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Kindesmissbrauch

Ich bin eine 37 Jahre alte Mutter und habe mich im Internet als elfjähriges Mädchen ausgegeben. Das habe ich dabei erlebt.

von Sloane Ryan
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Hinweis: Dieser Artikel enthält sexuelle Inhalte und Beschreibungen von Kindesmissbrauch, die einige Leser:innen verstörend finden könnten. Die im Text enthaltenen Nachrichten, Bilder und Gespräche sind echt. Der Text wurde von einer US-Amerikanerin verfasst und spielt in den USA.


Ich stehe im Badezimmer, mein blassblaues Sweatshirt bis unters Kinn hochgeschoben und wickele eine elastische Binde eng um meinen Brustkorb. Ich schaue in den Spiegel, während ich die Bandagen über meinen Sport-BH binde und meine Brust platt drücke. Dann gehe ich aus dem Badezimmer heraus. Unser Team wartet bereits.

„Sieht das gut aus?“

Ich bekomme ein zustimmendes Nicken. Ich wende mich in Richtung Kamera. Normalerweise trage ich keine Kleidung, die für Mädchen zwischen zehn und zwölf Jahren gedacht ist. Ich trage auch keinen Glitzerlack auf meinen Nägeln und keine Neonhaarbänder am Handgelenk. An normalen Tagen ziehe ich mich wie eine typische 37 Jahre alte Mutter an. Jeans. Shirts, die meine Taille verdecken. Schuhe mit ordentlichem Fußbett.

Reid schießt ein paar Fotos von mir. Sie huscht zu unserer behelfsmäßigen Kommandozentrale – eigentlich ein Speisesaal, der jetzt mit Korktafeln, Karten, Papieren und Computermonitoren übersät ist. Mein Kollege Will runzelt die Stirn, während er schnell die Fotos bearbeitet.

Dank Kleidung, Hintergrund, Haarstyling und der Magie der Fotomanipulation sehen wir nicht mehr die erwachsene Frau mit Krähenfüßen, die ich eigentlich bin.

Ich ziehe in die Küche um, gebe ihm Raum. Wir bereiten uns auf den schwersten Teil des Tages vor. Aus Erfahrung wissen wir schon, dass er einem schnellen Tempo folgen und emotional anstrengend sein wird.

„Alles bereit“, ruft Will aus der Kommandozentrale. Ein paar von uns stellen sich an Wills Computerbildschirm und begutachten das Ergebnis.

Das Team begutachtet die Fotos am Computer.

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„Ist gekauft“, sagt Brian. Er ist der Chef von Bark, der US-amerikanischen Firma, die dieses Projekt leitet. Bark nutzt künstliche Intelligenz, um Eltern und Schulen zu alarmieren, wenn Kinder Problemen wie Internet-Mobbing, Depressionen oder Gewaltdrohungen ausgesetzt sind – oder wenn Sexualtäter sie ins Visier nehmen, wie in diesem Fall. Zurzeit erfassen wir mehr als vier Millionen Kinder und analysieren 20 Millionen Aktivitäten pro Tag. Ich schaue Brian an, der den Computerbildschirm betrachtet, und überlege. Dann nicke ich und seufze. Ich finde es auch überzeugend.

Dank Kleidung, Hintergrund, Haarstyling und der Magie der Fotomanipulation sehen wir auf dem Bildschirm nicht mehr die erwachsene Frau mit Krähenfüßen, die ich eigentlich bin. Stattdessen starren wir auf ein Foto der fiktiven elfjährigen Bailey. Egal, wie oft wir das machen, die Ergebnisse sind immer noch verstörend. Nicht, weil wir ein Kind aus dem Nichts erschaffen. Sondern, weil wir Bailey absichtlich in Gefahr bringen, um zu zeigen, wie sehr das Thema Missbrauch die Generation Z – die zwischen 1997 und 2012 geborenen Kinder – bedroht.

Die Mehrheit der Elfjährigen ist noch vorpubertär. Sie haben noch keine Menstruation und tragen selten echte BHs. Meistens denken sie nicht über sexuelle Beziehungen oder Geschlechtsorgane oder Sex nach.

Aber ihre Jäger tun es.

„Danke, ich hasse es“, sage ich trocken und ernte ein Lachen. Die Stimmung im Raum ist immer ein bisschen düster, und die Witze rutschen leicht ins Makabre. Für einen Außenstehenden klingen sie vielleicht krass. Aber jeder, der mit uns hier arbeitet, braucht ein bisschen Galgenhumor, um durch den Tag zu kommen.

Als das Foto fertig ist, marschieren wir alle in den Medienraum, wo ich ein I-Phone mit dem Großbildschirm verbinde. Wir setzen uns auf Sofas und Sessel, und Nathan richtet einen Camcorder auf einem Stativ so aus, dass er direkt auf den Fernseher gerichtet ist. Beweise sind kostbar: Wir lassen die Kameras laufen, um sicherzustellen, dass jede kriminelle Handlung der Kontaktperson einen digitalen Beweis für die Strafverfolger liefert.

Camcorder für die Beweissicherung.

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Nathan überprüft die Beleuchtung, dann den Ton. Josh wirft einen Haufen Kapuzenshirts auf den Kaffeetisch.

„Bist du bereit?“, fragt mich Josh.

„Ja.“ Ich lüge ein bisschen. Ich bin nie ganz bereit.

Tagsüber packen wir alle mit an. Es gilt zu telefonieren, Fotos zu bearbeiten, Beweise zu katalogisieren. Aber nachts bin ich es, die auf der Lauer liegt. Die Arbeit ist oft – wenn ich ehrlich bin – einsam. Isolierend. Verheerend. Heute Abend teilen wir uns die Last, und ich bin dankbar für die Gesellschaft. Aber ich bin immer noch diejenige, die auf dem heißen Stuhl sitzt.


Vor weniger als einem Jahr haben Brian und ich uns in einem Meeting den Kopf darüber zerbrochen, wie wir mit den Eltern über Online-Grooming sprechen sollten – das gezielte Ansprechen von Personen im Internet mit dem Ziel, sexuelle Kontakte anzubahnen. Damals waren wir bei Bark noch ein viel kleineres Team. Wir stießen auf einen besonders erschütternden Fall, bei dem ein Online-Täter ein Mädchen aus der Mittelstufe missbraucht hatte. Sie war erst zwölf Jahre alt. Dieser Mann hatte sie über ihr Schul-E-Mail-Konto kontaktiert und sie genötigt, ihm Videos zu schicken, in denen sie sexuelle Handlungen vollzog. Wir wussten, dass es Menschen wie ihn gab. Aber es hat uns erschüttert zu sehen, wie schnell und geschickt er dieses Kind manipulieren konnte.

Allein im Jahr 2018 hat Bark das FBI wegen 99 Kinderschändern alarmiert. 2019 waren es mehr als 300 – und es werden immer mehr. Jeder dieser Fälle steht für ein echtes Kind, das echten Schaden erleidet. Unsere Herausforderung besteht darin, Eltern und Schulen dabei zu helfen, diese neue Realität zu verstehen. Aber wie können wir Geschichten erzählen, ohne dass die Familien zu viel preisgeben müssen? Wie erklären wir Online-Grooming einer Generation, die nicht mit dieser Gefahr aufgewachsen ist? Zahlen sind zwar informativ, aber sie sind abstrakt und leicht zu beschönigen.

Brainstorming am Konferenztisch.

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Das Problem, mit dem wir konfrontiert waren, frustrierte mich. Ich klopfte mit meinem Stift auf den Konferenztisch und dachte laut nach. „Wenn Eltern an Bösewichte denken“, sagte ich zu Brian, „denken sie an jemanden, der ihr Kind in einen Kofferraum wirft und wegfährt. Sie denken nicht an den unsichtbaren Missbrauch, der online passiert. In einer perfekten Welt würden wir ein Gespräch mit einem echten Sexualtäter aufzeichnen. Aber dann würde das Opfer erneut traumatisiert werden ...“

Ich brach ab. Wir kamen immer wieder bei diesem Punkt an.

„Was wäre, wenn wir selbst gefälschte Konten einrichten würden, um den Eltern zu zeigen, was online passieren kann?“, fragte Brian. Ich hob die Augenbrauen. Wartete eine Weile, um zu sehen, ob er Witze machte. Aber das war kein Witz.


Dieses Gespräch ist neun Monate her. Seitdem haben wir ein ganzes Team zusammengestellt. Wir haben permanente Arbeitsbeziehungen zu Strafverfolgungsbehörden aufgebaut. Wir haben Testläufe gemacht, neue Mitarbeiter eingestellt und unzählige Gespräche geführt. Wir haben Verhaftungen und Verurteilungen erlebt. Wir haben vor Gericht ausgesagt und Informationen für Ermittlungen geliefert.

Meine eigene Rolle hat sich geändert: Ich leite jetzt das Team für das neue Spezialprojekt. Um die Integrität dieses Projekts zu wahren, arbeitet dieses Team weitgehend hinter den Kulissen und außerhalb des Rampenlichts. Wir erscheinen nicht auf der Firmenwebsite, und unsere Twitter-Profilfotos zeigen nicht unsere tatsächlichen Gesichter. Brian und ich sind auch das Verbindungsglied zwischen unserem Team und den Strafverfolgungsbehörden, dazu gehören regelmäßige Treffen und Status-Updates. So stellen wir sicher, dass wir sowohl unter deren Rahmenbedingungen als auch unter denen der Staatsanwaltschaft arbeiten. Niemand will, dass unsere harte Arbeit wegen fehlender Beweise oder auch nur einem Hinweis auf eine mögliche Verstrickung umsonst war.

Gespräche im Team, mit Strafverfolgern und der Staatsanwaltschaft.

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Was heute in diesem Medienraum passiert, ist nicht unser erstes Rodeo. Auch nicht unser zweites oder drittes. In den vergangenen neun Monaten war ich die 15-jährige Libby, die 16-jährige Kait und die 14-jährige Ava. Ich war eine fleißige Zehntklässlerin, die überlegte, sich einen Pony schneiden zu lassen, und eine Lacrosse-Spielerin, die von ihrer Tante großgezogen wurde. Ich war eine aufgeregte Mittelschülerin, die kaum den Abschlussball erwarten kann.

Mittlerweile haben wir Erfahrung und Routine – aber heute ist das erste Mal, dass wir eine so junge Persona einsetzen. Heute Abend ist meine Brust eingeschnürt und meine Sprache klingt deutlich weniger erwachsen.

Heute Abend bin ich die elfjährige Bailey.

„Los geht's“, sage ich in den Raum.

„Du schaffst das, Sloane“, sagt Reid und klopft mir etwas hölzern, aber aufmunternd, auf die Schulter. Reids Kinn ist spitz, und sie starrt konzentriert nach vorn. Als Anwältin für Strafrecht ist Reid in die Privatwirtschaft gewechselt und hat sich Bark angeschlossen, als wir dieses Projekt ins Leben riefen. Mit ihren Rechtskenntnissen und ihrer Erfahrung im Umgang mit krassen Verbrechern ist Reid eine wichtige Ergänzung für unser Team. Reids Schulterklopfen fühlt sich wie echte Fürsorge und Unterstützung an.

Pete – früher beim Militär, jetzt beim privaten Sicherheitsdienst – ist buchstäblich dreimal so breit wie ich und sitzt vorne im Wohnzimmer. Der heutige Abend ist sicherlich ungefährlich. Aber an Tagen, die sich wesentlich bedrohlicher anfühlen, gibt er uns allen ein wenig Seelenfrieden.

Unser Bodyguard Pete.

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Ich lade das Foto auf Instagram hoch – ein harmloses Selfie von Bailey mit einem breiten Grinsen – und schreibe etwas dazu.

„Bin ganz aufgeregt, weil ich meine Freunde dieses Wochenende auf Carlys Party sehe! Ilysm!!“, dazu eine Reihe von Emojis und ein #friends-Hashtag.

„Ilysm“ ist die Abkürzung für „I love you so much.“

Das Foto wird auf Instagram veröffentlicht, und wir warten darauf, dass sich etwas auf der großen Leinwand tut.

Dieser Teil dauert nie lange. Es geht immer nervtötend schnell.

In meiner ersten Nacht als Bailey kamen weniger als eine Minute nach der Veröffentlichung des Fotos bereits zwei Nachrichten. Wir saßen mit offenem Mund da, als die Zahlen auf dem Bildschirm auftauchten – 2, 3, 7, 15 Nachrichten von erwachsenen Männern im Laufe von zwei Stunden. Die Hälfte von ihnen könnte wegen der Übermittlung obszöner Inhalte an Minderjährige angeklagt werden. In dieser Nacht brauchte ich eine Erholungspause, in der ich mein Gesicht in den Händen vergrub.

Nach neun Monaten Arbeit sind wir weiter immer wieder fassungslos über die Bandbreite an Grausamkeit und Perversion, die wir zu sehen bekommen. Ich kann mir vorstellen, dass es uns heute Abend wieder so ergehen wird.

Fotos der elfjährigen Bailey.

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„Da kommt was“, sagt Avery, und wir schauen alle auf den Bildschirm. Die Instagram-Benachrichtigungen zeigen, dass Bailey drei neue Anfragen für ein Gespräch hat.

„Hi! Ich habe mich gerade gefragt, wie lange du schon Model bist?“

„lol! Ich bin kein Model“, tippe ich schnell und drücke auf „Senden“.

„Nein!“, tippt er, voller falscher Ungläubigkeit. „Du lügst! Wenn nicht, solltest du ein Model sein. Du bist so SCHÖN.“

@ XXXastrolifer scheint Anfang 40 zu sein, aber er sagt Bailey, dass er 19 ist. Als sie ihm erklärt, sie sei erst elf, zuckt er nicht zurück.

Die nächste Nachricht ist von einem anderen Mann, der Bailey ganz harmlos begrüßt.

„Hi! Wie geht's dir heute Abend?“

„Hallo, geht mir gut, hbu?“

„Hbu“ ist die Abkürzung für „How about you?“ (Und dir?)

„Mir geht es gut, danke. Du bist ein sehr schönes Mädchen.“

Ich höre Josh neben mir murmeln. „Läuft ja wie am Schnürchen.“

„Wow, danke!“

„Ich meine das echt. Ich mag deine Fotos hier. Lassen deine Eltern dich schon einen Freund haben?“

Bailey sagt nein, aber auch, dass sie zu Hause nicht viel darüber reden. Ich frage die Eltern, die mit mir im Zimmer sind. Sie stimmen zu. Einen Freund zu finden, ist für eine Elfjährige nicht das Wichtigste.

„Vielleicht kann ich dein Instagram-Freund sein, wenn du möchtest? Wenn du magst.“

Ich unterbreche das Gespräch, um mich wieder @ XXXastrolifer zuzuwenden. Das Gespräch endet wie die meisten – nach weniger als fünf Minuten schickt er Bailey ein Video, das ihn beim Masturbieren zeigt.

„Gefällt dir das? Hast du so einen schon mal gesehen?“

Ich wende meine Aufmerksamkeit wieder @ XXXthisguy66 zu, dem Möchtegern-Instagram-Freund. In wenigen Minuten eskaliert es. Von „Ein Instagram-Freund bedeutet, dass wir miteinander chatten können, uns Selfies hin und her schicken und einfach nur füreinander da sein können“ zu „Da wir jetzt zusammen sind, bist du bereit, dass wir uns sexy Bilder schicken?“

Sie ist elf und weiß nicht so recht, was er meint. Er schickt ein Foto seines erigierten Penis, bittet um ein Foto von ihr ohne Hemd und versichert ihr, dass er ihr beibringen kann, was sie machen soll.

„Also, viele Jungs mögen es, wenn ihre Freundin ihnen einen bläst. Weißt du, was das bedeutet?“

„Nein, das weiß ich nicht.“

„Das heißt, du nimmst den Schwanz in die Hand, legst deinen Mund darum und lutschst daran, wie am Daumen.“

„Das verstehe ich nicht“, tippt Bailey zurück.

„Du nimmst meinen Schwanz. Du nimmst ihn in den Mund und saugst daran.“

„Gott“, sagt Reid, und ich sehe sie an. „Das erste Gespräch eines Kindes über Sex sollte nicht mit einem Mann sein, der es vergewaltigen will.“

Ich wende mich wieder dem Bildschirm zu.

„Aber warum?“

„Manche Mädchen mögen es, und es fühlt sich für den Jungen richtig gut an. Das ist genau das, was ein Junge mag. Und was ein Junge und ein Mädchen wirklich gerne haben, ist, wenn ich meinen Schwanz zwischen deine Beine stecke und ihn in dich reinschiebe. Das nennt man Sex. Oder Ficken.“

„Oh. Über Sex weiß ich schon etwas.“

„Sobald du kannst, schick mir ein Bild von dir ohne Hemd, oder schicke mir ein Bild von zwischen den Beinen. Das würde mir wirklich gefallen.“

„Was für ein Bild? Zwischen meinen Beinen?“

„Du kennst deine Vagina? Oder manche Leute nennen sie eine Muschi. Ich würde sie gerne sehen. Denn da kommt mein Schwanz rein. Aber ich würde auch gerne deine Brust sehen.“

„Ich habe noch nicht wirklich Brüste“, antwortet Bailey. Das hat sie wirklich nicht. Sie trägt einen Trainings-BH, weil ihre Freundinnen das auch tun, aber sie braucht nicht wirklich einen. Noch nicht.

„Ist schon gut. Ich bin sicher, du siehst trotzdem toll aus. Ich würde trotzdem an deinen Nippeln lutschen.“

„Ich bin nicht gut darin, Körperfotos zu machen.“

„Das ist okay. Kannst du mir ein Bild schicken, auf dem du an deinem Finger saugst? So kann ich mir vorstellen, dass du mir einen bläst, wie wir vorhin besprochen haben. Ich schicke dir noch ein Foto von meinem Schwanz.“

Das macht er dann auch.

Ich beende das Gespräch mit @XXXastrolifer und sehe noch neun weitere Anfragen. Wir erschrecken alle, als mein Telefon laut über die TV-Lautsprecher klingelt. Es ist ein eingehender Instagram-Videoanruf von einem neuen Möchtegern-Missbraucher.

Ich entscheide mich spontan, ihn anzunehmen, lege mein Telefon beiseite, ziehe mein Sweatshirt aus und tausche es gegen eines mit Kapuze aus. Alle im Raum wissen, was ich tue.

„Seid alle still“, sagt Nathan völlig unnötig. Mit hochgezogener Kapuze neige ich meinen Kopf zur Seite, um mein Gesicht zu verdecken. Das Licht ist gedämpft. Dann nehme ich den Anruf an. Dominique zu meiner Linken hält sich bereit. Die ehemalige Kostümbildnerin ist unübertroffen im Umgang mit Perücken und Bühnenschminke. Die Fotos meiner verschiedenen Personas sehen selbst nebeneinander nicht einmal aus, als hätten sie etwas miteinander zu tun. Ich bin Latina. Ich bin zum Teil asiatisch. Ich bin eine Blondine. Ich bin rothaarig.

Sloane.

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Ein Mann mit britischem Akzent ist dran, atmet schwer und flüstert ins Telefon.

„Hey. Wie geht es dir? Ich will dich sehen.“ Er schwenkt sein Handy und man sieht, dass er ohne Hemd im Bett liegt. Ich verstelle meine Stimme, spreche eine Oktave höher.

„Ummmm. Ich bin schüchtern.“

„Nein, Baby, nein. Sei nicht schüchtern“, summt er, seine Stimme ist weich und überzeugend.

„Ich halte das nicht aus, verdammt“, sagt Will und geht kopfschüttelnd aus dem Raum.


Die Regel bei Bark ist, dass wir alle eine Auszeit nehmen können, wann immer wir wollen. Wir können aussteigen, wann immer wir müssen. Wir können eine Verschnaufpause einlegen; wir können eine Therapiesitzung einplanen. Wir können sogar das Team verlassen.

Das gilt auch für mich, das (manipulierte) Gesicht unserer Personas.

Nach zweieinhalb Stunden hatte ich sieben Videoanrufe. Weitere zwei Dutzend habe ich ignoriert (einige hatten Bailey vorher angeschrieben und hofften anschließend auf mehr Interaktion). Ich habe mit 17 Männern gechattet, von elf habe ich die Genitalien gesehen. Ich wurde auch mehrmals um Nacktfotos gebeten, oberhalb der Taille (obwohl klar ist, dass Baileys Brüste sich noch nicht entwickelt haben) und unterhalb der Taille. Diese habe ich abgelehnt.

Das Drehbuch für das, was wir zu sehen bekommen, folgt immer dem gleichen Schema.

  • Du bist so hübsch.

  • Du solltest Model sein.

  • Ich bin älter als du.

  • Was würdest du tun, wenn du hier wärst, Baby?

  • Würdest du meinen Schwanz anfassen, wenn du hier wärst?

  • Hast du schon mal einen gesehen, Baby?

Sie nennen sie immer wieder Baby, ohne einen Funken Ironie.

  • Baby, du bist so schön.

  • Sprich mit mir, Baby.

  • Ich will deinen Mund auf meinem Schwanz, Baby.

  • Geh einfach in den Videochat, Baby.

  • Sei nicht schüchtern, Baby.

Bailey ist ein Kind. Libby, Kait, Ava, Alessia, Lena, Isabella. Alle meine Personas sind es – rechtlich, emotional, körperlich, intellektuell. Sie besitzen keine Vollmacht, haben keine Möglichkeit, ihre Zustimmung zu geben. Die Gesellschaft mag gerne mit dem Finger auf die Opfer zeigen („Was hatte sie denn an??“), aber die Antwort bleibt dieselbe. Sie sind alle Kinder. Und wie in jedem Fall von Missbrauch, ist ein Kind niemals schuldig.


Es ist fast Mitternacht. Ich habe vor einer Stunde mit den Videogesprächen aufgehört, aber ich habe fieberhaft getippt. Meine Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und ich schütte Wasser in mich rein, als wäre ich gerade einen Halbmarathon gelaufen. „Der Körper vergisst nichts“, sagt ein Sprichwort, und mein Körper gibt klein bei. Der Rücken meines T-Shirts ist feucht, meine Augen sind trübe, mein Nacken schmerzt und mein Herz ist ein bisschen krank.

Im Laufe einer Woche sprechen über 52 Männer ein elfjähriges Mädchen an. Mit diesen Zahlen im Kopf schalten wir den Fernseher und den Camcorder ernüchtert ab.

Die Arbeit ist – wenn auch nicht unbedingt körperlich – emotional anstrengend. Die meisten von uns im Team haben Kinder, einige sind im selben Alter wie die Personas, die ich spiele. Die Arbeit ist zu nah dran an Zuhause. Aber man muss nicht ein Elternteil sein, um am Boden zerstört darüber zu sein, wie die Schwächsten der Gesellschaft verfolgt werden.

Die Nacht geht zu Ende. Nun muss jedes einzelne Gespräch plus Foto noch einsortiert, organisiert und verpackt werden, damit wir das Material an unsere Kontakte bei der Polizei senden können. Sämtliches Material über sexuellen Kindesmissbrauch wird an das NCMEC, das National Center for Missing and Exploited Children, geschickt.

Mehr über die Zusammenarbeit des US-amerikanischen NCMEC mit dem deutschen Bundeskriminalamt erfährst du hier.

Ich schreibe dem Strafverfolgungsbeamten, mit dem ich am engsten zusammenarbeite, eine SMS und gebe ihm ein Update, was passiert ist. Wir packen zusammen, um nach Hause zu fahren. Wir sehen alle ein wenig angeschlagen aus. Die schmerzliche Wahrheit ist, dass diese Arbeit hart und qualvoll ist und uns buchstäblich nachts wachhält. Wir könnten einfach aufhören. Auf die Bremse treten. Unsere Aufmerksamkeit auf das Tagesgeschäft der Firma lenken.

Kategorisierung.

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Doch wir wissen, was auf dem Spiel steht. Der offensichtlichste Gewinn unserer Arbeit: Wir helfen dabei, Sexualstraftäter zu identifizieren. Sie nicht nur vor Gericht zu bringen, sondern auch zu verhindern, dass sie noch mehr Kinder missbrauchen. Wir klären auch Eltern und Schulen über eine fast unglaubliche Realität auf, die online existiert. Und vom technischen Standpunkt aus gesehen, trainieren diese nervenaufreibenden Gespräche die künstliche Intelligenz von Bark, damit Anzeichen von Missbrauch besser identifiziert werden können.

Die brutale Realität ist, dass ein Verfolger nicht im selben Raum, Gebäude oder sogar Land sein muss, um ein Kind zu missbrauchen.

Ich denke an meine Kinder. An die Kinder meiner Mitarbeiter. An mein eigenes Ich vor Jahrzehnten als junger, unsicherer, beeinflussbarer Tween und dann als Teenager. Ich denke darüber nach, wie ich mich als Bailey gefühlt hätte. Wie ich die Misshandlungen für mich behalten hätte, aus Angst, beschämt und beschuldigt zu werden. Wie ich heimlich und still deswegen gelitten hätte. Wie ich ein stilles Opfer gewesen wäre. Wie ich das für kein anderes Kind möchte – weder für meine eigenen noch für die von anderen.

Die brutale Realität ist, dass ein Verfolger nicht im selben Raum, Gebäude oder sogar Land sein muss, um ein Kind zu missbrauchen. Und das ist es, was sie tun – sie setzen Kinder psychischem und sexuellem Missbrauch aus.

Das Wissen um die Verbreitung von Missbrauch im Internet ist keine Last. Nicht wirklich. Es ist ein Geschenk. Eines, das uns hilft, gegen die Täter vorzugehen. Unsere Arbeit hat zur Verhaftung von Menschen geführt, die die Neigung und Bereitschaft gezeigt haben, Kindern zu schaden. Die Technologie hat sich verändert und damit auch die Methoden, mit denen Täter Kinder finden, mit ihnen kommunizieren und sie verletzen. Wenn sie diese Technologie nutzen können, um Kinder zu missbrauchen, können wir die gleiche Technologie nutzen, um ihre Verbrechen zu stoppen.

Nacharbeit.

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Zu Hause bin ich nicht Bailey. Ich bin eine 37 Jahre alte Mutter in Wollsocken, die den Geschirrspüler einräumt und bei den Hausaufgaben hilft. Eines meiner Kinder lernt gerade Sprüche, Sprichwörter und Redewendungen. Sie liest sie laut aus ihrem Notebook vor. Beiß in den sauren Apfel. Durch dick und dünn. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

„Mom“, sie schaut mich an, den Bleistift in der Luft. „Meinst du auch, dass Unwissenheit ein Segen ist?“ Ich spüle meine Hände ab und trockne sie mit einem Geschirrtuch ab. Ich schaue ihr zu, wie sie Notizen macht. Ich bin natürlich voreingenommen, aber ich finde, sie ist ein Wunder. Voller Freude und Witz und Neugier, ganz so, wie ich mir Bailey vorstelle.

„Nein, Schatz. Das finde ich nicht richtig“, sage ich resolut, ziehe einen Stuhl heran und setze mich neben sie an den Küchentisch. Ich stütze mich auf einen Ellenbogen und schaue auf ihre Hausaufgabe. „Wissen ist ein Geschenk.“

Ich wiederhole es noch einmal für mich selbst, als ich wieder aufstehe und den Tresen abwische. Ich meine es ernst. Und selbst an den schlimmsten Tagen meine ich es ernst.


Disclaimer: Aus Vorsicht und aufgrund von anhängigen strafrechtlichen Ermittlungen wurden Namen – auch die der Autorin – und unbedeutende Details aus Gründen der Privatsphäre und der Klarheit verändert.

  • Sind Kinder und Jugendliche im Netz belästigt worden, finden Betroffene und ihre Familien Hilfen und Meldemöglichkeiten auf der Webseite des „I-KiZ Zentrum für Kinderschutz im Internet“ oder unter nummergegenkummer.de. Für Jugendliche gibt es zudem eine Online-Beratung zu sexueller Gewalt in den neuen Medien unter
    save-me-online.de und juuuport.de.*

Dieser Artikel ist auf Englisch auf medium.com erschienen. Übersetzung und Produktion: Vera Fröhlich; Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Susan Mücke.

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