Geteiltes Deutschland

Herr Täubert wird nicht mehr gebraucht

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Ich lerne Dieter Täubert kennen, als er zum ersten Mal seit 25 Jahren seine alte Arbeitsstätte besucht. Zum ersten Mal, seit er dort, ohne Erklärung, entlassen wurde. Ein Berliner Künstler-Kollektiv haucht dem riesigen, maroden Fabrikgelände gerade in einem sechswöchigen Street-Art-Festival neues Leben ein.

Aber die bunten Graffitis auf den hohen Backsteinbauten interessieren Täubert nicht groß. Wichtiger ist ihm, dass er noch einmal seine alten Wege abgehen kann. Dort, wo seine erste Werkbank stand. Oder wo es zum betriebseigenen Schwimmbad und dem Sportplatz ging, die Kantine, die Schule. Und der Hof, auf dem gelegentlich ein Wagen voll frischer Aprikosen vorfuhr.

Täubert ist 81, aber er sieht viel jünger aus. Er hat kaffeebraune Augen, und ihm schießt, wenn er von früher erzählt, oft das Blut in die blassen Wangen. Als ich ihn in seiner kleinen Wohnung besuche, ganz in der Nähe seiner alten Pittlerwerke im verwahrlosten Leipziger Stadtteil Wahren, erzählt er aus seinem Leben wie aus einem traurigen Film. „Damit es nicht zu traurig wird, hören wir Swing“, sagt er und schiebt behutsam eine CD in seinen Fernseher, mit dem er Musik hört. „Over There“, eine flotte Glenn-Miller-Nummer mit Männerchor, der von der Befreiung Deutschlands durch die Amerikaner erzählt: „We'll be over, we're coming over / And we won't come back till it's over over there.“

Täubert wusste, dass er entlassen wird – verstehen konnte er es nicht

Täubert kennt die Nummer, seit er als kleines Kind im Leipziger Waldstraßenviertel auf amerikanische Truppen traf, die Kaugummis und Plattenspieler dabeihatten. Als die fröhlichen Amerikaner abzogen, und die russischen Soldaten nachrückten, da ahnte der kleine Täubert schon, dass andere Zeiten anstünden, jedenfalls erzählt er das heute so. „Die ausgemergelten Russen mussten uns eher leid tun“, sagt er.

Immer mal wieder ist von den biografischen Brüchen der Ostdeutschen die Rede. Sie werden oft auch als Grund für Wut und Unzufriedenheit im Osten angeführt. Eine Google-Suche „biografische brüche ostdeutsch“ ergibt 75.000 Treffer. Aber was ist damit überhaupt gemeint?

Einen ziemlich konkreten Bruch erlebten viele Ostdeutsche, als sie in den Wendejahren ihren Job verloren. Die Entlassung konnte ganz unerwartet kommen, sie konnte sich aber auch anbahnen, wie bei Dieter Täubert.

Dass die Pittlerwerke im vereinigten Deutschland eine kleinere Rolle spielen würden, verstand Täubert 1989, als ihm ein Professor von der wirtschaftliche Flaute in der Sowjetunion und den dortigen Massenentlassungen erzählte. Die Pittlerwerke stellten in erster Linie Maschinen für die sowjetischen Autofabriken von Lada her, dem „Fahrzeug für jedermann“. Dass es auch für ihn, Täubert, eng werden würde, begriff er 1991, als sein Chef ihn, den Planungsdirektor, anwies, alle Angestellten seiner Abteilung zu entlassen. Aus war es im Januar 1992, als Täubert an einem Mittwochmorgen seine eigene Entlassung in der Hand hält, ausgestellt von seinem Chef. Und, als schließlich auch dieser Chef entlassen wurde.

Ein Graffiti-Festival auf einem alten Industriegelände. Zu Besuch kommen aber nicht nur hippe Kunstfans – sondern auch die ehemaligen Arbeiter der Pittlerwerke.

Und trotzdem weiß Täubert, als er nach 37 Jahren im Betrieb seine Kündigung in den Händen hält, nicht so recht, wie das alles passieren konnte. Er ist da 55, hat zwei Töchter und seine Frau. Und er ist Planungschef der Pittlerwerke, ein Maschinenwerk im Leipziger Norden, seine Produkte gelten als hochinnovativ. Er muss nicht gehen, weil er nicht mehr kann. Er hat auch keinen Mist gebaut. Man brauchte Täubert einfach nicht mehr.

Rolls Royce wollte Maschinen aus Leipzig – die Parteiführung verbot es

1955 ist Täubert 18 und fängt beim VEB-Drehmaschinenwerk, den Pittlerwerken, seine Ausbildung an. „Hochmausern“ nennt er heute seinen Aufstieg im damals größten Maschinenwerk Sachsens. Weil er sich so schnell hochmausert, soll Täubert zum Produktionsdirektor befördert werden, aber dafür muss er Ingenieurswesen studieren. Nach Jahren im Betrieb schlägt sich Täubert noch einmal die Nächte um die Ohren und studiert. Danach trägt er nicht mehr den Arbeiter-Blaumann, sondern einen Kittel, und ähnelt jetzt eher einem Wissenschaftler. Auch seine Pittlerwerke sehen jetzt anders aus – jedenfalls für ihn. „Es waren noch dieselben Maschinen“, sagt er, „aber ich wusste erst jetzt, was in denen eigentlich vor sich ging.“

Was um ihn herum, in seinem Land, passierte, das verstand Täubert aber immer weniger.

Täubert erinnert sich noch gut an den feinen Zwirn der beiden Herren aus London, die Ende der 70er Jahre durch die Werkseinfahrt kamen. Niemand geringeres als zwei Mitarbeiter von Rolls Royce interessierten sich für die Arbeit der Leipziger. Die Gäste aus London hatten es auf eine Revolverdrehmaschine abgesehen, einen viereckigen Kasten, kaum größer als ein Flipperautomat. Ein Wunderwerk ostdeutscher Ingenieurskunst. Metallteile, etwa für den Autobau, ließen sich damit punktgenau ausfräsen. „So gut wie wir bekamen das die Briten nie hin“, sagt Täubert, lacht herzlich und versinkt noch ein wenig mehr in seinem beigen Sessel.

Doch man schickte die Herren im Zwirn mit leeren Händen heim. Man musste. Keine Kooperation mit dem Westen, so die Anweisung der Werksleitung, die der SED angehörte. Rolls Royce produzierte damals nicht nur Luxusautos, sondern auch Raketen für die britische Armee. Und mit denen, oder zumindest deren Verbündeten, lieferte sich Täuberts Land, oder dessen Verbündete, schließlich gerade ein Wettrüsten.

Die Werksleitung hatte eine andere Idee. Die wundersame Maschine sollte lieber dem Sozialismus dienen. Also verlegte man ihre Produktion nach Rumänien. „Das war eine Aufbauhilfe, die waren pleite“, erinnert sich Täubert. Als er seinen Chef Jahre später auf eine Messe begleitete, und sie dort ihre alte Erfindung wiederentdeckten, nun nach rumänischer Bauart, soll der Chef vor Schreck für einige Tage verstummt sein. Das war nicht mehr die Maßarbeit, die ihm englische Gentlemen auf den Hof gebracht hatte.

„Viele verloren jegliches Vertrauen, auch ich.“

Dass man sie derart im Zaum hielt, kränkte die stolzen Ingenieure. Als sie eines Tages einen Auftrag für eine neue Maschine erhalten, ist ihnen klar, dass sie diese nicht bauen wollen. „Damit ließen sich Raketenköpfe fertigen“, sagt Täubert. Kriegsmaterial, aber diesmal für die „Guten“, die Sowjetunion. Man fertigte die Maschine trotzdem. Aber immer, wenn sie abgeholt werden sollte, stimmte etwas nicht. Es reichte schon, dass jemand nachts, bei vollem Betrieb, eine Handvoll Schrauben hineingeschmissen hatte. Wer? „Betriebsgeheimnis“, sagt Täubert und grinst in sich hinein. „Die Maschine schaffte es partout nicht vom Hof.“

Täubert und seine Kollegen waren Techniker, sie wollten schöne Autos konstruieren und nicht einem bestimmten Staat oder einem Krieg dienen. Über die guten Kontakte in die Autoindustrie organisierten sie sich einmal zwei echte italienische Fiats. „Wahrscheinlich die einzigen beiden in Sachsen“, sagt Täubert, der damit bei der Betriebsversammlung in Berlin vorfuhr. „Die guckten nicht schlecht!”.

Im November 1989 schien es dann vorbei zu sein mit der politischen Schikane. Mit dem Mauerfall lag der DDR-Staat und seine Partei brach. Zwei Wochen nach der Grenzöffnung veröffentlicht Täubert in der betriebseigenen Zeitung „Vorschub“ ein Plädoyer dafür, aus der SED auszutreten. Unter der Überschrift „Selbstherrlichkeit brachte Niedergang“ schreibt er: „Arroganz und Borniertheit trieben Tausende wertvoller Menschen aus unserem Lande, viele verloren jegliches Vertrauen, auch ich. Dieser Vertrauensbruch ist sicher über Jahre hinaus nicht zu korrigieren.“ Täuberts Vertrauen in die Partei ist erschüttert, er sieht seinem Land beim Verfallen zu. Doch er ahnt noch nicht, dass in weniger als zwei Jahren sein eigenes Leben zerfallen wird.

Täuberts Drehmaschinenwerk im Leipziger Norden gerät 1990 in schweizerische Hand und wird Teil der Pittler-Tornos Werkzeugmaschinen GmbH. Aber abgesehen von dem Namen ihres glorreichen Gründers Wilhelm von Pittler wussten die Schweizer kaum etwas mit dem Leipziger Werk anzufangen. „Einmal fuhr noch ein Kleinlaster vor“, erinnert sich Dieter Täubert, „einige Männer stiegen aus, sammelten unser Werkzeug ein, und fuhren wieder davon.“

Später baute Täuberts Abteilung noch ein paar Monate lang Teile im Auftrag für Ford. Vergleichsweise primitive Arbeit sei das gewesen, sagt er. Dann war Schluss.

Wären die Millionen Kündigungen zu verhindern gewesen?

Aus seinem Kündigungsschreiben wird Täubert bis heute nicht schlau, es liest sich wie eine Lobeshymne. Eine „stabile Säule“ des Unternehmens sei die von Täubert geleitete Abteilung gewesen. Und Täubert selbst ein „fleißiger, pflichtbewusster, ehrlicher und gewissenhafter Leiter“. Aber dann: „Aus betrieblichen Gründen musste Herrn Täubert gekündigt werden.“ Mehr nicht.

Manchmal, wenn Dieter Täubert seine Geschichte erzählt, presst er die Lippen aufeinander, um zu verhindern, dass ihm die Tränen kommen, bis sie dann doch kommen. Dann guckt er in die Schrankwand, wo die Familienfotos dicht aufgereiht stehen. Und auf den Miniatur-Schrebergarten, den ihm seine Enkelin gebastelt hat, und die er danach überreden wollte, sich an der Kunsthochschule einzuschreiben – die Enkelin ist acht Jahre alt.

Wenn er gar nicht mehr kann, sagt Täubert, dann geht er in seinen Garten, gleich auf der anderen Straßenseite, wo er Gurken und Tomaten anbaut. In der Erde wühlen, um sich abzulenken. Letztes Jahr machte er es so, als seine Frau plötzlich starb. Oder vor 27 Jahren, als ihm gekündigt wurde.

3,75 Millionen Ostdeutsche kamen in den Wendejahren in Frührente, nur jeder Vierte behielt seinen Job. Wäre das zu verhindern gewesen? Tatsache ist, dass mit der DDR nicht nur ein Staat zu verschwinden drohte, sondern auch der Besitzer von rund 8.500 volkseigenen Betrieben. Um für die Zeit nach der DDR gewappnet zu sein, dachte sich der Osten eine Anstalt aus, die Treuhand. Deren Beamte kamen dann aber doch vornehmlich aus dem Westen, und sie verfuhren nach dem Aschenputtel-Prinzip: die gut laufenden Betriebe privatisieren, die maroden sanieren, die kaputten liquidieren.

Doch dem Westen, an den man die Betriebe gewinnbringend verkaufen wollte, waren die Werke und Fabriken des Ostens nur selten etwas wert. Zum Beispiel, weil sie kaum über Aufträge ins europäische Ausland verfügten, sondern nur in die zerfallende Sowjetunion. Die ostdeutsche Planwirtschaft erwies sich in vielen Fällen als inkompatibel mit der westdeutschen Marktwirtschaft. Mehr als die Hälfte der ostdeutschen Betriebe wurden einfach dicht gemacht.

Die Idee der Treuhand war, das Vermögen der zerfallenden DDR gerecht unter ihren Bürgern aufzuteilen. Manche Historiker glauben, dass gezielt westdeutsche Unternehmen dort eine Chance sahen, sich zu bereichern – und versuchten, sich wichtige Posten der Anstalt zu erschleichen. Tatsächlich wurden viele Betriebe unter Wert an westdeutsche Unternehmer verkauft, leergeräumt, und dann geschlossen. Ältere Mitarbeiter wurden häufig entlassen und durch junges Personal aus dem Westen ersetzt.

Ungeklärt ist, ob das Versagen der Treuhand wirklich schuld daran ist, dass sich viele Ostdeutsche heute wie Bürger zweiter Klasse fühlen. Es existiert die Theorie, dass die Treuhand wie eine „Bad Bank“ des Ostens anzusehen ist. Also eine Instanz, auf welche die Ex-DDR-Bürger all ihre Wut und Sorgen über die Transformationsprozesse aus West- und Ostdeutschland schieben konnten – und die sie auch ohne Treuhand hätte erleiden müssen. Immer wieder werden Forderungen laut, die Geschichte der Treuhand, und die Einstellung der Ostdeutschen zu ihr, näher zu erforschen. Dabei steht auch die Errichtung einer „Wahrheitskommission“ im Raum.

Kritiker dieser Kommission glauben, dass der eigentliche Fehler darin bestand, dass es keine Ost-West-Deutsche Wiedervereinigung gab. Sondern nur eine westliche Übernahme des Ostens. Dafür sprechen auch die niedrigen Zahlen von ostdeutschen Führungskräften in den neuen Bundesländern. Zuletzt beauftragte die ehemalige Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke, die Ruhr-Universität Bochum mit einer Studie zur Treuhand.

Täubert hat gelernt, sich anzupassen

Historiker streiten sich noch heute, ob der Osten einfach nichts wert war, oder ob die Treuhand zu voreilig oder sogar korrupt gehandelt hatte. Als sie nach 20 Monaten schloss, hatte sie einen Schuldenberg über 256 Milliarden D-Mark angehäuft. Für Täubert war das Bild vom schönen Westen, dem er gerade noch hoffnungsvoll entgegenblickte, jetzt getrübt. Er und seine Arbeit waren dem neuen Land nichts wert, so verstand er das alles.

Seitdem, die letzten 26 Jahre, ist er Rentner. 1.200 D-Mark Rente bekam er im Monat, heute ein bisschen mehr. Die Kollegen im Westen verdienen das Zigfache. Als ausgedienter Ingenieur macht man sich in Deutschland eigentlich einen schönen Lebensabend. Ist er das schon, der Bruch einer ostdeutschen Biografie? Ein bisschen mehr oder weniger Geld am Lebensende?

Dieter Täubert ist seit 26 Jahren Rentner.

AfD wählt Dieter Täubert nicht. Er versteht auch gar nicht, warum nach seiner Entlassung, seiner schmalen Rente, seiner Entwürdigung, plötzlich die Flüchtlinge an allem schuld sein sollen. Wütend wird er trotzdem manchmal. Zum Beispiel, als Erich Zeigner, der erste Bürgermeister Leipzigs, in der neuen Ahnengalerie im Leipziger Rathaus fehlte. Der vom Sowjet-Militär eingesetzte Zeigner passte den Ausstellungsmachern, die nur demokratisch gewählte Bürgermeister ehren wollten, nicht ins Programm. Es sind solche Momente, in denen Täubert seine angestaute Wut spürt. „Wie der Zeigner hier nach dem Krieg innerhalb von Wochen die Innenstadt entrümpelt hat – und dann fehlt der“, sagt er. „Ideologie ist Mist!“

Wenn man Täubert fragt, was er den ganzen Tag treibt, dann erzählt er von Wintern im Wohnzimmer, wo er den alten Swing-Nummern lauscht. „We'll be over, we're coming over / And we won't come back till it's over over there.“ Den Sommer über wühlt er im Garten. Am schlimmsten, sagt er, waren die ersten Jahre. Als er noch gekonnt hätte, aber nicht mehr sollte.

Dieter Täubert wühlt mittlerweile in seinem dritten Garten: Der erste wurde noch in den Siebzigern plattgemacht, für neue Plattenbauten. Über den zweiten führt heute die B6. Der dritte hält. Auch das sind Brüche, aber Täubert hat gelernt, sich den Umständen anzupassen. Er hat sogar eine neue Freundin. „Mit der Ursel ist es ganz platonisch“, versichert er. Man gehe tanzen, das ja, sagt er. „Aber jeder von uns hat seinen eigenen Garten.“


Redaktion: Christian Gesellmann; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel (Fotos: Josa Mania-Schlegel).