Klimakrise

Der Mann, der die Klima-Aktivisten von der Kohle überzeugen will

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Alexander Richter lacht, feixt und beißt vom Schokoeis ab. Der Kampf für die Braunkohle sieht entspannter aus, als man dachte.

Eigentlich müsste der Gewerkschafter Richter hier gar nicht sein. Schließlich kamen die Pödelwitzer selbst auf die Idee, ihr Dorf abzureißen und sich umsiedeln zu lassen. Mehr als 103 der 130 Pödelwitzer haben von der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag) bereits neue Häuser an anderen Orten bekommen. 2026 sollen die Bagger anrücken und die 11,4 Millionen Tonnen Kohle fördern, die sich unter ihren alten Gärten und Grundstücken verbirgt, vor denen nun Schilder warnen: „Betreten verboten.“

Und nun? Steht Richter doch hier in der prallen Sonne und verteidigt, was schon längst ausgemacht war. Warum?

Keine hundert Meter vom Eingang des Tagebaus Schleenhain entfernt, vorbei an Richter und seinem weißen Info-Zelt, beginnt das Dorf, das bald verschluckt werden soll. 700 Jahre lang gab es Pödelwitz, jetzt gehören die verlassenen Häuser dem Konzern, der sie wegbaggern will. Schilder kennzeichnen das Privateigentum des Kohlekonzerns, wo sich gerade noch geharkter Rasen und geschnittene Bäume zu dörflicher Idylle vermischten.

Dafür sind jetzt die Aktivisten da. Seit Sonntag campieren auf dem Pödelwitzer Vorplatz einige hundert Klimaschützer. Tausend sollen es am Wochenende noch werden. Aus Berlin, Oldenburg und Dortmund reisen sie in den Ort, südlich von Leipzig, um sich solidarisch mit den letzten 27 widerständigen Dorfbewohnern zu zeigen. Ihr gemeinsames Motto: „Pödelwitz bleibt!“ Ein Dorf, das schon dem Untergang geweiht war, soll doch noch gerettet werden.

Gewerkschafter Richter, 45, graues gemustertes Hemd, gebräunte Haut und Sandalen, blickt in Richtung Camp. Als er und seine Kollegen hörten, dass die Aktivisten kommen, da wussten sie: Wir müssen auch ein Zelt aufstellen. Nicht auf dem „Klimacamp“, aber davor. Zusammen mit einigen Kohlearbeitern sitzt Richter nun zwischen Camp und Tagebau. „Wir wollen zeigen, dass hier Menschen arbeiten, die an ihrem Beruf hängen“, sagt er. Er spricht hier von seiner persönlichen Meinung. „Unsere Arbeiter schaffen mit ihren Händen noch wahre Werte.“

Am Ende kam man im Klimacamp auf mehr Vorteile als Nachteile des Kohleabbaus

Mit Werten meint Richter die Region um die Städte Groitzsch, Zeitz und Borna, südlich von Leipzig. Jeder profitiere hier von der Kohle. Die 2.600 Angestellten, aber auch die Bäcker, Autohändler, Barbetreiber der Gegend. Wo die Kohle ist, geht es den Menschen gut, könnte man meinen. Bei der Bundestagswahl holte die AfD hier mit 23,2 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis im gesamten Leipziger Land. Auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) steht zur Braunkohle. „Natürlich ist ihre Gewinnung Landschaftsverbrauch“, sagte Kretschmer bei einem Besuch vor einigen Wochen, „doch unsere Energieversorgung muss auch gesichert werden.“

Tatsächlich sorgt das Kraftwerk Lippendorf, das die Schleenhainer Kohle verwertet, für 80 Prozent der Wärme und für ein Drittel des Stroms der Leipziger. Kohle ist wichtig für den Strom der Deutschen, zur Zeit eigentlich unersetzlich. Deshalb verschwindet sie, trotz hoher CO2-Werte, auch nicht. Die Emissionen aus Kohleverbrennung sind seit 2000 in Deutschland nur um 6,5 Prozent zurückgegangen. Der Grund ist die Atomkraft, deren Anteil sich im selben Zeitraum halbiert hat. Die vielen erneuerbaren Energien, die in dieser Zeit auf den Markt kamen, stopften zwar das Loch des Atomausstiegs. Die Kohle kann noch keiner ersetzen. Hätte man weiter auf Atomkraft gesetzt, könnte man die Hälfte der Braunkohlekraftwerke schließen. Ein Ort wie Pödelwitz wäre so womöglich gar nicht bedroht.

An grauen, windstillen Tagen ist Leipzig auf den Tagebau angewiesen, glaubt Richter, deshalb muss Pödelwitz weg. Der Strom komme schließlich nicht aus der Steckdose. Was fühlt der Vertreter der sächsischen Arbeiter, wenn sich ihm und der Kohle plötzlich 80 Aktivisten aus ganz Deutschland entgegenstellen? Richter findet es in Ordnung. „Wenn sich junge Menschen politisch engagieren, ist das doch genial“, sagt er.

Der Freiberger Gewerkschafter Alexander Richter ist gekommen, um zu reden.

Vielleicht kommt Richters Verständnis daher, dass er kürzlich selbst noch auf der anderen Seite stand. Als Arbeitnehmervertreter des Freiberger Konzerns Solarworld wollte er mithelfen, sächsische Solartechnologie im großen Stil aus China einzukaufen. Freiberg, die kleine, aber stolze Universitätsstadt im Herzen Sachsens, sollte Deutschlands Solar-Hauptstadt werden, auch mit Richters Hilfe. Doch das Projekt scheiterte. Richter kündigte. Seitdem arbeitet er für die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Der Mann, der früher für alternative Energien eintrat, stellt sich heute auch vor die Braunkohle.

Und so schauen immer mal alte Bekannte an Richters Camp vorbei. Grünen-Politiker, Weggefährten aus alten Zeiten in der Solarindustrie. Auch manche Aktivisten beginnen Gespräche mit ihm – im Plauderton. Richter sucht dann den ernsthaften Dialog. „Wir streiten hier nicht“, sagt er. Am Montag lud man Richter zu einem Workshop auf das Camp ein, über die Vor- und Nachteile von Kohleenergie. Und Richter redete sich in Rage. Der Bergbau sei eine der „letzten großen Traditionen der Ostdeutschen“, erzählte er den Aktivisten. Und, wie viele Millionen Steuergeld der Konzern dem sächsischen Staat jedes Jahr beschere, und wie viel er für Schulen und Kindergärten spende.

Richter fragte die Aktivisten: Fahrt ihr gern zum See, baden? Die vielen Seen, auf die man in Leipzig so stolz sei: alles ehemalige Kohlegruben. Das Melt!-Festival mit seiner einzigartigen Bagger-Kulisse? Der Kulkwitzer See mit seiner Wildwasser-Anlage? Der Cospudener See mit seinem Hafen für Segelboote und den FKK-Stränden? Ohne die Kohle hätte es das alles so nie gegeben. „Kohleabbau hinterlässt nicht Schutt und Asche“, sagt Richter. Dass dafür ein Dorf abgerissen werden müsse, sei natürlich trotzdem „traurig und unvorstellbar“. Aber eben auch unvermeidbar.

Ein Mitarbeiter der Mibrag erklärt einem Aktivisten seine Sicht auf die Braunkohle.

Am Ende standen auf dem Plakat der Klimaaktivisten sogar mehr Vorteile als Nachteile des Kohleabbaus – dank Richter. Da ging er noch in die improvisierte Camp-Bar und bestellte sich ein Radler. Dass Teile der Aktivisten eine Sitzblockade planen, um den Betrieb im Tagebau aufzuhalten? Nicht schlimm, sagt Richter. Dass viele Aktivisten das Kraftwerk sofort dichtmachen, seine Arbeiter am liebsten in die Frührente schicken würden? So ist Demokratie, sagt Richter.

Rechte brechen, um was zu bewegen – so sieht das die Gruppe „Zucker im Tank“

Aber es gibt auch Stimmen im Camp, die Richter Sorgen machen. Die dazu führen, dass sein Vorgesetzter Norman Friske gar nicht erst das Camp besuchen will. Dass die Arbeiter im Tagebau angewiesen wurden, besondere Vorsicht walten zu lassen. Dass das Wachpersonal auf dem Tagebau aufgestockt wurde. Und dass seit einigen Tagen pausenlos Polizei rund um Pödelwitz patrouilliert. Es geht um „Zucker im Tank“, eine Gruppe militanter Umweltaktivisten, der eine Sitzblockade zu wenig sein könnte, und die auf dem Klimacamp ein Info-Zelt bezogen hat.

Auf dem Programm von „Zucker im Tank” stehen Punkte wie „Anarchismus in Theorie & Praxis“ oder „Umgang mit Gewahrsam und Knast“. Militante Aktivisten wie die Gruppe kennt Richter aus der Lausitz, anderthalb Stunden von Pödelwitz entfernt. Dort machten Aktivisten mit Sabotagen auf den Tagebau von sich reden. „Die haben die Schornsteine abgedeckt, da ist unten fast das Kesselhaus in die Luft geflogen“, sagt Richter. „Es hätte Tote geben können – auf beiden Seiten.“

Ob „Zucker im Tank“ versuchen wird, in den Schleenhainer Tagebau einzudringen? „Wir machen uns Sorgen“, sagt Richter. Nicht um die Bagger und das Laufband. Wobei: Darum auch, denn die Kohlearbeiter, sagt Richter, identifizierten sich wie keine andere Berufsgruppe mit ihren Maschinen. Aber zuerst sorge man sich um junge Menschen auf dem gefährlichen Tagebau. Kippt man Zucker in den Tank eines Autos, streikt bald der Motor. Aber man kann auch vom Bagger stürzen.

Der Tagebau „Vereinigtes Schleenhain“ soll 2026 um das angrenzende Dorf Pödelwitz erweitert werden.

Im Tagebau herrsche deshalb ein „mulmiges Gefühl“. Aktivisten hatten in der Lausitz die Autoreifen von Arbeitern auf dem Parkplatz zerstochen. Hier hört für Richter die Demokratie auf. Auch der Kohlekonzern, die Mibrag, nimmt die Situation ernst. In einer Mitteilung hat sie ihre Arbeiter zur besonderen Vorsicht angehalten. Für die Aktivisten hat sie extra ein Warnvideo produziert, das vor Campbeginn veröffentlicht wurde: Zu dramatischer Musik werden die 20 Meter steilen Wände des Tagebaus abgefilmt, die 30.000-Volt-Stromkabel oder das Laufband, das mit sechs Metern pro Sekunde die Kohle ins Kraftwerk Lippendorf befördert. „Wer da reingreift, kann sich ganze Gliedmaßen ausreißen“, sagt Gewerkschafter Alexander Richter.

Am Sonntagabend kamen Vertreter von „Zucker im Tank“ an Richters Stand. Der Gewerkschafter meint: Es kam kein vernünftiger Dialog zustande. „Man muss Rechte brechen, um was zu bewegen“, solche Sätze sollen gefallen sein.

Aus dem Klimacamp heißt es, dass über jede militante Aktion vorher abgestimmt werden soll. Ob die Aktivisten auf den Tagebau eindringen werden und etwa versuchen, das Förderband anzuhalten, könnte sich also per Handzeichen entscheiden. Richter und die Gewerkschafter wollen dann auch hingehen – und dagegen stimmen.


Redaktion: Christian Gesellmann. Schlussredaktion: Rico Grimm. Bildredaktion: Martin Gommel (Aufmacherfoto und alle anderen Fotos: Josa Mania-Schlegel).