reporter ohne Grenzen ist. Sie ist in Moskau und Bonn aufgewachsen und kennt Russland seit mehr als fünfzig Jahren.

Ein gutes Beispiel ist das Wort „Oligarch“, das in Berichten meistens nur im Zusammenhang mit Russland beziehungsweise Staaten aus Osteuropa gebraucht wird und häufig zwielichtig daherkommt. „Jeder Russe, der Geld verdient oder Unternehmen hat, hat das Problem, dass er auf das Vorurteil stößt, auch er wäre ein Oligarch“, so Pörzgen. „Und man muss sich natürlich die Frage stellen, ob wir in den USA im Zuge der letzten Jahre nicht gerade mit einer Figur wie Trump einen klassischen Oligarchen vor uns haben, bei dem politischer Einfluss und wirtschaftliche Macht eng verquickt sind.“ Nur ist da häufig dann eher von Milliardären („Billionaires“) oder Investoren (wie bei Warren Buffett oder George Soros) die Rede. Reiche Geschäftsleute mit guten Verbindungen in die Politik gibt es aber eben nicht nur im Bereich der früheren Sowjetunion, sondern genauso in Nordamerika und Westeuropa – siehe Carsten Maschmeyer in Deutschland.

Apropos West: „Was mich immer beschäftigt, ist, dass dieser Begriff ‚Westen’ wahnsinnig bedenkenlos weitergetragen wird“, sagt Pörzgen. „Für mich ist das eine totale Leerformel.“ Die werde ständig benutzt, dabei sei die Frage, wer sich damit überhaupt identifiziere. Die Frage stelle sich ja zum Beispiel schon dann, wenn jemand aus dem Osten Deutschlands komme und überlege, was mit dem Begriff anzufangen ist: Schließt er einen ein oder aus? Viele würden bei der Benutzung des Wortes ja außerdem unterstellen, dass es für bestimmte Werte stehe - das stimme schon lange nicht mehr: „Dafür gibt es genug Verbrechen, die von Ländern wie den USA angerichtet werden.“

Ein anderes Wort verwenden Journalisten auch oft in Texten über Russland: „Oppositionsführer“, gerade im Zusammenhang Alexej Navalny. Das klingt so, als sei er der Vorsitzende einer Partei im Parlament oder zumindest in weiten Kreisen anerkannt als oppositionelle Führungsfigur, oder? Dabei ist das nicht der Fall, vielmehr gibt es an ihm selbst viel Kritik, wie die gemeinnützige Plattform und Grimme-Online-Award-Preisträgerin „Dekoder“ aufzeigt.

Aber nicht nur in der Sprache zeigt sich, dass Russland häufiger als andere Länder verdächtigt wird. Ich hatte es eingangs schon erwähnt. Der Vorwurf: Russland will ständig irgendwo Wahlen beeinflussen. Schon vor mehreren Jahren warnten deutsche und andere Geheimdienste vor einer gezielten Beeinflussung der Gesellschaften und der Politik in Europa durch Russland. Bundeskanzlerin Angela Merkel gab nach dem „Fall Lisa“ 2016 persönlich eine entsprechende Untersuchung in Auftrag. Nach einem Jahr gaben Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz bekannt: Sie fanden keine Beweise für eine gezielte Kampagne gegen die Bundesregierung. Auch vor der Bundestagswahl 2017 gab es Schlagzeilen, wie „Ein Angriff aus Russland – eine Frage des Wann, nicht des Ob?“ oder „Wie stark mischt Putin bei der Bundestagswahl 2017 mit?“ Nicht „Mischt er mit?“, sondern „Wie stark?“ – hinterher blieb von den Befürchtungen nicht viel übrig.

Ähnlich war es bei der Europawahl 2019, als die EU vor organisierten Kampagnen aus dem Ausland warnte. Ein früherer NATO-Generalsekretär, der ehemalige US-Vizepräsident und jetzige Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten Joe Biden und andere starteten sogar einen Aufruf: „Wähler Europas, lasst euch nicht von Russland täuschen!“ Nach der Wahl hieß es dann wieder: Eine gezielte Kampagne sei das nicht gewesen. „Russische Quellen“ hätten aber versucht, die Abstimmung zu beeinflussen. Wobei der für Sicherheit zuständige EU-Kommissar weder dementieren noch bestätigen konnte, dass diese Quellen Verbindungen zum russischen Staat hatten.

Benjamin Bidder, von 2008 bis 2016 Korrespondent für SPIEGEL ONLINE (heute: DER SPIEGEL) in Moskau und heute Wirtschaftsredakteur, kennt noch ein weiteres Beispiel, eines, das nicht viele auf dem Schirm haben: die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 mit den sie begleitenden Berichten über die russische Gesetzgebung zu sogenannter homosexueller Propaganda gegenüber Minderjährigen. Ihm gehe es nicht darum, das Gesetz in Schutz zu nehmen, aber es sei häufig zu verkürzt als „Anti-Schwulen-Gesetz“ wiedergegeben worden, so Bidder. Dabei sei Homosexualität in Russland nicht verboten. „Das führte dazu, dass im Vorfeld und während der Olympischen Spiele im einzigen Schwulenclub dort vor allem westliche Korrespondenten saßen und versuchten, Storys zu finden, die ihr Bild bestätigen. Das war aber gar nicht so leicht, weil der Betreiber gesagt hat: ‚Uns geht es super.“

Im Kern sei Russlands Ruf zwar so schlecht, weil es sich im Inneren kritisch entwickle oder eben nicht entwickle und nach außen hin rücksichtslos vorgehe. Bidder stört aber, dass in Redaktionen häufig die Muße fehle für die Zwischentöne, „für die Realität in ihrer ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit.“ Es werde „wahnsinnig viel heruntergebrochen auf angebliche und teils auch tatsächliche diabolische oder diabolisch anmutende Pläne aus dem Kreml.“ (Amtssitz des Präsidenten, wird als Synonym für die politische Führung des Landes benutzt.) Ein Kollege von ihm habe auf Facebook mal ironisch geschrieben, er stifte einen Preis für den Korrespondenten, dem es als erstes gelinge, einen Text zu veröffentlichen, in dem die Wörter „Putin“ und „Kreml“ nicht vorkommen. Eine kurze Internetsuche zeigt, dass das bisher nicht viele geschafft haben. Die Probleme beginnen beim Umgang mit Putin.

Warum über Russland so oberflächlich berichtet wird

1. Überpersonalisierung
„Es wirkt manchmal ein bisschen krampfhaft eindimensional“, sagt Bidder. Journalist:innen seien stark fokussiert auf den Kreml und die Person Putin. Zudem würden diese beiden Schlagwörter und Russland teilweise fast zu „so einer diabolischen Karikatur“ aufgeblasen werden.

Die hiesige Berichterstattung über das Land sei aber jedenfalls besser als ihr Ruf. Bidder, der ein Buch mit dem Titel „Generation Putin – Das neue Russland verstehen“ geschrieben hat, verweist auf die zu Recht vorhandene Kritik: „Den größten Beitrag zu Russlands miserablem Image trägt Russland selbst. Ich sehe, dass das Land sich politisch und wirtschaftlich in eine Sackgasse bewegt, aus der ich nicht weiß, wie es wieder rauskommen will.“

Natürlich ist es so, dass Putin als schon lange amtierende Führungspersönlichkeit – er wurde erstmals vor 20 Jahren Staatspräsident – ganz entscheidend die Politik des Landes prägt und für sie verantwortlich ist. Das zeigte sich zuletzt an seinen Mitte Januar verkündeten Plänen zu Änderungen an der Verfassung. Wer sich Magazincover aus Deutschland und dem Ausland anschaut, könnte aber denken, dass Putin ein dämonischer Superschurke und noch dazu schuld an den Übeln der restlichen Welt ist. Für ein Titelbild des SPIEGEL gab es sogar mal Ärger vom Deutschen Presserat, weil Opferfotos für eine politische Aussage instrumentalisiert worden seien.

2. Narrative
Anhand der Cover ist auch zu erkennen, dass es in Bezug auf Russland ein bestimmtes Narrativ gibt, also eine „Erzählung“ oder ein Erzählmuster. In den vergangenen Jahren lautet das typischerweise so: „Russland/Putin will den Westen destabilisieren und das Vertrauen in die Demokratie untergraben.“ Das Land würde ständig schlimme Dinge planen, ihm sei nicht zu trauen, das klingt in vielen Texten an. Es wird also fast immer nur im Zusammenhang mit negativen Geschichten erwähnt.

Das kann unsere Wahrnehmung der Realität – und die von Journalist:innen selbst - insofern prägen, als dass Russland im Gehirn unter „Die Bösen“ abgespeichert wird, obwohl das je nach Fall vielleicht gar nicht stimmt. Ganz abgesehen davon, dass sich allgemein die wenigsten Konflikte in die Schwarz-Weiß-Kategorien „Die Guten“ und „Die Bösen“ einordnen lassen. Da kommt dann auch das inzwischen berühmt-berüchtigte Framing ins Spiel.

Frames bezeichnen „Deutungsrahmen“, die mitschwingen bei bestimmten Begriffen. Beispiel: Du hörst „Russland“ oder „der Russe“ und denkst an böse Machenschaften, so wie es früher hieß: „Die Russen kommen.“ Oder du liest von einem Hackerangriff und denkst automatisch an das Land, auch wenn es damit gar nichts zu tun hat. Das kann dann unter anderem dazu führen, dass Medien neue Informationen zu einem Thema in die schon existierende Schublade im Kopf einsortieren – und vorschnell etwas berichten, weil es eben in ein bestimmtes Narrativ passt, wie diese Geschichte zeigt. Da hatten viele fälschlicherweise berichtet, die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) hätte im Fall des früheren Doppelagenten Skripal bestätigt, das Gift stamme aus Russland.

Neben Hackerangriffen spielen laut des klassischen Narrativs auch sogenannte Desinformations-Kampagnen eine wichtige Rolle, also gezielt gestreute Falschinformationen, mit denen die Gesellschaft gespalten werden solle. Diese seien Teil eines sogenannten hybriden Kriegs, bei dem militärische mit nicht-militärischen Taktiken vermischt werden. Seit 2015 gibt es deswegen eine Arbeitsgruppe der EU, die „kremlfreundliche Desinformation” besser vorhersagen, ihr „entgegenwirken” und auf sie antworten will.

Benjamin Bidder vom SPIEGEL sagt, er habe das Gefühl, dass die Debatte um die hybride Kriegsführung manchmal ins Hysterische kippe. Es sei bekannt, dass Russland in der Richtung aktiv ist. „Die Frage ist halt nur, ob das wirklich die Ursache ist für Schwierigkeiten, die man im demokratischen Prozess hat oder ob Russland nicht einfach nur versucht, die Risse und Reibungen, die es im Westen gibt, auszunutzen und zu erweitern.“ Er plädiere dafür, beim Thema russische Beeinflussung die Punkte Ursache, Wirkung und Umfang gelassener zu betrachten. Mit ein paar Facebook-Posts könne niemand eine Wahl entscheiden. Mit der Einschätzung ist er nicht allein. Obwohl durchaus beispielsweise bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 das Ziel gewesen sei, Unruhe und Zwietracht zu säen, meint Bidder: Sowas bekämpfe man, wenn man die eigenen Baustellen und Probleme löse – und nicht mit einer Reaktion, die es unabhängig vom Thema in vielen Bereichen der Medienberichterstattung gebe: „Es entwickelt sich ein Trend, eine Rudelbildung, die dann teilweise eine lawinenartige Wucht entwickelt, die letztlich die Realität nur noch in Teilen abbildet.“

Auch Gemma Pörzgen hat sich schon mehrfach mit dem angeblichen „Informationskrieg“ beschäftigt (z.B. hier und hier). Sie habe immer den Eindruck, wenn sie da genau nachgucke, löse sich das in Luft: „Da gibt es offenbar Leute, die ein Interesse daran haben, dieses Thema zu pushen und das nervt.“

Dass Narrative die Berichterstattung prägen, zeigt auch ein anderes Land mit ähnlichem Namen. Bei Weißrussland (oder: Belarus) taucht beispielsweise in fast jedem Artikel die Formulierung auf, Präsident Lukaschenko sei „der letzte Diktator Europas“. Das sei wie ein Slogan, unter dem das Land laufe, meint Pörzgen. „Viele belarussische Kollegen, die auch deutsche Medien konsumieren oder Belarussen, die hier leben, bekommen langsam Ausschlag bei so Formulierungen und viele von uns Fachkollegen auch.“

3. Kulturelle und politische Prägung
Ein weiterer Grund für einseitige Berichterstattung hat mit Deutschlands Geschichte zu tun. Die Bundesrepublik war in den vergangenen Jahrzehnten ja vor allem in Richtung Westen gewandt. Benjamin Bidder erzählt über den SPIEGEL, zahlenmäßig zeige sich dort, dass viel mehr Leser:innen interessiert seien an Berichten über den US-Wahlkampf als an solchen über den russischen. Unsere Lebensrealität, unser kultureller Hintergrund sei viel enger verwoben mit einer westlichen Dimension als mit einer östlichen. Neben den kulturellen Anknüpfungspunkten zu den USA, die etwa von Musik bis zu Filmen und Serien reichen, gibt es vielfältige politische Verbindungen. Für Diskussionen sorgen sogenannte transatlantische Netzwerke: Vereine wie die Atlantik-Brücke, in denen sich namhafte Politiker, Wirtschaftsvertreter und Journalisten zum Gedankenaustausch treffen. Medienwissenschaftliche Analysen wie die von Uwe Krüger von der Universität Leipzig zeigen, dass dort vernetzte Außenpolitik-Journalisten häufig ähnlicher Meinung sind wie führende politische Köpfe. Seine Erkenntnisse waren 2014 auch Thema in einer Folge der Satiresendung „Die Anstalt“, gegen die zwei ZEIT-Journalisten erfolglos klagten. Auf die Frage nach möglichen Gründen für einseitige Berichterstattung nennt Krüger neben solchen Eliten-Netzwerken unter anderem die Sozialisation und das Mindset, also die Haltung oder Einstellung von Journalisten. Zudem würden Publikumserwartungen eine Rolle spielen, im Sinne einer „Anschlussfähigkeit“ von Berichten etwa an etablierte Narrative, Feindbilder oder Frames.

Gemma Pörzgen meint, es sei erstmal verständlich, dass Medienschaffende sich in so deutsch-amerikanische Netzwerke begeben, wenn sie eine Grundsympathie für das Land haben; sie sei selbst auch in deutsch-russischen unterwegs. „Die Frage ist nur, in welcher Form man das macht. Da habe ich schon den Eindruck, dass dann vieles durch diese transatlantische Brille gesehen wird.“ Aktivitäten von US-amerikanischen Thinktanks wie dem Atlantic Council, die in Deutschland beispielsweise an Konferenzen beteiligt sind oder sie mitorganisieren, kann sie wiederum eher weniger nachvollziehen. „Man fragt sich, wieso sollen wir als Deutsche durch die US-amerikanische Brille auf Russland sehen? Das leuchtet mir nicht ein, weil das bestimmte Vorurteile natürlich verstärkt.“ Dabei sollte uns eigentlich klar sein, dass hinter dem mit mehr als 17 Millionen Quadratkilometern flächenmäßig größten Land der Welt (rund 50-mal so groß wie Deutschland) mehr steckt als nur Moskau, Wodka und Hooligans. So, wie Deutschland mehr ist als Merkel, Bier und Sauerkraut.

4. Fehlendes Wissen und Personal
Ein Grund für die Klischees in der Berichterstattung ist Bidder zufolge fehlendes Wissen in der Gesellschaft. Viele Slawistik-Lehrstühle seien in den vergangenen Jahrzehnten geschlossen worden, im Bundestag und in den Medien gebe es nicht viele Osteuropa-Experten. Nur wenige Medienhäuser haben zudem feste Korrespondenten in Russland und die, die welche haben, teilweise weniger als früher. Das führe dann dazu, dass in Zeitungen von einem „neuen Kalten Krieg“ die Rede ist oder davon, dass Putin die Sowjetunion wiederbeleben wolle.

Über die Geschichte der Beziehung zwischen Russland und „dem Westen“ hat der studierte Historiker, Journalist und Verleger Hannes Hofbauer ein informatives Buch geschrieben.

„In Wahrheit ist die Sache viel komplizierter, aber sich damit auseinanderzusetzen braucht eben Zeit und Personal. Ich sehe schon, dass das immer weniger wird in deutschen Redaktionen.“ Dadurch würden Berichterstatter:innen anfällig für einfache Weltsichten: „Manchmal hält man einzelne Bruchstücke eines Mosaiks für das große Ganze oder bläst sie sogar gezielt dazu auf“, so der Journalist, der seinen Zivildienst in St. Petersburg absolviert und später unter anderem dort studiert hat. Und das habe Folgen für uns alle: „Das Problem dieser Klischeeberichterstattung ist, dass sie zu keiner guten Meinungsbildung der Gesellschaft führt. Das kann mittelbar auch zu einer falschen Politik führen.“

Eine ausgewogene Berichterstattung wird Medien laut Gemma Pörzgen jedoch nicht immer leicht gemacht. Korrespondenten in Moskau haben ihr zufolge die Schwierigkeit, dass die Staatsführung oder etwa auch viele Wissenschaftler nicht so viel Interesse hätten, mit deutschen Medien zu sprechen. „Die russische Regierung müsste eigentlich ein ganz anderes Interesse daran haben, aktiv eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit zu machen, um über das eigene Land vernünftig zu informieren“, so die Expertin. Das passiere wenig und trage so zum Problem bei. Potenzielle Gesprächspartner würden eher auf britische oder US-amerikanische Medien schielen, weil die global mehr wahrgenommen würden als eine deutsche Zeitung.

Was Medien in der Russland-Berichterstattung besser machen können – und wen ihr lesen solltet

Einen möglichen Ausweg aus der am Anfang erwähnten Sprachproblematik sieht Pörzgen in einer stärkeren Verbindung von Journalismus und Wissenschaft. Redaktionen müssten mehr über die Verwendung und Bedeutung von Begriffen diskutieren und sich in dem Zusammenhang vielleicht mehr mit Kommunikations- und Politikwissenschaftlern oder anderen Fachexperten austauschen – je nachdem, um welches Land es geht. Das sei etwa auf Medienkonferenzen möglich oder durch die Schaffung eigener Foren oder Schnittstellen. Medienhäuser hätten zwar manchmal Listen mit Ansprechpartnern, die seien aber nicht unbedingt aktuell. „Wahrscheinlich müsste man das auffrischen, damit da mehr jüngere Gesprächspartner auftauchen, sodass der moderne Forschungsstand auch stärker in unsere Redaktionen fließt.“

All die Kritik an der Russland-Berichterstattung bedeute aber nicht, dass sie immer und überall schlecht sei, so Pörzgen. Es gebe viele Journalistinnen und Journalisten, die vielleicht nicht so bekannt seien, aber gute Berichte aus dem Land liefern. Das Klischee der einseitigen Berichterstattung werde stark geprägt durch eine oberflächliche Wahrnehmung vor allem von sehr kommentargetriebenen Stücken, die am Schreibtisch entstünden, ohne dass jemand in dem Land war. Benjamin Bidder vom SPIEGEL findet die Berichterstattung insgesamt ebenfalls nicht schlecht. Die deutschen Medien hätten den Vorteil, noch verhältnismäßig gut vor Ort vertreten zu sein. Er sagt: „Russland ist furchtbar vielschichtig, die Politik des Kreml auch. Sich damit auseinanderzusetzen, kostet viele Stunden und kann sehr frustrierend sein. Aber es lohnt sich.“

Gemma Pörzgen empfiehlt folgende Medien:

  • Dekoder – Plattform, die gemeinnützigen Journalismus und Wissenschaft verbindet
  • Meduza.io (Englisch) – Slogan der Seite: „Das wahre Russland, heute.” Nicht ganz so wissenschaftlich angehaucht wie einige der hier empfohlenen deutschsprachigen Seiten. Daher etwas zugänglicher.
  • Ostpol – Onlinemagazin des Netzwerks für Osteuropa-Berichterstattung (N-ost), einer NGO, die gleichzeitig Journalist:innennetzwerk ist und als Agentur vor Ort recherchierte Texte anbietet
  • Osteuropa – Zeitschrift, die es seit mehr als 80 Jahren gibt. Herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V.
  • Russland-Analysen: Ein Projekt mehrerer wissenschaftlicher Institutionen, gibt es auch in Versionen für Belarus, Polen, die Ukraine und Zentralasien. Kostenlos abonnierbar
  • Außerdem die Arbeit von Alice Bota (DIE ZEIT), Gesine Dornblüth (2012-2017 Deutschlandradio-Korrespondentin), Christine Hebel (DER SPIEGEL) und Maxim Kireev (u.a. ZEIT ONLINE & Ostpol)

Redaktion: Rico Grimm. Schlussredaktion: Susan Mücke. Fotoredaktion: Martin Gommel.

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