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Kinderkriegenlassen

Geliehene Mütter, gekaufte Kinder, echte Liebe – Teil 2

von Theresa Bäuerlein
etwa 13 Min. Lesedauer

Was bisher geschah: Ori und Rami versuchen seit fünf Jahren, ein zweites Kind zu bekommen. Die Eizellenspenderin ist Südafrikanerin, die Leihmutter Inderin. Elf Mal hat es nicht geklappt. Jetzt ist Leihmutter Nummer zwölf schwanger.

Als ihre Schwester eine Fehlgeburt hat, erkennt die zweifache Mutter Shelly, wie groß der Kinderwunsch mancher Menschen ist. Shelly stellt sich einem religiösen Pärchen als Leihmutter zur Verfügung – kostenlos. Nach zehn Monaten ist sie schwanger. Hier geht es zu Teil I.

VI. Gäste

Shelly ist schwanger. In neun Monaten wird sie ein Baby für ein anderes Pärchen auf die Welt bringen. Die echte Mutter, wie Shelly sie nennt, schickt Botschaften und Musik für das Baby. Aber Shelly hört sie nie an. Sie setzt Kopfhörer auf ihren schwangeren Bauch und spielt die Sprachnachrichten dem Fötus vor.

Was zwischen den Eltern und diesem Kind passiert, geht sie nichts an.

Ihr muss niemand sagen, dass sie nun gut mit ihrem Körper umgehen muss. Sie ist viel vorsichtiger als bei früheren Schwangerschaften. Achtet darauf, was sie isst, sogar, was sie sagt und fühlt. Sie schreibt Tagebuch darüber, wie sie ein besserer Mensch werden kann. Sie ist keine werdende Mutter, sie ist Gastgeberin eines Kindes, das nicht ihr gehört. Davor hat sie Respekt. Sie hält ihr Haus sauber.

Fast scheint es für sie leichter zu sein, das Kind anderer Menschen auszutragen, als ihr eigenes. Es gibt kein gesellschaftliches Skript für das, was sie tut, sie schreibt ihre eigene Rolle.

Ori sitzt weiter jeden Montag auf dem grünen Sofa seiner Therapeutin. Wenn sie von ihm verlangen würde, auf einem Bein durch die Gegend zu hüpfen und Kohl zu essen – dann sähe sein Tag so aus. So sehr vertraut er ihr.

Ori lernt, dankbar zu werden: Dafür, dass er eine gesunde Tochter hat, einen Job und einen Mann, den er liebt. Er akzeptiert, dass der Plan, den er für seine Familie hatte, vielleicht scheitern wird.

Der dritte Monat einer Schwangerschaft gilt als kritische Schwelle. Die meisten Eltern erzählen es dann ihren Freunden und ihrer Familie. Ori und Rami warten diesmal fast bis zum siebten Monat.

Jedes Mal, wenn sein Handy klingelt, fühlt sich Ori, als hätte er gleichzeitig einen Schlaganfall und einen Herzinfarkt. Er will auf keinen Fall die Nummer von Doron Mamet, dem Chef der Agentur, auf seinem Display sehen. Er kennt das Gespräch, das dann kommt.

Ori: Hallo?
Mamet: Es tut mir leid.
Ori: Ich weiß.

Dieses Gespräch hat er schon zu oft geführt.

Im dritten Monat der Schwangerschaft muss Shelly mal wieder zur Kontrolle. In der Poliklinik in Hadera, einem großen, verspiegelten Kasten, hat sie schon Stunden verbracht.

Auch diesmal dauert es lange, bis Shelly im Behandlungsstuhl liegt. Sie hängt ihre Füße mit den hohen Plateauschuhen in die Stützen, die Ärztin breitet ein Tuch über ihren Unterleib aus. Auf dem Bildschirm neben Shellys Kopf erscheint schwarz-weiß das Sonogramm, in dem irgendwo das Herz des Fötus schlägt. „Sieht gut aus“, sagt die Ärztin.

Shelly im Behandlungsstuhl der Klinik, sie ist jetzt drei Monate schwanger.
Shelly im Behandlungsstuhl der Klinik, sie ist jetzt drei Monate schwanger.

Kaum hat sie sich das Ultraschallgel abgewischt, ist Shelly aus dem Sessel raus, zieht ihr Handy aus der Tasche. Die echte Mutter hat angerufen. „Alles in Ordnung“, flüstert Shelly und atmet lang und leise aus.

VII. Trümmer

Oris Leihmutter ist jetzt in Nepal. Er bekommt von der Agentur Fotos und Videos von ihr zugeschickt. Er sieht, was sie zu Mittag isst. Dass sie komfortabel untergebracht ist. Sie wohnt zusammen mit anderen Leihmüttern in einem Haus, das die Agentur bereitgestellt hat.

Es ist eine Sache, ein T-Shirt zu tragen, das in Bangladesch billig zusammengenäht wurde. Aber eine ganz andere, den Körper einer Frau zu mieten, die aus einem Land kommt, in dem die Menschen im Schnitt weniger als 2.000 Dollar im Jahr verdienen. Ori weiß das.

Die Bilder helfen Ori, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Er findet, dass die Leihmutter zufrieden aussieht. Von anderen Wunscheltern, die das Haus gesehen haben, weiß er, dass die schwangere Frau in diesen Monaten nicht putzen und nicht arbeiten darf. Sie soll nur dasitzen und das Baby wachsen lassen. Er stellt sie sich als Königin vor. Er glaubt, dass sie in dieser Zeit mehr Geld verdient, als ihr Ehemann jemals nach Hause bringen wird.

Ori hat der Agentur zehntausende Dollar gezahlt. Wie viel die Leihmutter bekommt, weiß er nicht. Offizielle Zahlen dazu sind schwer zu finden. Eine nepalesische Investigativjournalistin hat ermittelt, dass eine Leihmutter dort 5.300 Dollar als Honorar erhält, nach und nach, über die Zeit der Schwangerschaft verteilt. Das reicht, um ein kleines Haus zu bauen.

Mittlerweile weiß Shelly: Das Baby, das sie zur Welt bringen wird, ist ein Junge. Unter der Schwangerschaftskleidung kann sie ihn strampeln fühlen.

Ihre beiden Kinder interessieren sich erstaunlich wenig für das Kind, das in ihrer Mutter wächst. Sie finden es gut, dass ihre Mutter ein Baby für andere Menschen bekommt, die keins haben können. Sie kommen nicht auf die Idee, dass es ein Teil ihrer Familie sein sollte. Warum sollte es?

Die Erwachsenen sind schwieriger. Shellys Bruder meint, was sie tue, sei verrückt, extremer noch als eine Geschlechtsoperation. Am meisten stört es ihn, dass Shelly kein Geld verlangt.

Bei einem gemeinsamen Sushi-Abendessen kommt es zum Streit:

„Nächstes Jahr sagst du mir, dass man kein Geld zum Leben braucht“, sagt er. „Selbstlose Menschen werden von der Welt gefressen.“

Shelly lacht ihren Bruder aus. „Niemand frisst mich“, sagt sie.

Manchmal denkt Shelly an das Gespräch mit dem Psychologen zurück, der sie fragte, was ihre größte Angst bei dieser Schwangerschaft sei. Am meisten fürchtet sie sich vor einer Totgeburt.

Im Februar 2016 fliegen Ori, Rami und Lior nach Kathmandu. Auf dem Weg zum Hotel sieht Ori Wohnhäuser in Trümmern. In der Stadt fehlt fließendes Wasser und Strom, die Menschen erhellen ihre Zimmer mit Kerzen. Vor einem Jahr hat ein Erdbeben die Stadt getroffen.

Ori und Rami mieten sich in ein Hotel gegenüber des Grande City Hospital ein. Es ist ein Privatkrankenhaus, mit westlichen Standards, und liegt an einer dicht befahrenen Straße ohne Ampel. Ori und Rami schlängeln sich an Autos und Rikschas vorbei.

Beim Ultraschall treffen die Männer zum ersten Mal die Leihmutter, eine kleine Frau mit einem scheuen Blick. Das Baby der fremden Eltern scheint zu groß für ihren Körper, der Bauch so geschwollen, dass sie dahinter verschwindet. Eine Unterhaltung ist unmöglich, die Frau spricht kein Englisch. Väter und Leihmutter lächeln hilflos.

Ori filmt die Szene, zur Erinnerung.

Bis zu diesem Zeitpunkt wissen Ori und Rami nicht, welches Geschlecht das Baby hat. Der Arzt darf diese Information nicht weitergeben, weil viele nepalesische Eltern keine Mädchen wollen.

Ori hatte sich einen Jungen gewünscht, einen Bruder für Lior, aber zu diesem Zeitpunkt ist es ihm schon fast egal. Er will endlich sein Baby sehen, egal, welches Geschlecht es hat.

Als das Ultraschallbild auf dem Monitor erscheint, bittet der Arzt die Männer, die Kamera auszumachen. Dann sagt er: „Kaufen sie blaue Kleidung.“

Als Ori der erschöpfte Blick der Frau auf der Liege trifft, meldet sich sein schlechtes Gewissen. Er wendet sich an den Arzt: „Können wir das Kind jetzt schon rausholen?“

Der Arzt übersetzt der Schwangeren die Frage. „Ja, ja“, sagt sie. „Ja bitte.“

Für den nächsten Tag wird ein Kaiserschnitt-Termin angesetzt.

VIII. Schmerzen

Es heißt, der Moment der Geburt sei der gefährlichste im Leben eines Menschen. Shelly ist in der 42. Schwangerschaftswoche und damit zwei Wochen überfällig. Jeden Tag muss sie ins Krankenhaus zum Ultraschall. Eines Nachts lässt die Ärztin sie nicht mehr weg. „Wir müssen die Geburt jetzt einleiten“, sagt sie. Shelly bleibt über Nacht, bekommt einen Ballonkatheter, der ihren Muttermund weitet, und ein Wehenmittel. Als die Kontraktionen einsetzen, sind sie viel schlimmer als bei ihren natürlichen Geburten.

Oris Familie darf am Tag des Kaiserschnitts nicht mit in den Operationssaal. Stattdessen warten sie nebenan nervös auf grünen Plastiksesseln. Lior, im blauen Kleid mit rosa Blumenmuster, lacht und will spielen, Rami dreht sich mit ihr im Kreis, sie rennen die Gänge entlang.

Als man sie ins Gebärzimmer bringt, durchzuckt Shelly auf einmal die Erkenntnis, was für eine Verantwortung sie sich da aufgeladen hat: „Das ist nicht mein Baby“, denkt sie erschrocken.

Ihre Schwester erzählt ihr später, dass Shelly nicht geschrien hat, dass nur ihr Gesicht und ihr Blicke zeigten, wie schlimm die Schmerzen waren. Shelly erinnert sich nicht daran, sie weiß auch nicht mehr, dass sie Sauerstoff bekommen musste. Sie erinnert sich nur an einen Gedanken: „Jetzt kommt das Baby raus zu seiner Mutter.“ Die echte Mutter ist auch da, der Vater wartet nervös vor der Tür, die Krankenschwester hat eine Decke in den Spalt geklemmt, damit er hören kann, was passiert. Der ganze Raum ist voller Mütter, echten und geliehenen, und in der rasenden Geschwindigkeit von zwei Stunden mit nur sieben Minuten Presswehen bringt Shelly am 30. April 2019 das Kind auf die Welt, 3.300 Gramm schwer.

Am 10. Februar 2016 am Vormittag ziehen die Ärzte Oris Sohn aus der Leihmutter, 2.720 Gramm.

Mit blauem Kittel, Mundschutz und Haube lässt man Ori, Rami und Lior zum Neugeborenen. Ein weißer Strampler, ein rosa Mützchen, ein Bettchen mit umlaufender Metallleiste. „Hallo!“, ruft Rami leise. Er streicht dem Baby mit dem Finger durchs Gesicht, hebt den Jungen mit geübtem Griff in seine Arme. Ori steht daneben, die Tochter auf dem Arm.

Elf Mal hat er auf ein Kind gehofft und elf Mal getrauert. Er hat drei Jahre gewartet und ist 6.000 Kilometer gereist, um seinem Sohn in einer zertrümmerten Stadt in Südasien zu begegnen. In diesem Moment weiß er nicht, ob er vor Glück weint, oder vor Erleichterung.

Der erste Moment, an den sich Shelly erinnert, ist der, in dem die echte Mutter die Nabelschnur durchschneidet, ihr Hemd aufknöpft und sich das Baby auf die Brust legt. Shelly zittert am ganzen Körper.

IX. Liebe

Zwei Jahre nach der Geburt seines Sohnes sitzt Ori in seinem lichtdurchfluteten Wohnzimmer und scrollt durch Facebook. In der Nähe rauscht die Autobahn, vor der Tür steht ein Fahrrad mit Kindersitz. Im unteren Stockwerk ist das Kinderzimmer, pinke Wände, massenhaft perfekt sortiertes Spielzeug.

Ori liest Kommentare unter einem Artikel über eine Demonstration von Schwulen und Lesben in Israel. Kommentare wie:

  • Wenn sie unglücklich sind, sollen sie doch nach Saudi-Arabien gehen

  • Warum zieht ihr keine Hunde auf

  • Die Welt ist verrückt geworden – Gayzombie Apokalypse

  • Ich bin sicher, Hitler wäre bei dieser Party gerne dabei 😂😂😂😂

Die Original-Kommentare, die Ori an diesem Tag gelesen hat, habe ich nicht gesehen, er hat mir davon erzählt. Ich habe aber ein Facebook-Video von der Demonstration gefunden, unter dem sehr ähnliche Kommentare standen, diese habe ich in diesem Text zitiert. Hier das Video.

80.000 Menschen haben sich in Tel Aviv versammelt – eine riesige Masse in einem Land von acht Millionen Einwohnern. Sie demonstrieren, weil Israel das Gesetz für Leihmutterschaften geändert hat. Jetzt dürfen auch ledige Frauen auf diese Weise Kinder bekommen. Ledige Männer nicht. Schwule Männer nicht.

Die Demonstranten sehen das Recht auf Leihmutterschaft als ein fundamentales Menschenrecht: Der Wunsch, eigene Kinder haben zu können, ist einer der stärksten, den es für Menschen gibt. Verletzt man die Würde von Frauen, wenn man ihre Körper mietet, um diesen Wunsch zu erfüllen? Oder drängt dieser Gedanke sie in eine Opferrolle, die sie gar nicht haben wollen?

Die nepalesische Journalistin Bhrikuti Rai warnt in diesem Radiobeitrag davor, Leihmütter aus der Ferne zu bedauern. „Man kann es als Ausbeutung sehen. Aber es scheint, dass diese Frauen selbst bestimmen, wie sie ihr Leben führen wollen. Und das müssen wir nicht bemitleiden.“

Im Dezember 2016 bestätigt der oberste Gerichtshof in Nepal das Verbot der Leihmutterschaft für ausländische Paare, unverheiratete Menschen und Transgender-Paare. Tammuz, die Agentur, mit deren Hilfe Ori und Rami ihre Kinder bekommen haben, vermittelt Homosexuellen nun Leihmütter in Kolumbien und Albanien, Kosten: Ab 65.000 Dollar mit Garantie für eine Lebendgeburt.

Solange manche Menschen anders keine Kinder bekommen können, wird es Leihmütter geben. Und solange es Verbote und Strafen gibt, werden diese Frauen in die Illegalität gedrängt, wo sie weniger geschützt sind. Dieses Argument kommt immer, wenn es darum geht, wie Frauen ihre Körper benutzen dürfen. Es rechtfertigt keine Ausbeutung. Aber es beschreibt Tatsachen.

Für Ori ist sein Sohn das größte Wunder seines Lebens.
Für Ori ist sein Sohn das größte Wunder seines Lebens.

Ori sagt, dass seine Kinder ihn manchmal so sehr nerven, dass er sie aus dem Fenster werfen will. Dann aber sieht er seinen Sohn an und denkt: Egal, was du tust, du bist das beste Kind der Welt. Weil es unmöglich ist, dass es dich gibt.

Sein Sohn und seine Tochter wissen es nicht. Aber ihre Geburt hat mehr gekostet als andere Kinder bis zum 18. Geburtstag. Etwa 200.000 Dollar. Was auch immer sie in ihrem Leben tun werden: Nichts wird selbstverständlich sein.

Der Bürgermeister von Shellys Gemeinde, der von ihrer Geschichte Wind bekommen hat, bat sie neulich, bei einem Festakt eine Rede zu halten, über ihre selbstlose Tat. Shelly hatte keine Lust. Sie möchte keine Heldin sein.

Im Krankenhaus hatte man sie davor gewarnt, dass sie sich nach der Geburt deprimiert und schwach fühlen werde, der Hormone wegen. Sie merkt davon nichts. Shelly geht es gut, sie ist mit sich im Reinen. Sie schluckt ein Medikament, das die Milchproduktion stoppt, ihre Brüste schwellen trotzdem riesig an. Aber auch das geht nach ein paar Wochen vorbei.

Noch Monate nach der Geburt schicken die Eltern Shelly jede Woche Fotos von dem Kind, das sie geboren hat. An Shellys Geburtstag schicken sie Blumen. Ab und zu ruft die Mutter an, die nun wirklich eine echte Mutter ist. Shelly glaubt, dass sie mit der Zeit immer weniger von ihr hören wird. Das findet sie in Ordnung.

Bis zum Schluss hat sie sich geweigert, Geld anzunehmen. Warum, kann sie bis heute nicht genau erklären. „Typisch Shelly“, sagt ihre beste Freundin. „Es fällt ihr leicht, etwas für andere zu tun. Aber sie schafft es überhaupt nicht, etwas von anderen anzunehmen.“

Die Leihmutterschaft hat Shelly verändert, sie ist weicher geworden. Ihre eigenen Kinder sieht sie jetzt mit anderen Augen: Sie sind nicht mehr selbstverständlich. In den Monaten der Schwangerschaft hat sie viel über Mutterliebe nachgedacht und darüber, was biologische Verwandtschaft bedeutet. Ist ein Kind wirklich deins, weil es deine Gene hat? Weil es in deinem Körper wächst? Wenn ein Baby im Krankenhaus vertauscht wird, lieben die Eltern es, als wäre es das eigene. Was ist das für ein Gefühl – Elternliebe?

Shellys Schwester, die vor zwei Jahren noch glaubte, verflucht zu sein, ist nun auch Mutter geworden. Sie hat Zwillinge bekommen. Eine Leihmutter brauchte sie nicht.

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