Interview mit Yascha Mounk

„Es steht fünf vor zwölf für die Demokratie in Europa“

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Es war Anfang Juli 2016, und bis zum Äußersten war es noch nicht gekommen. Donald Trump stand zwar kurz vor seiner Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der US-amerikanischen Republikaner, aber noch zweifelten Experten auf der ganzen Welt, ob dieser scheinbar eher simpel gestrickte Immobilien-Milliardär aus New York überhaupt das Zeug habe, gegen die politisch viel erfahrenere Demokratin Hillary Clinton zu bestehen.

Genau in dieser Zeit veröffentlichte der mittlerweile 35-jährige Politologe und Publizist Yascha Mounk zusammen mit Roberto Stefan Foa eine spektakuläre Studie, aus der man damals schon erkennen konnte, dass die Wahlen im Jahr 2016 anders werden würden.

Immer mehr Bürger, so fanden Mounk und Foa heraus, verlieren in den westlichen Demokratien den Glauben an das System. Und ganz besonders dramatisch ist dieser Vertrauensverlust bei den Jüngeren. Von Geburtsjahrzehnt zu Geburtsjahrzehnt sinkt die Unterstützung für die freiheitlich-demokratische Grundordnung. In Amerika hält es mittlerweile nicht mal mehr ein Drittel der in den 1980er-Jahren geborenen Menschen für wichtig, in einer Demokratie zu leben. Für Europa sehen die Zahlen nur unwesentlich besser aus.

Die Demokratie-Müdigkeit betrifft, entgegen bestehender Vorurteile, nicht nur die Armen: Insgesamt 35 Prozent der jungen und reichen Amerikaner fände es beispielsweise gut, unter einer autoritären Militärregierung zu leben. Im Vergleich zu 1990 hat sich dieser Wert beinahe versechsfacht.

Mounk, der in München geboren wurde, hat nun ein neues Buch veröffentlicht, das Anfang Februar bei Droemer erschienen ist. In „Der Zerfall der Demokratie“ beschreibt er, warum der Populismus den Rechtsstaat bedroht – und welche Rolle die Europäische Union bei der Entfremdung vieler Menschen von der Demokratie spielt.


Herr Mounk, Sie schrieben kürzlich in einer ihrer Kolumnen für das amerikanische Online-Magazin „Slate“, dass der Wahlerfolg der AfD ein Wecksignal für die politischen Parteien in Deutschland hätte sein müssen. Stattdessen habe sich das politische Establishment jedoch als „fantasielos, unbeholfen und zögerlich“ erwiesen. Wie schlimm steht es um die Demokratie in Deutschland?

Durch den Einstieg der AfD in den Bundestag hat sich die politische Lage fundamental verändert. Nach einem anfänglichen Schock wird das in der öffentlichen Diskussion derzeit erstaunlicherweise ignoriert. Ich glaube, dass weder Politiker noch Kommentatoren verstanden haben, dass sich dadurch ganz grundsätzlich etwas verschoben hat.

Nehmen wir zum Beispiel die ganze Diskussion darüber, ob die SPD in die Große Koalition einsteigen soll oder nicht: Da fällt unter den Tisch, dass es kaum Alternativen gibt. Es existieren keine ideologisch kohärenten Koalitionen mehr, die stattdessen gebildet werden könnten.

Das macht den Populisten die Sache aus zwei Gründen einfacher. Erstens bewahrheitet sich damit der alte populistische Spruch, dass es mit den alten Parteien ohnehin keinen Fortschritt gäbe. Zweitens wird dadurch wahr, dass man die Regierung nur abwählen kann, indem man für die Radikalen stimmt. Wenn ich mir die Entwicklungen der vergangenen Monate anschaue – das Kneifen der FDP, die peinlichen Personaldebatten in der SPD, die Visionslosigkeit von Angela Merkel – dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass da eine überkommene politische Klasse weiterhin ihr Ding macht, ohne sich ansatzweise darüber im Klaren zu sein, wie brenzlig die Lage ist.

Ist es ein Problem, dass relativ viele deutsche Spitzenpolitiker schon sehr lange in der Bundespolitik aktiv sind? Angela Merkel ist vor 28 Jahren zum ersten Mal Bundesministerin geworden, Horst Seehofer vor 26 Jahren; Sigmar Gabriel wurde vor mehr als 18 Jahren Ministerpräsident von Niedersachsen, auch Andrea Nahles wurde vor 21 Jahren zum ersten Mal in den SPD-Parteivorstand gewählt. Bei den Grünen gibt es Jürgen Trittin, der vor 24 Jahren Landesminister wurde, und Sahra Wagenknecht wurde vor 27 Jahren in den Parteivorstand der PDS gewählt. Die Politik ist voll von Gesichtern aus dem alten Jahrtausend.

Das ist ein zweifaches Problem. Einerseits sind die Menschen dieser Gesichter überdrüssig. Daraus erklärt sich ja die unglaubliche Beliebtheit von Martin Schulz im vergangenen Jahr: Er war binnen Tagen vom Unbekannten zum Parteivorsitzenden aufgestiegen. Niemand wusste so recht, wer dieser Martin Schulz war. Als die Leute ihn dann kennenlernten, sank seine Popularität schnell wieder.

"Politik mit den immer gleichen Personen verspricht keinen Wandel mehr"

Andererseits ist es so, dass Politik mit den immer gleichen Personen keinen Wandel mehr verspricht. Das wird deutlich, wenn wir uns die vergangene Wahl in Amerika anschauen: Da gab es einen Wettbewerb zwischen einer moderat-langweiligen Politik des Status Quo und einer extremistischen Politik des Wandels. Diesen Wettbewerb haben wir mittlerweile auch in Deutschland und in Europa.

Nun sind viele Menschen nicht extremistisch, wollen aber trotzdem Wandel. Was wir ihnen bieten müssen, ist eine moderate Politik des Wandels. Und das gelingt den Spitzenpolitikern derzeit nicht.

Wie müsste dieser Wandel aussehen? Müssen sich die Strukturen der Parteien verändern? Oder geht es um die Inhalte?

Beides. Die Parteien müssten sich sehr stark öffnen, vor allem, wenn man sich die Mittelmäßigkeit des politischen Personals in Deutschland anschaut. Für einen erfolgreichen Wissenschaftler oder Geschäftsmann ist es schwierig, in die Politik einzusteigen. Man wird Bundestagsabgeordneter, indem man 30 Jahre lang Plakate klebt.

Aber es geht auch um die Inhalte. Ein Beispiel: Statt zu versuchen, Miet- und Wohnpreise durch eine Mietpreisbremse zu senken, sollte man doch besser schauen, wie man mehr Wohnraum schaffen kann. Teurer Wohnraum ist eines der drängendsten Probleme, die Menschen in Städten haben. Aber genau hier passiert seit Jahren nichts, was die Lage entspannen könnte.

Es wurde in der Debatte um Populismus immer wieder darüber geredet, dass die Politik endlich die „Probleme der Menschen“ ernst nehmen sollte. Reden wir da in Wahrheit über Probleme wie steigende Mieten?

Es gibt mindestens drei große Gründe für das Aufkommen der Populisten. Der erste hat tatsächlich im weitesten Sinne mit den Mietpreisen zu tun, es geht um die Stagnation der Lebensstandards in Deutschland. Zwischen 1945 und 1970 hatten sich die Verhältnisse binnen einer Generation radikal verbessert. Mit Abstrichen gilt das auch für die Zeit zwischen 1970 und 1995. Wenn ich mir jedoch überlege, wie die Welt aussah, als ich in den 1990er-Jahren Jugendlicher war, und das mit dem heutigen Stand vergleiche, dann ist der Unterschied sehr klein.

Auch die sozialen Medien und ihre Auswirkung auf Massenkommunikation spielen eine Rolle.

Aber natürlich hat das Aufkommen der Populisten auch mit kulturellen Gründen zu tun. Die deutsche Demokratie ist monoethnisch gegründet worden und versucht sich gerade, in eine multiethnische Gesellschaft zu verwandeln. Das kann eine Chance sein. Aber es ist auch eine Herausforderung, weil diese Verwandlung historisch einzigartig ist und noch nie vollzogen wurde. Dieser Kampf ist zu gewinnen, aber wir müssen eben aufrecht und offensiv für einen inklusiven Patriotismus kämpfen.

"Der Nationalismus ist ein halbwildes Biest, das gefährlich wird, wenn wir es mit den Demagogen der AfD alleine lassen."

Eher links denkende Menschen, zu denen ich mich zählen würde, neigen dagegen oft dazu zu sagen, dass der Nationalismus uns in den Abgrund führt. Wir müssen aber lernen, dass es den Nationalismus eben gibt. Er ist so etwas wie ein halbwildes Biest, das gefährlich wird, wenn wir es mit den Demagogen der AfD alleine lassen.

Wie soll dieser inklusive Patriotismus aussehen?

Politiker haben hier zum Teil gute Vorbilder geliefert. Barack Obama ist ein Beispiel, der durch seine Geschichte die Vielfalt Amerikas betont hat, aber gleichzeitig immer dafür geworben hat, dass die Amerikaner mehr gemeinsam haben, als sie trennt. Ein anderes Beispiel ist Emmanuel Macron, der eine sehr schöne Rede im Wahlkampf in Marseille gehalten hat. Während dieser Rede zeigte er ins Publikum und sagte: „Das ist eine Stadt mit 2000 Jahren Einwanderungsgeschichte. Und ich sehe hier Leute, die kommen aus der Elfenbeinküste, aus Italien, aus Marokko und aus Tunesien.” Aber er hat eben nicht nur die Unterschiede betont. Er sagte: „Was sehe ich? Das Volk von Marseille. Was sehe ich? Das französische Volk.“

Kann ein solcher inklusiver Patriotismus auch auf europäischer Ebene funktionieren?

Ein patriotischer Bayer kann ja gleichzeitig auch ein patriotischer Deutscher sein. Darin finden wir keinen Widerspruch. Was spräche also dagegen, wenn ein patriotischer Deutscher auch ein patriotischer Europäer wäre?

Zum Beispiel, dass es bereits seit gut zwei Jahrhunderten so etwas wie eine deutsche Identität gibt. Der Gedanke an eine europäische Identität ist vielen Deutschen immer noch fremd.

Es gibt sehr viele Menschen in Europa, die mehrere Identitäten in sich tragen. Auch das ist eine europäische Realität. Andererseits, und da sollte man auch nicht zu utopisch denken: Die Europäische Union hat in den vergangenen Jahrzehnten sehr gut funktioniert, obwohl sich viele Menschen zuerst als Bürger ihrer Herkunftsländer gesehen haben. Das ist auch in Ordnung, so lange wir sie davon überzeugen, dass die Europäische Union auch etwas für sie tut und dass die EU ihre Stimme im Zeitalter der Globalisierung verstärkt und nicht schwächt. Dann ist es auch okay, wenn diese Menschen sagen, dass sie zuerst Deutsche oder Franzosen sind und nicht Europäer.

Ihr neues Buch heißt „Der Zerfall der Demokratie“, und der Untertitel lautet: „Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht.“ Dabei geht es in ihrem Buch ja längst nicht nur um die Bedrohung der Demokratie durch die Populisten. Sie schreiben über die Gefahr einer „Demokratie ohne Recht“, die aus dem Populismus erwächst, und über die Gefahr von „Recht ohne Demokratie“, die aus der Verlagerung von politischen Entscheidungen aus dem direkten Einflussbereich der Wähler resultiert. Dafür nennen sie die Europäische Union als Beispiel. Reden wir in Deutschland zu viel über den Populismus, wenn es um den Kampf für die Demokratie geht?

Ich denke, die akute Gefahr für die Demokratie ist der Populismus, und das was ich „Demokratie ohne Recht“ oder „illiberale Demokratie“ nenne. In unserer eigenen Nachbarschaft gleiten Staaten, von denen Politikwissenschaftler noch vor einigen Jahren sagten, sie seien „konsolidierte Demokratien“, in die Diktatur ab. In Ungarn ist das praktisch schon der Fall, Polen ist auf dem Weg dorthin. Wir reden über einen Populismus, der sich demokratisch gibt, der auch populär ist, aber langfristig dem Volk die Möglichkeit nimmt, eine Regierung durch freie und faire Wahlen zu bestimmen.

"Es ist verständlich, warum viele Leute sich denken, dass ohnehin niemand auf sie hört. Und dem müssen wir Abhilfe schaffen."

Gleichzeitig müssen wir jedoch verstehen lernen, dass auch diese Entwicklung nur eine Reaktion auf etwas ist: Nämlich auf ein System von Recht ohne Demokratie, in dem die Menschen das Gefühl haben, dass ihre Stimme immer weniger zählt. Manche empfinden das so, weil sie beobachten, dass Geld in der Politik eine immer wichtigere Rolle einnimmt oder dass Politiker das Verhältnis zur Lebenswirklichkeit ihrer Wähler verlieren. Andere haben dieses Gefühl, weil gewählte Parlamente immer weniger zu sagen haben – aufgrund der Rolle von bürokratischen Institutionen, Handelsabkommen, internationaler Organisationen oder Zentralbanken.

Wenn man das alles zusammen nimmt, ist verständlich, warum viele Leute sich denken, dass ohnehin niemand auf sie hört. Und dem müssen wir Abhilfe schaffen.

Besteht also das Problem darin, dass wir es auf europäischer Ebene mit vielen Institutionen zu tun haben, die nicht oder nur indirekt gewählt sind, wie zum Beispiel die Europäische Kommission? Oder entsteht durch die vielen Verträge und Richtlinien eine Art undurchsichtiger Vorhang, hinter dem die Bürger nicht mehr erkennen können, wie Europa wirklich funktioniert?

Das Problem von „Recht ohne Demokratie“ ist international, und längst nicht nur auf die Europäische Union beschränkt.

In den USA gibt es eine andere Form des gleichen Phänomens: Dort hat sich ein sehr spezielles Milieu gebildet, aus dem sich der politische Nachwuchs rekrutiert. Der Durchschnittspolitiker hat einen akademischen Abschluss und ein nennenswertes Vermögen. Darin unterscheidet er sich von vielen seiner Wähler, die eine ganz andere Lebenswirklichkeit haben. So entsteht der Eindruck, dass „die da oben“ ohnehin machen, was sie wollen. Es ist das Gefühl eines Kontrollverlusts.

Und die Briten stellen gerade fest, dass sie durch den Austritt aus der Europäischen Union nur noch mehr Macht an eine politische Klasse übergeben haben, über die sie auch kaum eine Kontrollmöglichkeit besitzen. Das bedeutet, dass das ganze Problem viel tiefere Wurzeln hat als nur Europa oder die Europäische Kommission.

Wir haben also mit einem echten technokratischen Dilemma zu tun. Einerseits brauchen wir viele dieser bürokratischen und internationalen Institutionen: etwa, um gegen den Klimawandel zu kämpfen, um Kraftwerke sicher zu machen, oder um Zugunglücke zu verhindern. Die Antwort der Populisten, den technokratischen Staat einfach abzuschaffen, ist also zu einfach. Und doch geben diese Institutionen vielen Menschen den Eindruck, dass unsere Demokratie nur noch zum Schein existiert, dass die Meinung der Menschen nicht mehr in Politik umgesetzt wird. Eine simple Lösung für dieses Problem gibt es eben auch auf der anderen Seite nicht.

In Deutschland begann der Aufstieg des Rechtspopulismus ja mit der Angst vor dem Zusammenbruch des Euro. Die Sehnsucht nach der Deutschen Mark spielte dabei auch eine Rolle – noch Ende 2014 verkaufte die AfD vergoldete D-Mark-Münzen. Macht es für einen Deutschen oder einen Franzosen wirklich einen Unterschied, ob ein Italiener die Zinsentscheidungen in der Europäischen Zentralbank trifft, statt ein Landsmann?

Es gibt kein technokratisches Kriterium, nach dem man diese Entscheidungen in der Zinspolitik treffen kann. Niedrigere Zinsen mögen der Inflation Vorschub leisten, aber gleichzeitig mehr Arbeitsplätze schaffen. Höhere Zinsen stabilisieren die Inflation, bremsen aber auch die Wirtschaft. Es gibt Vor- und Nachteile bei jeder denkbaren Strategie, und deswegen bleibt es eine politische Entscheidung. Hier geht es um Werte, und nicht um ein Richtig oder Falsch. Auch wenn die Menschen nicht so viel über die Details der Zinspolitik wissen, ahnen sie doch, dass wichtige Teile der Wirtschaftspolitik aus dem öffentlichen Diskurs herausgenommen worden sind. Und das ist letztlich viel entscheidender als die Frage, ob der Technokrat, der diese Entscheidung trifft, einen deutschen, französischen oder italienischen Pass hat.

Wie soll diese demokratische Kontrolle der Finanzpolitik funktionieren? Der bulgarische Politologe Ivan Krastev schreibt in seinem neuen Buch „Europadämmerung“: „Aus heutiger Sicht lässt sich eine politische Union, die den Euro durch eine gemeinsame Fiskalpolitik stützen könnte, unmöglich realisieren, so lange die Mitgliedsstaaten im vollen Maße demokratisch bleiben. Ihre Bürger werden dem schlicht nicht zustimmen.“

Wo ich Krastev zustimme: Die EU befindet sich in einem Zwiespalt. Einerseits sind die meisten Menschen mit der Europäischen Union zufrieden, haben kein Problem mit dem Euro und reisen gerne ohne Grenzkontrollen in den Urlaub.

"Entweder wir lösen den Euro auf, was nur auf chaotische und sehr gefährliche Weise geht, oder wir müssen einen viel größeren Schritt als bisher in Richtung einer politischen Union nehmen."

Im Grunde würde eine große Mehrheit die EU gerne so beibehalten, wie sie ist. Das Problem ist nur, dass das wirtschaftlich sehr schwierig ist, gerade weil wir eine Fiskalunion haben, ohne eine politische Union zu haben. Da wir momentan einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, ist das Problem etwas in den Hintergrund gerückt, aber sobald die nächste Krise kommt, wird das gleiche Problem wieder aufbrechen. Es gibt dafür nur zwei Lösungen. Entweder wir lösen den Euro auf, was nur auf chaotische und sehr gefährliche Weise geht, oder wir müssen einen viel größeren Schritt als bisher in Richtung einer politischen Union nehmen. Das wollen aber viele Bürger nicht.

Aber wie lässt sich dieser Zwiespalt auflösen?

Es gibt keine einfache Lösung. Aber klar ist: Der Grund, auf dem wir stehen, droht langsam zu versinken. Entweder, wir machen einen großen Schritt vorwärts, oder einen großen Schritt zurück. Sowohl das eine als auch das andere bräuchte aber politische Führungsstärke. Die fehlt seit vielen Jahren, vor allem in Deutschland, und sie wird auch in den kommenden vier Jahren fehlen, selbst wenn die Sozialdemokraten der Großen Koalition zustimmen.

Ich bin davon überzeugt, dass die Geschichte in diesem Punkt sehr negativ über Angela Merkel urteilen wird. Es hätte Momente in der Eurokrise gegeben, in denen große Reformen möglich gewesen wären: Weil die Lage dringlich war und Frau Merkel auch die nötige Unterstützung in ihrem eigenen Land gehabt hätte. Darin hat sie versagt. Sie hat die Krise, wie in vielen anderen Fällen, sehr kompetent verwaltet, ohne sie aber zu gestalten. Und jetzt, da sie viel schwächer ist als früher, und da die Lage nicht mehr so dringlich ist, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass diese Reformen noch kommen werden. Wir haben das Problem bis zur nächsten Krise verschoben – die mag in fünf Jahren kommen oder auch erst in 25. Aber dann wird es eventuell zu spät sein, um sie zu lösen.

In vielen europäischen Ländern haben die Rechtspopulisten im vergangenen Jahr Wahlerfolge erzielt. In Frankreich etwa hat Marine Le Pen im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahl mehr als ein Drittel der Stimmen bekommen, in Österreich regiert die FPÖ seit einigen Monaten mit. Wie lange haben die Demokraten denn noch Zeit, das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen?

Ich glaube, die Uhr steht auf fünf vor zwölf für die Demokratie in Europa. In einer Studie, die ich kürzlich veröffentlicht habe, zeige ich, dass sich der Stimmanteil der populistischen Parteien in Europa seit dem Jahr 2000 von acht auf 25 Prozent erhöht hat. Und zwar relativ kontinuierlich, und auch noch im vergangenen Jahr. Das bedeutet: Die Populisten haben zwar noch keine Mehrheit, aber sie sind bereits jetzt systemrelevant und stehen in vielen Ländern kurz davor, eine Mehrheit zu erzielen. Das bedeutet umgekehrt, dass die politische Klasse jetzt eine letzte Chance hat, die Menschen von sich zu überzeugen – und davon, dass eine gemeinsame Zukunft gestaltbar ist. Im Endeffekt lässt sich Populismus nur durch Optimismus bekämpfen.

Wie soll dieser Optimismus aussehen?

Ich habe für eine Reportage vor ein paar Wochen mit einem Trump-Wähler gesprochen. Der meinte zu mir: „Ob ich wirklich geglaubt habe, dass Trump all seine Versprechen einlöst? Natürlich nicht. Aber wenigstens hat er mir etwas versprochen. Hillary Clinton hat mir gesagt, wir machen so weiter wie gehabt - also wusste ich, dass ich von ihr nichts zu erwarten habe.“

Wenn man sich das mal so anschaut: Politiker wie Barack Obama oder Emmanuel Macron haben Wahlen gewonnen, indem sie den Menschen Hoffnung auf eine bessere Zukunft gemacht haben. Das haben sie nicht immer eingelöst. Aber der erste Schritt muss sein, den Menschen Hoffnung zu machen, und der zweite Schritt ist es dann, eine couragierte Politik zu machen, die zumindest den Versuch unternimmt, diese Versprechen einzulösen.

Ist eine solche Politik des Optimismus überhaupt noch in Ländern möglich, wo der Populismus bereits Fuß gefasst hat, wie Polen oder Ungarn?

Die Ausgangslage in solchen Ländern, in denen der Populismus bereits gewonnen hat, ist natürlich eine andere. Das erste Gebot ist es dort, die Populisten so schnell wie möglich abzuwählen. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass die Opposition in solchen Ländern nach vier Jahren noch eine mehr oder weniger faire Chance hat, Wahlen zu gewinnen. Nach acht oder zwölf Jahren, wie man in der Türkei oder in Venezuela sieht, und wie man bald auch in Ungarn sehen können wird, gibt es diese faire Chance zumeist nicht mehr.

Gerade deswegen ist für moderate Politiker, wo sie noch Regierungsverantwortung haben, so wichtig, Politik zu gestalten.

Sie hatten vor zwei Jahren eine Untersuchung veröffentlicht, wonach die Unterstützung für die Demokratie in den USA und in Europa von Geburtsjahrzehnt zu Geburtsjahrzehnt sinkt. Warum empfinden gerade so viele junge Menschen Zweifel gegenüber der Demokratie?

Junge Leute haben weniger Erfahrungen damit, was es heißt, in einem nicht-demokratischen System zu leben. Deswegen haben sie eine schwächere emotionale Bindung an die Demokratie.

"Viele jüngere Menschen sind die Verlierer des ökonomischen Wandels"

Und zweitens sind viele jüngere Menschen auch die Verlierer des ökonomischen Wandels. In Städten wie Berlin wird das deutlich: Da haben ältere Menschen einen günstigen Mietvertrag, sie haben vielleicht sogar Wohneigentum, sehr oft auch noch einen Arbeitsvertrag mit Konditionen, von denen viele Jüngere nur träumen können. Und natürlich fragen sich vor diesem Hintergrund viele junge Menschen, ob sie überhaupt eine Chance haben, auf diesen Lebensstandard zu kommen. In anderen Ländern Europas ist das noch viel krasser. Dort ist es klar, dass die jüngere Generation zu den Verlierern der Geschichte gehört. Das führt natürlich zu Frustration und Ärger.

Wie können wir am Ende den Kampf um die Demokratie gewinnen?

Wir brauchen erstens eine Politik, die sich nicht gegen Globalisierung und Kapitalismus richtet, aber den Menschen davon überzeugt, dass man Globalisierung und Kapitalismus so gestalten kann, dass man noch Kontrolle über das eigene Leben hat und dass die Zukunft besser aussieht als die Gegenwart. Zweitens brauchen wir einen inklusiven Patriotismus, der betont, was wir miteinander teilen, anstatt, was uns von einander trennt – und durch den wir so den Wandel zur multiethnischen Gesellschaft vollziehen können. Und drittens: Eine viel größere Betonung auf die Erziehung hin zum mündigen Bürger. Wir müssen uns unserer eigenen Werte entsinnen sowie diese offensiv weitervermitteln. Und vor allem verteidigen. Das muss nicht wie eine Sonntagsrede klingen, so wie das früher der Fall war. In Zeiten von Donald Trump und Viktor Orban sollten wir eigentlich wissen, was auf dem Spiel steht.


Yascha Mounk, geboren 1982 in München, lehrt politische Theorie und komparative Politik an der Harvard University.

Redaktion: Susan Mücke. Produktion: Rico Grimm. Foto: Steffen Jaenicke