© Josa Mania-Schlegel

Landtagswahl Sachsen

„Ich bin damals für etwas anderes in die AfD eingetreten“

Interview von Josa Mania-Schlegel
etwa 11 Min. Lesedauer

Herr Grossmann, Sie sind im März aus dem AfD-Kreisverband Görlitz ausgetreten, den Sie 2013 mitgegründet haben. Warum?

Ich hätte schon viel früher austreten sollen. Die Görlitzer AfD wurde bereits vor drei Jahren von einer eng verwobenen Clique übernommen, der es nur um Macht und Posten ging. Und die einen Personenkult um ihren Anführer pflegt.

Sie meinen den Görlitzer Vorsitzenden Tino Chrupalla, der 2017 eines von drei AfD-Direktmandaten holte.

Tino und seine „Parteisoldaten“, so nennen die sich wirklich. Ich bin damals für etwas anderes in die AfD eingetreten.

Warum sind Sie eingetreten?

Aus EU-Frust. Ich bin wegen der EU zwei Mal pleite gegangen. Das erste Mal 2001, als ich das Görlitzer Helenenbad neu planen sollte. Zu DDR-Zeiten war das ein herrliches Naturbad, mit Wasserzufluss aus sieben kühlen Quellen. Es musste aber dringend renoviert werden – und der damalige Kulturbürgermeister bat mich, die Planung zu übernehmen. Ich plante ein Jahr lang, danach hätte ich das Bad leiten können. Dann kam die neue Gewässerverordnung der EU.

Und die besagte?

Dass Badewasser eine höhere Qualität haben muss als Trinkwasser. Man kann unser Quellwasser problemlos trinken, aber es erfüllte nicht die EU-Standards. Es gab keine Lösung. Die Stadt hatte da schon sechs bis sieben Millionen Euro in den Sand gesetzt. Bis heute hat Görlitz kein Freibad. Ich hab das nicht verstanden.

Und das zweite Mal?

Zehn Jahre später, 2011, übernahm ich einen Wild- und Geflügelverkauf. Ich wollte noch einmal versuchen, mir etwas aufzubauen. Ich verkaufte: Mufflon-Salami, Wildschweinschinken, Knacker. Und das Geschäft lief. Görlitz hat Touristen, die viel lieber eine Knacker mit nach Hause brachten als eine Postkarte. Und in Görlitz werden Filme gedreht, die Crews kamen mittags zu mir. Götz George hat bei mir Wachtel mit Pommes frites gegessen. Aber es gab wieder eine EU-Verordnung.

Worum ging es diesmal?

Die EU hatte beschlossen, dass alle Fleischereien ihre Betriebe auf Edelstahl umstellen mussten. Wannen, Behälter, alles. Meine Zulieferer auf dem Land, die seit Jahrzehnten den Jägern ihr Wild abnahmen und mir verkauften, hätte das mehr als 100.000 Euro gekostet. Viele hatten nicht einmal einen Nachfolger. Die sagten: Schluss. Ich habe noch probiert, Wild aus Neuseeland zu verkaufen, aber das lief schlecht. Auf dem Etikett stand: „Kann Teile von Känguru und Alligator enthalten.“ Sie können sich die Reaktion der Kunden vorstellen.

„Alles fing mit einem Eisbein-Essen an.“

Im Juli 2012 stand ich da und verkaufte Fischbrötchen, um die 900 Euro Miete für den Laden reinzukriegen. Dann machte ich zu. Ich hatte so einen Hals auf die EU. Ich war richtig wütend.

Und da erfuhren Sie von der AfD.

Die hieß damals noch „Wahlalternative 2013“, Alexander Gauland war schon dabei. Ich war seit Jahren SPDler, aber hier spürte ich eine neue Aufbruchstimmung. Das große Thema war EU-Kritik, das passte. Ich meldete mich also an. Wenig später gründeten wir den sächsischen Verband, zusammen mit Frauke Petry. Und bald darauf wurde jemand für Görlitz gesucht.

Das wurden Sie.

Ich gründete den Kreisverband 2013, kurz vor der Bundestagswahl. Die AfD scheiterte knapp an der Fünf-Prozent-Hürde. Aber in Görlitz wählten uns schon damals mehr als acht Prozent. Ein Jahr später wurden wir bei den Landtagswahlen drittstärkste Kraft, vor meiner alten SPD. An den SPD-Ständen wollten die Leute schon damals keinen Kugelschreiber mehr geschenkt bekommen. Aber uns rupften sie das Zeug nur so aus der Hand.

Von den 14 AfD-Politikern, die 2014 in den sächsischen Landtag einzogen, darunter Frauke Petry, sitzt dort heute nur noch die Hälfte.

Wie erklärten Sie sich das?

Wir hatten einfach unfassbar viele Unterstützer. Ich bekam erst Monate später mit Schrecken mit, wer mich da zum Teil unterstützt hatte. Einige Reichsbürger und andere Fanatiker waren sehr engagiert dabei. Leute, die auf eine Verfassung von achtzehnhundertnochwas schwören. Das war mir fremd, ich bin doch kein Feind der BRD. Ich hatte also gewonnen, aber wusste gar nicht so genau mit wem. Es war das erste Mal, dass ich merkte: Die AfD ist auch ein Auffangbecken für komische Vögel. Wir waren die Reichsbürger schnell wieder los. Wir haben die spüren lassen, dass hier kein Platz für die war.

Sie waren angetreten, um gegen die EU zu kämpfen, nicht gegen die BRD.

Ja, und das im Kreistag. In den Landtag zog Petrys Gefolgschaft, ich gehörte eher zu EU-Kritikern, die wegen Lucke in der AfD waren. Also führte ich die Görlitzer Fraktion an, wir waren zu siebt. Meine Idee war, die AfD nun schrittweise mit Görlitzer Vereinen und den anderen Parteien zu vernetzen. Wir wollten ja Beschlüsse durchsetzen.

Wie gut gelang Ihnen das?

Ich war aus SPD-Zeiten noch gut mit anderen Politikern vernetzt, man grüßte sich. Aber sobald es um Beschlüsse ging, war die AfD ein rotes Tuch. Da wollte niemand für uns stimmen, egal worum es ging. Wenn der CDU doch mal ein Vorschlag von uns gefiel, stimmten sie erst dagegen, änderten ihn dann leicht – und setzten ihn danach selbst um.

So geht es heute in den meisten Parlamenten zu, in denen die AfD sitzt.

Mit den Grünen wollte früher auch niemand zusammenarbeiten. Aber die AfD von heute freut sich, wenn sie abgelehnt wird. Sie kann dann sagen: Wir gehören nicht zum Establishment. Dafür werden sie auch gewählt. Aber echte politische Veränderung wird das nie bringen – weil sie nie regieren wird. Die Partei nimmt die berechtigte Wut der Leute – und münzt sie in Posten, Geld und private Interessen um. Und das alles fing mit einem Eisbein-Essen an.

Ein Eisbein-Essen?

Ja. Tino Chrupalla, ein Malermeister aus dem Nachbarort Weißwasser, hatte dazu eingeladen. Er war schon seit 2015 bei uns im Verband. Nun lud er 40 Freunde und Bekannte aus Weißwasser zu einem großen Essen ein. Es gab Eisbein, aber nach dem Essen verteilte er AfD-Mitgliedsanträge. Und plötzlich hatte mein Kreisverband 40 neue Mitglieder.

Chrupalla hatte seine Freunde in die Partei geholt.

Ja, und ich vermute: aus Kalkül. Denn zwei Wochen später stand in Görlitz eine Wahl an: Es sollte ein neuer Kreisvorsitzender her. Aus Weißwasser kamen zu solchen Versammlungen normalerweise nur ein paar Versprengte. Diesmal kam ein ganzer Bus. Es tauchten Leute in meiner Partei auf, die ich noch nie gesehen hatte.

„Wollen wir auch die Zeugen Jehovas verbieten?“

Und sie wählten Chrupalla zum Kreischef. Ich war damals nur noch Regionalvorsitzender für die Stadt Görlitz – das lag mir eher, als die Fahrerei durch den Kreis. Aber mein Fehler war immer, dass ich zu blauäugig war und zu spät merkte, was eigentlich abging.

Was meinen Sie?

Ich hatte ja anfangs nichts gegen Tino Chrupalla. Und die neuen Mitglieder waren hyperaktiv, die machten und arbeiteten. Die haben abends um zehn noch Plakate geklebt. Klar freust du dich als Vorsitzender, wenn du neue, fleißige Leute hast. Ich verstand aber erst später, dass Chrupalla nicht nur einer von denen war. Sondern: Das war eine ganze Clique, die sich um ihn scharte.

Was waren das für Leute?

Die meisten waren Kleingewerbetreibende oder Handwerker, denen es eigentlich gut geht und die dicke Autos fahren. Aber manche von denen haben zu Hause Bismarck-Bilder hängen, da bekommst du einen Schock. Es kamen Netzwerke in die Partei, die sich schon ewig kannten und sich auch beruflich Aufträge zuschanzen. Da gibt es einen Friedhofsgärtner, einen Steinmetz und eben den Malermeister Chrupalla. Eine verwobene Clique. Und sie nannten sich: Tinos Parteisoldaten.

Wie ließ es sich mit den Neuen arbeiten?

Solange die nicht an den Schalthebeln saßen, waren alle höflich und nett. Aber bald hatten Chrupallas Leute alle wichtigen Posten der Görlitzer AfD inne. Und plötzlich herrschte ein ganz neuer Ton im Verband. Tino machte die Befehle, die anderen spurten.

Sie spurten?

Auch ich spurte. Einmal hatte Chrupalla eine Veranstaltung, die Presse war angemeldet. Und damit volles Haus war, musste wir als Görlitzer Verband als Publikum anreisen. Das wurde so befohlen. Ich habe ihm gesagt: So geht das nicht. Andere hat er gleich ganz verprellt. In Zittau oder Löbau lösten sich die ersten AfD-Verbände auf. In ganz Görlitz stehen heute immer dieselben zwei Leute am Infostand – weil sonst niemand mehr Lust hatte.

Und Sie? Schmissen hin, weil Ihnen der neue Chef nicht passte?

Es war mehr als das. Ich war einmal wegen der EU eingetreten, ich wollte die regionale Wirtschaft stärken. Aber jetzt ging es in der AfD nur noch um Flüchtlinge und um „Merkel muss weg“. Die AfD surft auf einer Welle. Sie sagen sich bis heute: Die Leute haben ja niemand anderen zu wählen. Aber was, wenn Merkel mal weg ist? Dann fällt das alles in sich zusammen.

Eines der wichtigsten Themen der sächsischen Wähler ist Migration …

… und die AfD druckt Plakate mit „Kein Islam in unserer Oberlausitz“. Wenn ich religiös bin, muss ich doch beten können – was soll ich denn machen? Oder wollen wir auch die Zeugen Jehovas verbieten? Die sind hier viel präsenter. Die anderen Forderungen fand ich noch schwachsinniger. Etwa die Umbenennung unseres Berzdorfer Sees in „Görlitzer Meer“. Noch schlimmer fand ich nur die Forderung nach neuen Grenzkontrollen nach Polen. Der Spruch war: Fünf Minuten warten schadet niemandem.

Sie kennen noch Grenzkontrollen nach Polen.

Glauben Sie mir, aktuell ist an der Grenze eine Baustelle. Das ist nur ein Stopp-Schild, keine Kontrolle. Und da stehe ich schon oft eine Dreiviertelstunde. Überhaupt ist mir die Freundschaft zu Polen wichtig, meine Frau ist Polin.

„Ich fahre für mein Leben gern Diesel, aber Robert Habeck gefällt mir gut.“

Aber Chrupalla tickt anders. Er sagte gegenüber einem polnischen Parteikollegen: „Gebt uns erstmal Pommern und Schlesien zurück.” Und als Bundestagsabgeordneter lud er eine russische Delegation ein.

Warum traten Sie letztlich aus?

Den Ausschlag gab dann eine Sitzung meiner Regionalgruppe, die ich noch bis Ende 2018 geleitet habe. Wir saßen in einer Gartenkneipe. Und plötzlich kamen wieder Chrupallas Leute aus Weißwasser.

Weißwasseraner bei einer Sitzung in Görlitz?

Ja. Wir waren sonst 20, jetzt waren es noch 10 mehr. Und plötzlich gab es eine Wahl. Chrupalla hatte im Kreisvorstand eine kleine Korrektur der Wahlkreise vorgenommen: ein kleines Stückchen Görlitz war weg, dafür ein Stückchen Löbau dazugekommen. Und deswegen musste jetzt ein neuer Regionalchef gewählt werden.

Ein strategischer Kniff, um Sie aus dem Weg zu räumen.

Das vermute ich auch. Ich stellte mich trotzdem zur Wahl – und verlor 19 zu 17. Da wurde mir klar, dass ich das Ruder nicht mehr herumreißen würde. Ich hatte mir lange vorgenommen, Chrupalla wieder zu stürzen – nur ohne Eisbein-Essen – aber das war unmöglich. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich schon viel früher raus.

Wie blicken Sie heute auf die AfD?

Ich denke, dass Chrupalla der Nachfolger von Gauland im Bundesvorstand wird. Deshalb tritt auch nicht er, sondern Jörg Urban als Spitzenkandidat für Sachsen an. Im Bundestag verehren sie ihn und seinen Görlitzer Verband. Eine Bekannte aus der Bundestagsfraktion, die nicht viel mit ihm anfangen kann, meinte zu mir: In Berlin heißt AfD mittlerweile nur noch „Alle für Dino“.

Wissen Sie schon, wen Sie zur Landtagswahl wählen?

Sicher nicht AfD. Als Direktkandidatin wähle ich Franziska Schubert, die hier zur OB-Wahl für die Grünen angetreten ist.

Sie wählen jetzt eine Grüne?

Ich bin kein Grüner, ich fahre für mein Leben gern meinen Diesel. Aber mir gefällt Robert Habeck gut. Er war hier und hat gesagt: Das alte Parteiensystem, die klassischen Koalitionen wird es nicht mehr geben, sondern es wird in Zukunft auf wechselnde Bündnisse ankommen. Das finde ich sehr klug. Und Frau Schubert habe ich schon im OB-Wahlkampf unterstützt.

Frank Grossmann und die grüne Görlitzer OB- und Landtags-Direktkandidatin Franziska Schubert beim Schlagabtausch an der Tischtennisplatte.

© Frank Grossmann

Wie das?

Ich bin Mitte März aus der AfD ausgetreten, da war der OB-Wahlkampf hier schon im Gange. Da ich selbst leidenschaftlicher Kleingärtner bin, habe ich mit der Wählerinitiative „Bürger für Görlitz“ einen Plan ausgearbeitet, wie Hartz-IV-Empfänger verlassene Kleingärten übernehmen könnten. So haben wir die Gärtner für die Wählerinitiative gewonnen, die zur Wahl von Frau Schubert aufgerufen hat. Außerdem habe ich sie der polnischen Bürgermeisterin des benachbarten Jędrzychowice vorgestellt, die die Nachbarin meiner Schwägerin ist. Es wurde dann ein polnischer Flyer für sie gedruckt. Immerhin sind rund 3.000 Polen in Görlitz stimmberechtigt.

Sie waren bei SPD, AfD, jetzt unterstützen Sie eine Grüne. Wie stehen die Chancen, dass Sie CDU und Ministerpräsident Kretschmer wählen?

Kretschmer finde ich super! Am besten gefällt mir, dass er so viel rumkommt. Egal, ob eine neue Feuerwehrhalle aufmacht oder eine Grundschule – er ist überall. Wenn ich abends ins Bett gehe, gucke ich vorsichtshalber unter die Bettdecke, ob da nicht der Kretschmer liegt.


Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.

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