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Ostdeutschland verstehen

Die Treuhand, verständlich erklärt

von Christian Gesellmann
etwa 40 Min. Lesedauer

Die Treuhand? Warum denn jetzt schon wieder ein Artikel über eine dieser alten Ossi-Wessi-Geschichten?

Weil die Treuhand die Wirtschaft in Ostdeutschland ganz entscheidend geprägt hat, und dabei sind ein paar Sachen passiert, die viele Ostdeutsche bis heute stark stören.

Was denn zum Beispiel?

Schau dir diese Grafik mal an:

Quelle: Treuhand

Infografik: Bent Freiwald

Die Treuhand hat 80 Prozent aller Betriebe der DDR an Westdeutsche verkauft. 15 Prozent an Ausländer.

Und nur fünf Prozent an Ostdeutsche. Das ist natürlich wirklich ziemlich wenig.

Und das hat sich bis heute kaum verändert. Zurzeit gehören Ostdeutschen nur etwa 15 Prozent der Betriebe im Osten. Auf den Chefsesseln sind sie stark unterrepräsentiert, nicht nur in der Wirtschaft, auch in den Kulturbetrieben und Hochschulen (das zeigt eine Studie der Uni Leipzig). Und sie verdienen immer noch deutlich weniger.

Aber trotzdem: Das mit der Treuhand ist doch schon fast 30 Jahre her, spielt das heute noch eine Rolle?

Ja, auf jeden Fall. Ostdeutsche Kommunen haben im Durchschnitt gerade einmal die Hälfte der Steuereinnahmen (pro Kopf) im Vergleich zu westdeutschen Kommunen. Das steht im Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit. Denn die wichtigste Einnahmequelle für Städte und Gemeinden sind die Gewerbesteuern, die Unternehmen zahlen. Dadurch, dass die meisten Betriebe im Osten nicht den Menschen vor Ort gehören, sondern häufig immer noch die verlängerte Werkbank westdeutscher Betriebe sind, zahlen sie auch den Großteil ihrer Steuern nicht im Osten.

Warum?

Den Hauptanteil der Steuern zahlt ein Unternehmen dort, wo es seinen Hauptsitz hat. Und dort, wo die Konzernzentrale ist, sind in der Regel auch die am besten bezahlten Jobs sowie die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Wenn ein Betrieb in Thüringen Motoren für Mercedes herstellt, die dann im Stammwerk in Stuttgart in die Autos eingebaut werden, profitiert die Stadt Stuttgart davon also gleich doppelt. Ungefähr jeder dritte Motor aus dem Hause Daimler (Mercedes Benz und Smart) wird übrigens in Thüringen gebaut.

Gleich kommt das alte Argument, dass der Osten auch kein DAX-Unternehmen beheimatet.

Und wie das kommt:

Quelle: DAX

Infografik: Bent Freiwald

Man darf nicht unterschätzen, welche Auswirkungen das auf die kommunalen Finanzen hat. Fast alle Unternehmen, die im Deutschen Aktienindex (DAX) geführt werden, gehören zu den größten Arbeitgebern auch im Osten Deutschlands: Siemens, Volkswagen, BMW, Continental, Daimler, die Telekom, die Deutsche Post, die Chemieindustrie und so weiter. Und es sind nicht nur die börsennotierten Unternehmen: Von den größten 500 Konzernzentralen liegen 464 im Westen und 36 im Osten Deutschlands. „Thüringens Steuerkraft pro Kopf liegt bei 53 Prozent des Bundesdurchschnitts, die Wirtschaftskraft bei 74 Prozent. Dies sind alles Konsequenzen auch aus den Weichenstellungen der Treuhandpolitik”, schreibt deshalb zum Beispiel Thüringens linker Ministerpräsident Bodo Ramelow in seinem Onlinetagebuch.

Okay, was hat die Treuhand denn nun genau gemacht?

Ab Juli 1990 gehörten ihr alle 8.400 einst nach sowjetischem Vorbild verstaatlichten sogenannten Volkseigenen Betriebe (VEB) der DDR. Aufgabe der Treuhand war es, sie zu privatisieren. Praktisch über Nacht wurde die Anstalt so zum größten Arbeitgeber der Welt, verantwortlich für vier Millionen Arbeitnehmer.

In ihrem ersten Jahr wurde ihr Vorstand ermordet, die Berliner Niederlassung abgebrannt, die Zentrale mehrfach besetzt. Die Treuhand mutierte zum Feindbild schlechthin. Aber sie machte weiter, privatisierte, sanierte und liquidierte Betriebe wie am Fließband. Unternehmen mit Hunderten Mitarbeitern wurden teilweise im Minutentakt an Interessenten verkauft, die in den überfüllten Fluren der Treuhandniederlassungen warteten. 1994 erklärte die Anstalt ihre Aufgabe für erfüllt. Rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze in Ostdeutschland waren da verschwunden, 4.000 Unternehmen dicht gemacht, 250 Milliarden D-Mark Schulden aufgelaufen.

Wow. War das nicht ein Riesenthema in den Neunzigern? Warum reden wir denn jetzt darüber?

Allgemein schien sich die deutsche Politik in Ost wie West damit abgefunden zu haben. Und das ist ein Fehler, den vor allem eine Partei nun für sich nutzen kann, die ansonsten mit wenig anderem als ihrem Rassismus auffällt.

Du meinst natürlich die AfD.

Ja. Die macht gerade mit den Ungerechtigkeiten der Wendezeit Wahlkampf in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, wo im Herbst jeweils der Landtag neu gewählt wird. In keiner Partei ist der Anteil der Menschen, die sagen, vor 1989 sei die Lebenssituation besser gewesen, annähernd so hoch wie bei der AfD.

https://twitter.com/jana_hensel/status/1160844819243118592

Aber die AfD hat das Thema nicht zuerst wiederentdeckt. Erinnerst du dich, wie mit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 die Zahl fremdenfeindlicher Straftaten so gut wie überall in Deutschland stark anstieg, im Osten allerdings besonders stark?

Ja. Die Rechtsradikalen tauchten wieder aus der Versenkung, und die AfD stieg zu einer der erfolgreichsten Parteien auf.

Seitdem fragt sich Deutschland wieder, was mit den Ossis eigentlich verkehrt ist, ob die ein Problem mit der Demokratie generell haben. Seitdem wird auch wieder viel über die ziemlich unerforschte Geschichte der Treuhand gesprochen – vor allem im Osten. Und seit Kurzem fragen sich immer mehr junge Menschen hier, ob der Hass von heute etwas mit den Ungerechtigkeiten von damals zu tun hat. Darüber hat mein Kollege Josa geschrieben, in seinem Artikel Den jungen, wilden Ostdeutschen gelingt etwas, an dem Parteien und Politiker verzweifeln. Er hat Philipp Rubach, einen Gründer der Initiative „Aufbruch Ost”, porträtiert, der zwar erst sechs Jahre nach der Wende geboren wurde, aber dennoch ständig mit der Treuhand konfrontiert wird, wenn es in der Familie um Politik geht:

„An jedem Kaffeetisch, sagt Rubach, fängt der Opa heute von Neuem an: Von den Westdeutschen, wie sie mit schwarzen Aktenkoffern kamen. Wie sie sagten: Jetzt ist Schluss hier. Wie sie die Ferienwohnungen des Betriebs in den Westen verkauften. Aber außer dem Kaffeetisch schien den Opa niemand anhören zu wollen, gerade die Politik nicht. Rubach sagt: Es gibt für das Thema Treuhand bis heute keinen Erzählraum. Und deshalb, glaubt Rubach, ließ sich die Wut der Ostdeutschen jetzt so leicht in eine andere Richtung lenken. Rubachs Kampf für den Osten, das merkt man schnell, gilt auch der AfD.“

Für diejenigen, die direkt von den Entscheidungen der Treuhand betroffen waren, weil sie ihre Jobs verloren und damit oft auch jede Perspektive, ist die Anstalt immer noch ein Stück Gegenwart. Denn es folgte nie eine Zukunft auf sie, wie du in diesem Portrait eines Ingenieurs lesen kannst, den wir in Leipzig getroffen haben. Es gibt nun auf jeden Fall eine Menge neuer Bücher (siehe die Lesetipps am Ende des Artikels), Forschungsansätze, Studien, Ausstellungen, Diskussionsrunden und Veranstaltungen wie Kombinatsdirektoren erzählen zur Treuhand. Einig sind sich alle darin, dass die Erinnerung der West- und Ostdeutschen an die unmittelbare Nachwendezeit kaum unterschiedlicher sein könnte.

Inwiefern?

Dazu habe ich die Krautreporter-Mitglieder nach ihrer Meinung gefragt. Bei den Mitgliedern aus dem Osten steht die Treuhand für eine Politik, die hauptsächlich mit Betrug, Enteignung und Kolonialisierung verknüpft wird. Bei denen im Westen für eine zwar schmerzhafte, aber alternativlose und letztlich erfolgreiche Strategie, die vor allem viel gekostet hat.

„Das Problem oder die Probleme, die heute den Osten prägen, sind meines Erachtens hauptsächlich durch die Treuhand verursacht. Ich befürchte, dass sie vorsätzlich so gehandelt hat. Und daher hab ich in dieser Frage ziemlich viel Wut im Bauch, auch wenn ich das nicht weiter belegen kann“, sagt KR-Mitglied Ludwig aus Weimar. „Als Wessi darf man sich ja eigentlich nicht dazu äußern, weil die Treuhand ja die Ursache allen Übels ist und niemand mehr in Erinnerung hat, wie runtergekommen die DDR-Wirtschaft war“, schreibt Leserin Elisabeth aus Frankfurt am Main.

Nur 20,3 Prozent der Westdeutschen und 32,8 Prozent der Ostdeutschen unter 40 wissen, was die Treuhandanstalt war. Die über 40-Jährigen in West (85,1 Prozent) und Ost (94,5 Prozent) wissen hingegen ziemlich gut Bescheid. Sie scheinen es nur nicht weiterzuerzählen, stellten die Forscher der Uni Bochum um Marcus Böick fest, die vor zwei Jahren im Auftrag der Ostbeauftragten der Bundesregierung eine maßgebliche neue Studie über die Treuhand veröffentlichten.

Kurz: Zur Treuhand gibt es nur extreme Meinungen.

Leider. Denn, wie der Magdeburger Sozialwissenschaftler David Begrich in einem Interview mit der Taz erklärt: „Die Folgewirkungen des Umbruchs werden bis heute unterschätzt. Solange im Osten eine Wahrnehmung eint, man sei von den Westdeutschen über den Tisch gezogen worden, muss man sich nicht mit der Frage beschäftigen, was es hier in den 90er Jahren auch an hausgemachten Fehlern gab.“ Für die Ostdeutschen ist dieses Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein, fest mit dem Name Treuhand verknüpft. Der Treuhand-Forscher Marcus Böick aus Bochum nennt sie deshalb „Traumatisierungsanstalt“, der Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel bezeichnet sie als „Blitzableiter“. Und das ist zumindest teilweise unfair.

Jetzt fängst du an, die Treuhand zu verteidigen, oder was?

Ein bisschen. Denn selten wird berücksichtigt, was für eine enorme Aufgabe die Anstalt zu bewältigen hatte, und unter wie viel Druck ihre Mitarbeiter dabei standen. Nie hat es einen ähnlichen Vorgang gegeben. Laut Wikipedia wurden zwischen 1980 und 1987 weltweit nur etwa 1.000 staatliche Unternehmen privatisiert. Und alle in einem marktwirtschaftlich stabilen Umfeld. Die Treuhand hatte ein Vielfaches davon zu tun. Und das im Umfeld eines zerfallenden Staates. Das Thema bietet also eine Menge Zündstoff.


Mehr als 30 KR-Mitglieder haben mir mit ihren Fragen, Erfahrungen und Recherchetipps bei diesem Text geholfen!


Lass uns mal über den Namen sprechen. Treuhand – das klingt so vertrauenerweckend. Passt so gar nicht zu dem, was du über sie bis jetzt so erzählt hast.

Witzig, dass dir das auch aufgefallen ist. Denn es scheint tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Namenswahl und der öffentlichen Kritik an der Anstalt zu geben. Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass die Treuhand 1994 nicht einfach aufgehört hat zu existieren. Sie hat sich nur umbenannt. Seit 1995 heißt sie „Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben“. Unter ihrem neuen Namen wurde die Anstalt von ihren Kritikern aber ganz schnell vergessen, wie Medienanalysen zeigen.

„Scheiß Treuhand!“, lässt sich auch viel leichter rufen als: „Scheiß Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben!“

Eben. Der Begriff Treuhand hat mehrere Bedeutungen, im Prinzip geht es aber immer um das Gleiche: Dem Treuhänder wird eine Sache anvertraut, die ihm nicht gehört, damit er sich drum kümmert, während der eigentliche Eigentümer mit sich selber klarkommt.

Ein Beispiel aus dem Redaktionsalltag: Fotoredakteur Martin kauft mit Krautreporter-Geld ein tolles Buch, damit wir Schreibknechte endlich lernen, ordentliche Bilder zu machen. Chefredakteur Rico krallt es sich zuerst, dann liegt es auf seinem Schreibtisch, und irgendwann wandert es zu ihm nach Hause oder so, jedenfalls ist es nie da, wenn ein Autor, der nicht in Berlin lebt, sondern sagen wir mal in Jena, vorbeikommt, um es sich auszuleihen. In solchen komplizierten Situationen brauchen wir dann Vera, unsere Redaktionsmanagerin. In ihre treuen Hände geben wir das Buch. Ihr gehört es zwar eigentlich auch nicht, aber wir tun alle so, als würde es ihr gehören, weil wir insgeheim wissen: Ist besser so. Sie passt auf, dass es jeder lesen darf und dass es notfalls ersetzt wird, falls es irgendwie wegkommt, und dass Martin endlich die Quittung wegen der Steuererklärung vorbeibringt. Vera handelt in Fällen wie diesen wie eine Treuhänderin. Es ist ein undankbarer Job. Danke, Vera.

Warum brauchte es überhaupt eine Treuhand in Ostdeutschland?

Bei der Treuhandanstalt ging es nicht um ein Fotobuch, sondern um eine komplette Volkswirtschaft. In der BRD, heute wie damals, gibt es die soziale Marktwirtschaft. Das heißt: Eigentum ist geschützt. Krautreporter zum Beispiel gehört den Mitgliedern unserer Genossenschaft. Volkswagen gehört der Familie Porsche und dem Land Niedersachsen. Die Deutsche Bank gehört Investmentfonds aus China, Katar und den USA. Die Deutsche Bahn gehört dem Staat. Und so weiter. Im Wirtschaftssystem der DDR gab es offiziell aber kein Eigentum. Alles gehörte allen.

Wie, es gab kein Eigentum?

In der DDR gab es die zentrale Planwirtschaft. Die Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe im Inland tauschten ihre Waren untereinander nach zuvor festgelegten Plänen (meist Fünfjahrespläne), und international tauschten die anderen Länder des Warschauer Pakts ihre Waren und Rohstoffe ebenfalls untereinander. Alles gehörte allen – das ist die Bedeutung von „Volkseigener Betrieb“. Aber eben nur theoretisch. Denn die Bürger der DDR besaßen keinerlei Anteilsscheine, Aktien oder ähnliches, um sich auf ihren Teil vom Kuchen berufen zu können. Formal unterstand das Volkseigentum der DDR-Partei- und Staatsführung.

Man könnte also auch sagen: Keinem gehörte irgendetwas.

Ja. Mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten musste geregelt werden, wem die Betriebe, ihr Kapital und ihre Immobilien sowie Grundstücke in Zukunft gehören würden. Und bis dahin wurde alles einer Treuhandanstalt anvertraut.

Nach welchen Vorgaben hat die Treuhand denn Betriebe verkauft? Sollte es vor allem schnell gehen? Wollte man Arbeitsplätze erhalten?

Die zweite Präsidentin der Treuhand, Birgit Breuel, hat drei Grundsätze für ihre Mitarbeiter formuliert: „Schnell privatisieren, weil wir der Auffassung sind, dass Privatisieren die beste Form der Sanierung ist. Das zweite Motto heißt: Entschlossen sanieren. Da, wo Zukunft möglich ist, soll Sanierung durchgeführt werden, um auch hier den Menschen mehr Mut und Hoffnung zu machen. Und das dritte Motto heißt: Behutsam stilllegen.“

Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel, 1991

Äh, gehts vielleicht noch ein bisschen konkreter?

Nee, eigentlich nicht. Das klingt jetzt blöd, ich weiß. Ist aber so. Zuständig für die Treuhand war das Finanzministerium unter Theo Waigel von der CSU. Waigel verglich den „Aufbau Ost“ gern mit dem Wiederaufbau der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. So wie damals müsse sich der Staat raushalten, wenn das „kreative Chaos“ des Marktes die Wirtschaft in Gang bringt. Und dementsprechend verlangte er von der Treuhand eigentlich nur eins: Sich möglichst schnell wieder in Luft aufzulösen. Soziale oder politische Erwägungen sollten keine Rolle spielen. Das wird auch an diesem kuriosen Fakt deutlich: Der „Kanzler der Einheit“, Helmut Kohl, stattete der Anstalt, die die Wirtschaft der beiden Länder vereinigen sollte, in vier Jahren nur einen einzigen Besuch ab.

Hä? Warum das denn?

Man wollte einen vermeintlichen Fehler der bundesrepublikanischen Politik der vergangenen Jahrzehnte vermeiden: Betriebe und Wirtschaftszweige, die nicht mehr wettbewerbsfähig waren, sollten nicht künstlich mit Subventionen am Leben erhalten werden. Besonders der teure, jahrzehntelange Abbau der 600.000 Arbeitsstellen im Steinkohlebergbau wurde hier immer wieder als Negativbeispiel genannt. „Niemand fällt ins Bergfreie“, versprachen die Politiker den Kumpels im Ruhrpott, als sie mit den Kohlepreisen aus Australien nicht mehr konkurrieren konnten, was bedeutete: keine betriebsbedingten Kündigungen.

Dieses Versprechen hat die deutsche Politik gehalten. Erst im Dezember letzten Jahres machte die letzte Zeche dicht. Heute bewundert man in vielen Ländern – ganz besonders in Australien – diese geduldige, sozialverträgliche Politik. In Ostdeutschland wollte sie die Regierung in Bonn aber nicht anwenden. Der spätere Bundespräsident Horst Köhler war Anfang der 1990er Jahre im Finanzministerium beschäftigt und prägte einen Satz, der vielen Ostdeutschen im Gedächtnis hängengeblieben ist: „Es muss auch mal gestorben werden.“

Und wie viele Betriebe wurden liquidiert?

Als die Treuhand 1994 ihre Arbeit beendete, hatte sie die VEBs in 12.000 Einzelteile zerlegt. Ein Drittel wurde dichtgemacht.

Und der Rest?

Die Hälfte der 12.000 Betriebe wurde privatisiert und verkauft. Fast alle gingen an westdeutsche Firmen und Unternehmen aus dem Ausland. Aus dem Konsum wurde Aldi. Statt Trabant liefen nun Volkswagen vom Fließband. Zwei Prozent der Betriebe gingen an Kommunen. 13 Prozent wurden an ihre früheren Besitzer zurückgegeben.

Quelle: Treuhand

Infografik: Bent Freiwald

Was heißt, Betriebe wurden zurückgegeben?

In der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR wurden nach dem Zweiten Weltkrieg viele Firmeneigentümer, Bauern und Grundstücksbesitzer enteignet. Manchmal wurden die Bürger entschädigt, wenn ihr Eigentum verstaatlicht wurde, manchmal nicht. Auch nach der Wende gab es in dieser Frage nicht wirklich Gerechtigkeit. Es bekamen nur diejenigen ihr Eigentum zurück, die nachweisen konnten, dass sie „teilungsspezifisches Unrecht“ erlitten haben. Mit anderen Worten: Wer von der DDR angearscht wurde, weil er in die BRD geflüchtet war, der hatte Ansprüche. Wer von der DDR angearscht wurde, einfach weil es die DDR war, hatte Pech.

Wie viel hat das alles eigentlich gekostet?

Die Treuhand steckte nach eigenen Angaben rund 150 Milliarden D-Mark in die Sanierung der Betriebe. Vor allem musste sie Schulden der Betriebe abbezahlen: Das allein kostete 78 Milliarden D-Mark. Die Beseitigung von ökologischen Altlasten weitere 44 Milliarden D-Mark.

War denn die DDR-Wirtschaft überhaupt noch irgendetwas wert?

Es gibt nur Schätzungen. Hans Modrow, der nach der Wende Regierungschef der DDR war, sprach davon, dass das Volksvermögen 1.000 Milliarden Ostmark wert war. Eine Forschungsgemeinschaft aus Bürgerrechtlern und Wirtschaftsexperten schätzte das DDR-Vermögen auf 650 Milliarden Ostmark, der erste Treuhand-Vorstand Detlev Rohwedder nannte wiederum 600 Milliarden D-Mark.

Der erste Präsident der Treuhand, Detlev Karsten Rohwedder, wurde 1991 von der RAF ermordet.

War die DDR nun pleite?

Ja. 1989 arbeiteten nur 32 Prozent der Betriebe rentabel – so sagte es Wolfram Krause, Staatssekretär im Finanzministerium. Die DDR war mit 34 Milliarden D-Mark im Ausland verschuldet. Und die Betriebe mit 200 Milliarden Ostmark bei der Staatsbank. So steht es im berüchtigten Schürer-Report, einem internen Bericht der Bank. Danach stand der Zusammenbruch kurz bevor. Denn die Idee mit der Planwirtschaft funktionierte schon längst nicht mehr. Was die DDR nicht im Tauschhandel mit ihren kommunistischen Brüdern erhalten konnte, kaufte sie heimlich im westlichen Ausland. Wichtigster Handelspartner: die BRD.

Die DDR-Betriebe waren doch halbe Museen, oder?

Es gibt diesen Witz, dass eine japanische Delegation nach einem Besuch der DDR erklärt, sie habe zwei tolle Museen gesehen: Pergamon und Robotron.

Okay, Pergamon kenne ich, das ist das Antiken-Museum in Berlin. Aber Robotron?

Robotron baute in Karl-Marx-Stadt Computer. Oder Rechenmaschinen, wie man das offiziell nannte. Das letzte Robotron-Modell, das sich technisch auf Weltniveau bewegte, war vielleicht der R300 aus den 1960er Jahren. Der sah so aus:

Bedienteil des Robotron 300, mit Lochkartenleser rechts im Hintergrund

© Wikipedia / Deutsche Fotothek‎

Aber der Zustand der DDR-Wirtschaft war gar nicht so entscheidend.

Nein?

Nein. Denn erst nach der Wende gab es zwei Entwicklungen, mit denen die meisten Betriebe nicht umgehen konnten. Mit dem Mauerfall brach erstens bei vielen ostdeutschen Betrieben der Absatz radikal ein. Die Leute kauften nun einfach keine einheimischen Produkte mehr, egal, ob es um Autos, Backmischungen oder Getränke ging. Nur ein typisches Beispiel: Rotkäppchen verkaufte 1986 mehr als 15 Millionen Flaschen Sekt, 1991 gerade mal noch eine Million. Von rund 700 Ostmarken überlebten nur 120.

Und was war die zweite fatale Entwicklung?

Die D-Mark kam im Juli 1990 in den Osten. Die Ostmark wurde 1:1 in D-Mark umgetauscht. Ihre Kaufkraft betrug aber nur etwa ein Drittel.

Warum hat man das dann gemacht?

Um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Ossis sollten kaufen. Und wollten ja auch. Für die Verbraucher war das schön, aber für die ostdeutschen Unternehmen schrecklich. Genauer erklärt uns das KR-Mitglied Martin aus Zwickau, der DDR-Bürgerrechtler war:

„Für Guthaben und Kredite schien der Kurs unproblematisch, da er ein einmaliges Geschenk an die DDR-Bevölkerung bedeutete: Die Umtauschaktion war aber auf 4.000 Mark gedeckelt. Darüber hinausgehende Guthaben wurden nur noch 1:2 eingetauscht. Problematisch wurde die Umtauschaktion aber für monatlich wiederkehrende Zahlungen: Löhne, Gehälter und Mieten wurden nämlich meist ebenfalls 1:1 umgerechnet. Das bedeutete faktisch eine Aufwertung der DDR-Mark auf das Dreifache. Bei den Mieten war das kein Problem, die waren in der DDR in der Regel extrem niedrig. Schlimm wurde es für die Unternehmen bei Löhnen und Gehältern. Denn die arbeitsvertraglich festgesetzten Löhne wurden ab dem 1. Juli 1990 in der gleichen Höhe in D-Mark ausgezahlt, wie zuvor in Ostmark. Die Arbeitgeber waren somit faktisch verpflichtet, ihren Beschäftigten von einem Tag auf den anderen den dreifachen Lohn zu zahlen. Woher sollten sie das Geld nehmen? Eine Preiserhöhung auf das Dreifache war unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht möglich. Dadurch verloren die meisten ostdeutschen Betriebe den Wettbewerb gegen die westdeutsche Konkurrenz und mussten ihre Produktion einstellen.“

Kannst du das genauer erklären?

Ja. Der Kühlschrankhersteller Foron lieferte zum Beispiel – wie Tausende Ostbetriebe – nach Westdeutschland. Vor der Währungsunion kostete ein Kühlschrank in der Herstellung 360 Ostmark, was etwa 82 D-Mark entsprach. Für 140 D-Mark verkaufte Foron den Kühlschrank in die BRD und machte somit 58 D-Mark Gewinn. Nach der Währungsunion musste Foron seinen Angestellten das Gehalt in D-Mark bezahlen. Nun kostete der gleiche Kühlschrank in der Herstellung plötzlich das Dreifache: 360 D-Mark. Verkaufen konnte Foron seine Ware aber weiterhin nur für 140 D-Mark, womit jeder produzierte Kühlschrank plötzlich nicht mehr 58 D-Mark Gewinn, sondern 220 D-Mark Verlust einbrachte.

Kühlschrankproduktion in Scharfenstein 1959. Unter dem Namen Foron entwickelten die Erzgebirger nach der Wende den ersten FCKW-freien Kühlschrank.

© Wikipedia / Bundesarchiv

Und Foron ist pleite gegangen?

Obwohl es erstmal richtig gut lief. 1992 präsentierte Foron den ersten FCKW- und FKW-freien Kühlschrank der Welt. Den hatten die betriebseigenen Ingenieure zusammen mit Greenpeace und dem Dortmunder Hygieneinstitut entwickelt. Statt der ozonschädigenden Gase verwendeten sie erstmals Butan und Propan zur Kühlung, ein Verfahren, das später zum Weltstandard wurde. Foron hat seinen Teil dazu beigetragen, das Ozonloch wieder zu schließen.

Der erfolgreiche, weltweite Kampf gegen das Ozonloch ist eine Geschichte, die uns Mut macht. Krautreporter-Autorin Esther Göbel hat sie sich von den Verantwortlichen noch einmal erzählen lassen und für Krautreporter als Oral History aufgeschrieben. Hier kannst du ihren Text lesen.

Hätten die Erzgebirger für ihre Erfindung ein Patent angemeldet, wären sie vermutlich reich geworden. Taten sie aber nicht. Dann hetzte die westdeutsche Konkurrenz auch noch mit aggressiven Werbekampagnen gegen das angeblich gefährliche neue Verfahren von Foron. 1996 kam die Insolvenz. Das Unternehmen wurde noch ein paar Mal verkauft, bis 2009 endgültig Schluss war. Die siegreiche Konkurrenz aus dem Westen setzt bis heute auf Butan und Propan. Was Foron geschah, ist leider auch ein typisches Beispiel für einen dritten Grund, der viele eigentlich zukunftsfähige Ost-Firmen in den Ruin trieb, Treuhand hin oder her: fehlende Erfahrung im kapitalistischen Wettbewerb.

Wer hat denn wirtschaftlich am meisten profitiert von der Wende?

Zu den größten Gewinnern dürften sicherlich die Banken gehört haben. Das ZDF-Magazin Frontal 21 enthüllte 2010 einen Bericht des Bundesrechnungshofes, den die Bundesregierung bis heute als geheim einstuft. Der Rechnungshof hatte 1995 die Privatisierung der DDR-Banken massiv kritisiert. Die Prüfer fanden, die westdeutschen Banken hatten sich die Ost-Banken so billig einverleibt, „dass durch die damit entstandenen Belastungen der verschiedenen Wirtschaftsbereiche eine wesentliche Beeinträchtigung des wirtschaftlichen Aufbauprozesses in den neuen Bundesländern verbunden war und immer noch ist.“

Es werden in dem Bericht auch Beispiele genannt. Die Berliner Bank AG (West) etwa kaufte die Berliner Stadtbank AG (Ost) für 49 Millionen D-Mark. Damit erwarb sie gleichzeitig die Altkreditforderungen der Ostbank in Höhe von 11,5 Milliarden D-Mark. Und die waren bares Geld wert. Ein elf Milliarden D-Mark schweres Geschenk bei Null Risiko für die Berliner Bank. Denn der Staat bürgte zu Hundert Prozent für etwaige Kreditausfälle. Die Treuhand hatte mit diesen Bankendeals meist wenig zu tun. Die waren bereits abgesegnet, bevor die Anstalt ihre Arbeit aufnahm. Die westdeutschen Bankenchefs hatten in der Zwischenzeit auf eigene Faust Vereinbarungen mit den Managern der ostdeutschen Banken getroffen. In der Regel beteiligte man sich über eigens gegründete Tochterfirmen und gründete diese dann kurz darauf als neue Bank aus.

Hat das denn für die Ostdeutschen einen Unterschied gemacht, wem die Bank gehörte?

Und ob. Denn die westdeutschen Banken erhöhten die Zinsen um das Doppelte. Allein die ostdeutschen Wohnungsunternehmen, die nach der Bankenprivatisierung nicht mehr Kreditnehmer staatlicher, sondern privater Banken waren, mussten nun plötzlich Schulden in Höhe von 52,5 Milliarden D-Mark zu marktüblichen Zinsen von mehr als zehn Prozent zurückzahlen. Zu DDR-Zeiten hatte der Zinssatz bei deutlich unter fünf Prozent gelegen, so der Rechnungshof.

Die Deutsche Bank als größte westdeutsche Privatbank machte mit der Wiedervereinigung auch den größten Gewinn. Sie erhielt zum Beispiel 80 Prozent des gesamten Filialnetzes der DDR-Staatsbank. Die Dresdner Bank erhielt die restlichen 20 Prozent, weil sie von dem Deal rechtzeitig Wind bekommen hatte und sich bei der Bundesregierung beschwerte. „Westdeutsche Banken erlangten infolge der Vereinbarungen mit ehemaligen Banken der DDR erhebliche Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Mitbewerbern, indem ihnen der Zugang zu Filialen und Kundenstamm der DDR-Banken noch vor der Vereinigung ermöglicht wurde“, hielt der Rechungshof in dem Bericht fest, den die Öffentlichkeit bis heute nicht kennen dürfen soll.

Im Wesentlichen haben sich die Big Player der bundesdeutschen Industrie den Osten untereinander aufgeteilt, bevor die Treuhand überhaupt in die Gänge gekommen ist. So ähnlich wie es im Bankenwesen war, lief es auch in der Energiewirtschaft ab (PreussenElektra, RWE etc.), dem Versicherungswesen (Allianz), dem Lebensmittelhandel (Aldi, Tengelmann etc.), der Flugbranche (Lufthansa), der Telekommunikation (Siemens), der Metallbranche (Thyssen) und so weiter. In all diesen entscheidenden Wirtschaftsbereichen gab es de facto kaum Wettbewerb. Da hieß es schlicht: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Wer hat eigentlich bei der Treuhand gearbeitet?

Der Text dieser Anzeige erschien im Juli 1990 in mehreren Tageszeitungen:

„Profis für die DDR gesucht!
Der DDR-Wirtschaft zu Wettbewerbsfähigkeit nach westlichem Maßstäben zu verhelfen, ist unser aller Interesse. Ein wichtiger Schritt dazu ist die Privatisierung der früheren volkseigenen Betriebe und Kombinate. Für die praktische Durchführung benötigen die Treuhandanstalt der DDR und die von ihr zu gründenden Treuhand-Aktiengesellschaften Tatkraft und Erfahrung von unternehmerisch denkenden und handelnden Führungskräften. Die Positionen bei der Treuhand sind mit einem Zeithorizont von 3-5 Jahren versehen.“

Wer sich meldete, konnte mitunter noch am selben Tag anfangen, eine Überprüfung des Personals fand oft überhaupt nicht statt. Rund 3.500 Mitarbeiter hatte die Treuhand. Die Mehrheit (67 Prozent) stammte aus dem Osten. Der Vorstand komplett aus dem Westen.

Die absolute Mehrheit der Treuhandmitarbeiter opferte sich für einen extrem anstrengenden und gefährlichen Job unter höchstem Druck auf, ohne dabei auf den eigenen Vorteil zu achten, sagt der Historiker Marcus Böick von der Uni Bochum. Er hat mit der Taz über seine Interviews mit Ex-Treuhändern gesprochen:

„Die Mehrheit waren in der Tat ältere Ostdeutsche, meist aus den aufgelösten Plankommissionen und Branchenministerien. Diese Leute waren meist sehr froh, der im Jahr 1990 drohenden Arbeitslosigkeit entgangen zu sein und beim Umbau ihr Wissen über die Branchen und Betriebe einbringen zu können. Unter den westdeutschen Managern bei der Treuhand habe es viele gegeben, für die stand nicht das Geld im Vordergrund. Manche hatten eine patriotische Motivlage: Ich pack jetzt mal an für Deutschland. Diese Antwort kam bei meinen Befragungen so oft, die sollte man ernst nehmen, finde ich. Es gab Manager, die sagen heute: Mich hat einzig die superspannende Aufgabe interessiert, ich hatte mit Schwarz-Rot-Gold nichts am Hut. Die wollten die Marktwirtschaft nach Ostdeutschland bringen.“

Man hört immer wieder von Kriminalität bei der Treuhand. Gab es nun Betrüger bei der Treuhand oder nicht?

Ja. Als vielleicht schillerndster Treuhand-Betrüger darf wohl Michael Rottmann gelten. Der Prokurist aus Süddeutschland kaufte der Treuhand über Strohmänner in der Schweiz die Firma Wärmeanlagenbau Berlin (WBB) ab. Das war nicht irgendein kleiner Betrieb. WBB hatte nach der Wende 1.200 Mitarbeiter und baute Heizkraftwerke und Fernwärmeleitungen in der DDR und Osteuropa. Die Firma war zwar sanierungsbedürftig, hatte aber volle Auftragsbücher, wertvolle Immobilien und Grundstücke in Berlin, Leipzig, Zwickau – und gut ausgebildete Mitarbeiter. Ihr Wert wurde später auf bis zu 80 Millionen Euro geschätzt, allein das Barvermögen betrug 75 Millionen. Die Treuhand verkaufte sie Rottmann für gerade mal eine Million Euro. Im Gegenzug hatte dieser versprochen, die WBB zu sanieren und drei Viertel der Arbeitsplätze zu retten.

In Wahrheit gründete er ein undurchsichtiges Netzwerk aus 17 Tochterfirmen in Holland, der Schweiz und in Liechtenstein und „begann“, wie das Berlins Generalstaatsanwalt später nannte, „zielstrebig die Ausplünderung.“ Stückchen für Stückchen übertrug er die WBB den Tochterfirmen, die dann alles schnell verkauften. Rottmann selbst tat das alles im hellsten Scheinwerferlicht. Er ließ sich erstmal für zwei Millionen Euro eine neue Wohnung in der WBB-Zentrale in der Berliner Wallstraße einrichten und lud regelmäßig das Fernsehen ein, wenn er zum Beispiel als Robin Hood verkleidet mit Stripperinnen auf Firmenkosten seinen Geburtstag feierte und darüber schwadronierte, wie die WBB bald „Kraftwerke wie Brötchen“ backt. In der Doku „Der deutsche Goldrausch“ von Dirk Laabs kannst du dir das ansehen. Aber die Party war bald vorbei. 1994 musste die WBB Konkurs anmelden. Insgesamt soll Rottmann um die 100 Millionen D-Mark veruntreut und 1.000 Arbeitsplätze vernichtet haben.

https://www.youtube.com/watch?v=OSDsg94F1sM#t=39m29s

Aber ist Michael Rottmann dafür auch bestraft worden?

Nicht wirklich. Zwei Ex-Geschäftsführer Rottmanns und ein Berater wurden zwar später zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der schillernde Drahtzieher selbst setzte sich jedoch mit seiner Familie zunächst in die Karibik ab und konnte später in England ungestört seine Millionen ausgeben. Erst 2009 wurde er in Deutschland vor ein Gericht gestellt. Allerdings war da das Geld längst weg. Und die Straftaten verjährt. Rottmann saß lediglich eineinhalb Jahre im Gefängnis.

Das gibts doch gar nicht!

Doch. Sicher ist: Bei der Treuhand wurde nachweislich betrogen. Es gab Bilanzfälschungen, Korruption und Unterwertverkäufe, Preisabsprachen und Handel mit Insiderwissen. 1998 bezifferte ein vom Bundestag eingesetzter Untersuchungsausschuss den entstandenen Schaden auf drei bis zehn Milliarden D-Mark.

Es gibt auch noch höhere Schätzungen. Das Katapult-Magazin berichtet in einer Sonderausgabe zum Thema Treuhand: „Die zuständige Berliner Behörde ZERV, die von 1991 bis 2000 vereinigungsbedingter Kriminalität nachging, ermittelte in insgesamt 4.004 Fällen. Bis zu 26 Milliarden D-Mark betrug der Schaden, rechtskräftige Urteile fielen jedoch nur in 128 Verfahren.“

Die Nachfolgerin der Treuhand, die Anstalt mit dem unmerkbaren Namen, existiert übrigens bis heute und hat in den vergangenen Jahren mehrfach erfolgreich gegen Banken in der Schweiz, Österreich und Liechtenstein geklagt. Die Banken mussten Millionen Euro Schadenersatz für verschwundenes DDR-Vermögen zahlen, das SED-Kader illegal beiseite geschafft hatten.

Aber, waren das eher Einzelfälle oder die Regel? Wie sehr haben die Wessis die Ossis denn nun über den Tisch gezogen?

Zwar sind viele Treuhandakten noch unter Verschluss, aber die Treuhandforscher sind sich weitestgehend einig, dass Korruption eher eine Begleiterscheinung eines Systemtransfers war, der als Schocktherapie durchgeführt wurde, als ein Massenphänomen. Die Öffentlichkeit und natürlich auch die Treuhand bekamen zwar mit, dass Unrecht passierte, und die Zahl der Checklisten und Prüfvorgaben, die die Mitarbeiter zu beachten hatten, stieg. Sie wurden aber einfach ignoriert, was möglich war, weil es keine Konsequenzen hatte. Die Treuhandmitarbeiter hatten eine Garantie bekommen, keine Strafverfolgung wegen fahrlässigen Handelns befürchten zu müssen.

Die Treuhand-Mitarbeiter bekamen eine Amnestie? Warum das denn?

„Weil sonst kaum jemand das Risiko auf sich genommen hätte, diesen Job zu machen“, sagte Waigel. Nicht alles, was schlecht verhandelt ist, ist auch kriminell. Und fast alles, was schlecht verhandelt war, hätte wahrscheinlich nur mit sehr viel mehr Zeit besser gelöst werden können. Aber diese Zeit hatten die Treuhandmitarbeiter nicht, weil die Bundesregierung das so beschlossen hat. Die Prüfung von Investoren, des tatsächlichen Wertes der Betriebe fand oft binnen weniger Stunden statt. Erinnerst du dich? Es sollte schnell, schnell, schnell gehen! Das Katapult-Magazin berichtet in seiner exzellent recherchierten Sonderausgabe zum Thema Treuhand, wozu das führte:

„Die Folge waren unausgereifte Verträge mit rechtlichen Schlupflöchern. Wichtige Zielkriterien, um Arbeitsplätze zu erhalten und Investitionszusagen zu konkretisieren, fehlten in vielen Kaufabwicklungen völlig. Kritik machte sich zudem immer wieder an Verkaufspreisen fest, die deutlich unter dem Wert der Unternehmen lagen. Dazu trugen auch fehlende Bieterwettbewerbe bei. Bei einem Teil der Verkäufe fanden keine Ausschreibungen statt, um adäquate Investoren und angemessene Preise zu ermitteln.“

Der Vorstand und der Verwaltungsrat der Treuhand erhielten von Wirtschaftsminister Theo Waigel eine Freistellung von der Haftung für grobe Fahrlässigkeit. Bis zur Ebene der Referenten gab es eine Freistellung von leichter Fahrlässigkeit.

Das klingt alles nach einem ganz schönen Chaos.

Absolutes Chaos.

Da kann man ja fast verstehen, warum die Leute so sauer auf die Treuhand waren und sind.

Die Wut gegen die Treuhand war häufig aber auch irrational und geprägt von den Ängsten der von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeitnehmer sowie der Undurchsichtigkeit der Ereignisse. Ich will dir deshalb eine kleine Geschichte erzählen.

Uff, noch mehr lesen?

Ja, aber du hast es auch schon fast geschafft. Ist außerdem eine spektakuläre Geschichte, die mit dem letzten Mord der RAF endet.

Na gut.

Schon Mitte September 1990 – da kam die Anstalt gerade erst in Schwung – wurde die Zentrale der Treuhand am Berliner Alexanderplatz zum ersten Mal von wütenden Arbeitnehmern besetzt. Mitarbeiter der DDR-Hotelkette Interhotel waren in das Gebäude gestürmt und forderten den Vorstand Detlev Rohwedder zu einer Stellungnahme auf.

Das passierte in den folgenden Wochen und Monaten noch häufig, nicht nur in der Zentrale in Berlin, auch in den 15 Niederlassungen der Treuhand. Zur Interhotel-Kette gehörten die 34 besten Hotels der DDR. Sie waren so luxuriös, dass man die eigene klassenbewusste Bevölkerung lieber nur zum Bedienen oder Bespitzeln der Gäste reinließ. Das heutige Westin Grand Berlin in der Friedrichstraße zum Beispiel, das Hilton in Dresden und das legendäre Hotel Elephant in Weimar gehörten zu Interhotel. Der Generaldirektor der DDR-Kette hatte bereits 1989 heimlich über den Verkauf aller Häuser mit der Hotelkette Steigenberger aus Frankfurt am Main verhandelt. Mittlerweile war man sich einig geworden. Der Verkauf sollte abgewickelt werden. Die Mitarbeiter waren froh darüber, ihre Arbeitsplätze schienen sicher. Aber die Treuhand, die seit ein paar Wochen offiziell Eigentümerin der Hotels war, stellte sich quer, Rohwedder persönlich stoppte die Privatisierung.

Warum das denn? Es sollte doch schnell, schnell, schnell gehen mit der Privatisierung?

Ja. Der Interhotel-Generaldirektor hatte aber überhaupt kein Recht dazu gehabt, die Hotels zu verkaufen. Sie gehörten schließlich nicht ihm, sondern der Treuhand. Rohwedder wollte verhindern, dass sich wiederholt, was mit großen Teilen der Wirtschaft bereits passiert war, denke nur mal zurück an das Beispiel mit der Deutschen Bank: dass Fakten geschaffen werden, bevor die Treuhand überhaupt zum Zuge kommt.

Aber das wäre doch ein Problem weniger für die Treuhand gewesen?

Rohwedder glaubte, einen deutlich besseren Preis heraushandeln zu können. Er fand, Steigenberger zieht die Ossis über den Tisch, denen es nur ums Überleben ging. Zu den wütenden Interhotel-Mitarbeitern sagte er schließlich: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Schlachter selber.“ Am Ende sollte er Recht behalten. Die Hotels wurden später einzeln verkauft und erzielten dadurch deutlich höhere Kaufpreise. Viele von ihnen sind wieder richtig feine Häuser.

Allerdings hat Rohwedder das nicht mehr miterlebt. Er wurde von der Roten Armee Fraktion ermordet. 1991 war eine Menge Frust unterwegs. Und der entlud sich immer heftiger. Im März gingen in Leipzig 30.000 Menschen auf die Straßen. In mehr als 20 ostdeutschen Städten wurde gegen Massenarbeitslosigkeit demonstriert. Am Karfreitag 1991 zündete eine ominöse Terrorzelle namens „Thomas Müntzers Wilder Haufen“ eine Brandbombe in der Treuhand-Niederlassung in Berlin, sie brannte komplett aus. Drei Tage später, am Ostermontag, wurde Treuhand-Vorstand Detlev Rohwedder in seiner Villa in Düsseldorf in den Rücken geschossen. Er starb sofort. Es ist der 33. und letzte Mord der RAF, in einem Bekennerschreiben sagt die linke Terrorzelle über ihr Opfer: „Für ihn gab es von Anfang an nichts in der EX-DDR, was seinem auf Profit ausgerichteten Blick irgendwelche Werte hatte. Alles dort war für ihn immer nur Konkursmasse.“

Berlin, Stahlwerker protestieren vor Treuhandanstalt

© Wikipedia / Bundesarchiv

Du machst mich fertig! Chaos. Kriminalität. Terroristische Anschläge. Gab es denn keine Erfolgsgeschichten bei der Treuhand?

Doch. Rotkäppchen. Der Sekthersteller aus Sachsen-Anhalt ist eine der wenigen Ostfirmen, die nicht nur überlebt haben, sondern zum gesamtdeutschen Marktführer wurden. Anfang April meldete der ehemalige VEB aus Freyburg erstmals einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro pro Jahr. Rotkäppchen verkaufte 278 Millionen Flaschen im vergangenen Jahr.

Hier hat die Treuhand also alles richtig gemacht?

Rotkäppchen ist auch eine Erfolgsgeschichte der Treuhand. Sie ließ die auswärtigen Investoren abblitzen, die die traditionsreiche Sektkellerei am liebsten geschenkt bekommen wollten und investierte lieber selbst rund sieben Millionen D-Mark in eine neue Abfüllanlage. Dadurch konnte billiger produziert werden, und die Mitarbeiter brachten die Marke wieder in Schwung. Vier von ihnen, alle schon mehr als zehn Jahre im Unternehmen, schlossen sich 1993 zusammen und kauften Rotkäppchen in einem sogenannten Management-Buy-Out von der Treuhand. Als privaten Geldgeber konnten sie den westdeutschen Spirituosenhersteller Harald Eckes überzeugen, den sie bei einer Weinverkostung kennengelernt hatten.

Okay, was ich bisher verstanden habe: Viele Sachen sind schlecht gelaufen bei der Treuhand, einige aber nicht. Es gab Kriminalität, aber das war nicht die Regel. Hast du ein Fazit für mich?

Die Treuhand hat letztlich genau das umgesetzt, was ihre Aufgabe war. Als Anstalt kann man ihr eigentlich gar keinen Vorwurf machen, im Gegenteil: Die absolute Mehrheit der Mitarbeiter hätte eher einen Orden verdient für die unglaubliche Belastung, der sie sich ausgesetzt haben.

Aber jetzt kommt das Aber ...

Ehrlich: Selbst mich als Ossi, für den das Thema Treuhand wirklich nicht neu ist, hat es bei dieser Recherche manchmal gefröstelt, wie eiskalt die Regierung von Helmut Kohl das Projekt Wiedervereinigung durchgezogen hat. Ich finde aber auch, man darf nicht vergessen, dass die Ostdeutschen diesen Weg auch so wollten, sie haben die CDU gewählt und nicht die Bürgerrechtler, die die Wende gebracht haben und eine ganz andere Vorstellung davon hatten, wie die Wirtschaft privatisiert werden sollte. Die Bürger wollten die D-Mark, keine Anteilsscheine an etwas, von dem niemand wusste, was es einmal wert sein sollte. Und sie wollten die Westprodukte. Und das alles sofort.

Bissl Frust ist da bei dir aber auch unterwegs, oder?

Beim Stichwort Frust kommen wir doch direkt zu Thilo Sarrazin.

Sarrazin? Der SPD-Mann, der den rassistischen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ geschrieben hat? Was hat der denn jetzt mit der Treuhand zu tun?

Er war zuständig für Konzept und Strategie sowohl der Währungsunion als auch der Treuhand. Als Abteilungsleiter im Bundesfinanzministerium. Gemeinsam mit Staatssekretär Horst Köhler (dem späteren Bundespräsidenten) verhandelte er direkt mit der DDR-Regierung und der Volkskammer. Der in Gera geborene Sarrazin sagte später in einem Interview über diese Zeit:

„Ich war kein Getriebener, ich war Treibender. Und zwar deshalb, weil ich mit dem mir angeborenen Maß an Zynismus und Kälte plus Sachverstand plus intensiver Sachbeschäftigung ganz klar und ohne Wunschdenken gesagt habe, wie es weitergehen würde. Ich habe die Vorgänge zudem abgestuft, stets schrittweise gedacht. So nach dem Motto: Zuerst einmal bekommen wir die DDR an die Angel und schaffen vollendete Tatsachen in Richtung deutsche Einheit. Ich habe also alles getan, um diesen Prozess zu fördern. Als das dann erledigt war, die Treuhand existierte und unsere Überlegungen aufgegangen waren, habe ich gesagt: Jetzt wickeln wir das ganze Zeug möglichst schnell ab.“

Quellen der beiden Sarrazin-Zitate:
„Es war keiner da, dem etwas einfiel ...“ Die deutsch-deutsche Währungsunion 1990, Thilo Sarrazin im Gespräch mit Jens Schöne, in Deutschland Archiv 3/2010. Und: „Die Entstehung und Umsetzung des Konzepts der deutschen Wirtschafts- und Währungsunion“, in: Theo Waigel und Manfred Schell: „Tage, die Deutschland und die Welt veränderten“, München 1994, S. 160-225. (Zitiert nach Dirk Laabs: Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand, 2014.)

Zu Sarrazins Methoden gehörte es auch, dass er die gewählten DDR-Vertreter, die ihre eigenen Vorstellungen mit zu den Verhandlungen brachten, schlichtweg anlog, wie er später in seinem Buch „Entstehung“ beschreibt. Sein Motto damals: „Wir bezahlen alles, also bestimmen wir alles.“

Wenn wir nach einem Fehler im System suchen, der die kriminellen Handlungen, Schlampereien und Demütigungen dieser Zeit erklärt, muss uns, glaube ich, klar sein, dass wir ihn vielleicht nicht viel besser zu fassen kriegen werden als den kalten Schauer, der einen auch beim Lesen der rassistischen Küchenpsychologie des späteren, äußerst erfolgreichen Sachbuchautors Thilo Sarrazin überkommt.

Hätte es denn auch Alternativen gegeben?

Das Treuhandgesetz war ursprünglich bereits vor der Wende von einer Gruppe von Bürgerrechtlern in der DDR entwickelt und von der letzten DDR-Volkskammer im Frühjahr 1990 auch beschlossen worden. Demnach sollten die Bürger Anteilsscheine am Volkseigentum erhalten. Diese Anteilsscheine wären ihr Kapital gewesen und hätten ihr Mitspracherecht daran gesichert, was mit den Unternehmen geschieht. Auch vor der Wende bildeten sich in vielen Unternehmen in basisdemokratischen Prozessen bereits neue Betriebsräte, wurden autoritäre Strukturen abgeschafft, demilitarisiert (in großen Betrieben gab es bewaffnete Einheiten), die inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi rausgeschmissen und gemeinsam über die Zukunft nachgedacht sowie nach Investoren gesucht.

Doch dann kamen die ersten freien Wahlen. Die gewann die CDU. Lothar de Maizière wurde nun DDR-Ministerpräsident und wurde von Bundeskanzler Helmut Kohl in die Tasche gesteckt. Der Kanzler der Einheit ignorierte schlicht, was die Ossis sich da so ausgedacht hatten. Bonn schrieb an den Gesetzen der neuen Volkskammer indirekt bereits mit – zum Beispiel über Thilo Sarrazin –, und so hieß es im Treuhandgesetz plötzlich: „Das volkseigene Vermögen ist zu privatisieren.“ Das Konzept der Anteilsscheine fanden die Westdeutschen lächerlich. In Tschechien interessierte man sich dagegen dafür und setzte es um – mit Erfolg.

Wie man Erfolg in diesem Zusammenhang bewertet, ist natürlich auch Definitionssache. Florian Peters vom Berliner Institut für Zeitgeschichte erklärt in diesem Beitrag, wieso die Umbruchserfahrungen für die Tschechen weniger dramatisch ausfielen, als für die Ostdeutschen. Dass auch die sogenannte „Coupon-Privatisierung“ Tschechiens nicht ohne Chaos und Betrug ablief, kannst du in dieser Spiegel-Reportage aus dem Jahr 1992 nachlesen. Heute gilt Tschechien als mindestens so attraktiver Wirtschaftsstandort wie Ostdeutschland. Probleme mit Rechtspopulismus hat das Nachbarland aber ebenfalls. Merke: Vergleiche sind immer schwierig.

Brauchen wir so etwas wie eine deutsch-deutsche Wiedergutmachung?

Über die Treuhand und die Nachwendezeit noch einmal neu zu reden, den Zeitzeugen zuzuhören und ihre Erfahrungen zu respektieren, ist auf jeden Fall schon mal ein Beitrag zu einer „Wiedergutmachung“. Dass wir diese Debatte gerade führen, kann man durchaus positiv sehen, sagt zum Beispiel die Soziologin Naika Foroutan in einem Interview mit Zeit Online:

„Je stärker man im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft aufholt, umso größer wird zu Recht die Unzufriedenheit darüber, was noch nicht aufgeholt ist. Das nennt man Emanzipation. Und dadurch fragen sich auch im Osten immer mehr Menschen, wie kann es sein, dass wir strukturell aufholen, man uns kulturell aber noch immer als nicht zugehörig betrachtet?“

Foroutan hat untersucht, wie vergleichbar die Integrationserfahrungen von Ostdeutschen und Migranten sind. In dem sehr lesenswerten Interview mit der Autorin Jana Hensel erklärt sie die Gemeinsamkeiten: „Migranten wie auch Ostdeutsche werden in der Kritik an ihrer Benachteiligung nicht ernst genommen, sondern im Gegenteil zu Jammerossis oder Opfern degradiert. Das sagen mehr als 40 Prozent der Westdeutschen von den Ostdeutschen – womit sie die bestehende Ungleichheit nicht nur relativieren, sondern das ernsthafte Sprechen darüber verunmöglichen. Indem man diese Kritik verächtlich macht, schützt man seine eigene Machtposition. Man behauptet einfach: Ihr jammert ja nur! Das ist meist die erste Reaktion. Im nächsten Schritt, wenn sich die Probleme nicht mehr leugnen lassen, weil man sie mit Zahlen messen kann, sucht man Gründe und meint: Ihr seid selber schuld! Und in Bezug auf die Ostdeutschen hat sich dieser Blick nach 30 Jahren nun noch einmal verschärft. Jetzt heißt es: Die kennen ja die Grundlagen der Demokratie nicht! Oder sie distanzieren sich nicht genug vom Extremismus in ihren eigenen Reihen. Also haben sie es verdient, dass sie nicht mit uns am selben Tisch sitzen. Die Zugehörigkeit der Muslime wird seit jeher auch sehr stark über solche Achsen diskutiert. Wir haben festgestellt, dass 36,5 Prozent der Westdeutschen denken, dass Ostdeutsche noch nicht im heutigen Deutschland angekommen seien. Das suggeriert: Ihr seid kein selbstverständlicher Teil dieses Landes, ihr seid später angekommen, stellt euch hinten an. So migrantisiert man die Ostdeutschen.“

Aber nicht nur der westliche Blick auf den Osten muss sich ändern. West und Ost sprechen übereinander, aber in aller Regel nicht miteinander. Und das ist schlecht, weil die Sündenbock-Rolle der Treuhand zu einer Art negativem Mythos zu werden droht. Das ist nicht nur unfair, es verhindert auch die Beschäftigung der Ostdeutschen mit der eigenen Verantwortung. Genau das forderte der Leipziger Rechtsextremimusforscher Michael Lühmann vor Kurzem in einem Essay in der Zeit ein:

„Es ist nicht alles gut gelaufen nach 1989 im Osten. Aber dafür nach 30 Jahren – und seit 30 Jahren – die Schuld dafür noch immer im Westen suchen zu wollen, das ist nicht nur historisch falsch. Hier werden die Ostdeutschen infantilisiert und wird ihnen die gebührende Verantwortung mal wieder abgenommen.“

Und dann muss es auch neue Ideen geben dafür, wie die bestehenden Ungerechtigkeiten abgebaut werden können. Wie die Steuerverteilung gerechter wird innerhalb Deutschlands zum Beispiel. Oder wie mehr Ostdeutsche in Führungspositionen kommen. Es gibt hier bereits einige konkrete Ideen …

Oh nein, jetzt ist aber mal Schluss! Ich meine, wie viel kann man denn lesen an einem Tag?

Okay. Danke für deine Aufmerksamkeit, ernsthaft! Ich wollte auch nur noch sagen: Was es so für konstruktive Ideen gibt – von Politikern und aus der Zivilgesellschaft –, das müssten wir mal in einem eigenen kleinen Artikel zusammensammeln. Über die Treuhand wird Deutschland hoffentlich noch eine ganze Weile reden. Ich würde mich freuen, mit dir im Gespräch zu bleiben!


Danke für eure wertvollen Fragen, Lektüretipps, Meinungen und Anekdoten: Adalbert, Andreas, Carmen, Carolin, Christian, Clemens, Daniel, Elisabeth, Frank, Friedrich, Grit, Hans, Hartmut, Helmuth, Herbert E., Herbert H., Jens, Liane, Ludwig, Magnus, Marianne, Martin, Nora, Philipp, Reinhard, Simon, Stephan, Susanne, Tobias, Tonka, Ursula, Wolfram.


Bald zu kaufen: Unser erstes eigenes Krautreporterbuch! „Ostdeutschland verstehen” wird es heißen, und noch vor den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg erscheinen. Mit diesem und weiteren Texten von Kollege Josa und mir über gesellschaftliche Transformation, Rechtsextremismus und Hoffnung in den Neuen Bundesländern. Wenn du uns hier deine Mail-Adresse gibst, benachrichtigen wir dich sobald das Buch erscheint.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Martin Gommel; Grafiken: Bent Freiwald.

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