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Chemnitz

Als Flüchtling in Chemnitz: „Manche zeigen mir den Mittelfinger, während der Bus wegfährt”

von Josa Mania-Schlegel
etwa 12 Min. Lesedauer

Am Sonntagmorgen wird in Chemnitz ein 35-jähriger Mann höchstwahrscheinlich von Flüchtlingen umgebracht. Am Nachmittag streift eine aufgebrachte Menschenmasse durch die Stadt, darunter viele gewaltbereite Rechtsextreme. Sie gehen Polizisten an und machen Jagd auf Menschen, die Migranten sein könnten. Für Montagabend melden rechte Gruppen eine große Demo an.

Zu der als Trauerfeier gekennzeichneten Kundgebung kommen schließlich 6.000 Rechtsextreme, viele von ihnen reisen extra an. Die Situation ist so bedrohlich für Migranten, dass sogar die sächsische Opferberatungsstelle auf Facebook warnt: „Auch wenn uns schwer fällt, diesen Gedanken auszusprechen, empfehlen wir gerade Migrant_innen, die Innenstadt ab Nachmittag großflächig zu meiden.“

Alle deutschen Medien entsenden Reporter nach Chemnitz. Ein Tag, an dem die rassistische Gewalt hier wie entfesselt scheint. Aber wie ist es sonst? Fühlen sich Migranten sonst wohl in dieser Stadt?

Eine Dreiviertelstunde nördlich vom Karl-Marx-Nischel, wo sich am frühen Montagabend die Rechtsextremen sammeln, sitzt Mohammed L. in seiner Wohnung. Er wohnt schon seit drei Jahren in Chemnitz. Der 23-Jährige trägt einen dichten, langen Bart, um älter zu wirken. Das kantige Gesicht weist Narben auf, es sind Schussverletzungen.

Er wäre gerne draußen, aber seine Freundin Maria, die in der örtlichen Flüchtlingshilfe arbeitet, erlaubt es ihm nicht. Zu groß ist die Angst. Während draußen der braune Mob tobt, berichtet Mohammed bei Tee und Salat von seinem Leben. Wenn er beschreibt, wie er sich gegen Rassismus wehrt, liegt ein Funkeln in seinen Augen. Als er von seiner Flucht spricht, hält er kein einziges Mal inne. Weil sie sich vor den Reaktionen fürchten, wollen die beiden nicht, dass ihre echten Namen in diesem Text auftauchen. Mohammed rührt im Tee herum, dann beginnt er zu erzählen.

„Eine Frau sagt: ‚Ihr habt hier nix zu suchen‘“

„Kürzlich war ich meinen Führerschein beantragen. Im dritten Stock ist das Ausländeramt, im zweiten die Fahrerlaubnisbehörde. Beim Rausgehen treffe ich eine Frau, die mir sagt: ‚Ihr habt hier nix zu suchen.’ Ich denke, sie meint die andere Etage, und sage: ‚Alles gut, ich hab nur meinen Führerschein beantragt, ich bin hier genau richtig.‘ Sie sagt: ‚Nein, ihr habt in Deutschland nichts zu suchen.‘ Eine ganz normale Frau.

Sie sagte noch, sie würde mit ihren Steuern mein Hartz IV bezahlen. Da habe ich sofort meine Chipkarte von der Arbeit rausgeholt. ‚Siemens‘ steht da in großen Buchstaben drauf. Ich habe gesagt: ‚Keine Sorge, wenn du mal arbeitslos wirst, arbeite ich für dein Hartz IV.‘

Noch nirgends auf der Welt kam ich mir so fremd vor wie in Chemnitz. Meine Flucht ging über Jordanien, die Türkei, Algerien, Libanon, Marokko, Spanien und endete in Frankfurt am Main. Erst in Chemnitz realisierte ich: Ich bin ja Ausländer.

Ich bin weit gereist. Trotzdem hätte ich am Anfang meiner Flucht nie geahnt, dass ich mich je so fremd fühlen könnte. 2011 begann es in Syrien schwierig zu werden. Ich lebte damals in Damaskus und arbeitete auf dem Bau. Gemeinsam mit meinem Vater habe ich ein Haus ausgebaut. Ich hatte ein gutes Leben, ich verdiente gut. Mittlerweile fehlt dem Haus oben links eine Ecke, eine Rakete von Assad. Und mein Vater lebt in Saudi-Arabien.

Eines Tages hörte ich, dass in einer Stadt südwestlich von Damaskus ein paar Jugendliche von der Polizei verhaftet wurden. Sie hatten Graffitis an die Wand gemalt, mit einer klaren Botschaft: gegen den Präsidenten, gegen Assad. In der Haft wurden die Kinder gefoltert, erzählte man uns. Also gingen wir auf die Straße. Wir demonstrierten, um unsere Solidarität zu zeigen. Plötzlich eröffnete die Polizei das Feuer.

Ich hätte nie gedacht, dass die Polizei das tun würde. Sie schossen mit Schrot, viele Kugeln auf einmal. Meinen Freund trafen sie mitten ins Auge, seitdem sieht er auf dem einen nix mehr. Mich trafen sechs Kugeln, rund um mein Auge. Fünf davon zog mir abends meine Schwester bei gutem Licht mit einer Pinzette aus dem Fleisch. Die sechste entdeckte kürzlich mein Zahnarzt auf dem Röntgenbild, er fragte mich: ‚Haben Sie da ein Piercing?‘

Polizei und Militär bekommen von Assad den Befehl, auf das eigene Volk zu schießen. Bekannte von mir aus Damaskus gingen zum Militär und wurden in andere Städte verlegt. Das wird gemacht, damit ihnen nicht zufällig Bekannte vors Gewehr laufen und sie Skrupel bekommen. Ich wollte auf keinen Fall auf Menschen schießen, auch nicht auf fremde. Ich verweigerte. Aber in Syrien geht das nicht so einfach.

Als mich das Militär eines Tages abholen und einziehen wollte, sprang ich in meinen Wagen und raste davon. Hinter mir eröffnete die Militärpolizei das Feuer, zum Glück trafen sie nicht. Und zum Glück befand ich mich in meinem Mitsubishi Evolution, ein ausgemusterter Rennwagen, getunt auf 300 PS und tiefschwarz. Mit ihrem Toyota hatten sie keine Chance, ich kam davon.

Ein anderes Mal fuhr ich in Damaskus mit dem alten Lieferwagen unserer Elektronikfirma auf einen Checkpoint des Militärs zu. Ich wusste, dass die Militärs uns nicht mochten. Sie verdächtigten uns, Bomben zu basteln, dabei produzierten wir nur Ladegeräte. Um ihnen zu entgehen bog ich ab – zu spät, sie hatten das Manöver mitbekommen. Plötzlich sah ich im Rückspiegel einen Militärpanzer auf mich zu rasen. Auf Ketten und viel zu breit für die Straße. Was für eine absurde Situation! Es ging eine Weile. Zum Glück schafft der Panzer nur 90 Kilometer pro Stunde, ich kam ein zweites Mal davon.

Von den Verfolgungsjagden träume ich noch heute. Der Panzer, die Schüsse kommen mir dann immer näher. Diesmal schaffe ich es nicht, denke ich, sie kriegen mich irgendwann. In dem Moment wache ich auf. 2015 fasste ich meinen Entschluss: Ich muss mein Land verlassen.

Meine Fluchtroute war nicht besonders schlimm. Mein Cousin kam auch mit, von Marokko nach Spanien konnten wir sogar einen Flug buchen. Auf der Reise lernten wir ein älteres, schon etwas schwächliches Ehepaar kennen. Sie waren auf dem Weg zu ihrem Sohn in Leipzig. Ihr Gepäck bestand aus elf Koffern. Sie hatten wirklich alles mitgenommen.

Weil wir an unserem Zielort Frankfurt am Main keinen Plan hatten, wohin, halfen wir dem Ehepaar, nach Leipzig zu kommen. Wir konnten uns nur den Bummelzug leisten und mussten bestimmt viermal umsteigen. Ohne uns hätten sie das nie geschafft, mit dem Gepäck. In Leipzig trafen wir ihren Sohn, der uns von dem Camp (Anm. d. Redaktion: Erstaufnahme) in Chemnitz erzählte. Wir sagten: Warum nicht, und fuhren dort hin.

„Mir gefällt Chemnitz, aber ich fühle mich fremd“

Es gibt eine Sache, die an Chemnitz schön ist: Es ist eine kleine Stadt. Das gefällt mir. Andererseits habe ich mich hier zum ersten Mal in meinem Leben fremd gefühlt. Dabei ging es gut los. Im Camp bekam ich ein Feldbett in einem großen Zelt. Wir spielten Karten, Schach, Kicker. Es gab geregelte Mahlzeiten. Und das beste: Es gab etwas zu tun. Ich übernahm gerne den Abwasch oder wischte die Tische ab. Meine erste deutschen Worte waren: Müllsack, Besen, Klebeband, Lappen, Schwamm.

Und ich lernte Maria kennen, eine der Helferinnen. Wir tauschten Nummern. Als ich dann nach Schneeberg verlegt wurde, sagte sie mir: ‚Bald hole ich dich wieder nach Chemnitz.‘

Im Krieg lernt man viel über Menschen. Man wird überrascht, wie sie denken. Man wird enttäuscht. Viele denken wie kleine Kinder. Wenn auf Demonstranten geschossen wird, sagen manche: Hättet ihr mal nicht demonstriert. Plötzlich sind es nicht mehr Assads Raketen, sondern die Demonstranten sind schuld.

Ein bisschen so ist es jetzt in Chemnitz. Die Leute demonstrieren, weil ein Mensch ums Leben gekommen ist. Wahrscheinlich wurde er von Ausländern ermordet. Aber sind deshalb alle Ausländer schuld?

Schneeberg war schrecklich. Eine Kaserne, ein großer Block, sonst nichts. Keine Karten, kein Schach, kein Deutsch lernen, nichts zu tun. Eine Aufbewahrung. Man geht dorthin, um zu warten. Und die Helfer haben uns gehasst. Es waren Malteser, ich würde sagen jeder zweite von denen war ein Neonazi. Nein wirklich, ich weiß das, weil uns manchmal die Kollegen beiseite nahmen und sagten: ‚Der und der Kollege, die haben eine andere Meinung. Damit müssen wir zurechtkommen.‘ Ich akzeptierte das.

Einmal, ich bin im Hof Skateboard gefahren, schubste mich einer der Aufpasser vom Brett, ich flog voll hin. Einfach so. Er hat sich nie bei mir entschuldigt. Auch nicht, als sein Chef ihn dazu aufforderte.

Ein anderes Mal wollte ich beim Essen Nachschlag, es gab Erbsen mit Kartoffelbrei. Die Frau schrie mich an: ‚Nein, nur eine Portion.‘ Als ich wieder wegging, kippte sie das restliche Essen in den Mülleimer.

Da habe ich gemerkt, so kann es in Sachsen auch sein. Ich hatte schon Geschichten gehört, von den brennenden Flüchtlingsheimen. Bis dahin waren das für mich Geschichten. Jetzt wusste ich, dass es real war – der Hass. Um meine Laune aufzubessern besuchte ich Maria regelmäßig in Chemnitz. Um mir den Zug zu sparen, fuhr ich einmal zweieinhalb Stunden mit dem Fahrrad zu ihr. Ich war froh, als ich Mitte Februar wieder aus Schneeberg wegkonnte.

Maria organisierte mir eine Stelle bei der Chemnitzer Flüchtlingshilfe. Später jobbte ich als Maurer oder Fliesenleger. Maria war immer an meiner Seite. Mein altes Leben war zerstört, ein neues hatte angefangen, und sie gab mir dafür Hoffnung. Ich weiß, sie ist 40 und ich bin 23. Aber immer, wenn ich sie sehe, ist es, als würde die Sonne scheinen. Im Juli 2016 bin ich zu ihr gezogen. Ich schöpfte wieder Hoffnung. Aber es kam anders.

„Auf der Arbeit gibt es eine Frau, die mich hasst“

Ich bin gerne Elektriker. Ich bastle gern. Zu Hause habe ich eine Trinkanlage mit Bewegungsmelder für unsere Katzen eingerichtet. Mittlerweile baue ich bei Siemens Schaltschränke, das sind Maschinen für die Autoindustrie, und ich verlege die Kabel. Das gefällt mir, weil es nicht viel anders ist als in Syrien: Es gibt einen Plan, den musst du bauen.

Nachmittags fahre ich mit dem Bus nach Hause. Dann fallen mir wieder die Blicke auf. Sie sind immer da, und ich werde mich nie daran gewöhnen. Manchmal ziehe ich Kopfhörer auf und versinke in meinem Handy. Im Winter ziehe ich meine Kapuze ins Gesicht. Wenn sich dann mal eine Frau neben mich setzt, dauert es nicht lange, und sie realisiert wer ich bin, und setzt sich wieder weg. Andere stellen den Rucksack auf ihren Nachbarplatz, wenn ich den Bus betrete. Manche zeigen mir, während der Bus wegfährt, den Mittelfinger.

Wenn Maria ihre Kinder aus dem Kindergarten abholt, ist alles gut. Wenn ich mitkomme, wird sie plötzlich nicht mehr gegrüßt. Das regt mich auf, wirklich. Es ist schwer, Leute zu grüßen, obwohl man weiß, dass die nicht zurückgrüßen. Immer, wenn ich die Tür zum Kindergarten aufmache, muss ich kurz innehalten und mir einreden: Das hat alles nichts zu bedeuten. Denn ich kann ja nichts dafür.

Auf der Arbeit gibt es eine Frau, die mich hasst. Sie ist heute auch bei der Neonazi-Demo dabei. Sie hasst Ausländer. Manchmal frage ich sie, warum. Dann sagt sie: ‚Weil die nicht arbeiten.‘ Ich sage: ‚Du kennst doch mich, ich arbeite.‘ Sie sagt: ‚Du bist anders.‘ Als ich sie einmal fragte, wie viele Ausländer sie neben mir kennt, fiel ihr niemand ein.

In der Chemnitzer Innenstadt kommen manchmal Menschen zu mir und sagen: ‚ Was hast du hier zu suchen?‘ Ich kenne die nicht. Wenn ich gute Laune habe, lasse ich mich auf die Beleidigungen ein und sage was. Aber das kostet Kraft. Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich mehr Verständnis erwecke, wenn ich einem Mülleimer oder der Wand meine Situation erkläre.

Ich habe schnell gelernt: Mit den Menschen hier gibt es nichts zu verhandeln. Es gibt keine Meinungen zu ändern. Man kann mich hier nicht leiden, so ist das. Aber ich lasse jedem seine Meinung.

„Ich würde nicht zulassen, dass mich jemand anfasst“

Es hat mich noch nie jemand angefasst. Das würde ich auch nicht zulassen. Sie können alles sagen, dass ich blöd bin, dass ich eine Schlampe bin. Ich bin ein friedlicher Mensch. Aber sollte mich mal jemand körperlich angehen, dann werde ich zu Trump. Wenn mich jemand schlägt und ich haue ab, dann lernt der davon ja nichts. Dann fühlt der sich noch stärker und denkt, dass es so funktioniert.

Solche Gedanken musste ich mir bislang nur in Chemnitz machen. Im Sommer waren Maria und ich mit dem Auto im Urlaub. Ich fragte sie: Gibt es auch Städte in Deutschland, in denen nicht nach 18 Uhr alle zu Hause sind? Wir fuhren nach Frankfurt, nach Berlin oder auch nach Husum. Es war jedes Mal anders als in Chemnitz. Man beachtete mich kaum, wie angenehm! Ich musste erst in den Urlaub fahren, um wieder das Gefühl zu haben, nicht fremd zu sein.

Wenn es ginge, würde ich gern noch mal woanders wohnen. Ich meine, wenn sich eine Chance bietet. Auf keinen Fall, weil jemand sagt, dass ich abhauen soll. Dann gehe ich erst recht nicht. Ich bin keiner, der aufgibt. Wenn alle Guten weggehen, wer bleibt dann noch?

Angst habe ich keine. Für Maria waren die letzten Tage schlimmer, als für mich. Sie versucht, hier gute Stimmung zu verbreiten. Die Demo jetzt macht das Gegenteil. Ich wünsche den Menschen, die sich hier über das System und die Regierung beschweren, dass sie mal eine Runde durch die Welt drehen. Sie sollten sehen, dass es ihnen ziemlich gut geht.“


Redaktion und Schlussredaktion Vera Fröhlich. Bildredaktion Martin Gommel (Aufmacher Jüdisches Forum, Youtube).