Die permanente Diskriminierung armer Menschen, verständlich erklärt

Die permanente Diskriminierung armer Menschen, verständlich erklärt

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Der US-Amerikaner Warren Buffett hat bisher 65 Milliarden Euro durch findige Börsengeschäfte verdient. Er sagte einmal: „Es gibt einen Klassenkampf. Aber es ist meine Klasse, die reiche Klasse, die diesen Kampf führt – und wir gewinnen.” Buffett sagte das, weil er eine Ungerechtigkeit entdeckt hatte: Wenn man sein Geld mit Aktien verdient, muss man viel weniger Steuern zahlen, als wenn man es als Lehrer, Krankenschwester oder Müllmann tut. Das ist in den USA genauso wie in Deutschland.

Aber wer kauft denn eher Aktien?

Die, die es sich leisten können.

Absolut. Deswegen ist diese Besteuerung auch doppelt unfair. Arme haben kein Geld, das sie „für sich arbeiten” lassen können. Deswegen haben sie dann auch von den niedrigen Steuern nichts.

In der Tat unfair. Aber warum reden wir hier jetzt darüber?

In unserer Gesellschaft werden viele Menschen immer wieder benachteiligt. Es ist fast so, als gebe es unsichtbare Gesetze, die besagen: Du bist schwarz, du darfst nicht Bundeskanzler werden. Du bist eine Frau, du darfst kein großes Unternehmen führen. Oder eben auch: Du bist arm, du darfst nicht mitreden, wie unsere Gesellschaft sein soll.

Dass Schwarze benachteiligt werden oder Frauen, wird dank der Arbeit vieler engagierter Aktivisten immer mehr Deutschen bewusst, aber dass Menschen auch aufgrund ihrer sozialen Herkunft benachteiligt werden, wissen viele nicht (mehr). Dahinter steckt nicht unbedingt böser Wille. Wir sprechen einfach nicht genug darüber.

Was bedeutet das: soziale Herkunft?

Grob gesagt richtet sich die soziale Herkunft nach zwei Dingen: dem Einkommen und dem Bildungsgrad der Eltern. Wenn die viel Geld verdienen oder einen Uni-Abschluss haben, dann wirkt sich das auch auf ihre Kinder aus. Ein Beispiel sind Sprachreisen: Wenn die Eltern mehr Geld haben, können ihre Kinder ein Schuljahr im Ausland verbringen, zum Beispiel in den USA. Dort können sie viele Freundschaften schließen und Englisch lernen. Kinder von Eltern, die nicht ganz so viel Geld haben, können das eher nicht. Sie sprechen dann auch später nicht so gut Englisch, wodurch es ihnen schwerer fallen kann, an der Universität zurechtzukommen oder beruflich aufzusteigen.

Das ist mir als Beleg etwas zu wenig.

Wir wissen inzwischen ziemlich viel, ziemlich sicher darüber, wie arme Menschen benachteiligt werden:

Der letzte Punkt ist besonders niederträchtig. Frei nach dem Motto, „die Leute bekommen, was ihnen zusteht”, gibt es in Deutschland die weitverbreitete Ansicht, dass arme Menschen selbst schuld daran sind, dass sie arm sind und sich nicht „hochgearbeitet” haben. Dabei zeigen Untersuchungen, dass sich die „Elite” am liebsten aus der „Elite” rekrutiert (und Journalisten am liebsten aus der Mittelschicht).

Es reicht nicht, einfach nur hart zu arbeiten. Auch wenn das gerade die Politiker immer wieder beschwören. Der Komiker Will Rogers hat das mal schön auf den Punkt gebracht: „Wenn es eine Verbindung zwischen Reichtum und harter Arbeit gäbe, dann gäbe es eine Menge sehr reicher Holzfäller.”

Zumal Diskriminierung auch dort zu spüren ist, wo doch der Schlüssel für den „Aufstieg” liegen soll. In der Schule. Was in der Erwachsenenwelt an Vorurteilen herumschwappt, überträgt sich direkt auf die Kinder. Es gibt eine Bildungsdiskriminierung.

Was soll das sein?

Eigentlich sollten ja alle die gleichen Chancen in der Schule haben, praktisch ist das nicht so. Kinder aus ärmeren Verhältnissen gehen nicht so oft aufs Gymnasium.

Na ja, vielleicht haben sie schlechte Noten, und da gehören sie eben auch nicht aufs Gymnasium!

Das ist ja das Schlimme: Selbst wenn diese Kinder Noten haben, die eigentlich ausreichen würden, lassen ihre Eltern sie manchmal nicht aufs Gymnasium, vielleicht, weil sie glauben, „dass das nicht das Richtige ist” oder die Kinder früher selbst Geld verdienen sollen. Gleichzeitig neigen Lehrer bei Kindern aus den unteren Schichten eher dazu, eine Empfehlung für die Realschule oder die Hauptschule abzugeben, auch wenn die Schüler eigentlich aufs Gymnasium könnten. Eltern, die selbst auf dem Gymnasium waren und vielleicht sogar an einer Universität, tun sehr viel dafür, dass ihre Kinder diesen Weg auch gehen, denn sie haben ja selbst erlebt, wie wichtig das Abitur in Deutschland ist.

Die sogenannte soziale Mobilität geht in Deutschland eher zurück, das heißt, dass es immer weniger Menschen schaffen, ihre eigene Schicht zu verlassen. Wenn es Menschen doch gelingt, dann begründen sie das sehr häufig mit ihrer eigenen Leistung. Dass sie vielleicht Vorteile hatten, die andere nicht hatten, geben sie oft nicht zu, vielleicht ist es ihnen auch gar nicht bewusst.

Bekommen diese Menschen aber Kinder, tun sie sehr viel dafür, dass ihre Kinder Erfolg haben können. Sie bezahlen Nachhilfestunden, helfen bei der Auswahl der Universität und sprechen auch mal mit dem Lehrer. Ich will nicht sagen, dass das schlecht ist, überhaupt nicht! Aber wenn Leistung alleine wirklich wichtig wäre, müssten sie ihren Kindern einfach nur beibringen, fleißig zu sein. Der Rest käme ja dann automatisch von alleine. Darauf verlassen wollen sich die Eltern aber lieber nicht. Denn sie wissen: Das stimmt nicht.

Was wir vermeiden wollen – darauf haben wir uns als Gesellschaft jedenfalls mal geeinigt – ist eine zu große Ungleichheit. Wenn also der Vorstand dreihundertmal so viel verdient wie der Arbeiter am Band. Oder für die eh schon Reichen die Steuern noch weiter gesenkt werden.

Wir können uns sicher darüber streiten, ob es in Deutschland so schlimm ist wie in den USA oder in England oder vielleicht auch Russland. Aber dass die angeblich „höheren” Teile der Gesellschaft auf die angeblich „niederen” Schichten herabschauen, erleben wir immer wieder. Nicht nur im Alltag, auch in der Spitzenpolitik.

Im Juli twitterte Peter Tauber, der Generalsekretär der CDU: „Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.” Darin versteckt sich ein weitverbreitetes Vorurteil. Denn Tauber unterstellt hier einfach mal ...

Bevor du weitermachst: Was sind Minijobs?

Das sind Anstellungen, bei denen nicht mehr als 450 Euro gezahlt werden. Um nur von ihnen zu leben, braucht man mehrere Jobs. Darauf wollte Tauber hinaus – und er unterstellt, dass die Menschen selbst schuld seien, wenn sie so viele Minijobs haben. Denn sie hätten sich ja besser bilden können. Dabei haben 80 Prozent der Minijobber einen Schulabschluss und die Hälfte eine Berufsausbildung.

Tauber ist nicht allein. Ich weiß nicht, ob es das besser macht, aber sich über die Armen zu erheben, hat in der deutschen Spitzenpolitik quer durch alle Parteien eine lange Tradition. Das sind die krassesten Beispiele, die ich finden konnte, aber es gibt noch viel viel mehr:

  • Der FDP-Mann Daniel Bahr: „In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder. Es ist falsch, dass in diesem Land nur die sozial Schwachen die Kinder kriegen.”
  • Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering: „Wer arbeitet, muss was zu essen haben, wer nicht arbeitet, braucht nichts essen.“
  • Hier noch einer aus der CDU: „Etwa ein Drittel der Arbeitslosen will gar nicht arbeiten. Sie haben sich damit abgefunden, leben gut, und wer schwarz arbeitet, lebt sogar sehr gut.“
  • 2007 machte Oswald Metzger, damals noch Abgeordneter der Grünen im baden-württembergischen Landtag, mit ähnlichen Aussagen auf sich aufmerksam. Da sagte er nämlich: „Viele Sozialhilfeempfänger sehen ihren Lebenssinn darin, Kohlenhydrate oder Alkohol in sich hineinzustopfen und vor dem Fernseher zu sitzen.“
  • Die Hamburger AfD dagegen will Arbeitslose mit einer sogenannten Bürgerarbeit zur Arbeit unter Mindestlohn verpflichten: „Bürgerarbeit soll ca. 30 Wochenstunden umfassen und mit ca. 1.000 EUR monatlich sozialversicherungspflichtig entlohnt werden“, heißt es im Wahlprogramm.

Was ich nicht verstehe: Man sieht einem Menschen nicht an, ob er arm ist oder nicht. Wieso sollten die dann überhaupt benachteiligt werden können.

Mmh, vielleicht sieht man es ihm nicht an – aber man kann es doch spüren, in wenigen Minuten, in welchem Umfeld jemand aufgewachsen ist und lebt. Das jedenfalls behauptet der französischen Soziologe Pierre Bourdieu. Hier ist nicht der Platz, um seine (sehr interessanten Gedanken) ausführlich darzulegen, daher vereinfache ich etwas. Bourdieu hat gesagt: Es gibt noch Klassen, aber sie sehen nicht mehr so aus wie im 19. Jahrhundert, als es immer nur darum ging, ob jemand Unternehmer ist oder Arbeiter. Heute zeichnen sich Klassen nicht nur dadurch aus. Vielmehr spielt auch das kulturelle und soziale Kapital eine Rolle. Es gibt auch noch symbolisches Kapital, aber das lasse ich der Einfachheit halber weg.

Symbolisches Kapital lässt sich weitestgehend mit Prestige gleichsetzen.

Kulturelles Kapital? Soziales Kapital? Ich habe ja mal gehört, dass Leuten, die mit Fremdwörtern um sich schmeißen, meistens nicht sehr viel Wichtiges zu sagen haben.

Mir fällt da ein Wort ein: „Inkompetenzkompensationskompetenz”. Langes Wort, aber meint einfach nur, dass man in der Lage ist, mit den Schwächen eines anderen umzugehen. Wenn wir Leser mit solchen Worten konfrontiert werden, brauchen wir auch viel „Inkompetenzkompensationskompetenz”. Denn scheinbar kann sich da jemand nicht verständlich ausdrücken.

Hehe.

Also, Bourdieu meint das mit dem kulturellen und sozialen Kapital wortwörtlich. Wir häufen in diesen Feldern Vermögen an, das wir einsetzen können, um unsere Wünsche zu erfüllen. So kann man nämlich Armut auch definieren: dass jemand nicht Herr seines eigenen Schicksals und seiner Zeit ist und ständig nur für andere schleppen, schuften, schaffen muss. Mit kulturellem Kapital meint Bourdieu Dinge wie Bücher, Gemälde, Schulabschlüsse, aber viel wichtiger noch: die Bildung, die ein Mensch erringen kann. Als soziales Kapital wiederum bezeichnet er die Beziehungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens eingeht und durch Geburt in ein bestimmtes Umfeld schon hat. Neudeutsch nennt man so etwas: das Netzwerk eines Menschen.

Theresa hatte meinen Text gegengelesen und hier noch eine sehr gute und wichtige Beobachtung gemacht: „Ich finde die Definition von kulturellem und sozialem Kapital sehr einleuchtend und wichtig in diesem Kontext. Mir ist persönlich erst durchs Lesen von Bourdieu und durch diese Definition klargeworden, dass ich mit anderem kulturellen und sozialen Kapital (Bildung, Mittelschicht) gestartet bin als viele andere. Allein, dass ich dadurch meinte, auf Dinge selbstverständlich einen Anspruch zu haben, hat sich darauf ausgewirkt, dass ich sie auch bekam. Dass also soziales Kapital wirklich so etwas ist wie eine Form von Reichtum. Und es damit funktioniert wie mit materiellem Reichtum: Kapital zieht noch mehr Kapital an.”

Es gibt einen wunderbaren Witz, der die Macht von sozialem Kapital illustriert.

Erzählst du jetzt hier wirklich einen Witz?

Ja, warum nicht?

Also: „Ich habe zu meinem Sohn gesagt: ‚Du wirst die Frau heiraten, die ich aussuche.’ Der wollte das nicht. Da habe ich ihm gesagt, dass es um die Tochter von Bill Gates geht. Da stimmte er zu. Also rief ich Bill Gates an und sagte: ‚Ich möchte, dass deine Tochter meinen Sohn heiratet.’ Der wollte das nicht. Da habe ich ihm gesagt, dass mein Sohn Chef der Deutschen Bank ist. Da stimmte er zu. Also rief ich beim Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank an und sagte ihm: ‚Ich möchte, dass ihr meinen Sohn zum Chef der Bank macht.’ Der wollte das nicht. Da sagte ich ihm: ‚Aber mein Sohn ist der Schwiegersohn von Bill Gates.’ Da stimmte er zu.“

Woher weiß ich, wo ich stehe?

Ganz genau kann das niemand sagen. Aber ein paar Fragen helfen dabei, sich zu orientieren:

  • Welche Bildung haben deine Eltern?
  • Wie viel Geld hast du?
  • Hast du geerbt?
  • Wohnt ihr zur Miete oder habt ihr ein Haus?
  • Fahrt ihr oft in den Urlaub?
  • Hat deine Familie ein hohes Ansehen?

Aber es gibt einen noch besseren Weg, um zu bestimmen, wo du stehst.

Welchen?

Einen guten Eindruck von der eigenen Position bekommst du erst, wenn du mal mit anderen Leuten über diese Fragen redest.

Wenn man sich die Schichten und Klassen Deutschlands anschaut, gibt es ein interessantes Paradox: Alle wollen zur Mitte der Gesellschaft gehören. Reiche Menschen behaupten, dass sie mit ihrem monatlichen Nettoeinkommen von 4.000 Euro zur Mittelschicht gehören würden und arme Menschen, die vielleicht nach Steuern und Abgaben 13.000 Euro im Jahr verdienen, ebenso.

Und wie viele Menschen gelten in Deutschland als arm?

Gute Frage, schwere Frage. Eines vorweg: In Deutschland gibt es nur wenige Menschen, die so arm sind wie zum Beispiel manche Menschen in dem afrikanischen Land Tschad. Theoretisch müsste niemand in Deutschland hungern. Wenn wir über Armut in Deutschland sprechen, sprechen wir deswegen über sogenannte relative Armut. Das heißt, es wird gemessen, wie arm jemand im Vergleich mit seinen Mitmenschen ist, und da gilt ein Einkommen von 942 Euro nach Steuern und Abgaben für einen Einzelnen als zu wenig. Legt man diesen Maßstab in Deutschland an, sind 13 Millionen Menschen von Armut gefährdet.

So viele? Kann nicht sein!

Tatsächlich gibt es immer wieder Kritik an dieser Definition von Armut. (Beispielhaft hier.) Es gibt natürlich Ausnahmen. Als arm gelten in dieser Statistik auch Studenten, die aber in wenigen Jahren einen gutbezahlten Job haben werden und sich selbst sicher auch nicht als benachteiligt sehen würden. Aber der Rest? Vielleicht würden sie das niemals von sich selbst sagen, aber er ist wohl wirklich arm.

Aber wie viele bleiben da übrig? 10 Millionen Menschen, es gibt doch keine drei Millionen Arbeitslose gerade?

Deutschland verkauft zwar so viele Waren ins Ausland wie fast kein anderes Land auf der Welt und schafft immer mehr Jobs, diese Jobs sind aber nicht immer gut bezahlt. 180.000 Deutsche gehen Vollzeit arbeiten und können nicht davon leben. Knapp eine Millionen Menschen haben seit mehr als einem Jahr keinen Job mehr, und diese Zahl wird kaum kleiner. Und die Zeit, die die deutschen „Langzeitarbeitslosen” ohne festen Beruf verbringen, wird immer länger. Das ist aber nicht das Schlimmste.

Was dann?

Frag dich mal, was das mit einem macht, wenn man sich anstrengt und am Ende nie etwas Richtiges bei rauskommt. Jahrelang. Und du dann den Fernseher anmachst und Politiker auch noch auf dir herumhacken mit Sprüchen wie den Zitaten weiter oben und so tun, als seist du nur faul und wolltest dich auf der Arbeit deiner Mitbürger ausruhen. Es ist schwierig, sich wirklich in so eine Lage hineinzuversetzen, aber nimm den letzten Moment des Scheiterns, nimm den Frust dieses Moments und denke dir, dass er sich nicht verzieht, sondern immer weitergeht und größer wird.

Irgendwann: Aufstand!

Nun, für die Revolution haben sie keine Zeit.

Verstehe ich nicht.

Lass uns noch mal diesem Warren Buffet vom Anfang zuhören: „Die Reichen investieren ihr Geld und die Armen ihre Zeit.” Familien mit mehr Geld haben Putzfrauen, die Armen putzen selbst. Wenn eine Reise ansteht, nehmen die einen schnelle Flugzeuge und ICEs und die anderen Reisebusse. Um einen Einkauf von 50 Euro stemmen zu können, geht ein Mensch mit Mindestlohn mindestens acht Stunden arbeiten, der Durchschnittsverdiener etwas mehr als drei Stunden. Hochgerechnet macht das einen gewaltigen Unterschied. Aber das sind nur die offensichtlichen Dinge. Es gibt etwas, das die Forschung gerade erst entdeckt hat.

Dass arme Menschen weniger Zeit als wohlhabende haben, wirkt sich ganz konkret auf die Politik aus: Sie haben keine Zeit, sich zu engagieren. Die Alleinerziehende Christine Finke redet hier von ihren Erfahrungen damit.

Was denn?

Arme treffen schlechtere Entscheidungen.

Ja, sonst würden sie wohl auch nicht arm bleiben …

Mit einer Unterstellung wie dieser könntest du glatt den Posten von Herrn Tauber einnehmen – wenn der befördert würde.

So hatte ich das gar nicht gemeint.

Aber so kommt es halt an. Von den Armen wird verlangt, sich „hochzuarbeiten”, aber gleichzeitig wird ihnen das Wichtigste genommen, das man dafür braucht: Selbstbewusstsein. Das meine ich im besten Sinne. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, aber auch das Wissen um die eigene Position. Wer in einer schwierigen Situation steckt und sich nun also vornimmt, sich richtig anzustrengen, um es zu etwas zu bringen, muss erstmal das Vorurteil überwinden, dass er sich nie richtig anstrengen würde. Blöder geht's ja eigentlich nicht. Zumal diese Menschen ihre Energie wirklich für andere Dinge brauchen. Denn wie gesagt: Arme Menschen treffen schlechtere Entscheidungen. Und es ist noch nicht mal ihre Schuld. Ein paar spektakuläre Forschungen zeigen das.

Da gab es zum Beispiel Anandi Mani, Sendhil Mullainathan und Kollegen, die sich mit dem Alltag indischer Zuckerrohrbauern beschäftigt haben. Sie haben die Bauern gebeten, bestimmte Aufgaben zu erledigen, und was sie da feststellten, machte erstmal keinen Sinn: Vor der Ernte waren die Bauern viel schlechter in diesen Tests als danach.

Vielleicht waren die Bauern ja vor der Ernte hungrig und konnten sich nicht konzentrieren.

Fast! Sie konnten sich tatsächlich nicht auf die Tests konzentrieren, weil sie sich so viele Sorgen ums Geld machen mussten: Werde ich genügend Helfer für die Ernte finden? Zu welchem Preis kann ich mein Zuckerrohr verkaufen? Wird das Geld aus der Ernte reichen, um meinen Kindern die Schule nächstes Jahr zu zahlen? Wenn es nicht reicht, wie komme ich zu mehr Geld? Vielleicht kann ich mein Fahrrad dann verkaufen? Aber wer könnte es kaufen?

Solche Fragen stellten sie sich den ganzen Tag. Sie hatten keine Energie übrig, sich den Tests zu widmen. Die Forscher suchten nach einem Vergleich, um zu beschreiben, was da mit den armen Menschen passierte. Sie sagten, dass sich die Bauern vor der Ernte verhielten wie jemand, der eine ganze Nacht lang nicht geschlafen hat! Bei den Tests nach der Ernte waren die Bauern übrigens genauso gut wie Menschen mit einem höheren Einkommen.

Diese Forschungen zeigen, dass Armut eine Belastung für den menschlichen Geist ist, die so groß werden kann, dass sie genau das verhindert, was häufig von ihnen gefordert wird. Wer überlegen muss, womit er die kaputte Waschmaschine wieder reparieren kann, kann in dieser Zeit nicht darüber nachdenken, wie er seine finanzielle Situation grundlegend verbessern kann, etwa durch Weiterbildung.

Na ja, aber in Deutschland übernimmt so etwas bei den Armen und Arbeitslosen immer das Amt. Die Reparatur der Waschmaschine und auch die Weiterbildung wird ihnen bezahlt!

Stimmt nicht. Wenn die Waschmaschine kaputtgeht, muss das jeder selbst zahlen. Wenn gleichzeitig vielleicht noch ein Schulausflug für das Kind zu finanzieren ist, wird es bei vielen Menschen schon eng und sie müssen sehen, wie sie über den Monat kommen. 30 Prozent der Deutschen haben keine Rücklagen. Und die Weiterbildung … nun ja. Manche glauben, dass sie vor allem dazu dient, Arbeitslose aus der Statistik verschwinden zu lassen. Denn Leute, die sich „in Weiterbildung” befinden, gelten nicht als arbeitslos.

So kann man sich die Statistik natürlich auch schönrechnen.

In der Tat. Lass uns nochmal in arme Länder außerhalb Europas schauen. In diesen Ländern können wir etwas darüber lernen, was passiert, wenn wir Menschen, die kein Geld haben, einfach Geld in die Hand drücken.

Wie sagte doch der CDU-Politiker Philipp Mißfelder sinngemäß: Das wäre eine schöne Unterstützung für die Alkohol- und Tabakindustrie.

Und genau das ist nicht passiert. In Kenia haben Menschen, die direkt Geld bekommen haben, es genutzt, um ihre Häuser zu verbessern, sich mehr Vieh zu kaufen und regelmäßiger zu essen. Alle, die das Geld einfach so bekommen haben, gaben an, zufriedener zu sein.

Okay, in Kenia …

Ist dir schon einmal aufgefallen, dass viel öfter darüber geredet wird, wofür arme Menschen ihr Geld ausgeben als darüber, wofür es reiche ausgeben? Jeder glaubt zu wissen, was gut für die Armen ist. Wir können aus der Studie in Kenia eine Sache auch für Deutschland lernen: Arme Menschen wissen selbst sehr gut, was ihnen hilft und was sie brauchen, um zufriedener zu sein.

Aber sie bekommen doch schon Hartz IV. Was sollen wir noch tun?

Studien zeigen immer wieder, dass Menschen, die unter Druck stehen, keine guten (finanziellen) Entscheidungen treffen. Unser derzeitiges Sozialsystem ist aber auf Druck aufgebaut. Wer Hartz IV bekommt, muss beweisen, dass er sich bewirbt, selbst wenn diese Bewerbungen aussichtslos sind, weil das Jobprofil nicht stimmt, er muss sich abmelden, wenn er seine Stadt verlässt und muss damit rechnen, dass ihm die Hilfe gekürzt wird, wenn er sich nicht an all diese Auflagen hält, im Zweifelsfall komplett. Gerade wurde ein Fall bekannt, in dem ein Hartz-IV-Empfänger ein Einnahmenbuch führen musste – über die Einnahmen, die er beim Betteln auf der Straße hatte. Es stimmt also nicht, dass in Deutschland niemand auf der Straße stehen muss. Diesen Druck zu verringern, könnte armen Menschen dabei helfen, ein besseres Leben zu führen.

Wir brauchen aber nicht nur auf die Politik zu starren. Wir selbst können anfangen, diesen Druck zu verringern, in dem wir uns nicht (mehr) über Arme und ihre Kultur lustig machen, sondern sie einfach akzeptieren als das was sie ist: eine Art zu leben.

Ein Wort ist in diesem Zusammenhang besonders interessant: „Proll”.

Was ist bitte schlecht an „Proll”?

„Proll” steht kurz für Prolet. Es hat heute einen sehr fiesen Beiklang – aber das war nicht immer so. Als sich die Menschen noch stärker ihrer Klassen bewusst waren, war „Prolet” einfach die umgangssprachliche Kurzform für die Arbeiter, die Proletarier. Es war mal positiv besetzt, und dass es das heute nicht mehr ist, ist besonders schlimm. Denn wenn sich heute jemand entschließen würde, wieder für Menschen zu kämpfen, die keine „hohe” Bildung oder nicht ein „hohes” Einkommen haben wie andere, dann müsste er sich erstmal eine neue Selbstbeschreibung suchen.

Gibt wohl Schlimmeres.

Da widerspreche ich dir. Ohne Selbstbeschreibung kein Ich. Ohne Ich keine Antwort auf die Frage „Wer bist du?”. Ohne diese Frage nicht die Frage „Wer sind wir?”. Und ohne die kann sich keine Gruppe formen. Aber die bräuchten wir, um etwas an der Situation der Armen zu ändern. Sie müssten in der Öffentlichkeit mehr Gehör finden. Ideal wäre, wenn sich wieder Vereine und Gruppen bildeten, die mit den Journalisten, Politikern und anderen Entscheidungsträgern sprechen, um die Diskriminierung der Armen in unserer Gesellschaft zu bekämpfen. Das hat bei anderen Bewegungen auch gut funktioniert: Die Homosexuellen etwa haben ihre eigenen Verbände gebildet und ihre eigenen Hochschulgruppen, und irgendwann, nach einem zugegeben sehr langen Kampf, haben sie dann Fortschritte wie die Ehe für alle erzielt.

Gibt es denn wirklich niemanden, der in Deutschland dafür eintritt?

Na ja, indirekt schon. Zum Beispiel leistet der Paritätische Wohlfahrtsverband wichtige Arbeit. Oder die nationale Armutskonferenz. Auch die Initiative Arbeiterkind.de versucht, soziale Herkunft stärker zu thematisieren. Das Ironische ist ja, dass die älteste noch bestehende Partei Deutschlands, die gute alte Sozialdemokratische Partei (SPD) aus einem Arbeiterverein hervorgegangen ist. Das ist nun fast 170 Jahre her.

Oha. Und sie tritt heute nicht mehr für die Rechte der Arbeiter ein?

Ja, nein, vielleicht. Es ist wirklich schwer zu sagen, unter anderem auch deswegen, weil es diese Partei war, die den Sozialstaat stutzte und damit vielen bedürftigen Menschen das Leben schwermacht. Aber auch – und für diese Entwicklung kann die Partei nichts – weil es heute eben nicht mehr so einfach ist, ganz genau zu sagen, wer Arbeiter ist und wer nicht.

Was könnte Deutschland denn ganz konkret tun?

Erstmal müssen sich mehr Deutsche des Problems überhaupt bewusst werden. Das heißt, es muss mehr darüber gesprochen werden. Wenn unsere Gesellschaft diese Diskriminierung wirklich angehen will, gibt es verschiedene Vorschläge. Einer stammt von dem Soziologen Andreas Kemper. Er wünscht sich, dass die Hochschulen geändert werden. Das könnte zum Beispiel so aussehen: „Je mehr Arbeiterkinder erfolgreich ihr Studium abschließen, desto mehr Geld gibt's. Solange, bis die Hochschulen sozial dimensioniert sind, also die soziale Verteilung an Hochschulen der sozialen Verteilung in der Gesellschaft entspricht."

Hört sich vernünftig an.

Klar, auch wenn es da schon noch ein paar offene Fragen gibt: Denn woher sollen denn die Hochschulen wissen, wer sich da nun bei ihnen bewirbt? Also was seine soziale Herkunft ist? Muss diese Person dann immer auch den Bildungsstand und das Einkommen der Eltern mit angeben?

Ich denke, dass es dafür sicherlich eine Lösung gebe, in den USA gibt es an den Universitäten schon ähnliche Systeme. Aber das ist auch alles noch sehr sehr weit weg und für dich und mich erstmal nicht zu ändern.

Was kann ich denn tun?

Da habe ich etwas Wunderbares gelesen. Es steht in einem Blog, der den grundsympathischen Namen Vorspeisenplatte trägt: „Arbeiterkinder fördert man an der Uni, indem man ihre tatsächlichen Leistungen anerkennt, und zwar nicht ‚unabhängig von Qualität‘, sondern unabhängig von persönlichem Auftreten inklusive Dialekt/Akzent/Aussehen. Man lässt sich ja hoffentlich auch nicht von geschliffenen Manieren, Siegelring, Mama in Staatskanzlei beeinflussen – ODER?”


Wer noch tiefer einsteigen will: Gerade hat die Initiative Schule mit Courage ein Themenheft zum „Klassismus” veröffentlicht. Eine andere Version dieses Textes erschien zuerst darin. Ich danke der Initiative, dass ich den Text hier übernehmen konnte! Hier könnt ihr das Heft bestellen.

Erarbeitet mit Theresa Bäuerlein. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Foto ausgewählt von Martin Gommel (iStock / PeopleImages).