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© Unsplash / Pablo Charnas

Protokoll einer Transsexuellen

Das Märchen von der Geschlechtsumwandlung

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Wir leben in einem Land, in dem die Menschen an das Märchen von der Geschlechtsumwandlung glauben. Denn man definiert das Geschlecht einfach über die Genitalien. Ich nenne das: Hebammengeschlecht.

Die Genitalfixierung führt zu wildesten Theorien über vermeintlich psychisch gestörte Menschen. Man nennt sie – Transsexuelle. Ein Mann soll angeblich eine Frau werden wollen. Rennt mit einem Penis zum Arzt und trägt hinterher, nachdem ein Chirurg Hand angelegt hat, eine Vagina in seinem Körper. Und ist nun, nach Meinung des deutschen Durchschnittsbürgers, vom Mann zur Frau geworden.

Welche Wunder doch in Deutschland geschehen. Ich habe Neuigkeiten für alle, die an dieses Märchen glauben:

Geschlechtsumwandlung gibt es nicht.

Ich habe mich niemals wie eine Frau gefühlt! Ich bin eine Frau, die Jahrzehnte für einen Jungen und später einen Mann gehalten wurde. Eine Frau mit transsexueller Vergangenheit. Nichtbetroffene können sich so etwas schwer vorstellen, weil es bei ihnen keinen Widerspruch gibt zwischen dem biologisch-körperlichen und dem geistigen, dem Gehirngeschlecht.

Tatsächlich ist es so: Kein Transmensch wechselt sein Geschlecht, das sieht nur von außen so aus. Ein transsexueller Mensch kann sich seine geschlechtliche Identität genauso wenig aussuchen, wie jeder andere Mensch es kann.

Der von außen sichtbare Geschlechterwechsel geschieht nicht freiwillig. Man kann sich nicht dafür entscheiden. Das Gefühl: „Ich bin eine Frau“ oder „Ich bin ein Mann“ ist angeboren.

Ach ja, wie? Wie genau fühlt denn eine Frau: Ich weiß es nicht. Als Jugendliche oder junge Frau habe ich mich immer gefragt, warum die Welt mich nicht einfach so nimmt, wie ich bin. Wie muss ich denn sein, um diesem TÜV gerecht zu werden? Für mich in meiner Innenansicht war ich doch voll in Ordnung so, wie ich geboren bin. Ich weiß, wer ich bin, und wenn diese heteronormative Welt nur ein bipolares System erlaubt, bin ich eben eine Frau, aber nie, nie, niemals ein Mann.

Ich war seit meiner Geburt im falschen, im Männerkörper gefangen.

Dieser Satz ist wahr.

Ja verdammt, ich hatte eine Selbstverleugnungsphase, wie fast alle Transsexuellen, die nicht den Segen hatten, rechtzeitig, nämlich in der Vorpubertät, behandelt zu werden.

Ja, ja – verdammt. Ich habe es mit der Männerrolle versucht, mit Ehefrau, sogar mit Familie, Kindern, Haus, Hunden und Katzen.

Ich habe versucht, der Welt zu beweisen, dass ich es schaffe, normgerecht zu leben. Ich habe zu der Zeit nicht wahrhaben wollen, dass ich es nicht der Liebe zu einer Frau wegen gemacht habe, sondern um der Normerfüllung willen. Vermutlich war ich deswegen oft fern auf den Weltmeeren unterwegs. Auf den Schiffen war ich allein, hatte Ruhe rundum, keine Reize aus Fernsehen oder Radio ... Die unentwegte Bewegung der Schiffe, ruhig bis heftig, natürlich der Bewegung der See folgend, habe ich als sehr beruhigend empfunden.

Hier ist leider das nächste Haus, gegenüber meinem Fenster, nur 15 Meter entfernt, ich bin in der Enge, die ich nie wollte. Der Ort, in dem ich wohne, ist ein um ein Kurbad gewachsenes Dorf. Bei der letzten Zählung kamen etwa 2.000 Einwohner zusammen. Es gibt neun Altersheime, ich weiß es nicht genau, aber es dürften 1.200 Bewohner in den Altersheimen sein. Ein paar Handwerker, Industrie gibt es nicht. Eine Handvoll Gaststätten hat sich nach dem Kliniksterben der Gesundheitsreform gehalten, ein Drogeriemarkt darf aus unerfindlichen Gründen nicht fehlen. Ach ja, immerhin, ein neuer Edeka-Neukauf-Markt mit einem total guten Café ist im Ort.

Insgesamt ist hier allerdings der Hund verfroren. So ist es kein Wunder, dass ich des Öfteren über das Umziehen in eine Stadt nachdenke. Aber Umziehen ist halt so ... umständlich. In der Tiefe meines Herzens will ich auch irgendwie nicht woanders hin. Denn hier ist es ruhig für mich. Gerade richtig.

Meine Phantasiewelt und die Quergedanken, die mich jeden Tag bewegen, sind für mich das Wunderbarste, was mir bei der Geburt gegeben wurde. Es ist etwas unsäglich Wunderbares, in Musik oder Büchern versinken zu dürfen. Mag sein, dass einige Leute glauben, ich sei eine durchgeknallte, kranke Träumerin, wenn ich so gedankenversunken träume, dabei lächle, lache oder weine. Vielleicht denken sie sogar, ich wäre irgendwie gestört! Aber was soll’s, sie wissen eben nicht, wie schön Traumwelten sein können.

Ich stelle fest, die Zeit heilt keine psychischen Verletzungen.

Verletzungen werden lediglich abgedeckt. Es tut weh, irgendwann erkennen zu müssen, dass man lange Zeit sich selbst verleugnet hat, immer und immer wieder was Falsches gemacht hat. Da ist es auch verständlich, dass meine Frau einmal sagte: „Ich kann mit dir keinen Sex haben, das fühlt sich ja an wie mit einer Frau!“

Ich habe überhaupt nichts verstanden, war total geschockt, ich glaubte doch, in der Männerrolle perfekt zu sein. Irgendwann wäre ich fast im gesellschaftlichen Norm-Einheitsbrei ertrunken, in dem ich schwimmen musste. Ja, es kann sein, dass ich selbst in diesen Hexenteich gegangen bin, weil ich glaubte, mir selbst beweisen zu müssen, dass ich nicht transsexuell bin, damit mich diese Welt endlich annimmt und lieb hat, aber es wollte nicht gelingen. Wie konnte ich die Rückkopplung erhalten, nach der meine weibliche Seele geschrien hat, wenn die Umwelt doch einen Mann sah.

Seit 1982 nehme ich weibliche Hormone. 2003 habe ich dieses Stück Fleisch zwischen meinen Beinen entfernen lassen. Es war zu der Zeit ein kleiner, verkümmerter Fleischansatz, gut, nennen wir es Penis. Ich habe mich nicht verabschiedet von dem Teil, einzig vor der Operation hat es noch einmal eine Dusche gesehen. Sollte ja sauber sein auf dem OP-Tisch.

Die Operation war etwas Wichtiges, und ich merke es jetzt, ein richtiges Ereignis für mich. Denn eins spüre ich ganz sicher erst jetzt – nach der geschlechtsangleichenden Operation: Erst jetzt spüre ich mich richtig selbst. Ich glaube, es ist wohl tatsächlich so, dass die Selbstwahrnehmung des Körpers in meinem Gehirn weiblich verschaltet ist.

Alle Schwierigkeiten, die Transsexuellen gemacht werden, gehen auf die einfache Überzeugung zurück, es gebe nur Mann und Frau. Da Transsexuelle selbst von den Spezialisten diffamiert und beleidigt werden, ist es nicht verwunderlich, dass es viele Transsexuelle gibt, die nach ihrer Operation nichts mehr mit ihrer transsexuellen Vergangenheit zu tun haben wollen. Nichts unterscheidet sie jetzt hoffentlich mehr von einem richtigen Mann oder einer richtigen Frau. Was immer das auch sein mag, ein richtiger Mensch, eine richtige Wurst oder ein richtiges Pferd.

Später wollte ich ganz bestimmt nicht nur noch Dinge tun, die in den Fünfzigerjahren Hausfrauen taten. Auch wenn das jetzt vielleicht voll unweiblich ist: Es macht mir heute noch Spaß, wenn ich Spül-, Wasch- und Trockenmaschinen oder auch meine geliebten vollautomatischen Eismaschinen reparieren darf.

Ihr könnt aufhören, mich zu diskriminieren.

Ich weiß, was ich kann und wer ich bin. Das, was ich mache, mache ich gut. Auch weiß ich mit Sicherheit, dass mein angeblicher Männerberuf mir richtig Spaß macht.

Ich bin eine Frau, ja, und zwar eine dieser Frauen mit transsexueller Vergangenheit. Und, Gott behüte, ich kann sexuell auf Frauen und Männer abfahren. Ist das jetzt womöglich auch nicht weiblich?

Ich hätte gern einen Partner. Ein Mann sollte es sein, einer der mich beschützen kann. Ich bin zwar groß und vermittele nach außen Kampfbereitschaft, bin aber in Wahrheit eine ganz Kleine. Ob ich noch einmal eine Familie gründen würde, weiß ich nicht. Ich bin jetzt seit 14 Jahren allein, es wird schwerer für mich, etwas von meiner gewonnenen Freiheit abzugeben. Aber anders funktioniert eine Beziehung nun mal nicht.


Dieses Protokoll ist ein Kapitel aus dem Buch „Tussikratie“, das Theresa Bäuerlein zusammen mit der Journalistin Friederike Knüpling geschrieben hat. Darin geht es darum, dass Frauen im Beruf immer noch benachteiligt sind. Daran hat auch die Emanzipation nichts geändert. Doch die weibliche Wahl der Waffen ist neu – sie besteht darin, sich entweder als Opfer des Patriarchats oder als heilige Alleskönner, als bessere Menschen gegen den ewigen Gegner Mann durchzusetzen. Das Ergebnis ist „Tussikratie“: die Herrschaft von Frauen, hinter deren Feminismus nichts anderes steht als eine krankhafte Ich-Besessenheit. Sie führt am Ende dazu, dass Männer das unerwünschte Geschlecht sind. Und zunehmend die Orientierung und Stärke verlieren, die jeder Mensch braucht – Frauen und Männer.


Redaktion: Rico Grimm; Schluss- und Bildredaktion: Vera Fröhlich.