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Tagebuch Ostdeutschland verstehen – Tour der Völkerfreundschaft, Folge 2

Kohle raus!

von Christian Gesellmann
etwa 8 Min. Lesedauer
Tagebuch Ostdeutschland verstehen - Tour der Völkerfreundschaft
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Tagebuch Ostdeutschland verstehen - Tour der Völkerfreundschaft
Gemein- und Schönheiten im deutsch-deutschen Verhältnis

Der Monat geht in seine zweite Woche. Für mich traditionell der Moment, um mit klammen Fingern das Passwort fürs Onlinebanking einzutippen. Mal gucken, wie schlimm es diesmal ist. Mal sehen, welche der Rechnungen, die ich als freier Journalist Ende letzten Monats gestellt habe, überwiesen wurden.

Dann mal nachfragen, was los ist. „Hallo, ich bin's wieder. Ja, immer noch pleite. Wie sieht's denn aus?“

Dann guck ich auf die Liste der Auftraggeber, die mir schon seit Monaten Geld schulden. Und frag dort auch nochmal nach, wann ich denn bitte mein Geld bekomme für die Arbeit, die ich längst geleistet habe. Und für die ich meist Auslagen hatte, Reisekosten, Arbeitszeit.

Im Moment habe ich Honorare in vierstelliger Höhe ausstehen, teilweise noch aus dem Juni. Jetzt ist Anfang Oktober und mein Dispo schon wieder so gut wie ausgereizt. Hervorragend. Zum Glück arbeite ich nebenbei in einer Bar. Da wird pünktlich gezahlt. Und vom Trinkgeld kann ich mir ja das Nötigste leisten.

Als ich im Sommer eine depressive Phase hatte, vom Schreiben eine Pause brauchte und als Bauhelfer arbeitete, wurde ich sogar wöchentlich bezahlt (in der Zeit ist auch das Foto entstanden, auf dem das mit dem Zorn nur gespielt ist, das ich zur Illustration für diesen Artikel aber unsubtil genug fand).

Das Hauptproblem ist die schlechte Zahlungsmoral der Auftraggeber

Wenn vom Zustand der Pressefreiheit in Deutschland die Rede ist, dann geht es meist um Bedrohung von Journalisten durch Neonazis oder Diskriminierung durch Behörden. Das gibt es alles, und es ist ein Problem. Habe das alles selbst erlebt. Ist ein Stück weit auch Berufsrisiko. Aber was das viel größere, viel mehr Autoren und andere freie Berufe betreffende Problem ist: unanständig niedrige Honorare und die Arschloch-Zahlungsmoral unserer Auftraggeber.

Ich weiß ja nicht, wie eure Vermieter, Krankenkassen, Telefonanbieter, Finanzämter etc. so drauf sind, aber meine wollen ihre Kohle pünktlich. Und die Mahnungen kommen safe wie das Amen. Nur nach der Mahnung kommt kein Erbarmen. Denen kann ich nicht einfach sagen: „Oh, ich hab mir den Arm gebrochen, ich kann erstmal gar nichts machen. Die Kollegin hat ein Kind gekriegt. Sorry, bei mir ist so viel liegen geblieben in letzter Zeit, da hab ich's verpeilt.“

Interessanterweise spielt es auch gar keine Rolle, ob es Linke sind oder Verwaltungen oder öffentliche Anstalten oder konservative Stiftungen. Überall, wo ich anrufe, gebrochene Arme. Der zuständige Sachbearbeiter immer grad zufällig krank. Niemand zuständig. Keine Entschuldigung.

Zum Glück habe ich großartige Freunde, die dann auch mal aushelfen mit Geld. Die sagen, ja, solche Phasen gibt's im Leben, am Anfang ist es immer schwer mit der Selbstständigkeit.

Aber an solchen trüben Oktobertagen vergeht mir dann doch manchmal ein bisschen der Glaube daran, dass das irgendwann mal aufhört. Dass es irgendwann mal reicht, um mit gutem Gewissen eine Familie zu gründen. Oder auch nur kreditwürdig zu sein.

Und nein, ich bin kein Einzelfall

KR-Mitglied Gero schrieb mir: „Ich bin seit 2007 selbstständig und weiß, was da los sein kann. Bei mir war es so schlimm, dass ich sogar meine ursprüngliche Leistung (visuelle Kommunikation, vulgo Grafikdesign) aufgegeben habe und nun etwas ganz Neues mache (digitale Kommunikation, vulgo Social-Media-Marketing). Manchmal muss ein Shift einfach sein, wenn sonst die Familie leidet.“

Journalist Alex kommentierte auf Facebook dazu: „Exakt das gleiche Problem bei mir. Momentan liege ich seit einem Jahr in einem Rechtsstreit mit einem Auftraggeber, der mir noch knapp 800 Euro schuldet. Die schlechte Zahlungsmoral der meisten Auftraggeber war es, die mich letztendlich dazu bewogen hat, die Selbstständigkeit aufzugeben und eine feste Stelle anzunehmen …“

https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10157164330373347&set=a.172709178346&type=3&theater

Journalistin Hanne schreibt: „Ich habe vor zehn Jahren aufgehört, für Zeitungen zu schreiben, selbst wenn sie zahlten, war das zu wenig. Bei bis zu 5 Artikeln pro Woche kam ich nicht über 750 Euro, trotz mehrmaliger Nachfrage nach Erhöhung des Honorars. Mein ‚Stundenlohn‘ lag bei 3 bis 4 Euro. Auch private Auftraggeber (für Ausstellungskataloge und Eröffnungsreden) zeigten sich oft verwundert darüber, dass meine Arbeit bezahlt werden sollte, sehr selten wurde das ordentlich honoriert.“

Gerade haben mir Mietwagenhaie schlappe 1.000 Euro von der Kreditkarte abgebucht, weil ich ihre Klapperkiste mit einem Steinschlag zurückgebracht habe. Aber gern doch.

Meine Ex-Hausverwaltung ließ mich im Sommer mehrere Hundert Euro Miete nachzahlen für die Zeit, in der die Wohnung leer stand, weil ihr Sachbearbeiter im Urlaub war und dem Vermieter die Mietinteressenten – denen ich die Wohnung gezeigt hatte, die sofort einziehen wollten und alle Unterlagen gefaxt (!) hatten – nicht weiterleitete. Please, help yourself to my Konto.

Irgendwas ist doch immer. Man braucht 'ne Zahn-Krone, zack 600 Euro weg. Beziehungsweise 300, ich hab dann doch die silberne Variante genommen. Und Weihnachten ist ja auch bald wieder.

Das ständige Betteln wirkt sich auch auf das Privatleben aus

Es ist erniedrigend, dauernd auf diese Art betteln zu müssen. Diesen Artikel zu schreiben ebenfalls. 35 und immer noch pleite, irgendwas muss doch verkehrt sein mit diesem Typ, das ganze wird zum Stigma. Wenn die ehemaligen Kommilitonen in den Winterurlaub fahren, hab ich keine Zeit. Wer will schon dauernd über seine Geldprobleme reden?

Aber in Gedanken habe ich diesen Artikel in den letzten fünf Jahren schon etliche Mal geschrieben. Und wenn ich mit anderen freien Journalisten rede, geht es inzwischen oft auch darum, wie sehr das private Leben, die Beziehungen leiden unter der permanent prekären Lebenslage, die man, je älter man wird, auch um so öfter als eigene Wahl rechtfertigen muss. „Warum machst du nicht was anderes?“

Genau diese Unsicherheit ist der Grund, warum so viele Freiberufler mit Mitte 30 die Segel streichen. Weil halbtags für die Tabaklobby arbeiten bedeutet: doppeltes Gehalt.

Ich glaube, ein Problem von uns Freien ist auch einfach, dass wir uns nicht genug darüber aufregen. Wer hat schon Bock, seine privaten Finanzen so in die Öffentlichkeit zu tragen? Ich auch nicht, aber das Problem ist eben leider systemisch und leider auch gesellschaftlich relevant.

Gute Entscheidungen brauchen gute Informationen. Und die liefert der Journalismus. Aber der hat bereits Nachwuchsprobleme. Und der Job wird nicht attraktiver. Insbesondere Lokalzeitungen in Ostdeutschland finden schlicht keinen Nachwuchs mehr. Und wer schaut dann noch genau hin, was im Gemeinderat oder im Stadtrat passiert? Und das Problem ist hausgemacht, wie 20 junge Journalist:innen vergangenes Jahr in einem bedrückenden Manifest beschrieben:

„Irgendwann reicht auch die größte Leidenschaft nicht mehr aus. Wenn wir keine Jobsicherheit haben, wenn wir keine Freiräume für eigene Ideen bekommen, wenn wir von Sparrunden bedroht sind und vor allem: Wenn unsere Arbeit nicht wertgeschätzt wird, auch in Form von Geld, dann gehen wir. Bei jeder Umstrukturierung heißt es, dass die Zeitung digitaler werden und junge Menschen für sich gewinnen muss. Gleichzeitig wird der Beruf des Journalisten immer unattraktiver. Doch gerade wir als Digital Natives werden gebraucht.“

Zehn Euro für den Aufmacher sind keine Seltenheit

Für Festangestellte ist die 60-Stunden-Leidenswoche immer noch die Regel. Gehaltserhöhungen, die über der Inflationsrate lagen, gab es bei den tarifgebundenen Häusern fast 20 Jahre lang nicht. Und als freier Reporter für Lokalzeitungen zu schreiben ist ein Aufstocker-Job. 10 Euro (ZEHN) für einen Aufmacher im Lokalteil sind keine Seltenheit. Ein Aufmacher, das soll der wichtigste Artikel auf der Seite sein. Honoriert wird er genau so, wie eine Stunde Gläser spülen.

Auch keine Seltenheit: 30 Euro für einen Artikel, für den man den ganzen Tag im Gerichtssaal saß. In einer Stunde als Bauhelfer verdient man unter Umständen mehr, als als studierter und gelernter Journalist. Deshalb ziehen unsere besten Leute eben immer noch weg.

Keine einzige Lokalzeitung in Ostdeutschland gehört einem ostdeutschen Verlag. Mit der Wende verschwanden rund 80 Prozent der Buchverlage der Ex-DDR für immer. Keine einzige Lokalzeitung in Ostdeutschland zahlt Tarif. Und wie in allen Branchen ohne Tarifbindung bedeutet das: schlechte Löhne.

Wie sehr die Art und Weise des wirtschaftlichen Umbruchs nach der Wende den Osten Deutschlands immer noch benachteiligt, habe ich in diesem Artikel über die Treuhand beschrieben. Wie sich das konkret auf die Verlagslandschaft auswirkt, habe ich in diesem Rahmen noch einmal in einem Google Doc aufgearbeitet.

Die überregionalen Medien sind auch nicht besser. Ihr fragt euch, warum bei Spiegel Online und Co. so oft oberflächlicher oder widersprüchlicher Quatsch steht? Kann ja sein, dass es manchmal an der Haltung der Autoren liegt. Viel öfter aber daran, wie sie gehalten werden.

„Kaum ein Journalist redet offen über sein Gehalt oder seine Honorare. Das ist schlecht. (...) Weil wir reden müssen, es aber nicht tun. Und weil Geld wichtig ist. Gerade für Journalisten. Denn prekäre Gehälter und Honorare sind mittlerweile so normal, dass der Nachwuchs gar nichts anderes mehr erwartet. Sie sind so häufig, dass schon viele gute Journalisten ihrem Beruf den Rücken gekehrt haben“, sagt der Datenjournalist Michel Penke, der mit dem Hamburger Verein Freischreiber in diesem Jahr zum ersten Mal Arbeitsbedingungen und Honorare in einem Report öffentlich machte.

Aber es ist ja nicht nur so, dass die Honorare zu niedrig sind. Je weniger Geld man hat, desto teurer ist das Leben. Man kauft nichts auf Vorrat, man bucht nicht im Voraus, man nimmt sich keinen Anwalt. Man drückt ab und hofft, dass der nächste Monat besser wird.

Hauptsächlich arbeite ich für Krautreporter. Krautreporter zahlt immer zuverlässig und so viel wie möglich, bei extremer Transparenz und Kollegialität. Als kleines unabhängiges Magazin ohne Werbung ist das aber nicht immer genug. Dass wir als Genossenschaft ohne das Ziel der Gewinnmaximierung dennoch steuerlich gleichbehandelt werden wie die großen Medienhäuser, die ihren guten Namen nutzen, um allen möglichen Scheiß zu verkaufen – vom Golfen mit Influencern über Kreuzfahrten oder fake Gütesiegel für Ärzte – ist ein Teil des Problems.

Journalismus ist kein Sekt, sondern Wasser!


Redaktion: Bent Freiwald; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Verena Meyer.

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