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Newsletter über Ostdeutschland

Nach der Europawahl: Fremd im eigenen Land

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Als viele Ostdeutsche gestern Abend den Fernseher einschalteten, müssen sie sich gewundert haben. So, wie ich mich wunderte.

Ich sah jubelnde Grüne in Berlin.

CDU-Leute, die sagten, sie seien immerhin noch stärkste Kraft.

Einen Bremer AfD-Mann, der schwitzend um Erklärungen rang.

Was ich nicht sah, war, dass eine blaue Welle über den Osten gerollt war. Dass die AfD in Brandenburg (fast 20 Prozent) und in Sachsen (mehr als 25 Prozent) stärkste Kraft geworden war, erfuhr ich über Twitter. Im ZDF sagte einfach niemand etwas darüber. Ich wartete …

Und schließlich lief eine Tierdoku.

Ich twitterte: „Im Fernsehen läuft das Ende der AfD, in Sachsen geht es grad erst so richtig los. Hab mich noch nie so fremd im eigenen Land gefühlt.“

„Nicht anerkannt / Fremd im eigenen Land“ rappte einst die Gruppe Advanced Chemistry als Antwort auf den aufkeimenden Nationalismus in Ost und West. Später kopierte Alexander Gauland den Satz im AfD-Wahlkampf und kehrte seinen Sinn um: „Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land.“ Nun fühlte ich mich fremd – nicht wegen der vielen AfD-Stimmen, aber weil der Osten keine Beachtung fand. Beziehungsweise erst spät, und dann als tief blauer Fremdkörper.

Ein Kollege twitterte: „Ich weiß nicht, worüber der Rest Deutschlands heute Abend so diskutiert, aber wer, wie wir, heute in Görlitz ist, muss und wird diese Republik zwangsläufig völlig anders wahrnehmen.“

Ein alter Freund aus Thüringen schrieb mir eine SMS: „Ach du Sch …“

Am späten Abend sickerte es dann auch in Mainz durch, dass der Osten rechts gewählt hatte. Aus dem unbeachteten Osten war wieder der rechte Osten geworden.

Ich kenne diesen Moment. Für mich war es das erste Mal 2015, als die wütenden Pegidisten ganz Deutschland mit ihrer Rohheit und ihrem Rassismus erschreckten. Der Osten wurde zu Dunkeldeutschland. Zu einem Fremdkörper.

Aus der Angst vor dem Osten wurde echtes Interesse

Viele, auch ich, erkannten damals zum ersten Mal, dass sie nicht deutsch, sondern vor allem ostdeutsch waren. Ich lebte damals in München. Und als das ganze Land auf die Rechten aus Sachsen zeigte, wurden ich und die anderen ostdeutsch – weil wir den pauschalen Vorwurf, der ja auch uns adressierte, nicht ertragen konnten.

Zum zweiten Mal passierte es 2017, als die AfD in vielen Teilen des Ostens stärkste Kraft bei der Bundestagswahl wurde. Im Gegensatz zum letzten Mal, als viele ratlos in den Osten guckten, waren die neuen Ossis, also Nachwende-Ostdeutsche wie ich, diesmal erste Ansprechpartner. Man fragte uns: Was ist denn da bei euch los?

Nach den AfD-Siegen passierte etwas Wunderbares: Die Angst verwandelte sich in eine nuancierte Debatte. Plötzlich wollte jeder den Osten verstehen.

Badische Abgeordnete, die vorher nicht mal den kleinen Zeh in die Saale gehalten hatten, standen plötzlich staunend auf Thüringer Marktplätzen. Viele signalisierten zu verstehen: Hier im Osten gibt es etwas zu gewinnen.

Es gab nun einen nachdenklichen Nachwenderoman über die Frage, warum die einen in Sachsen zu Pegida gehen – und die anderen nicht. Einen Gesprächsband über das Ostdeutsch-Sein. Ein Ich-Essay über den Osten gewann einen wichtigen Journalistenpreis.

Außerdem engagierte Krautreporter mich als Korrespondenten in Leipzig. Der Roman heißt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ und ist von Lukas Rietzschel. Den Gesprächsband „Wer wir sind“ gaben Jana Hensel und Wolfgang Engler heraus. Der mit dem Reporterpreis prämierte Essay „Wir waren wie Brüder“ erschien in der taz.

2015, 2017, 2019. Wieder sind zwei Jahre vergangen. Aber dieses, das dritte Mal, fühlt sich alles anders, irgendwie taub an.

Wer sich auf Twitter umsieht, wer gestern die Wahlnacht streamte, musste glauben: Das Interesse am Osten flaut so langsam wieder ab. Meinten es manche womöglich gar nicht so ernst, auf den Thüringer Marktplätzen?

Als wäre nichts gewesen, sind #Sucksen und #Säxit auf Twitter zurück, genau wie die Forderung „baut die Mauer wieder auf“, bei der ich nicht mehr weiß, ob sie mittlerweile ernst gemeint ist. Den Hashtag #DerAndereOsten, unter dem seit einem Jahr positive ostdeutsche Geschichten gesammelt wurden, traute sich keiner zu posten.

Es fühlt sich derzeit so an, als sei der Osten nur auf Probe ein Teil des Landes.

Der neue Frust könnte daher kommen, dass trotz des vielen Staunens und Interesse am Osten offenbar nichts passiert ist. Der Osten wählt weiter rechts. Dazu kommt, dass die AfD gerade ein reines Ost-Phänomen zu werden scheint. Dass sie sogar auf dem Weg ist, eine regionale Ost-Volkspartei zu werden.

Neue Hoffnung für den Osten gab mir ein Mann aus Bielefeld

Ließ sich 2017 noch als Anti-Merkel-Wahl deuten, bei der auch viele Westdeutsche blau wählten, tun es dieses Mal die Ostdeutschen relativ für sich. Im Westen fiel die Partei fast überall unter 10 Prozent. In Sachsen und Brandenburg und vielen anderen Regionen ist sie heute stärkste Kraft. Görlitz bekommt womöglich einen AfD-Bürgermeister.

In den düsteren Momenten dachte ich, dass dieses Land überhaupt nicht mehr zu versöhnen ist.

Dann fragte ich mich: Wie lange noch, bis der Osten realisiert, dass der Westen die AfD nie in eine Bundesregierung lassen wird? Dass sie zur Opposition verdammt ist? Wie lange, bis dann die erste Debatte aufflammt, dass die Wiedervereinigung vielleicht doch keine so gute Idee gewesen sein könnte? Und bis der erste AfD-Politiker still und leise über das Wort „Unabhängigkeitsreferendum“ stolpert?

Neue Hoffnung gab mir dann ein Mann aus Bielefeld.

Der Cartoonist Ralph Ruthe ist eigentlich nicht dafür bekannt, nachdenklich zu twittern. Meistens, ja ... haut er drauf. Aber diesmal fragte er auf Twitter: „Ernst gemeinte Frage an meine Follower aus Brandenburg und Sachsen: Was denkt ihr persönlich, müsste getan werden, damit bei euch weniger Leute die AfD wählen? Ich hab von NRW aus null Einblick, wie sich das ändern lässt, eure Meinung interessiert mich sehr!“

Unter dem Post begannen plötzlich Ostdeutsche ihre Geschichten zu erzählen. Die Abgewanderten, die ihren Dialekt so gut es ging zu verbergen gelernt hatten, und nun plötzlich von ihrem sächsischen Heimatdorf schwärmten, das zu Wendezeiten von seinen Bewohnern zurückgelassen wurde.

Was sollte der Osten vom Westen fordern?

Menschen vom Land in Sachsen-Anhalt, wo sich außer der AfD keine andere Partei mehr die Mühe machte, Wahlplakate aufzuhängen. Oder ein zugezogener Westdeutscher, der einfach nicht fassen kann, wie rabiat gerade die Braunkohle in der Lausitz dichtgemacht wird. Auch der Comedian Shahak Shapira erzählte, wie in seinem Fußballverein plötzlich Neonazis auftauchten, um ihre Wähler schon im Kindesalter zu rekrutieren.

Es sind unschöne Geschichten, die aber alle eines gemeinsam haben: Sie erzählen von einer Generation, deren Eltern zwar schön sanierte Marktplätze bekamen – die aber im Prinzip völlig unpolitisch blieb (nirgends gibt es so wenige Parteimitglieder und Betriebsräte wie in Ostdeutschland) – und der oft nichts anderes übrig blieb, als in eine der sogenannten Leuchtturm-Städte zu ziehen: nach Potsdam, Jena und Leipzig. Dort jubelten gestern auch die Grünen.

Ich startete dann – parallel zu Ruthe – meinen eigenen Hashtag #WirimOsten, unter dem Ostdeutsche begannen, ihre Geschichten zu erzählen.

Ob sich der Osten auf Dauer blau abhebt, und schon dadurch ein völlig anderes Land wird, ist jetzt von zwei Gruppen abhängig: dem Westen, der weiter bereit ist zuzuhören. Und dem Osten, der die richtigen Forderungen stellt.

Bald bekommt der Osten seine erste Bundesbehörde: ein Fernstraßenamt Leipzig haben die Ministerpräsidenten des Ostens auf ihrer jährlichen Konferenz mit der Kanzlerin ausgehandelt. Aber reicht das, um den Osten für klamme Jahre nach der Wende zu entschädigen? Welche Forderung sollte der Osten wirklich stellen? Schreibt es mir an: josa@krautreporter.de – ich nehme deine Antwort mit in meinen Text über den sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.