Überlastete Krankenhäuser

Warum eine Ärztin ans Aufgeben denkt

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Ich arbeite seit knapp einem Jahr in einem mittelgroßen ländlichen Krankenhaus in öffentlicher Trägerschaft. Im Gegensatz zu einem privaten Klinikträger wie „Asklepios” oder „Helios” bietet dieses Haus deutlich bessere Arbeitsbedingungen, also weniger Patienten pro Arzt, weniger Überstunden, weniger wirtschaftlichen Druck. Viele Aspekte meiner Arbeit bereiten mir Freude: der Umgang mit den Patienten, die in der überwiegenden Mehrheit sehr freundlich und sehr dankbar sind, das Miteinander mit meinen Kollegen, die inhaltliche Arbeit ist spannend und fordernd, ich lerne täglich dazu.

Und doch vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, ob ich den falschen Beruf gewählt habe und wie ich mein Leben lang in diesem System arbeiten soll. Gespräche mit meinen Kollegen – an diesem oder anderen Krankenhäusern – zeigen, dass jeder diese Gedanken hat.

Zu fünft im Dreibettzimmer

Schon in meiner ersten Woche merkte ich, dass mein Krankenhaus chronisch überfüllt ist. Da es sich um ein städtisches Krankenhaus handelt, dürfen wir unsere Aufnahme nicht abmelden (das heißt schließen), wenn es keine freien Betten mehr gibt. Jeder, der eine stationäre Behandlung benötigt, muss ein Bett bekommen. Nur, woher? Schon seit Jahren ist es für uns völlig normal, in unsere Dreibettzimmer noch einen vierten und fünften Patienten „an die Wand“ zu legen. Das bedeutet, diese Menschen haben keine eigene Klingel, sondern müssen ihre Mitpatienten bitten, der Pflege Bescheid zu sagen, wenn sie einen Wunsch haben. Sie haben kein Nachtlicht.

Stationen, die Personal für 15 Patienten haben, werden regelmäßig mit 25 Patienten belegt. Ist man als Arzt oder als Pflegekraft auf der Station tätig, nervt es, dass ständig neue Patienten nachkommen. Im Fünfminutentakt ruft die Notaufnahme oder das Belegungsmanagement an und fragt, wann endlich die nächste Entlassung stattfindet, damit das Bett sofort weiterverwendet werden kann. Ist man in der Notaufnahme tätig, wird man täglich mit 20 bis 50 Neuvorstellungen konfrontiert. Die stauen sich in unserer beengten Aufnahme, denn auf Station haben wir ja keine Betten frei, in die die Neuanmeldungen verlegt werden könnten.

Der Arbeitsstress selbst macht mir nicht so viel aus. Ich mag meine Arbeit – Kennenlernen, Anamnese, Untersuchen, Überlegen was ich tun kann, Erklären, Weiteres in die Wege leiten – ja. Aber ich hasse es, dann für die Patienten, die bleiben müssen, ein Bett aufzutreiben.

Selbst der junge, engagierte Pfleger gibt auf

Ich rufe auf einer unseren Stationen an, wo noch ein Wandplatz frei ist. Am anderen Ende der Leitung antwortet Pfleger Leon. „Nein. Ich habe einen Versorgungsauftrag. Ich kann die Versorgung nicht gewährleisten, wenn der Patient keine Klingel hat. Ich mache mich damit strafbar.“ Das Gespräch bleibt recht freundlich, wir lachen zwischendrin beide über die seltsame Diskussion. Aber dieses „Ich halte hier regelmäßig meinen Kopf für euch hin“, das durchgehend mitschwingt, das gefällt mir überhaupt nicht.

Als ob ich persönlich dafür verantwortlich wäre, dass das Haus so überfüllt ist. Am Ende sagt Leon. „Schick ihn hoch. Ich hab ab morgen Urlaub und demnächst wechsel' ich eh in die Verwaltung, dann wird alles besser.“

Das schockiert mich. Leon ist jung und setzt sich engagiert für seine Patienten ein. Ich dachte immer, er sei Pfleger aus Leidenschaft. Am Ende schicke ich den Herren dennoch nicht auf die Station. Er wäre an der Wand wirklich schlecht aufgehoben. Ich bestelle ihm ein Bett, damit er – wenn er schon die Nacht in unserer zugigen Notaufnahme verbringen muss, wo ständig Leute reinkommen und es morgen keine ärztliche Visite geben wird – wenigstens nicht auf einer unserer Liegen schlafen muss. Leon hat Recht, als vierter Patient an der Wand ist dieser Mann, taubstumm und daher in seiner Kommunikation mit anderen Menschen eingeschränkt, noch schlechter aufgehoben. Ich weiß, viele meiner Kollegen hätten ihn trotzdem dorthin geschickt.

„Was zur Hölle soll ich tun?"

Kurz nach diesem Gespräch stehen auf einmal zwei Rettungssanitäter mit einem neuen Patienten vor uns. Das sollte heute eigentlich nicht passieren. Da zurzeit nicht nur jedes internistische, sondern auch jedes urologische, chirurgische, neurologische und gynäkologische Bett doppelt, und jeder Notaufnahmeplatz einfach belegt ist, hat unser Klinikdirektor heute Mittag das Krankenhaus bei der Leitstelle abgemeldet. Genau das, was wir eigentlich nicht dürfen und was heute auch zum allerersten Mal geschehen ist, seit ich hier als Ärztin arbeite. Und jetzt steht hier dennoch ein Rettungswagen. „Wir sind doch abgemeldet.“ – „Ja, aber die nächstgelegene Kreisstadt auch – irgendwo müssen wir ja hin! Wir sind das einzige freie Rettungsfahrzeug aktuell. Wenn wir jetzt stundenlang in irgendwelche anderen Regionen fahren, dann ist die ganze Zeit die Versorgung von akuten Notfällen nicht gewährleistet.“

Ich erinnere mich an einen Verkehrsunfall in meinem Bekanntenkreis, bei dem die ersten Notfallsanitäter erst nach über einer halben Stunde vor Ort waren. Die junge Fahrerin verstarb vorher. Ich schlucke. Ich seufze. Ich denke auch an Pfleger Leon und sein „Ich halte hier oben meinen Kopf für euch hin, weil ihr unten keine Patienten ablehnt.“ Was, zur Hölle, soll ich tun? Zum Glück gibt es für mein Verhalten jetzt eine ganz klare Regel. Einen Patienten, der einmal die Schwelle unserer Notaufnahme überschritten hat, dürfen wir sowieso nicht wegschicken. Das will ich ja eigentlich auch nicht. Ich bin nicht Ärztin geworden, um kranke Leute wegen Überfüllung wieder nach Hause zu schicken. Es ist gerade eine Liege frei, weil ich den tauben Herren von eben in ein Bett habe legen lassen. Die stellen wir jetzt also an das letzte Stück freie Flurwand, nehmen Blut ab, geben Schmerzmittel. Was man so macht.

Ist das Haus überfüllt, sterben mehr Patienten

Man darf nur nicht darüber nachdenken, wie das alles weitergehen soll, im deutschen Gesundheitssystem. Nicht hinterfragen, wenn bei einem völlig überfüllten Haus mehr Patienten an potenziell heilbaren Dingen sterben, weil diese einfach nicht rechtzeitig bemerkt werden. Nicht zuhören, wenn ehemalige Kommilitonen von den noch viel schlimmeren Zuständen in privaten Kliniken berichten. Es als Geschwafel abtun, wenn ältere Kollegen berichten, dass es jedes Jahr mehr Patienten werden. Nicht die Zeitung lesen, in der vom jährlich fortschreitenden, demografischen Wandel berichtet wird. Weghören, wenn von unzähligen unbesetzten Arzt- und Pflegerstellen berichtet wird, den Gedanken an nette, hilfsbedürftige Patienten verdrängen – und sich dann einen neuen Job suchen.

Dann mische ich mich einfach unter die Mehrzahl der gesunden Deutschen unter 65, die vielleicht ein- oder zweimal im Krankenhaus waren, dann irgendeine Horrorgeschichte „von völlig inkompetentem Personal im Krankenhaus XY“ zu berichten haben und jedem empfehlen „auf keinen Fall zu XY zu gehen“. Einfach nicht wissen, dass das in jedem Krankenhaus so ist. Dann denke ich einfach auch nicht mehr an Herrn A., der mir morgens unter Tränen berichtet, dass er nachts schreckliche Schmerzen hatte, weil der Blasenkatheter verstopft war. Niemand habe ihn gehört, niemand habe ihm geholfen. Ich vermute, auch Herr A. hat die ersten 75 Jahre seines Lebens nicht an das Gesundheitssystem gedacht. Jetzt ist er alt, schwach und krank, kann nicht alleine aufstehen. Liegt im Bett und muss das System ertragen, ist ihm hilflos ausgeliefert. Das ist ein System, bei dem ich mich täglich frage, ob ich ernsthaft ein Teil davon bleiben möchte.

(Name geändert)


Dieser Text ist Teil der Serie „Was ich wirklich denke“, in der wir Menschen zu Wort kommen lassen, die in interessanten Berufen arbeiten oder in herausfordernden und besonderen Lebenssituation stecken. Trifft das auf dich zu und willst du davon erzählen? Dann melde dich unter: theresa@krautreporter.de

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Textredaktion: Theresa Bäuerlein und Rico Grimm. Produktion: Esther Göbel. Bildredaktion: Martin Gommel (iStock / Pratchaya).