Warum unsere Winterjacken aus Plastik sind, obwohl deutsche Schäfer ihre Wolle wegschmeißen

Warum unsere Winterjacken aus Plastik sind, obwohl deutsche Schäfer ihre Wolle wegschmeißen

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Es ist ein kühler, windiger Tag, als ich aus der Drehtür eines Bekleidungsgeschäfts in einer deutschen Innenstadt trete. Kurz bleibe ich stehen und blicke auf die bauschige Tüte, die an meiner rechten Hand baumelt. Ich zweifele daran, dass ich das Richtige getan habe. Bald wird es Winter in Deutschland, und ich bin eine sehr verwirrte Konsumentin.

Um zu verstehen, was an diesem Herbsttag mit mir los war, muss man wissen, dass ich mir zu Beginn der kalten Jahreszeit eine einfache Frage gestellt hatte: Sollte ich beim Kauf meines nächsten Wintermantels eher auf Wolle oder auf Kunstfasern setzen? Diese Frage ist nicht nur deswegen relevant, weil ich nicht frieren will. Sondern weil synthetische Fasern aus unserer Kleidung gerade dabei sind, in die Nahrungskette einzudringen.

Wir tragen immer mehr Hemden, Pullover und Hosen aus Kunstfasern, vor allem aus Polyester. Zwischen 2000 und 2016 stieg der Polyestereinsatz für Kleider von 8,3 auf 21,3 Millionen Tonnen weltweit, gleichzeitig hat sich die Textilproduktion verdoppelt. Der massenhafte Einsatz von Kunstfasern erzeugt in der Modeindustrie einen ähnlichen Effekt wie der von Mineraldünger (umgangssprachlich bekannter als „Kunstdünger”) in der Landwirtschaft: Beide machen billige Massenproduktion möglich, beide Produkte basieren auf Erdöl (Kunstfasern werden durch eine chemische Umwandlung aus Erdöl gewonnen, beim Mineraldünger bringt Erdöl die Energie zur Synthese von Stickstoffverbindungen). Ohne Polyester wäre Fast Fashion, das Mode-Äquivalent zum Fastfood, nicht möglich.

Fast Fashion ist eine gute Nachricht für alle, die am Wochenende gerne losziehen, um die nächstgelegene H&M- oder Primark-Filiale leerzukaufen. Den anderen Kunden ist sie weitgehend egal. Sie ärgern sich nur, weil ihre Hosen keine sechs Monate mehr halten. Kaum jemand weiß aber, was passiert, wenn man seine frisch erworbene Bluse oder Hose in die Waschmaschine steckt: Bei jedem Waschgang lösen sich aus Kleidern winzige Fasern, die im Abwasser bleiben.

Einer Studie der University of California zufolge produziert eine 100.000-Einwohner-Stadt jeden Tag zwischen 170 und 441 Kilogramm dieser Mikrofasern. Aus der Waschmaschine wandern diese dann in die Kläranlage, die einige herausfiltert – aber längst nicht alle. Ohnehin landet ein Teil des Klärschlamms als Dünger auf Ackerflächen und damit wieder im Wassersystem und in den Mägen von Tieren, weil die fressen, was auf den Äckern wächst. Bis zu 40 Prozent der Fasern, die nicht in Filtern hängen bleiben, fließen in Meere, Flüsse und Seen.

Mikroplastik in Honig, Leitungswasser und Bier

Eine der besten Eigenschaften von Kunstfasern ist auch ihre größte Gefahr: Es dauert sehr lange, bis sie sich zersetzen, laut Bundesumweltamt bis zu 450 Jahre. Man muss nichts von Chemie verstehen, um zu wissen, was das bedeutet.

Der Ökologe Anthony Brown fand heraus, dass ein Großteil des Mikroplastikmülls an den Stränden der Welt aus Kunstfasern von Kleidung besteht. Als die Umweltwissenschaftlerin Sherri Mason von der Staatsuniversität New York Fredonia Fische aus den Großen Seen (Great Lakes) Nordamerikas aufschnitt, fand sie massenhaft Synthetikfäden in deren Verdauungssystemen. Über die Fische landen die Fasern in den Körpern von Tieren weiter oben in der Nahrungskette. Und letztlich in denen von Menschen. Der Chemiker Gerd Liebezeit von der Universität Oldenburg hat Mikroplastik bereits in Honig, Leitungswasser und Bier nachgewiesen. Was das für Folgen haben wird, wissen wir noch nicht. Klar ist, dass die Fäden sich vorerst immer weiter sammeln.

Was das mit meinem Einkauf zu tun hat? Eine ganze Menge. Gerade in der kalten Jahreszeit stapeln sich in den Läden Pullover, Strickjacken und Schals, auf deren Etiketten aber meistens „100 Prozent Acryl” steht oder eine Mischung aus Kunstfasern und einem kleinen Wollanteil. Den Unterschied zwischen einem Kleidungsstück aus Kunstfasern und einem aus Wolle merkt man sogar, ohne aufs Etikett zu schauen: Erstens wärmt ein Acrylpullover deutlich schlechter als einer aus Schafwolle, auch wenn er ihm täuschend ähnlichsieht. Das zweite Indiz ist der Preis. Kleidungsstücke aus Kunstfasern sind meistens deutlich billiger.

Was daran liegt, dass der Rohstoff für die Hersteller weniger teuer ist: Ein Kilo Wolle kostet etwa acht bis zehn Euro, ein Kilo Polyester weniger als zwei Euro. Der Prozess, der hinter einem Garn aus Schafwolle steckt, ist viel aufwendiger als der bei Kunstfasern: Bevor man überhaupt einen Rohstoff hat, muss man Tiere aufziehen, ernähren, pflegen und scheren.

Schafwolle reinigt sich selbst

Dafür ist Schafwolle ein fantastisches Material, keine Chemiefaser reicht an ihre Eigenschaften heran. Sie nimmt Feuchtigkeit auf, ohne sich feucht anzufühlen, und reflektiert die Wärmestrahlung des Körpers – deswegen fühlt man sich warm, wenn man einen Wollpullover trägt. Sie ist schmutzabweisend, schwer entflammbar und knittert kaum. Gerüche nimmt sie kaum an – und wenn, dann reinigt sie sich selbst. Wirklich!

Die selbstreinigende Wirkung von Schafwolle hängt damit zusammen, dass sie aus zwei Faserarten besteht. Der Faserstamm nimmt Feuchtigkeit auf, die Außenhülle ist wasserabweisend. Flüssiger Schmutz dringt also einerseits kaum in die Faser ein, andererseits wird die Feuchtigkeit in einem müffelnden Kleidungsstück, das man an die Luft hängt, ausgetauscht – der Pullover oder die Socken riechen dann wieder neutral oder sogar frisch.

Außerdem ist Schafwolle ein nachwachsender Rohstoff – und biologisch abbaubar. Gleichzeitig, und das ist ein ziemlich seltsames Symptom unseres Systems, werden deutsche Schäfer ihre Wolle nicht los. Sie ist einfach nichts wert. Ihr Erlös reicht noch nicht einmal, um die Schur zu bezahlen. Ein Schaf scheren kostet etwa 12,50 Euro, das ergibt drei bis vier Kilo Rohwolle, die man für zwischen 50 Cent und 1 Euro pro Kilo wieder verkaufen kann. Wenn überhaupt. Wenn der Schäfer Glück hat, nimmt der Scherer die Wolle kostenlos mit. Ansonsten landet sie auf die Müllkippe – oder wird nach China verkauft.

Das ist so absurd, dass es wehtut. Während also Mikrofasern aus unseren Synthetikklamotten die Meere verschmutzen und sich in der Nahrungskette einnisten, landet ein hervorragender alternativer Rohstoff auf dem Müll.

Dabei ist Wolle an sich nicht unbeliebt. Im Gegenteil: Der Absatz von Wolle auf dem Weltmarkt ist in den vergangenen Jahren gleichgeblieben oder sogar leicht gestiegen. Nur deutsche Wolle wollen die Hersteller noch nicht mal geschenkt haben. Fast alle Wolle auf dem Weltmarkt kommt aus Australien und Neuseeland. Und zwar mit gutem Grund.

Erinnert sich noch jemand an das Klischee, dass Wollpullover kratzen? Genau das ist das Problem an der deutschen Schafwolle. Sie ist viel weniger fein als die Wolle der australischen Artgenossen, weil das Futterangebot und das Klima anders sind.

Eine Schafschnur ist kein Haarschnitt

Gerne wäre ich trotzdem zu dem Schluss gekommen, dass ein Mantel aus Schurwolle die beste Wahl ist, selbst, wenn sie vom anderen Ende der Welt stammt. Das hat mit rationalen Gründen wenig zu tun: Ich finde, Schafe sind einfach sympathische Tiere. Damit bin ich nicht allein, man braucht nur an den Erfolg von Schafkrimis oder Filmen wie „Shaun, das Schaf” samt Merchandise zu denken, um zu sehen, dass die Tiere den meisten Menschen emotional deutlich näher sind als Erdöl.

Der Beruf des Schäfers gehört zu den am schlechtesten bezahlten Jobs, die man überhaupt wählen kann – würde man ihren Verdienst auf einen Stundenlohn rechnen, käme man auf etwa drei Euro die Stunde. Sowas macht man nur, wenn man den Job liebt.

Aber auch Schafwolle hat, darauf haben mich Krautreporter-Leser aufmerksam gemacht, ihre dunklen Seiten. Denn die Realität eines australischen Durchschnittsschafs hat wenig mit den flauschigen Knubbelnasentieren zu tun, die sich Menschen hierzulande gern auf Kaffeetassen drucken. Eine Schafschur ist kein Haarschnitt, es kann dabei ziemlich brutal zugehen – ähnlich wie in Schlachthöfen. Wo Menschen in hohem Tempo Tiere bearbeiten müssen, kommt es einfach zu hässlichen Szenen.

Australier schneiden Schafen einen Hautstreifen vom Hintern

Hinzu kommt eine ziemlich scheußliche Praxis namens Mulesing, die in Australien und Neuseeland üblich ist, gerade bei Merino-Schafen, deren Wolle besonders beliebt ist. Dabei werden den Tieren mit einer scharfen Schere Hautstreifen vom Hintern geschnitten, meist ohne Betäubung.

Zwecke des Mulesing: Das Narbengewebe, das sich über den Wunden bildet, ist glatt und faltenfrei, so dass sich dort keine Fliegenmaden einnisten können, die sonst oft Entzündungen verursachen, manche Tiere sterben sogar daran (in Deutschland ist Mulesing verboten).

Wolle schneidet zudem ziemlich schlecht auf Nachhaltigkeitsskalen ab. Ihre Erzeugung bringt viele der gleichen Umweltprobleme mit sich wie die von Fleisch (sie ist auch ein Nebenprodukt der Schaffleisch-Erzeugung). Schafe brauchen sehr viel Land zum Weiden, und wie Kühe stoßen sie beim Verdauen klimaschädliches Methan aus.

Und schließlich gibt es gar nicht genug Schafwolle, um die Menschheit in Strickwaren zu kleiden. Nur ein Bruchteil der Textilfasern, die in der Welt hergestellt werden, sind aus Schafwolle. Das lässt sich nicht unendlich steigern. Es gibt einfach nicht genug Flächen, auf denen Schafe weiden können.

Als informierter Kunde steht man also vor dem Dilemma, ob man lieber ein knapp verfügbares Produkt mit schlechter Klimabilanz kaufen möchte, für das man Schafen ohne Betäubung die Haut vom Hintern schält, oder eines, das aus einem nicht-nachwachsenden Rohstoff hergestellt wird, Mikroplastik in Gewässer schwemmt und die Gedärme von Fischen mit Synthetikfasern durchzieht.

Sechs Tipps für den Kleidungskauf

So kam die Szene zustande, mit der dieser Artikel angefangen hat: In der Einkaufstüte, mit der ich aus dem Laden getreten war, steckte mein neuer Wintermantel. Ein weiches, dickes Teil, auf dessen Etikett stand: 50 Prozent Wolle, 50 Prozent Polyester. Von beiden Problemen die Hälfte: Dies, dachte ich, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Dann wurde mir klar, dass ich die Frage falsch gestellt hatte. Ich war davon ausgegangen, dass eine der beiden Alternativen, Wolle oder Kunstfaser, eindeutig besser sein müsste. Die Realität ist komplexer. Aber kompliziert ist sie deswegen nicht. Hier sechs Grundregeln, die ich aus meiner Recherche abgeleitet habe:

  1. Verabschiede dich davon, dass Naturfasern wie Wolle grundlegend „gut” und Chemiefasern „böse” sind. Eine erste Orientierung gibt eine Umweltskala, die das niederländische Beratungsunternehmen „Made-by” entwickelt hat:

Made-by hat Natur- und Kunstfasern nach sechs vergleichbaren Kriterien analysiert (Energie-, Wasser- und Landnutzung, Giftigkeit für Menschen und Umwelt sowie Treibhausemissionen) und in fünf Umweltklassen von A bis E eingeordnet. Die vollständige Tabelle ist hier. Die Aussagekraft dieser Tabelle hat aber Grenzen, da viele Naturfasern darin gar nicht bewertet sind, weil einfach nicht genug Daten vorliegen – darunter für mehrere Wollarten. Das Unternehmen hat außerdem nicht berücksichtigt, dass sich Naturfasern in der Natur abbauen. Außerdem gehen die meisten Umweltbewertungen davon aus, dass man Kleider nach zwei Jahren entsorgt. Wolltextilien können aber Jahrzehnte halten.

Noch eine Ergänzugn, auf die mich KR-Leser Matthias Tomczak gebracht hat: Die IWTO (International Wool and Textile Organisation), äußert Kritik an der Einordnung von Made-by. Sie gibt zu Bedenken, dass man Wolle nicht losgelöst von den übrigen Produkten der Schafhaltung betrachten kann, man müsse also einbeziehen, dass Schafe nicht nur Wolle produzieren, sondern eben auch Fleisch und dass sie zudem wichtig für die Landschaftspflege sind. Das ist ein gutes Argument: Würde man diese Kriterien in die Bewertung einbeziehen, und außerdem die Tatsache, dass Wolltextilien lange halten und ihre biologische Abbaubarkeit, käme wohl ein anderer Nachhaltigkeits-Wert heraus.

  1. Wenn du die Wahl zwischen recycelten und „normalen” Fasern hast, nimm die recycelte Variante.

  2. Achte bei Wolle auf den „Responsible Wool Standard”, das ist ein freiwilliger Standard, den die Wollindustrie als Antwort auf die Kritik von Tierschützern entwickelt hat. Mehr zu den Kriterien hier

  3. Erinnerst du dich an den Mantel deiner Großmutter, der nach 20 Jahren immer noch aussah wie frisch von der Stange? Kleidung dagegen, die als Wegwerfware produziert wurde, sieht meistens auch so aus. Gib dein Geld lieber für hochwertige Kleider aus. Du kannst dabei nur gewinnen: Erstens sehen sie besser aus, zweitens halten sie länger – und je länger sie halten, desto weniger belastend sind sie für die Umwelt. Die Qualität ist für Laien nicht immer einfach zu erkennen, aber ein Merkmal ist ein hoher Anteil von Naturfasern (Wolle, Seide, hochwertige Baumwolle, Leinen). Ein Anteil Kunstfaser muss nicht schlecht sein, sondern kann im Gegenteil die schlechten Eigenschaften von Naturfasern ausgleichen (diese knittern, leiern aus und verblassen schneller). Wenn man einen Stoff mit den Fingern reibt und sich schnell kleine Fussel bilden, ist das ein Zeichen für schlechte Qualität. Ein hoher Preis allein ist noch kein Qualitätsindikator, aber bei sehr billige Klamotten kann man davon ausgehen, dass sie kürzer halten und schneller abgetragen aussehen.

  4. Wasche deine Kleider selten. Auf den ersten Blick klingt das vielleicht unhygienisch, tatsächlich aber ist Waschen oft überhaupt nicht nötig – wir kennen nur keine andere Methode, um Kleider aufzufrischen. Zwei Möglichkeiten:

  • Auslüften (funktioniert bei Naturfasern besser) oder
  • mit Zitronenwasser besprühen. Das entfernt Gerüche und entzieht Bakterien den Nährboden.
  1. Wähle beim Waschen einen kurzen Waschzyklus und Flüssigwaschmittel. Es gibt auch Beutel, in denen man Synthetik-Kleidung waschen kann, die Fasern auffangen sollen.

Wenn man sich die Zahlen zu Kleiderkäufen der letzten Jahre ansieht, wird klar: Wir schaffen bei Klamotten gerade ein ähnliches Problem wie beim Essen, nämlich eine Industrie, die extrem auf schnelle, billige Produktion setzt, auf Masse, Bedürfnisbefriedigung und Wegschmeißen. Die gute Nachricht ist, dass immer mehr Konsumenten die Kleider in ihren Schränken genau so kritisch sehen, wie das Essen auf ihren Tellern.


Susan Mücke hat beim Erarbeiten des Artikels geholfen; Vera Fröhlich hat gegengelesen; das Aufmacherbild hat Martin Gommel ausgesucht (Unsplash / Andrew Neel).