© Unsplash / Hayley Seibel

Sinn

Warum stehst du morgens auf und gehst zur Arbeit?

von Theresa Bäuerlein
etwa 12 Min. Lesedauer

Eines habe ich aus meinen letzten Umfragen in der KR-Community gelernt: Manchmal muss man einfach dumme Fragen stellen. Zum ersten Mal habe ich das bei dieser Umfrage verstanden: „Warum isst du Fleisch, obwohl du weißt, dass Tiere dafür leiden?“ Es gibt natürlich eine offensichtliche Antwort darauf: „Weil es mir schmeckt.“ Aber fast niemand, der mir eine Antwort schickte, beließ es dabei. Stattdessen lieferten die Teilnehmer sieben ziemlich interessante Gründe, aus denen sie mit mehr oder weniger gutem Gewissen Tiere essen. Wenn du sie noch nicht kennst: Hier geht es zum Artikel.

Die zweite dumme Frage entwickelte sich aus einem Gespräch mit Stephan Anpalagan, der auch schon für Krautreporter geschrieben hat. Stephan ist Unternehmensberater, und ich wollte von ihm wissen, was Menschen bei der Arbeit antreibt. Im Gespräch sagte Stephan den erstaunlichen Satz: „Geld ist eine Scheißmotivation.“ Und erklärte, dass es für Unternehmen zunehmend schwierig sei, Mitarbeiter nur mit guten Gehältern zu locken. Wie nebenbei fügte er hinzu: „Man müsste mal eine Umfrage machen, in der man die Leute fragt, warum sie morgens aufstehen und zur Arbeit gehen.“

Ich habe diese Frage an die KR-Community weitergegeben. Und bekam 320 Antworten und E-Mails. Die Ergebnisse haben mich wieder sehr überrascht. Sie sind natürlich nicht repräsentativ, aber tatsächlich decken sie sich mit dem, was Stephan meint. Und mit dem, was Arbeitsforscher seit Jahren wieder und wieder sagen.

Eine Kostprobe aus den Ergebnissen, anhand von vier Begriffen: Das Wort „Pflicht“ kam bei 320 Antworten 20 Mal vor, „Verantwortung“ sieben Mal. Dafür tauchte 57 Mal das Wort „Sinn“ auf und 59 Mal „Spaß“.

Neugierig geworden? Dann sind hier die Top 4 der Gründe, aus denen Menschen – laut dieser Umfrage, aber nicht nur – zur Arbeit gehen.

1. „Ich brauche das Geld“

Reden wir erst über die offensichtlichste Antwort: Wir müssen Miete zahlen, es muss Essen auf den Tisch, die Kinder brauchen Schulbücher. Um das alles zu bezahlen, haben die meisten von uns keine Wahl: Wir müssen arbeiten. Und wenn man arm ist und Schulden hat, ist Freude an der Arbeit sowieso zweitrangig.

Der Psychologe Daniel Kahnemann und der Ökonom Angus Deaton, beides Nobelpreisträger, haben herausgefunden, dass Geld Menschen durchaus glücklich macht – bis zu einer gewissen Gehaltsstufe, die sie bei 75.000 US-Dollar im Jahr verorteten (etwa 66.000 Euro). Ab dieser Höhe macht mehr Geld nicht glücklicher, sagen sie.

Trotzdem haben die wenigsten, die mir geschrieben haben, ausschließlich von diesen Zwängen geredet. Überhaupt hat nur knapp die Hälfte der Teilnehmer Geld überhaupt erwähnt. Man kann jetzt natürlich Vermutungen über die privilegierten Lebensumstände der Umfrage-Teilnehmer anstellen. Sicher ist das nicht falsch – von Schulden oder echten Geldproblemen hat in dieser Umfrage niemand gesprochen, obwohl jeder beim Antworten auch anonym bleiben konnte.

Interessant ist, was passiert, sobald die Existenz gesichert ist. Aus der Arbeitsforschung wissen wir: Geld motiviert nur bis zu einem bestimmten Punkt. Menschen wollen finanzielle Sicherheit für sich selbst und ihre Familie erreichen. Sobald sie das geschafft haben, machen höhere Gehälter sie kaum zufriedener oder glücklicher – und es bindet sie auch nicht enger an ihre Firma. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung sind Menschen auch „in konjunkturell schlechten Zeiten nicht deshalb zufriedener, weil sie froh sind, überhaupt einen Job zu haben“.

Anders gesagt: Wir müssen arbeiten, um Geld zu verdienen – oder, um es in den ernüchternden Worten von Umfrage-Teilnehmer Sebastian zu sagen: „Um Lebenszeit gegen Einkommen zu tauschen.“ Aber das ist nicht der Grund, warum wir morgens aufstehen. Und die Aussicht auf mehr Geld versüßt den Job nur bedingt. Das gilt nicht nur für Menschen, die jeden Tag Leben retten oder sich in ihrem Job total selbst verwirklichen. Sondern auch für Putzmänner und -frauen (auf die werde ich noch zurückkommen).

Es scheint sogar für die richtig ambitionierten Typen und Überflieger zu gelten. Das fand zumindest Charles Duhigg heraus, Absolvent der Harvard Business School und damit eigentlich abonniert auf ein Leben voller Reichtum, Einfluss, mit einer erfüllenden Arbeit. So stellten sich er und seine Kommilitonen das zumindest vor. Für Duhigg klappte das nicht, denn die Firmen und Unternehmensberatungen, bei denen er sich beworben hatte, wollten ihn nicht. Also entschied er sich, Journalist zu werden – ein Job, der ihm Spaß machte, aber vergleichsweise schlecht bezahlt war.

Beim Jahrestreffen mit seinen Ex-Mitstudenten stellte er überrascht fest, dass er damit besser gefahren war als viele seiner Kommilitonen mit ihren Millionengehältern. Sie klagten über gescheiterte Ehen, Zeitmangel, über Langeweile und Stress bei der Arbeit. Es gab auch glückliche Top-Performer: Das waren diejenigen, deren Karriere schwierig verlaufen war oder die den Beruf wechseln mussten – die also Jobs hatten, die sie sich erkämpfen mussten.

Der Management-Professor Barry Schwarz beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, was Menschen bei der Arbeit motiviert. In einem Vortrag hat gesagt: „Materielle Entlohnung halten wir allgemein für eine eher schlechte Begründung für unsere berufliche Tätigkeit. Wenn wir sagen: ‚Der macht es nur fürs Geld‘ – dann ist das keine neutrale Beschreibung.“

Wenn es also nicht (nur) um Geld geht – worum geht es dann?

2. „Ich mag meine Kollegen, und sie brauchen mich“

Ein Zehntel der Umfrageteilnehmer sagt ausdrücklich, dass die Kollegen ein Grund dafür sind, dass sie zur Arbeit gehen. Weil sie gerne mit ihnen zusammenarbeiten, und weil es ihnen ein Gefühl gibt, gebraucht zu werden.

Niemand hat das schöner ausgedrückt als KR-Leserin Katja. Sie schrieb mir, dass sie schon als Lehrling in der Gastronomie gemerkt habe, dass sie einfach gern für andere Leute da sei, ob auf dem Fünf-Sterne-Luxusschiff oder in einer ranzigen Metal-Kneipe auf St. Pauli: „Ich wusste immer, was der Stammgast trinken will, kannte die Namen schnell und hab mich gekümmert, wenn mal jemand Ärger hatte.“ Heute ist sie 51, arbeitet als Projektassistentin in der Marktforschung und kümmert sich immer noch um alle.

„Das macht mich glücklich. Ich finde es super, wenn die alle ihre Arbeit besser erledigen können, weil ich ihnen den Rücken freihalte von bürokratischem Kram, Buchungen, Recherchen. Montags kommt ein großer Obstkorb, und wenn die das bis Mittwoch nicht aufgegessen haben, schnippel ich denen das auch mal als Salat zurecht, DANN essen die das nämlich (…) Ich wollte nie eigene Kinder und ganz ehrlich: Die Mittzwanziger hier reichen mir völlig 😄“

Möglicherweise wäre die Zahl derer, die wegen ihrer Kollegen gerne zur Arbeit gehen, deutlich höher, wenn ich diese Umfrage vor ein paar Jahrzehnten gemacht hätte – oder mit einer Gruppe von Menschen, die harte körperliche Arbeit machen. Denn das Büro ist nicht der beste Ort, um enge Freundschaften zu schließen. Paradoxerweise sorgen Arbeitsplätze, an denen es einfach ist, mit den Kollegen ins Gespräch zu kommen, sogar eher für das Gegenteil: Erlebnisbüros mit Kicker im Konferenzraum und Coffee Lounge statt Küche sorgen eher für oberflächliche Beziehungen, wie der Organisationspsychologe Cary Cooper feststellt.

Ganz anders ist es unter härteren Bedingungen: „Jobs in der Fischerei, auf Baustellen und im Militär verlangen körperliche Teamarbeit und sind gefährlich. Das kann den Aufbau von Beziehungen in einer Weise fördern, die über die Rollenverteilung im Job hinausgeht. Bürojobs kriegen das so nicht hin“, meint Cooper.

Sollte die Beziehung zu deinen Kollegen also eher unverbindlich sein, könnte es daran liegen, dass dein Job so ungefährlich ist. Komm aber bitte nicht auf die Idee, deinen Papierkorb anzuzünden. Es gibt ja noch andere Gründe, zur Arbeit zu gehen:

3. „Weil ich meinen Job mag“

Vielleicht hast du, so wie ich, den Eindruck, dass viele Menschen in deinem Freundes- und Bekanntenkreis in irgendeiner Weise mit ihrem Job hadern. Nennen wir es Gefühlte Unzufriedenheit (GU).

Ich weiß nicht, was da los ist, aber die GU deckt sich nicht mit den Ergebnissen meiner Umfrage. Und mit denen des Statistischen Bundesamts. Ein Drittel meiner Umfrageteilnehmer sagen, dass sie ihren Job mögen und ihn gerne machen. Immerhin 14 von 320 lieben ihn sogar. Das ist noch wenig: Laut Statistischem Bundesamt sind 89 Prozent der Deutschen mit ihrem Job zufrieden, 33 Prozent davon sogar sehr.

Die Umfrage des Statistischen Bundesamts war eine Zusatzbefragung für das Jahr 2017. Darin wurden Erwerbstätige im Alter von 15 bis 74 Jahren befragt. Am zufriedensten waren Akademiker und Führungskräfte, am unzufriedensten Hilfskräfte (auch die gaben aber zu 83 Prozent an, dass sie zufrieden waren). Es gab keine Differenz zwischen Männern und Frauen und verschiedenen Altersgruppen, allerdings leichte Unterschiede zwischen Erwerbstätigen in den neuen und den alten Bundesländern.

Andererseits hat das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Essen 2011 festgestellt, dass die Arbeitszufriedenheit der Deutschen seit Mitte der 80er Jahre abnimmt. Das gilt besonders, aber nicht nur, für ältere Arbeitnehmer und zieht sich durch alle Betriebe und Qualifikationsstufen. Im internationalen Vergleich sind die Deutschen demnach besonders unzufrieden. Die Ursachen sehen die Forscher darin, dass die Arbeit in den Betrieben intensiver geworden ist, und es Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt. Außerdem wachsen die Löhne nicht stark genug, und die Menschen haben Zukunftssorgen.

Gut möglich also, dass ein Großteil der Deutschen zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen ist – aber dass es vor ein paar Jahrzehnten noch mehr waren. Das Statistische Bundesamt hat die Frage nach der Zufriedenheit 2017 überhaupt zum ersten Mal gestellt, deshalb gibt es keine Daten zum Vergleich. Interessant ist allemal, dass die Statistiker diese Frage vor zwei Jahren offenbar zum ersten Mal relevant fanden.

Klar ist aber auch, dass „Zufriedenheit“ ein schwammiger Begriff ist. Ich habe beim Statistischen Bundesamt nachgefragt, wie die genaue Fragestellung lautete. Sie war nicht besonders komplex:

Wie zufrieden sind Sie mit ihrer aktuellen Haupttätigkeit?
Gemeint sind hier alle Arten von Erwerbstätigkeit (selbstständig oder abhängig beschäftigt).

Sollten Sie mehrere Tätigkeiten ausüben, beziehen sich ihre Antworten auf die Tätigkeit mit der längsten Arbeitszeit.

  • Sehr zufrieden
  • Zufrieden
  • Weniger zufrieden
  • Unzufrieden
  • Kann ich nicht sagen/Keine Angabe

Woher kommt dann die gefühlte Unzufriedenheit in meinem Bekanntenkreis? Genau weiß ich es nicht, aber es könnte am Begriff der „Zufriedenheit“ liegen. Bin ich „zufrieden“, wenn ich jeden Monat pünktlich mein Gehalt bekomme und mein Job mich nicht überfordert? Oder wenn ich jeden Morgen auf dem Weg ins Büro ein Liedchen pfeife und es kaum erwarten kann? Oder wenn ich weiß, dass meine Arbeit wichtig ist, weil sonst Menschen sterben?

4. „Ich arbeite, weil es meinem Leben Sinn gibt“

Sinn – das Gefühl, etwas nicht nur für sich zu tun, sondern in irgendeiner Form auch für andere – war die wichtigste und am häufigsten genannte Arbeitsmotivation in meiner Umfrage. 57 mal kam das Wort selbst in den Antworten vor. Manche haben das explizit so hingeschrieben, wie Angela:

„Die Arbeit gibt meinem Leben einen Sinn. Ich war lange arbeitslos und wurde depressiv, Haushalt und Kinder haben mich nicht ausgefüllt. Bei einem Termin beim Arbeitsamt sagte ich zu meiner Beraterin: ‚Entweder ihr habt jetzt wenigstens einen kleinen vernünftigen Job für mich, oder ich gehe in die Klapse.‘ Innerhalb von zwei Stunden hatte ich einen Ein-Euro-Job, und damit begann der Weg bis heute, der oft steinig war, doch zu meinem Traumjob führte.“

Andere reden indirekt davon, wie Sarah, die einen Job im Nachhaltigkeitsbereich hat: „Ich glaube daran, mit meinem Job die Welt ein kleines bisschen besser zu hinterlassen. Sonst würde ich nicht hingehen.“

Was genau dafür sorgt, dass eine Arbeit sich „sinnvoll“ anfühlt: Das wäre Stoff für einen weiteren Artikel. Der wichtigste Punkt, auf den ich hier hinweisen will, ist, dass der Wunsch nach sinnvoller Arbeit kein Luxus ist, den sich nur Menschen ab einer gewissen Gehaltsstufe leisten können. Der Arbeitspsychologe Theo Werner verwies in diesem Interview der Zeit auf verschiedene Studien aus Europa und den USA, die die Frage stellten: „Würden Sie für sinnvolle Aufgaben auf Lohn oder Status verzichten?“ Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer stimmten zu.

Das sei, sagte Werner, im Management genauso wie in den unteren Ebenen und beim Mittelständler genauso wie bei großen Unternehmen. „Wenn die Aufgaben und das Zusammenwirken sinnvoll erscheinen, ist das wichtiger als ein Bonus oder ein leicht erhöhter Status. Und das ist ein neues Phänomen. In der Kreativbranche und im Bereich der Wissensarbeit beobachten wir diese Haltung schon länger. Aber selbst hinter dem Fließband wollen Menschen jetzt sagen können: ‚Hinter diesem Arbeitgeber und diesem Team kann ich stehen.‘“

Auch Putzen kann erfüllend sein

Das bringt mich zu den am Anfang erwähnten Reinigungskräften. Es gibt eine Studie, die schon etwas älter ist – aus dem Jahr 2001 – deren Ergebnis aber heute noch genauso relevant ist. Zwei Forscherinnen wollten wissen, warum manche Reinigungshilfen in Krankenhäusern mit besonders viel Enthusiasmus bei der Arbeit waren. Sie fanden heraus, dass es zwei Gruppen gab: Eine Gruppe, die Dienst nach Vorschrift macht, und eine, die etwas tat, das Wissenschaftler Jobcrafting nennen: Das bedeutet, dass Menschen ihren Arbeitsplatz aktiv mitgestalten und ihre Aufgaben mit Sinn füllen. Man könnte auch sagen: Sie suchen nicht den passenden Job, sie machen sich den Job passend.

Die Gruppe der eher unmotivierten Putzkräfte waren Männer und Frauen, die Putzen nicht mochten und das Minimum dessen taten, was von ihnen erwartet wurde. Sie glaubten, dass man für ihren Job keine besonderen Fähigkeiten brauchte, und hatten nur so weit Kontakt mit den Menschen bei der Arbeit, wie es nötig war.

Die Personen in der anderen Gruppe gaben ihrem Job eine ganz andere Bedeutung: Sie sahen sich nicht nur als Reinigungskräfte, sondern als Teil des Krankenhauses. In ihrem Job ging es also nicht nur ums Putzen, sondern darum, dass Menschen gesund wurden. Sie bauten Beziehungen auf, unterhielten sich mit den Patienten und halfen Besuchern, sich zurechtzufinden. Diese Menschen fanden ihre Arbeit wichtig und machten sie gerne.

Vielleicht könnte man anhand dieser Putzmänner und -frauen sagen: Sinnvolle Arbeit ist nicht immer eine Frage dessen, was man tut, sondern wie man es tut – und für wen.


Redaktion: Philipp Daum; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel.

Prompt headline