„Links und Leseempfehlungen aus sozialen Netzwerken sind mir nicht sonderlich wichtig“

„Links und Leseempfehlungen aus sozialen Netzwerken sind mir nicht sonderlich wichtig“

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Ich komme gerade erst von einer langen Lesereise zurück – die wochenlange „Failed Intellectual Goodwill Tour“ hat mehr Zeit und Energie gekostet, als ich gedacht hätte. Ich muss erst wieder in meine heimatliche Medienroutine zurückkehren – die aber momentan sowieso sehr wenig routiniert oder ritualhaft ist. Aber das gefällt mir ganz gut so.

Nachrichten höre ich bei National Public Radio (NPR) über deren App. Nachrichten aus Deutschland hole ich mir aus der App des Bayrischen Rundfunks. Der BR ist nicht unbedingt meine bevorzugte Nachrichtenquelle, aber er macht die in meinen Augen beste deutsche Radio-App. Außerdem schaue ich auf Spiegel Online vorbei und schaue mir die Tagesthemen vom vorigen Abend in der Tagesschau-App an.

Im Abo habe ich den New Yorker und The New York Review of Books. Relativ regelmäßig lese ich auch The Nation und The Progressive, ein linkes Politmagazin, bei dem ich vor langer Zeit mal ein Praktikum gemacht habe. Von der FAZ, der taz, der ZEIT und der Süddeutschen habe ich jeweils ein iPad-Abo, obwohl ich mir das in der Summe eigentlich gar nicht leisten kann. Aber das ist eben der Preis – oder ein Teil des Preises – wenn man ein Internet-Aphorist ist.

Ich werde oft gefragt, warum ich mich als Amerikaner so für Deutschland, deutsche Medien und vielleicht auch die deutsche Seele interessiere. Und in der Tat begann diese Faszination mit einer Art Faustischem Pakt: Als ich jung und töricht war, habe ich mich in ein Mädchen verliebt, das sich wiederum in Deutschland verliebt hatte. Jetzt bin ich alt und töricht und lebe mit den Konsequenzen - und das die meiste Zeit ganz angenehm.

Fast genauso oft werde ich gefragt, was ich beruflich mache. Das ist schwierig zu beantworten. Im vergangenen Jahr war ich so viel wie möglich unterwegs. Sechs oder sieben Länder und ein paar Dutzend Auftritte alles in allem. Was ich bei diesen Auftritten mache, nennt man gemeinhin wohl eine „Vorlesung“ – aber ich versuche, das Genre neu zu definieren, den Aspekt einer „Show“ stärker zu betonen. Der traditionelle akademische Vortrag war schon immer eine Performance, aber ich möchte es besser machen. Ein klein bisschen weniger langweilig vielleicht, aber trotzdem gehaltvoll. Manchmal funktioniert es. Manchmal nicht.

Aber es ist toll, wenn man einen Vortrag über philosophische Aphorismen hält – und vorher eine Vorband spielt. Und es gibt nichts besseres als ein Mashup aus Wagner und Johnny Cash – gespielt auf einer Posaune bei einer Show in Schweden – um zu zeigen, dass ich mit ein paar der alten Regeln brechen möchte. Nächste Woche habe ich eine Show in Hartford, Connecticut, bei der ein Banjospieler auftreten wird. Ich bin schon sehr aufgeregt.

Aber obwohl es viel Arbeit ist und manchmal geradezu anstrengend, kann ich nicht behaupten, die #FailedIntellectual Goodwill Tour sei ein wirklicher Beruf geworden. Das liegt unter anderem daran, dass sie nicht sehr profitabel ist. Ich trete oft umsonst auf oder für ein paar hundert Dollar und schlafe auf der Couch eines Twitter-Followers. Kurz gesagt: Ich kann davon nicht meinen Lebensunterhalt bestreiten. Aber ich mache es, um an Erfahrung zu gewinnen. Ihr habt im Deutschen doch so viele schöne Begriffe dafür: „Harte Schule“, „Lehrgeld zahlen“. Und so weiter.

Und ich gebe gerne zu, dass das alles viel anstrengender ist, als ich es mir vorgestellt habe und ich mir nicht ganz sicher bin, wie lange ich es noch weitermachen will.

Was einem Beruf am nächsten kommt, ist meine Kolumne für die ZEIT, die seit ungefähr zehn Monaten läuft. Aber auch da könnte jede Woche die letzte erscheinen. Sie war als Experiment gedacht, was es auch war, was mich daran reizt. Bald wird eine Kolumne von mir in einer holländischen Zeitung erscheinen. Das könnte lustig werden, denn mein Holländisch ist ein wenig eingerostet, seit ich vor vielen Jahren einmal eine Weile in Utrecht studiert habe.

Aber zurück zu meinem Medienmenü: Die Webseiten, auf denen ich am meisten unterwegs bin, sind die von Spiegel Online, NPR, BBC und der New York Times. Blogs lese ich keine, aber ich mag Sascha Lobos Kolumne auf SPON sehr gerne. Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten sind mir Links und Leseempfehlungen aus sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter nicht sonderlich wichtig.

Am meisten genieße ich es, nur noch das zu lesen, was mich wirklich interessiert. In meinem alten Job habe ich mehr oder weniger alles aus Pflicht gelesen. Ich arbeitete als Professor für Deutsch an einer der führenden amerikanischen Forschungsuniversitäten. Aber irgendwann stellte ich fest, dass ich Forschung gar nicht so sonderlich mag. Und Universitäten auch nicht.

Wenn ich Bücher lese, dann am liebsten Romane. Aber wenn ich ehrlich bin: meist nur die ersten 25 bis 50 Seiten. Leider bin ich ein langsamer und leicht ablenkbarer Leser. Novellen liegen mir mehr. Sehr gut gefallen hat mir vor kurzem Sherwood Andersens „Winesburg, Ohio“, ein amerikanischer Klassiker. Momentan lese ich „Die toten Seelen“ von Nikolai Gogol. Meine Lieblingsautoren sind Don DeLillo und Vladimir Nabokov.

Im Fernsehen schaue ich mir am liebsten „Frontline“ auf PBS an. Es gibt in den USA kaum besseren Journalismus. Seit ich ein Kind war, haben mich die Frontline-Reportagen fasziniert. Insgesamt habe ich jedoch zu meiner Überraschung festgestellt, dass ich wieder deutlich mehr lese als früher – vor allem aufgrund von Apps und E-Paper-Ausgaben.

Ich lese mehr als je zuvor – manchmal sogar den Twitterfeed einer Rettungsorganisation für Dackel. Es ist schon seit langem mein geheimer Traum, eines Tages einen Zwerg-Rauhhaardackel zu besitzen. Einen etwas spitzbübischen, aber mit traurigen Augen. Dackel haben eine gute Reisegröße. Leider ist meine Freundin allergisch gegen Hundehaare, und ich liebe sie mehr als selbst den tollsten und spitzbübischsten Zwerg-Rauhhaardackel. Selbst, wenn er die traurigsten Augen der Welt hätte.


Eric Jarosinski alias @neinquarterly bezeichnet sich selbst als „gescheiterten Intellektuellen“ und lebt in New York. Als Assistant Professor beschäftigte er sich an der University of Pennsylvania unter anderem mit der Literatur, Kultur und Philosphie in der Weimarer Republik. Sein erstes nicht-akademisches Buch „Nein. A manifesto soll dieses Jahr erscheinen.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü stellen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen Ihr gerne in dieser Rubrik portraitiert sehen würdet.

Korrektur: In einer früher Fassung dieses Textes stand, Eric Jarosinski habe an der University of Wisconsin gelehrt. Dort hat er jedoch seinen Doktortitel erworben, gelehrt hat er u.a. an der University of Pennsylvania.

Illustration:Veronika Neubauer (Foto: Richard Gutjahr)