Neue Ideen testen

Anleitung für ein Grundeinkommens-Experiment in Deutschland

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Du willst also mehr über Experimente mit dem Grundeinkommen erfahren? Super! Keine andere sozialpolitische Idee ist in den letzten Jahren so schnell mit so viel Macht in die Debatte gestoßen.

Schaue dir nur mal die Suchanfragen bei Google an:

58 Prozent der Deutschen befürworten ganz grundsätzlich die Idee eines Grundeinkommens. Die ganze Schweiz diskutierte vor zwei Jahren darüber, als eine Volksabstimmung über die Einführung des Grundeinkommens auf dem Tisch lag – und scheiterte. Und in den USA hat die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton inzwischen erzählt, dass sie das Grundeinkommen sehr gerne in ihr Wahlprogramm aufgenommen hätte. Mit Andrew Yang will 2020 ein anderer Politiker bei den US-Wahlen antreten, der das Grundeinkommen ins Herz seiner Kampagne gestellt hat.

Vielleicht bist du ja gar nicht überzeugt von der Idee eines Grundeinkommens. Damit stündest du nicht allein: Viele Gewerkschaften und Sozialpolitiker lehnen die Idee ab, weil man besser das jetzige soziale Netz enger knüpfen sollte, als das ganze System umzuwerfen. Konservative Politiker stören sich daran, dass das Grundeinkommen ohne Bedingung ausgezahlt werden soll; sie glauben, dass nur Geld kriegen sollte, wer auch etwas dafür tut. Fordern ist ihnen wichtiger als Fördern. Die Mehrheit der Kritiker hält die ganze Idee für nicht finanzierbar – obwohl das nicht stimmen muss, wie dieser Artikel zeigt.

Wenn du skeptisch bist, macht das gar nichts. Im Gegenteil: Vielleicht bist du deswegen genau die richtige Person, um das erste Grundeinkommens-Experiment in Deutschland anzustoßen. Gerade wer in den vergangenen Jahren nicht schon als überzeugter Befürworter der Idee aufgetreten ist, erreicht heute wahrscheinlicher andere Skeptiker.

Mehrmals schon sollte in Deutschland ein Experiment starten, aber bisher haben sich diese Pläne alle zerschlagen. Zuletzt etwa in Schleswig-Holstein. Bisher ist aus keinem dieser Vorhaben etwas Konkretes geworden.

Alle anderen Experimente, die ich mir für diesen Artikel angeschaut habe, haben eine Sache gemein: Sie sind Versuche mit völlig offenem Ausgang. Am Ende darf auch die Erkenntnis stehen: Klappt nicht – jedenfalls nicht so, wie wir es getestet haben.

Dein Experiment wird, egal wie es ausgeht, wertvoll sein. Es wird wie eine Insel im Meer der Theorie schwimmen und immer wieder Anlaufpunkt für die Gespräche sein, die ganz normale Menschen am Küchentisch über nicht ganz unwichtige Fragen unserer Zeit führen: Wieso arbeiten so viele Menschen in Bullshit Jobs, die nicht sinnstiftend sind? Wie reagieren wir, wenn Roboter und Künstliche Intelligenzen unsere Anwaltskanzleien, OP-Säle und Werkbänke bevölkern werden und schätzungsweise 50 Prozent der heutigen menschlichen Arbeitsplätze gefährden? Sind wir Arbeitstiere oder tätige Menschen? Wie können wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken?

Die 50-Prozent-Zahl, die ich zitiere, stammt aus dieser Studie.

Das sind Fragen für ein ganzes Philosophen-Leben, schon klar. Viele Menschen suchen nach den passenden Verben zu den ganzen dröhnenden Hauptwörtern, die durch unsere Debatten marschieren: Digitalisierung, Automatisierung, Globalisierung. Das Schöne für dich als Experimenteur ist: Diese Debatte kann dir schnurzegal sein. Du leistest deinen Beitrag, so oder so.

Und ganz nebenbei kannst du mit deinem Experiment noch behäbigen Großorganisationen Beine machen. Aber dazu später mehr. Konzentrieren wir uns auf deine Aufgabe. Es gibt jetzt gerade schätzungsweise zwei Dutzend laufende Experimente auf der Erde, die in irgendeiner Form etwas mit dem Grundeinkommen zu tun haben. Ich habe mit den Forschungsdirektoren und Ideengebern von mehreren Experimenten gesprochen, immer mit der Frage im Gepäck: Was hat funktioniert? Was nicht? Hier ist, was ich herausgefunden habe:

1. Feuerrot oder Laborweiß: Welche Farbe hat dein Vorhaben?

In jedem wissenschaftlichen Aufsatz gibt es meistens ein paar Seiten, die zu den wichtigsten des ganzen Textes gehören, aber oft routiniert übersprungen werden, jedenfalls beim ersten Lesen: Das sogenannte Methoden-Kapitel, in dem der Forscher darlegt, wie er vorgehen will. Ich denke, ich muss dir hier nun keine Beispielsätze aus solchen Kapiteln zitieren, um zu zeigen, dass es in diesen Kapiteln sehr schnell sehr kompliziert werden kann und man den Eindruck bekommt, dass auf dem ganzen Planeten nur zehn Menschen wirklich verstehen, was da eigentlich steht.

Aber du kannst dich erstmal beruhigt zurücklehnen. Denn falls du nicht zufällig auch eine auf Statistik spezialisierte Sozialforscherin bist, wirst du dieses Methoden-Kapitel nicht schreiben müssen. Du musst aber darüber entscheiden, ob es so ein Kapitel jemals geben kann. Das ist die wichtigste Entscheidung, die du im Verlauf deines Vorhabens treffen wirst. Sie entscheidet darüber, ob dein Experiment nur dem Namen nach eines ist oder wirklich etwas einigermaßen Belastbares zur Debatte beitragen kann.

Ohne uns in Fragen des Forschungsdesigns zu verlieren: Ein gutes Experiment sollte so aufgebaut sein, dass es gültig, verlässlich und nachvollziehbar ist. Das sind drei Eigenschaften, auf die immer wieder im Verlauf deines Vorhabens geschaut wird. Vielleicht hast du schon von dem Experiment in Finnland gehört oder den Feldversuchen in Kenia. Beide Projekte orientieren sich an genau diesen Werten.

Gültig heißt: Du kannst auch wirklich Aussagen darüber treffen, was du vorgibst zu messen. Verlässlich heißt: Wenn jemand von außen käme und dein Experiment nochmal ganz genau wie du durchführen würde, müsste er zum gleichen Ergebnis kommen wie du. Und nachvollziehbar: Alle Annahmen und Vorgehensweisen sollten transparent sein.

Es gibt auch noch eine andere Möglichkeit, ein anderes Ziel. Du kannst auch festlegen, dass es dir gar nicht so sehr darum geht, der stetig wachsenden Forschungsliteratur noch ein paar Seiten hinzuzufügen, sondern die Sache des Grundeinkommens ganz allgemein zu befördern. Das ist ehrbar, aber doch ein anderer Schnack. Denn dann verlässt du die Position des Beobachters und wirst zum Vorkämpfer. Wie weit du mit diesem Prinzip kommen kannst, zeigt zum Beispiel die deutsche Initiative Mein Grundeinkommen, die Geld bei Unterstützern einsammelt, um dann den Gewinnern einer Lotterie ein Jahr lang jeden Monat 1.000 Euro auszuzahlen. Mehr als 100.000 Menschen haben so laut Aussage des gemeinnützigen Vereins bereits knapp 180 Menschen Geld geben können. Oder du machst es wie Michael Tubbs. Der 28-Jährige ist Bürgermeister der armen kalifornischen Stadt Stockton und will einhundert Familien jeden Monat 500 Dollar geben, finanziert durch Spendengelder. In einem klugen PR-Schachzug hat Bürgermeister Tubbs seine Stadt, die bisher nur mit Schlagwörtern wie Niedergang und Immobilienkrise verbunden wurde, in die nationale Presse gebracht: als „die erste Stadt in den USA, die free cash ausprobieren wird” (New York Times). Hört sich auch ganz gut an, oder?

Ich werde in diesem Text dennoch Variante eins weiterverfolgen; sie ist besser geeignet, Ergebnisse zu bekommen, die uns bei der Frage weiterhelfen, ob das Grundeinkommen eine Lösung sein kann, die dauerhaft auch für die ganze Gesellschaft funktioniert.

2. Die Schulter von Riesen ist ein sehr gemütliches Plätzchen

Das Schöne ist ja auch: Du musst nicht ganz von vorne anfangen. In der Geschichte der Menschheit gab es schon mehrere Experimente mit freiem Geld. Namibia, Kanada, das England der frühen industriellen Revolution. Mein absolutes Lieblingsexperiment ist eines, das seit den 1990er Jahren in den USA stattfindet, auf dem Gebiet der Cherokee-Indianer. Ich liebe es, weil es nie dazu gedacht war, uns irgendetwas über die Wirkungen von Gratis-Geld beizubringen. Die Cherokee hatten vor 20 Jahren auf ihrem Gebiet ein Casino eröffnet, dessen Einnahmen unter den Mitgliedern des Stammes verteilt wurden. 2016 kamen so 12.000 Dollar zusammen. Für Kinder wird das Geld aufbewahrt bis sie 18 Jahre alt sind. Eine Kinderpsychologin, die den Stamm seit fast 30 Jahren begleitet, also lange vor dem Casino damit begann, konnte zeigen, dass nach der Casino-Eröffnung die Kinder weniger oft verhaltensauffällig waren.

Wir können hier nicht jedes einzelne Experiment durchgehen. Aber nimm dir Zeit, die Geschichte etwas zu studieren. Ein guter erster Schritt ist diese Übersicht, hier geht die NGO Give Directly akribisch weiter ins Detail, und lies vielleicht das ein oder andere Buch.

3. Schon einmal eine Bewegung gegründet?

Im Vergleich zu dir sind Atomphysiker maulfaule Asketen. Denn wenn sie ein Experiment machen, müssen sie Maschinen an- und ausschalten. Aber du in deinem Experiment musst dich etwas mehr anstrengen. Denn im Mittelpunkt stehen ja Menschen und Experimente mit Menschen – das ist so eine Sache. Gegen ihren Willen kannst du nichts machen. Allerdings hast du ein mächtiges Argument auf deiner Seite, das so überzeugend ist, dass Atomphysiker, die sich mit widerspenstiger Materie und Gerätschaft herumschlagen müssen, dich darum beneiden. Du musst einfach zu den Menschen gehen und sagen: „Schönen guten Tag, ich möchte Ihnen Geld schenken, einfach so!” Wer könnte da nein sagen?

Das größte Problem wird nicht sein, Teilnehmer für das Experiment zu finden, sondern Mitstreiter, die dabei helfen, es zu organisieren, zu finanzieren und es auszuwerten. Du wirst in Beamtenstuben sitzen und in den Vorzimmern ehrwürdiger Professorinnen und dabei ganz unterschiedliche Argumente brauchen. Dem Staatsdiener sind andere Aspekte wichtiger als den Wissenschaftlern, ihren Kollegen aus der Organisation andere als der Öffentlichkeit. Mach dir eine Liste, wen du brauchst, warum die Person da mitmachen sollte und wen dieser Mensch noch so kennt, der etwas beitragen kann. Am Ende sollte die größtmögliche Koalition stehen, die du dir vorstellen kannst.

Denn dein Experiment könnte scheitern oder im Sande verlaufen, wenn es nicht volle (gesellschafts-)politische Unterstützung genießt. Das zeigt das finnische Beispiel. Anfang des Jahres geisterten Falschmeldungen durch die deutsche Presse, nach denen das Experiment „gescheitert” sei. Das stimmte so nicht. Wahr ist aber: Das Experiment wird nicht verlängert, obwohl diese Möglichkeit immer bestand. Antti Jauhiainen von dem finnischen Think Tank Parecon hat mir erklärt, was dahinter steckt: Die neue konservative Regierung Finnlands hatte das ganze Land überrascht, als sie vor ein paar Jahren das Experiment ankündigte. Bisher galt das Grundeinkommen als grünes oder linkes Thema, so Jauhiainen. Nachdem die Regierung allerdings mit ihren sehr skeptischen Koalitionspartnern gesprochen hatte, wurde aus dem ursprünglichen Plan die heutige Version. Das Experiment läuft jetzt nur zwei Jahre, richtet sich nur an Menschen ohne Arbeit, zahlt nur 560 Euro aus und umfasst nur 2.000 Menschen. „Sie haben das Experiment kaputt gemacht”, sagt Jauhiainen. Heute rede auch niemand in Finnland mehr über den Versuch.

Besser lief es in Schottland. Dort gibt es inzwischen recht konkrete Pläne, ein Grundeinkommen in vier Städten zu testen. Ich habe Jamie Cooke vom Think Tank RSA gefragt, wie es dazu kam. Er ist einer der besten Beobachter der schottischen Grundeinkommens-Szene: Es gelang dort, die Grundeinkommens-Befürworter aus den verschiedenen Parteien zusammenzubringen. Das hatte zwei Gründe: Es ist ein Thema, das die nationalistischen Schotten schon jetzt unabhängig vom Geschehen im Rest Großbritanniens angehen können. Aber wichtiger noch, die Initiative ging von lokalen Politikern verschiedener Parteien aus. In Glasgow etwa taten sich Liberale, Grüne und Sozialdemokraten zusammen, weil sie sich von dem Experiment neue Ideen für ihre Stadt versprachen.

Will einen BGE-Versuch in der Schweiz starten: Rebecca Panian

Rico Grimm

Dein Experiment wird nicht ganz billig werden, wird, wenn du es richtig angehst, ein Jahrzehnt dauern und immer wieder Gesprächsthema werden, sicher auch mal kontrovers. Da hilft es, wenn das Ganze nicht nur an dir hängt. Die Schweizer Filmemacherin Rebecca Panian will selbst einen Versuch durchführen, in einem Dorf ihres Landes und ihr war von Anfang an klar, dass nicht sie das Dorf finden musste, sondern das Dorf sie. Die lokale Verwaltung musste Lust darauf haben: „Ich möchte das mit dem Dorf zusammen entwickeln.” Also startete Panian einen Aufruf: Mit mehreren Dutzend Gemeinden hatte sie Kontakt, dann fand sie ein Dorf: Rheinau, nahe der deutschen Grenze. Im Herbst beginnen die detaillierten Vorbereitungen und schließlich auch ein Crowdfunding, mit dem das Experiment finanziert wird.

Die Lehre daraus? Da draußen gibt es bereits Zehntausende Menschen, die sich für das Thema interessieren, sich damit auskennen und etwas beizutragen haben. Nutze diese Begeisterung! Gute Startmöglichkeiten sind die Online-Gruppen, in denen sich die Interessierten treffen. Etwa auf Facebook, hier und hier.

Falls du Facebook nicht magst, es gibt auch eine Grundeinkommens-Gruppe bei dem Messenger-Dienst Telegram. Die habe ich mitgegründet und lässt mich immer wieder neu über dieses Thema nachdenken.

Hier kannst du Telegram herunterladen.

Last, but not least: das BGE-Archiv, der Blog der Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung, die Aktivisten-Newsletter des Netzwerkes Grundeinkommen und die Facebook-Seite von Daniel Häni sind Orte, an denen sich die Diskussion um das Grundeinkommen in Deutschland immer wieder bündelt.

4. Wirf dir einen Kittel über!

Ich gestehe: Ich habe dich hinters Licht geführt – ein wenig. Als ich am Anfang darüber sprach, dass du eigentlich nur eine Methoden-Entscheidung treffen musst: nämlich die, ob es ein echtes Experiment wird oder nicht, war das etwas vereinfachend. Denn gerade scheint sich ein neuer Goldstandard in der Sozialwissenschaft zu etablieren: die „randomisiert kontrollierte Studie”. Wenn du heute ein Experiment beginnst, das nicht diesem Goldstandard entspricht, könnte es sein, dass deine Ergebnisse am Ende des Experiments nicht so ganz ernstgenommen werden.

Daher: Kittel übergeworfen und ab ins Labor! Es ist nicht schwer zu verstehen, denn du kennst diese Methode schon aus der Medizin: zwei Gruppen, die eine bekommt das Medikament, die andere nicht. Am Ende wird verglichen, ob und wie das Medikament gewirkt hat. Unser Medikament ist das Grundeinkommen, und du wirst es verabreichen. Versuche, die genauso aufgebaut sind, betreibt etwa die NGO Give Directly in Kenia. Deren Forschungsdirektor Joe Huston hat eine gute und eine schlechte Nachricht für dich parat. Die schlechte zuerst: „Es gab eine Million Fehler, die wir gemacht haben.” Die gute: „Wir lernen immer weiter.” Das Experiment laufe mit jeder Stufe besser.

Ein Beispiel, für den Lernprozess von Huston: Am Anfang haben sie das Geld in den kenianischen Dörfer haushaltsweise ausgezahlt, aber schnell festgestellt, dass die Menschen, dass nicht möchten. Sie wollen es individuell bekommen und dann selbst entscheiden, es für die Familie auszugeben.

Für den ersten Überblick über diese Art von Studien empfehle ich diesen Text. Für die wirklich kniffligen Detail-Fragen solltest du allerdings externe Hilfe holen.

5. Bereite dich darauf vor: Dieses Experiment wird auch dich und deine Organisation verändern.

Mit das Überraschendste, was ich erfahren habe, hat mir Marjuka Turunen erzählt. Sie arbeitet für Kela, die finnische Sozialversicherungsagentur und führt das Experiment im Auftrag der Regierung durch. Weil sie nur wenig Zeit hatten, das Experiment umzusetzen, musste der ganze Apparat neu gedacht werden. Früher haben sie bei neuen Sozialprogrammen erst mit den Anwälten geredet, dann das entsprechende Gesetz geschrieben, auf dessen Basis dann die IT-ler die Umsetzung designt haben, ehe die Programmierer die Computer der Verwaltung fit gemacht haben, woraufhin dann endlich die Sachbearbeiter geschult wurden. Dafür war keine Zeit, also setzten sich alle an einen Tisch, berieten sich immer wieder und Marjuka Turunen wurde das, was man in Software-Firmen die Produkt-Managerin nennt. Bei ihr liefen alle Fäden der praktischen Umsetzung zusammen, sie sorgte dafür, dass keiner aneinander vorbeiredet und konnte Entscheidungen, die früher zwei Wochen dauerten, in zwei Stunden treffen. Du solltest dich also fragen: Wer wird Produkt-Manager/in sein?

6. Wie lange kannst du die Luft anhalten? 20 Jahre?

Wenn du mit Menschen redest, die sich schon lange mit dem Grundeinkommen beschäftigten, wirst du einen Satz immer mal wieder hören: „Wer wissen will, ob und wie ein Grundeinkommen die Gesellschaft verändert, der muss es einführen.” Der österreichische Soziologe Georg Vobruba hat das so im Standard formuliert, aber auch der deutsche Philosoph Philip Kovce schlug in der Süddeutschen Zeitung in die gleiche Kerbe. Vobrubas Argument: „Erstens hängen Reaktionen davon ab, ob man ein Grundeinkommen für die nächsten zwei Jahre (Experiment) oder für immer (Einführung) erwarten kann. Wer wird denn ernsthaft daran denken, aus einem Job auszusteigen, wenn er weiß, dass das Grundeinkommen demnächst wieder weg ist? Zweitens wird ein Grundeinkommen sehr unterschiedlich wirken, je nachdem, ob alle ein Grundeinkommen beziehen oder nur die Testgruppe. Keinesfalls lässt sich an einer Testgruppe ablesen, ob ein Grundeinkommen einen grundlegenden kulturellen Wandel anstößt.” Das sind plausible Argumente.

Joe Huston, der Forschungsdirektor von Give Directly, rät allen, die es selbst versuchen wollen: „Testen Sie eine Version des Grundeinkommens, die in der jeweiligen Region auch tatsächlich eingeführt werden könnte. Einige versuchen es ja mit sehr umfassenden Konzepten des Grundeinkommens.” Aber die Kosten dessen seien nicht bewältigbar, so Huston. „Aber kleine Schritte, die sind möglich. Lasst uns diese also auch testen.” Am Ende – in diesem Punkt waren sich wirklich alle Experimenteure einig – wird es nicht das eine Experiment sein, das uns hilft, die Auswirkungen eines Grundeinkommens zu verstehen. Es werden hunderte sein müssen.

7. Rede, aber verkaufe nicht!

Eines der ersten Grundeinkommen der Menschheitsgeschichte wurde am Ende des 18. Jahrhunderts in Speenhamland, England, ausgezahlt. Das Korn war damals in England immer teurer geworden, so teuer, dass viele Menschen hungern mussten, selbst jene die Arbeit hatten. Nachdem immer drakonischere Strafen für die „Faulen” zu nichts führten, begann die lokale Regierung die Einkommen der Menschen zu ergänzen, gerade so weit, dass sie sich genügend Brot für alle in der Familie leisten konnten. Das Experiment war ein voller Erfolg, immer mehr Menschen konnten ihren Lebensunterhalt bestreiten – und dennoch wurde es wieder eingestellt. Sozialwissenschaftler unterschiedlicher Couleur kritisierten das Programm. 1834 ersetzte die Regierung das Programm dann durch die berüchtigten Arbeitshäuser, die der Schriftsteller Charles Dickens so anschaulich in seinen Romanen verarbeitet hatte.

Als die Kritik an dem Programm immer lauter wurde, setzte die englische Regierung eine Forschungskommission ein, die einen 1.300-Seiten-Report erstellte, der vernichtend war. Der niederländische Journalist Rutger Bregman fasst den Report so zusammen: „Die Forscher warfen dem Grundeinkommen vor, für Bevölkerungsexplosion, Lohnkürzungen und vermehrtes unmoralisches Verhalten gesorgt zu haben – im Grunde für den völligen Verfall der englischen Arbeiterklasse.“ Den Report hatten vor allem lokale Kircheneliten verfasst, die auf die Armen ihres Landes herabblickten und zwar einen Berg an Daten gesammelt hatten, diese aber so gut wie gar nicht analysierten. Mit anderen Worten: Das Ergebnis der Kommission stand schon fest, als sie ihre Arbeit aufgenommen hatte.

Was bedeutet das für dein Experiment? Tue, was du tun kannst, dass über das Experiment von Journalisten wie mir korrekt berichtet wird. Am besten ist: Wenn du einen Blog führst und regelmäßig über den Fortgang des Experiments berichtest, darin Fragen der Öffentlichkeit aufgreifst und ja, auch gerne mal Kritiker zu Wort kommen lässt. Du wirst eine eigene Person brauchen, die sich nur um Presseanfragen und Öffentlichkeitsarbeit kümmert.

8. Frage nach dem Geld: Spenden oder Staat?

Es gibt zwei Möglichkeiten, dieses Experiment zu finanzieren. Entweder privat oder aus öffentlichen Geldern. Vielleicht lassen sich beide Mittel auch kombinieren. In den USA finanziert mit YCombinator ein Start-Up-Inkubator einen Feldversuch im kalifornischen Oakland, der Versuch des jungen Bürgermeisters in Stockton wird durch die Stiftung des Facebook-Mitgründers Chris Hughes getragen, und Give Directly – die mit dem Feldversuch in Kenia – hat eine 25-Millionen-Dollar-Spende eines anderen Facebook-Mitgründers gewinnen können. Du merkst schon: In den USA fließt viel privates Tech-Geld in die Versuche; ein Weg, der dir hier in Deutschland nicht ohne Weiteres offen steht. Denn erstens gibt es schlicht nicht so viele experimentierfreudige Tech-Reiche in Deutschland, und zweitens sind die steuerrechtlichen Voraussetzungen in den USA für solche Spenden viel besser.

Aber: Auch in Deutschland haben sich Menschen mit Geld beziehungsweise Menschen, die andere Menschen mit sehr viel Geld kennen, schon grundsätzlich für ein Grundeinkommen ausgesprochen. Telekom-Chef Timotheus Höttges, Siemens-Chef Joe Kaeser und auch der Gründer der Drogeriekette DM, Götz Werner. In einem Buch, das er zusammen mit der Adrienne Goehler geschrieben hat, spricht er sich für einen Feldversuch aus. Wenn du also zufällig die Telefonnummern solcher Leute hast, rufe doch mal an!

In dem Buch erwähnen Goehler und Werner auch, dass die Stuttgarter Breuninger Stiftung einen recht umfangreichen Feldversuch plante, in Baden-Württemberg und Brandenburg. Der hätte 1,5 Millionen Euro gekostet, ist aber letztlich wohl gescheitert. Ich versuche, Genaueres herauszufinden und aktualisiere dann die Anmerkung hier.

Aber ich vermute mal, dass du diese Nummern nicht hast, deswegen bleibt erstmal nur ein anderer Weg: Bürger und Staat. Ich hatte es weiter oben schon geschrieben: Du musst die Öffentlichkeit überzeugen und eine große Koalition aus Unterstützern bilden, damit das Experiment nicht durch politische Fährnisse ins Schlingern gerät – und damit es überhaupt starten kann. Denn realistischerweise muss der Staat in Deutschland beziehungsweise die EU in Europa einen richtigen Grundeinkommens-Versuch zumindest zum Teil finanzieren. Dafür aber braucht es öffentlichen Druck – und ein bisschen Glück. Zum richtigen Zeitpunkt muss im richtigen Ministerium jemand sitzen, der dieser Idee etwas abgewinnen kann. Vermutlich eine der schwierigsten Aufgaben wird es im Rahmen des Experiments sein, diesen Menschen zu finden. Aber je mehr Bürger dich bei der Suche unterstützen, desto einfacher wird es. Das Wichtigste hast du auf jeden Fall schon: eine gute Idee. Jetzt brauchst du nur noch einen guten Plan.

Viel Erfolg!

Und ach: Schreibe mir eine E-Mail, wenn du ein Experiment starten willst. Würde mich natürlich interessieren...!


Hilf mir bei der nächsten Grundeinkommens-Recherche!

Vielen Dank an all die Mitglieder unserer Gruppe zum Grundeinkommen, die diesen Text mit ihren Tipps und Lektürehinweisen bereichert haben.

Redaktion: Josa Mania-Schlegel. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Aufmachergrafik: iStock / Dmitrii_Guzhanin.