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Gesundheitswesen

Der Sinn und Unsinn von Heilpraktikern, verständlich erklärt

von Silke Jäger
etwa 24 Min. Lesedauer

Warum gehen die Leute eigentlich so oft zum Heilpraktiker und nicht zum Arzt?

Tun sie das denn?

In meinem Bekanntenkreis machen das sehr viele, ja.

Und jetzt denkst du, dass das ein allgemeines Phänomen ist?

Ist es das denn nicht?

Gefühlt ist das so. Da stimme ich dir zu. Ich habe jedenfalls auch den Eindruck, dass Heilpraktiker sehr beliebt sind. Aber es könnte ja trotzdem sein, dass sich deine Freunde anders verhalten als die meisten Menschen in Deutschland. Lass uns das doch mal nachprüfen und ein paar Zahlen anschauen. Hier siehst du zum Beispiel, wie viele Heilpraktiker es 2015 in Deutschland gab und wie viele niedergelassene Hausärzte.

Oh, nur 7.000 Hausärzte mehr als Heilpraktiker?

Ja, insgesamt gibt es schon deutlich mehr niedergelassene Ärzte, nämlich circa 167.000, wenn man die Fachärzte dazu zählt. Aber ich denke, es ergibt Sinn, die Hausärzte mit den Heilpraktikern zu vergleichen, weil ihre Funktion von Patienten ähnlich wahrgenommen wird.

Aber jetzt wird’s richtig spannend. Hier siehst du nämlich, wie viele Patientenkontakte Heilpraktiker und Hausärzte jeweils pro Jahr haben. Wenn du die Zahlen anschaust, solltest du bedenken, dass Patientenkontakte nicht dasselbe ist wie Patienten, weil ein Patient mehrmals pro Jahr zum Arzt oder Heilpraktiker gehen kann und das in der Regel auch tut.

Auf einen Heilpraktiker kommen circa 1.000 Patientenkontakte pro Jahr. Aber auf einen Hausarzt fast das sechsfache, nämlich 5.800.

Das heißt, ein Heilpraktiker hat theoretisch sechsmal so lang Zeit für mich wie mein Hausarzt?

Das ist vielleicht etwas holzschnittartig gedacht, aber ja, wenn man die Zahlen sieht, ist das wohl so. Aber es passt zu dem, was viele Leute als Grund angeben, warum sie gerne zum Heilpraktiker gehen: Weil er mehr Zeit für sie hat. Rein statistisch betrachtet 60 Minuten statt 10.

Und alle, die schon mal beim Arzt waren, haben das vielleicht auch an den Wartezeiten gemerkt: Oft wartest du ewig auf deinen Termin – wenn dich die Sprechstundenhilfe nicht erfolgreich abgewimmelt hat mit der Aussage, dass die Praxis derzeit keine neuen Patienten annimmt ...

... obwohl sie eigentlich sagen wollte, dass sie derzeit keine neuen Kassenpatienten annimmt. Privatpatienten schon ...

Ja, ja, genau. Also, wenn du dann endlich dran bist beim Arzt deiner Wahl, ist die ganze Sache nach höchstens 10 Minuten auch schon wieder vorbei, und du stehst mit einem Rezept für Tabletten, Salben, Zäpfchen wieder vor der Tür.

Am liebsten noch frei verkäuflich!

Ja, stimmt. Oft hättest du dir das Zeug auch selbst kaufen können, hättest du mal vorher gewusst, dass du nach Meinung des Arztes nichts Schlimmes hast. Und während du so dastehst, fällt dir ein, dass du im Internet noch ganz andere Dinge gelesen hast, die dein Arzt jetzt aber gar nicht abgeklärt hat. Und dann stehst du vor der Entscheidung, das ganze Prozedere wieder von vorne zu machen oder dir woanders Hilfe zu suchen. Sozusagen die Frage: Bezahle ich mit meiner knappen Zeit oder mit meinem guten Geld?

Naja, aber nicht immer geht das so aus. Nur, wenn du nicht ernsthaft krank bist.

Ja, das ist schon richtig. Aber ich habe gehört, dass die Arztpraxen voller Menschen sitzen, die von alleine gesund geworden wären, hätten sie nur ein paar Tage abgewartet, Bettruhe gehalten und Tee getrunken.

Na, klar. Um solche Patienten mache ich mir jetzt keine Sorgen. Aber es gibt ja auch Fälle, in denen Menschen gestorben sind, nachdem sie beim Heilpraktiker waren.

Ja, die gibt’s, und sowas darf nicht passieren. Aber fairerweise muss man dann auch sagen, dass es ebenso Fälle gibt, wo Menschen nach einer falschen Entscheidung von Ärzten Schaden genommen haben.

Ja, sicher. Aber wenn Ärzte einen Kunstfehler machen, müssen sie mit ernsten Konsequenzen rechnen. Und die Heilpraktiker?

Gute Frage. Damit du meine Antwort besser verstehst, muss ich zuerst etwas ausholen und mal kurz darauf eingehen, warum Menschen offenbar so gerne zum Heilpraktiker gehen. Enttäuschung über den Arztbetrieb hatten wir schon.

Wundert mich nicht. Ärzte stehen ja auch ziemlich unter Zeitdruck.

Genau. Und das haben sie sich nicht ausgesucht, sondern das hat damit zu tun, dass der Gesetzgeber vor circa 30 Jahren gesagt hat, wenn wir so weitermachen, können wir uns in einigen Jahren keine Krankenversorgung mehr leisten, weil wir immer älter werden, der medizinische Fortschritt immer weiter voranschreitet und beides zusammen einfach zu teuer ist. Deshalb sollen jetzt alle sparen. Und dann wurde gesagt, Ärzte haben nur noch ein bestimmtes Budget pro Patient und Quartal, und wenn sie mehr brauchen, müssen sie sich bei einer Wirtschaftlichkeitsprüfung rechtfertigen und das, was sie überzogen haben, am Ende aus der eigenen Tasche ausgleichen. Das ist jetzt etwas überspitzt formuliert, aber so in etwa ist das.

Und die Folge davon ist, dass in den Vergütungslisten das Arzt-Patienten-Gespräch auf einen der unteren Plätze gerutscht ist: 9 Euro kann dein Hausarzt dafür ungefähr abrechnen. Im Quartal.

9 Euro? Ist ja nicht gerade viel.

Sehe ich auch so. Sieht auch dein Arzt so. Ist auch ein großes Problem, und die Ärzte beklagen das seit Jahren. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will daran was ändern, macht aber eher Augenwischerei. Erklär ich dir noch was in der Anmerkung dazu. Führt jetzt zu weit.

Im Entwurf des Terminserviceversorgungsgesetzes (TSVG) steht, dass Arztpraxen mehr Sprechzeiten anbieten sollen als bisher, nämlich mindestens 25 Stunden pro Woche statt derzeit 20. Das erweckt den Eindruck, Ärzte hätten deshalb zu wenig Zeit für ihre Patienten, weil sie ihre Praxis nicht lange genug öffnen. Eine aktuelle Untersuchung, die sich die Betriebszeiten für Arztpraxen im Jahr 2015 angeschaut hat, also die Zeit, in der ein Arzt in der Praxis anwesend ist, stellte aber fest, dass in 92 Prozent der Praxen ein Arzt bereits 25 Stunden oder mehr pro Woche verfügbar ist. Die durchschnittliche Betriebszeit lag bei 38,8 Wochenstunden. Deshalb wird das TSVG hier keine spürbaren Verbesserungen bringen.

Alle Menschen, die sich durch diese Politik abgespeist fühlen – dazu gehören übrigens auch die Ärzte – sind also tendenziell enttäuscht. Und die Patienten gehen deshalb beim nächsten Mal vielleicht gleich zum Heilpraktiker. Denn der nimmt sich mehr Zeit, weil er’s kann. Heilpraktiker sind nicht Teil des Medizinbetriebs und unterliegen nicht dem Sparzwang. Beim Klick auf den Info-Button kannst du einen Blick auf ihre Umsätze werfen.

Leider kann man diese Umsätze nicht seriös mit den Zahlen in Arztpraxen vergleichen, weil die Abrechnung der Leistungen in einem komplizierten Verfahren durch die Kassenärztlichen Vereinigungen quartalsweise abgewickelt wird. Aber beim Klick auf den Info-Button siehst du mal die Ausgaben der Krankenkassen für den gleichen Abrechnungszeitraum 2017: 217,83 Milliarden Euro.

Wow. Das ist ganz schön viel. Aber ich finde es schon erstaunlich, was Menschen für Heilpraktiker ausgeben. Alles aus der eigenen Tasche.

Ja, stimmt schon. Aber Menschen geben generell viel für ihre Gesundheit aus. Kein Wunder, oder? Wenn du dir mal anschaust, was im sogenannten 2. Gesundheitsmarkt umgesetzt wird für Wellness-Massagen und dergleichen. Nicht umsonst gilt der Gesundheitsmarkt als Wachstumsmarkt.

Wenn Menschen, die keine so ganz ernste Krankheit haben – sagen wir eher so ein Zipperlein, mit dem sie sich schlecht fühlen – nicht zum Arzt gehen, ist das für die Krankenkasse gar nicht mal so schlecht. Denn diese Menschen sind automatisch bereit, selbst für ihre Therapie zu bezahlen – egal, ob sie von einem Heilpraktiker oder einem auf Naturheilverfahren spezialisierten Arzt angeboten wird. Ob diese Behandlung nun auch wissenschaftlichen, objektiven Kriterien standhält oder nicht, das ist dann erst mal egal. „Lieber alternativ gesund, als wissenschaftlich krank.“

Der Spiegel hat sich die gängigen Methoden mal genauer angeschaut im Hinblick auf Plausibilität, Wirksamkeit, Anzahl der publizierten Studien, Sicherheit und Nutzen-Risiko-Verhältnis.

Oha.

Ja, so drücken das Patienten aus. Habe ich von einem Heilpraktiker gehört. Das heißt auch: Die Patienten erwarten in der Regel, dass es ihnen nach dem Besuch beim Arzt besser geht. Aber ganz oft ist das nicht der Fall. Die Frage ist: Erwarten sie vielleicht zu viel? Oder das Falsche? Und wie viel Anteil hat daran der einzelne Arzt, wie viel Anteil die Krankenkasse mit ihren teilweise ungeschriebenen Gesetzen und wie viel die Gesundheitspolitik? Du siehst, man kann dieses Geflecht nur schwer entwirren. Und das können einzelne Patienten auch nicht. Sie sehen nur, dass sich der Heilpraktiker mehr Zeit nimmt, ihnen zuhört, ihnen auch zum Teil erklärt, was die Laborwerte bedeuten, die ihnen vom Arzt in die Hand gedrückt wurden. Ob die Methoden jetzt wissenschaftlich sauber evaluiert sind oder nicht, halten sie nicht für entscheidend. Vielleicht auch, weil Heilpraktiker selbst sie nicht für so entscheidend halten.

Verstehe. Aber was ist mit schwerkranken Patienten? Warum gehen sie zum Heilpraktiker, wenn nicht sicher ist, ob die Methoden überhaupt helfen?

Auch hier spielt wieder die Erwartungshaltung eine große Rolle. Viele schwerkranke Menschen gehen nicht nur zum Heilpraktiker, sondern auch zum Arzt. Oft erzählen sie dem einen nicht unbedingt was vom anderen. Leider gibt es auch keine belastbaren Zahlen dazu. Deshalb weiß man nicht, wie groß diese Gruppe genau ist.

Die Sorge vieler Ärzte ist, dass Menschen mit schweren Erkrankungen, wie zum Beispiel Krebs, nur zum Heilpraktiker gehen und deshalb wichtige Untersuchungen und Therapien nicht in Anspruch nehmen. Meldepflichtige Infektionskrankheiten dürfen Heilpraktiker zwar nicht behandeln. Aber manche Patienten haben dennoch die Erwartung, dass Heilpraktiker ihnen damit helfen können.

Wie bitte?

Ja, das geht wegen des Seuchenschutzgesetzes aber wirklich nicht. Bei einer schweren Krankheit, gegen die du vielleicht schon alles Mögliche unternommen hast, wozu dir Ärzte geraten haben, kann man sich schon eher vorstellen, warum viele Menschen bei Heilpraktikern Hilfe suchen. Sie holen sich Zuspruch ab, vielleicht auch Globuli. Heilpraktiker erklären es häufig so, dass sie in diesem Fall zwar nicht die Grunderkrankung behandeln, aber die medizinische Therapie unterstützen beziehungsweise ergänzen können. Aber es gibt auch Fälle, in denen Heilpraktiker unlautere Heilsversprechen machen.

Hier findest du die Heilpraktikergesetze.

Patienten mit sehr schweren Krankheiten finden es oft entlastend, jemanden an ihrer Seite zu wissen, der etwas mehr von der Krankheit versteht als Verwandte oder Freunde, der vielleicht sogar die üblichen Therapien kennt, und der ihnen hilft, dass sie sich besser fühlen.

Gut, das heißt aber noch nicht, dass sie davon gesund werden.

Natürlich gibt‘s da einen Unterschied. Aber man kann sich schon fragen, ob es in dieser Lage nicht eher darum geht, die Lebensqualität zu verbessern. Wie du das erreichst, ob du dazu zum Arzt gehst oder zum Heilpraktiker, macht vielleicht im Ergebnis nicht immer einen Unterschied. Außer im Geldbeutel.

So lange der Heilpraktiker seine Grenzen kennt und rechtzeitig zum Arzt überweist ...

Genau das. Aber an dem Punkt gibt es immer wieder Probleme. Von Heilpraktikern und ihren Verbänden wird das zwar nicht bestätigt, aber daraus entstehen dann die Fälle, über die wir auch in der Zeitung lesen, weil es ganz schlimm gekommen ist. In einer Mail wurde mir ein Fall geschildert, bei dem sich eine an sich harmlose Hautveränderung über die Jahre unter Heilpraktikerbehandlung zu einem Hauttumor entwickelt hat, der Metastasen streut und an dem der Patient sterben kann. In diesem Fall hat die Heilpraktikerin ihre Grenzen nicht erkannt und den Patienten vermutlich auch nicht ordnungsgemäß über die Risiken ihres Behandlungsansatzes aufgeklärt.

Aber dann müsste man sie jetzt wirklich verklagen!

Jetzt kommen wir zu dem Punkt mit den Kunstfehlern. Heilpraktiker führen ja gerne als Beleg dafür an, dass ihre Methoden weniger schädlich sind als die der Medizin, dass es deutlich weniger Schadensersatzverhandlungen gibt. Daraus schließen sie, dass es weniger oft zu Schadensfällen durch Heilpraktiker kommt. Aber das kann man so nicht sehen. Denn das Problem im Heilpraktikerrecht ist, dass sich Kunstfehler nicht so leicht definieren lassen.

Das ist in der Medizin anders. Denn dort gibt es sehr oft – wenn auch nicht immer – wissenschaftlich überprüfte Standards bei Diagnostik und Therapie. Es finden Aufklärungsgespräche statt, die samt Inhalt dokumentiert werden können, weil zum Beispiel bei Operationen Patienten Vordrucke unterschreiben müssen. Sprich: Dort gibt es einen dokumentierten Standard, gegen den man vergleichen kann, wie die ebenfalls dokumentierte Behandlung abgelaufen ist. Kurz, es gibt Zeugen. All das gibt es bei Kunstfehlern von Heilpraktikern nicht.

Ist ja übel.

Die Justiz hat zugegebenermaßen mit den fehlenden Standards bei den Verfahren der Heilpraktiker ein großes Problem. Aber die hängen wiederum auch mit den fehlenden Ausbildungsstandards zusammen. Dazu gleich mehr. Noch mal kurz zu einem ganz praktischen Problem der Justiz: Es gibt also diese anerkannten Standards nicht, und somit kann niemand leicht ermitteln, ob ein Kunstfehler vorliegt, für den der Heilpraktiker Schadenersatz zahlen müsste. Und gleichzeitig wissen aber Patienten ja, dass sie auf all diese wissenschaftlichen Erkenntnisse verzichten, wenn sie zum Heilpraktiker gehen. Was glaubst du, werden die Richter sagen?

Zum Thema Schadensersatzforderungen bei Behandlungsfehlern durch Heilpraktiker kannst du bei IhrAnwalt24 noch mehr lesen.

Dass Patienten wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie statt zum Arzt zum Heilpraktiker gehen?

Genau.

Das heißt, die Heilpraktikergesetze schützen Patienten im Zweifel nicht?

Genau.

Dann gehören die aber mal dringend reformiert.

Mit dieser Meinung bist du nicht allein.

Und? Was passiert da?

Derzeit diskutieren Gesundheitspolitiker darüber, ob sie den Heilpraktikerberuf abschaffen sollten. Konkret ist das die FDP-Fraktion im Bundestag. Sie berät im Moment darüber, ob sie einen Vorstoß macht, der zur Folge hätte, dass der Heilpraktikerberuf über kurz oder lang verschwindet. Die FDP-Gesundheitspolitikerin und Medizinrechtlerin Katrin Helling-Plahr sagt nämlich, dass die amtliche Erlaubniserteilung – so heißt die Heilpraktikerprüfung ganz korrekt – den Eindruck erweckt, Heilpraktiker würden eine qualitätsgesicherte Ausbildung durchlaufen und ihr Wissen wäre staatlich geprüft.

Das dachte ich bisher auch.

Das ist ein weitverbreitetes Missverständnis. Denn streng genommen erteilen die Länder den Heilpraktikern eine amtliche Erlaubnis, berufsmäßig Heilkunde unter der Bezeichnung Heilpraktiker auszuüben, ohne als Arzt approbiert zu haben.

Und was ist da jetzt der Unterschied zur staatlichen Prüfung?

Kurioserweise ist die Prüfung zwar staatlich geregelt, ohne eine staatliche Prüfung zu sein. Aber die Ausbildung ist nicht geregelt.

Das verstehe ich nicht.

Wundert mich nicht. Dieses Konstrukt ist einmalig in der deutschen Berufelandschaft und in der europäischen wohl auch. Die Ausbildung ist nicht einheitlich geregelt, es gibt kein bindendes Curriculum. Aber weil trotzdem sicher sein muss, dass Heilpraktiker Patienten nicht übermäßig gefährden, braucht man eine Prüfung. Diese Prüfung kann allerdings streng genommen keine Wissensprüfung sein, weil es dafür ja einheitliche Standards in den Methoden geben müsste. Darüber haben wir ja eben schon gesprochen: Die gibt es nicht. Deshalb kriegt der Prüfling nur bescheinigt, dass von ihm keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung ganz allgemein und auch nicht für eine konkrete Person ausgeht.

Diese Praxis sehen viele als sehr problematisch, denn damit entsteht genau dieses Missverständnis: Alle denken, Heilpraktiker sind genauso staatlich geprüft wie andere medizinische Berufe.

Wer darf denn Heilpraktiker werden?

Wer Heilpraktiker werden will, muss 25 Jahre alt sein, ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, nachweisen, dass sie oder er gesundheitlich, geistig und sittlich geeignet ist für den Beruf – also zum Beispiel reif genug ist, Verantwortung für sein eigenes Tun zu übernehmen – und mindestens einen Hauptschulabschluss haben.

Und das war’s?

Das sind die Zugangsvoraussetzungen, ja. Eine feste Ausbildungsordnung gibt es ja nicht, weil die Methoden, die Heilpraktiker anwenden, sehr vielfältig sind. Deswegen werden diese in der schriftlichen Prüfung auch nicht abgefragt. Du hast mehrere Möglichkeiten, dich auf die Prüfung vorzubereiten. Du kannst eine Heilpraktikerschule in Vollzeit oder Teilzeit besuchen, du kannst dir das Wissen aber auch im Fernstudium aneignen oder selbstständig für die Prüfung lernen. Das dauert je nachdem, für welchen Weg du dich entscheidest, anderthalb bis zwei Jahre oder ein paar Wochen im Selbststudium.

Echt? Wie kommt das?

Zwischen den Schulen und Lernmaterial-Anbietern gibt es wie gesagt Unterschiede. Aber ganz allgemein orientieren sich die Unterrichtsinhalte an den Prüfungsinhalten: Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie, allgemeine Krankheitslehre, Erkennen von Infektions- und Volkskrankheiten, Erkennen und Erstversorgung von akuten Notfällen und lebensbedrohlichen Zuständen, manuelle Diagnosetechniken, wie zum Beispiel abhören und abtasten und Funktionsprüfungen von Organen, Grundlagen der Labordiagnostik, Praxishygiene, Sterilisation, Injektionstechniken und Blutabnahme, Anwendungen, Gefahren und Grenzen der Naturheilkunde und natürlich Berufs- und Gesetzeskunde. Aber die praktischen Fertigkeiten werden nicht abgeprüft. Und deswegen kann es sein, dass jemand während der Ausbildung nie eine Spritze gegeben hat, dies ab dem Tag der bestandenen Prüfung aber tun darf. Insgesamt unterscheidet sich das schon sehr vom Medizinstudium.

Wieso? Wie ist das da?

Wenn du Arzt werden willst, musst du einige Hürden nehmen: Studienplatz nur mit Notenbeschränkung oder langer Wartezeit, mindestens 6 Jahre Studium. Und dann noch mindestens 5 Jahre Facharztausbildung. Die müssen Ärzte fast immer vorweisen, bevor sie eine Kassenzulassung bekommen. In dieser Zeit lernen Mediziner sehr viel darüber, wie ein gesunder Körper funktioniert und was bei Krankheiten im Körper passiert. Sie lernen zig diagnostische Verfahren kennen und lernen im Idealfall auch die Methoden der evidenzbasierten Medizin – also der wissenschaftsbasierten Medizin – und der Gesprächsführung kennen. Und sie werden praktisch ausgebildet. Vielen Heilpraktikern fehlt dieser praktische Ausbildungsteil.

Das finde ich jetzt krass.

Ja, das ist auch ein Riesenkritikpunkt. Denn zum Teil wenden Heilpraktiker ja auch invasive Verfahren an, also solche, in denen ein Eingriff in den Körper notwendig ist. Das tun sie oft in der Absicht, damit den Heilungsprozess zu fördern, zum Beispiel bei der Behandlung mit Eigenblut. Sie können sich in diesen Verfahren natürlich auch fortbilden. Aber auch die Fortbildungen sind nicht geregelt. Obwohl es inzwischen Bestrebungen gibt, Fortbildungspunkte für Heilpraktiker zu etablieren. Manche Heilpraktikerverbände sammeln damit gerade Erfahrungen und zertifizieren Kurse von Anbietern. Die Zertifikatskriterien sind allerdings nicht öffentlich einsehbar, und die Zertifizierung ist vollkommen freiwillig. Trotzdem ist das ein Schritt in die richtige Richtung, weil damit perspektivisch Qualitätssicherung möglich würde.

Nochmal zurück zur Prüfung. Wie läuft die ab?

Also, die schriftliche Prüfung besteht aus 60 Fragen, Multiple Choice, die in 120 Minuten zu beantworten sind. Und die mündliche Prüfung dauert auch noch mal 60 Minuten. Die Prüfung nehmen die Gesundheitsämter ab, und der schriftliche Teil ist einheitlich. Man muss 75 Prozent der Fragen richtig beantworten, um zu bestehen. Der mündliche Teil ist nicht standardisiert, sodass es zwischen den Prüfstätten Abweichungen bei den Inhalten geben kann.

Das ist aber nicht ideal.

Sehe ich auch so. Das haben inzwischen übrigens auch die Heilpraktiker selbst erkannt. Denn gerade seit es in letzter Zeit mehr Kritik gibt am Heilpraktikerberuf, wächst auch ihr Interesse daran, Abläufe und Verfahren überprüfbarer zu machen. Zumal auch relativ viele Prüflinge nicht bestehen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber ich habe Durchfallquoten zwischen 50 und 80 Prozent gefunden. Das spricht auch dafür, dass die Ausbildung verbesserungswürdig ist.

Also läuft alles eher auf eine Reform des Berufs raus als auf eine Abschaffung?

Beides wird diskutiert. 2017 gab es ziemlich viel Wirbel, weil eine Gruppe von Ärzten, Medizinethikern, Medizinrechtlern und Journalisten – der sogenannte Münsteraner Kreis – sehr detailliert Vorschläge gemacht hat, mit dem Ziel, den Heilpraktikerberuf in seiner jetzigen Form abzuschaffen. Das sogenannte Münsteraner Memorandum hat dafür zwei Wege gezeichnet: ganz abschaffen oder reformieren.

Doch die Reformpläne kamen bei einigen Berufsgruppen nicht so gut an, zum Beispiel bei den Physio- und Ergotherapeuten. Denn die Idee war, dass sie sich zu sogenannten Fachheilpraktikern hätten weiterbilden sollen. Damit sahen sie aber ihre eigenen Bemühungen untergraben, ihren Beruf zu einem akademischen zu wandeln. In anderen Ländern sind das nämlich schon lange Studiengänge, aber in Deutschland nicht. Die Therapeuten versuchen das schon sehr lange in einem zähen Prozess hinzubekommen. Da hatte also niemand Interesse, sich wieder auf Heilpraktikerniveau runterstufen zu lassen.

Ich habe gehört, die niedergelassenen Physiotherapeuten machen selbst oft noch einen Heilpraktiker zusätzlich. Wieso tun die das?

Physiotherapeuten haben die Möglichkeit, nicht nur den vollen Heilpraktiker zu machen, sondern den sektoralen. Der heißt so, weil er auf bestimmte Therapieformen beschränkt ist. In diesem Fall auf die Physiotherapie.

Und warum wollen Physiotherapeuten das?

Weil sie damit auch diagnostizieren und selbstständig Physiotherapie anwenden dürfen, also ohne eine Verordnung vom Arzt. Außerdem können sie für ihre Therapien so mehr abrechnen. Alles Dinge, um die diese Berufsgruppe auf anderen Wegen schon lange kämpft, aber bisher nicht erfolgreich. Da ist der sektorale Heilpraktiker sozusagen eine Notlösung, damit sie mehr eigenverantwortlich arbeiten können. Funfact: Wer Physiotherapie studiert hat, darf das übrigens nicht. Das ist natürlich absurd.

Gibt’s sowas auch noch für andere Berufsgruppen?

Ja, so ähnlich. Seit 1993 gibt’s noch den auf Psychotherapie beschränkten Heilpraktiker. Wer das machen will, muss weder Psychologie studiert noch eine Psychotherapieausbildung gemacht haben. Aber er muss Kenntnisse in den psychotherapeutischen Verfahren nachweisen. Da haben wir nun wieder das gleiche Problem wie eben schon: Wie man zu diesen Kenntnissen kommt, ist nicht festgelegt, und wie sie sich genau definieren, auch nicht.

Okay. Aber ist das nicht gefährlich? Ich meine, da geht’s doch um mehr als um Liebeskummer ...

Absolut. Und ich halte das auch für gefährlich. Nicht umsonst müssen Psychotherapeuten eine lange und teure Ausbildung machen, nachdem sie Psychologie oder Sozialpädagogik studiert haben.

Die Psychotherapieausbildung wird demnächst neu geregelt, sodass man Psychotherapie auch in einem eigenständigen Studiengang studieren kann.

Wieso ist das denn nicht längst geändert? Das Heilpraktikergesetz wird 80 Jahre alt, hast du gesagt. Wird es da nicht mal Zeit für Reformen?

Doch, die gab es ja auch schon. Aber das waren immer Teilreformen, zum Beispiel in den Jahren 2016 und 2018. Zuletzt hat der Gesetzgeber bundeseinheitliche Leitlinien für die Heilpraktikerprüfungen beschlossen. Damit wollte er erreichen, dass die Prüflinge richtig untersuchen und behandeln können, damit sie Patienten nicht gefährden. Aber Kritiker sagen, dass das nur Kosmetik ist. Sie bezweifeln, dass Heilpraktiker damit wirklich besser ihre Grenzen verstehen und Patienten rechtzeitig an Ärzte verweisen.

Wie ist das denn mit dem Gesetz? 2019 minus 80 und ich lande bei 1939. Das Gesetz stammt also noch aus der Nazi-Zeit.

Ja, das jetzige Heilpraktikergesetz trat am 17. Februar 1939 in Kraft, löste aber zuvor bestehende Regelungen zum Berufsbild ab. Heilpraktiker gab es schon im Mittelalter. Sie haben sich damals aus der Erfahrungs- und Laienheilkunde heraus entwickelt. Ihre Tätigkeit hat sich mit der Zeit natürlich gewandelt. 1928 wurde der erste deutsche Heilpraktikerverband gegründet, und 1931 gab es schon 22 Verbände. (Heute gibt es übrigens 5 bis 6 größere und 13 kleinere Verbände, die sich zum Teil auf ein Therapieverfahren beschränken, zum Beispiel Traditionelle Chinesische Medizin.) 1933 wurden im Zuge der Gleichschaltung alle Verbände zu einem zusammengefasst, und mit dem Gesetz 1939 wollte man den Beruf eigentlich aussterben lassen, denn es sah vor, dass nach einer bestimmten Frist niemand mehr zum Heilpraktiker zugelassen werden sollte. Ab 1943 waren alle Fachfortbildungen verboten.

Nach dem Ende des Krieges gab es nur noch Heilpraktiker, die vor der im Gesetz von 1939 definierten Frist ihre Zulassung erworben hatten. In den beiden Deutschlands entwickelte sich der Berufsstand unterschiedlich. Die DDR hat den Beruf abgeschafft, es gab lediglich einen Bestandsschutz für die vorhandenen Heilpraktiker. Zum Zeitpunkt der Wende sollen noch 11 Heilpraktiker registriert gewesen sein. In der Bundesrepublik gründeten sich nach 1950 Heilpraktikerverbände, und das Gesetz von 1939 wurde so abgeändert, dass es mit dem Grundgesetz vereinbar war.

Das heißt, den Beruf abschaffen zu wollen, hat ein gewisses Geschmäckle, weil er unter zwei deutschen Diktaturen stark reglementiert wurde und abgeschafft werden sollte.

Das kann eine Rolle spielen, ja. Vielleicht können sich Befürworter der Abschaffung deshalb nicht recht Gehör verschaffen.

Trotzdem frage ich mich ehrlich gesagt, warum es diesen Berufsstand immer noch gibt. Nach allem, was du jetzt erzählt hast. Deutschland ist damit doch ziemlich allein auf weiter Flur, oder?

Das stimmt. Die Heilpraktikergesetze gibt es in dieser Form nur bei uns. Wobei die Schweiz seit 2015 den Beruf des Naturheilpraktikers eingeführt hat. Der darf vier Methoden anwenden: Ayurveda-Medizin, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin und Traditionelle Europäische Medizin.

Die Frage, warum es Heilpraktiker in Deutschland immer noch gibt, stellten mir ungefähr ein Drittel der Menschen, die meinem Aufruf gefolgt sind und mir im Vorfeld ihre Fragen geschickt haben. Das waren 40 von circa 130. Im Rechercheprotokoll kannst du die Fragen durchstöbern.

Aha. Und was dürfen die deutschen Heilpraktiker machen?

Keine verschreibungspflichtigen Medikamente anordnen zumindest. Ansonsten alles, was sie an Verfahren beherrschen. Dazu gehört das, was die Schweizer dürfen und noch einiges mehr, zum Beispiel Aromatherapie, Phytotherapie, Kinesiologie und Akupunktur. Und die Heilpraktiker für Psychotherapie dürfen zum Beispiel NLP und anwenden. Das sind alles Methoden, für die es keine wissenschaftlichen Nachweise gibt, die aber als „sanft“ oder nebenwirkungsarm beschrieben werden. Niemand weiß so genau, ob sie objektiv betrachtet mehr nützen als schaden, und die Methoden lassen sich auch nicht so leicht wissenschaftlich überprüfen, weil man keinen Standard hat, mit dem sie sich vergleichen lassen. Aber sie sind bei Patienten offenbar trotzdem sehr beliebt. Wahrscheinlich wegen des Etiketts und weil sie im Gesamtpaket für den Einzelnen einen Unterschied machen. Du erinnerst dich, was ich weiter oben schon gesagt habe?

Heilpraktiker für Psychotherapie wenden auch systemische Verfahren an. Diese sind seit Herbst 2018 wissenschaftlich überprüft und als wirksam anerkannt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) prüft zur Zeit, ob diese Therapien auch von den Krankenkassen erstattet werden können. So lange diese Prüfung läuft, können derzeit nur Heilpraktiker für Psychotherapie diese Therapie anbieten, Psychotherapeuten mit Kassenzulassung müssen erst noch auf die Ergebnisse des G-BA warten.

Ja, klar. Aber sag mal, erlauben das noch andere Länder in Europa? Dass staatlich geprüfte Heilpraktiker Methoden anwenden, für die die Wirksamkeit nicht nachgewiesen ist?

Nein. In Österreich sind Heilpraktiker zum Beispiel ganz verboten. In anderen Ländern zahlen zumindest die Krankenkassen ihre Methoden nicht, wie das in Deutschland ja teilweise der Fall ist, zum Beispiel Homöopathie. Zwar nicht direkt – weil Krankenkassen in der Regel die Kosten für den Heilpraktiker nicht übernehmen – aber dann, wenn ein Arzt vergleichbare Methoden anwendet.

Welche Lösung bleibt denn dann? Kann man Heilpraktiker nicht einfach mehr ins Gesundheitswesen einbinden?

Vielleicht. Dafür gibt es auch schon Ideen. Das könnten sogenannte Genesungspraktiker sein, die in den normalen Medizinbetrieb eingebunden sind und klar definierte Aufgaben haben. Sie wären Ansprechpartner für emotionale Belange, für Krankheitsbewältigung. Aber auch Coaches für die Reise durch den Dschungel des Gesundheitswesens, und sie würden eng mit Ärzten, der Pflege und Therapeuten zusammenarbeiten. Damit könnte man auch erreichen, dass alle Patienten, die jetzt eher mit Zipperlein zum Heilpraktiker gehen, nicht ganz ohne Ansprechpartner dastünden.

Das finde ich keine so schlechte Idee: ein Genesungspraktiker. Der Bedarf wäre sicher groß. Gibt’s dafür schon ein Konzept?

Nein.

Schade eigentlich.


Dieser Text ist mit der Hilfe von 130 KR-Lesern entstanden, weil sie mir ihre Fragen zum Thema Heilpraktiker geschickt haben. Danke dafür! Leider konnte ich nicht alle Fragen im Text beantworten, aber vielleicht können wir dafür auch die Kommentarspalte nutzen. Wenn du in den Fragen der Leser stöbern möchtest oder mehr darüber lesen willst, wie ich recherchiert habe, findest du hier mein Rechercheprotokoll.

Redaktion: Rico Grimm und Theresa Bäuerlein; Fotoredaktion: Martin Gommel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.

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