Wirst Du auch ungerecht bezahlt?

Wirst Du auch ungerecht bezahlt?

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Der erste Lohn, den ich in meinem Leben bekam, war ein Hungerlohn, der mich sehr glücklich machte. Ich war zehn Jahre alt, stand auf einem thüringischen Acker, auf den die Sonne knallte, und pflückte Erdbeeren, die ich in längliche Körbchen beförderte. Für jedes Körbchen gab es ein paar Mark. Auf die Stunde gerechnet war mein Gehalt hundsmiserabel, heute würde man sagen: Es war ein Niedriglohn. Aber mir war das damals egal. Denn ich machte meinen Job nicht für die paar Mark, ich machte ihn für den schönsten Lohn, den sich ein vorpubertärer Junge erträumen kann: für das Game-Boy-Spiel “F1 Race”. Mit dem Erdbeergeld wollte ich mir dieses Spiel kaufen.

Erst heute, ein paar Spielkonsolen-Generationen später, weiß ich, dass mein Ernteeinsatz Ausbeutung gleich kam. Ich hatte “hart geschuftet”, so würde es wohl SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nennen, ohne einen angemessenen Lohn dafür zu kassieren. Heute weiß ich auch, dass es Menschen gibt, die mit solchen Knochenjobs nicht nur Game-Boy-Spiele finanzieren müssen, sondern die Ausbildung ihrer Kinder, ihre Wohnung, ihr ganzes Leben. Wie es diesen Menschen geht, scheint zum Top-Thema im Wahlkampfjahr 2017 zu werden.

Deshalb habe ich mir die wichtigsten Fragen genauer angesehen:

Wann ist ein Lohn niedrig?

Der Volksmund weiß es: Wenn das Gehalt zum Sterben zu hoch ist, aber zum Leben zu niedrig. Da braucht es eigentlich gar keine wissenschaftliche Definitionen. Die gibt es aber natürlich trotzdem: Aktuell gilt in Deutschland als Niedriglohn, wenn ein Single weniger als 942 Euro nach Steuern verdient und eine Familie mit zwei Kindern weniger als 1978 Euro nach Steuern.

Was hat das mit mir zu tun?

Dem Niedriglohn kannst Du nicht entkommen, auch nicht, wenn Du selbst genug verdienst. Sobald Du das Haus verlässt, triffst Du auf jemanden, dessen Gehalt zu niedrig ist, um davon richtig leben zu können. Vielleicht arbeitet dieser jemand sogar für Dich. Denn in Deutschland bekommen 10,2 Millionen Menschen Niedriglohn. Das entspricht jedem fünften Beschäftigten - und diese Zahl wird immer größer. Vor acht Jahren arbeiteten in Westdeutschland 16,4 Prozent der Beschäftigten für einen Niedriglohn, heute sind es 19,3 Prozent.

Gleichzeitig wächst die Wirtschaft in Deutschland stark. Die 30 größten deutschen Firmen schütten Rekordsummen an ihre Aktionäre aus.

Welche Branchen sind besonders vom Niedriglohn betroffen?

In allen Branchen sind manche Löhne niedrig, aber in manchen Branchen sind alle Löhne niedrig. Vor allem betroffen sind Betriebe, die nicht viel ins Ausland verkaufen, in denen es keine starke Gewerkschaften gibt, in denen besonders viele Menschen ohne sonderlich gute Bildung oder besonders viele junge Menschen arbeiten. Das trifft vor allem auf Dienstleistungen zu. Taxifahrerinnen, Verkäuferinnen auf Wochenmärkten, Gastwirte, Friseure und Reinigungskräfte verdienen sehr schlecht, genauso wie Erzieherinnen oder Menschen, die in der Altenpflege arbeiten. Aber Niedriglöhne werden auch in Branchen bezahlt, in denen man das zunächst nicht erwarten würde. Viele niedergelassene Anwälte und Architekten zum Beispiel leben von der Hand in den Mund und können nicht für ihre Rente vorsorgen, weil das Geld dafür einfach nicht reicht.

Was heißt das konkret? Wie viel verdient man denn da pro Stunde?

Diese Tabelle gibt dir eine Übersicht für ein paar Berufe:

Wie sieht ein Leben mit Niedriglohn aus?

Ein Leben mit Niedriglohn ist ein Leben in Armut. Mit Freunden ins Kino gehen, die Familie zum Essen ausführen, den Kindern neues Spielzeug kaufen und im Zweifel zu den billigeren Produkten greifen zu müssen, auch wenn diese schneller kaputt gehen und nur so billig sind, weil dafür andere Menschen ausgebeutet werden - das heißt es mit einem Niedriglohn zu leben. Dazu kommt das Stigma: Viele glauben, dass man in Deutschland nicht arm sein muss. Wer es trotzdem ist, dem wird oft signalisiert: Du bist selbst schuld. Du bist nicht gut genug. Arme Menschen schämen sich oft.

Außerdem denken sie zu viel über Geld nach. Sie müssen ständig rechnen, ob es bis zum Monatsende reicht. Die Zeit, die sie mit Geldsorgen zubringen, können sie nicht in andere, bessere Dinge investieren, mit denen sie vielleicht ihre Lage verbessern könnten. Das scheint wie eine Nebensächlichkeit, aber Psychologen der Princeton Universität haben gezeigt, dass arme Menschen schlechtere Entscheidungen treffen, weil sie so viel über Geld nachdenken müssen. Außerdem sterben Arme früher und erkranken eher an psychischen Störungen.

Warum sind die Löhne hier so niedrig?

Zwei Entwicklungen sind entscheidend:

1. Mit der Agenda 2010 hat Deutschland sein Arbeitsrecht neu geschrieben und es Arbeitgebern erleichtert, Verträge abzuschließen, die befristet sind oder Teilzeit oder geringfügig beschäftigt. Das war politisch gewollt und erklärtes Ziel der damaligen Schröder-Regierung, die in Deutschland den kranken Mann Europas sah. Sie empfand das deutsche Arbeitsrecht als zu rigide, um Arbeitslosigkeit dauerhaft zu senken. Dieser Punkt ist enorm wichtig: die Niedriglöhne sind keine Naturgewalt, sondern eine Folge ganz konkreter politischer Entscheidungen.

2. Das neue Arbeitsrecht brachte vor allem Ältere und Frauen in Arbeit, die sich oft nur etwas dazuverdienen wollen, was man daran erkennt, dass die Gesamtzahl der Menschen mit einem Job stetig steigt, obwohl die Deutschen wenige Kinder bekommen.

Hilft der Mindestlohn denn nicht?

Nein. Denn der Mindestlohn ist ein Niedriglohn. Derzeit muss jeder Arbeitnehmer in Deutschland mindestens 8,84 Euro vor Steuern bekommen. Wer in Deutschland für diesen Lohn normal arbeiten geht, gilt als arm. Es gibt die Möglichkeit, sein Gehalt durch Hilfen vom Amt aufstocken zu lassen. Diese Möglichkeit nehmen aber nicht alle Menschen wahr, weil sie den Gang zum Amt als Schande empfinden.

Wenn Niedriglöhne wirklich so verheerend sind, warum dreht die Regierung die Reformen nicht einfach wieder zurück?

Wie gesagt: Diese Reformen sind politisch gewollt. Sie haben ja auch Vorteile: Auf der einen Seite sind zwar viele Jobs entstanden, die schlecht bezahlt werden. Auf der anderen Seite gibt es nun aber flexiblere Modelle, die es Unternehmen erlauben, Angestellte passgenauer zu beschäftigen. Andersherum haben so auch Menschen, die sich nur etwas hinzuverdienen wollen, mehr Möglichkeiten. Ein Problem sind diese Löhne nur dann, wenn sie dauerhaft gezahlt werden oder mit ihnen ein ganzes Leben finanziert werden muss. Das aber ist nicht der Regelfall. Von den 10,2 Millionen Menschen mit Niedriglohn arbeiten 10 Prozent in Vollzeitjobs.

Welche Vorschläge hat denn Martin Schulz, um das Problem anzugehen?

Martin Schulz hat noch nichts Konkretes vorgeschlagen, um die Niedriglöhne einzudämmen.

Er hat andere Vorschläge gemacht, die das Leben von Menschen mit Niedriglohn wenigstens indirekt erleichtern könnten: Erstens: Kostenlose Bildung von der Kita bis zum Studium oder der Meister-Ausbildung. Zweitens würde Schulz gern das Modell der Familienarbeitszeit einführen. Paare, die die Erwerbsarbeit nach der Geburt ihres Kindes gleichmäßiger zwischen Vater und Mutter aufteilen, werden mit Geld belohnt. Davon werden die Frauen profitieren, die bisher öfter in Niedriglohnjobs arbeiten als Männer.

Wenn er denn wirklich wollte, was könnte er denn machen?

Ganz klar: Den Mindestlohn anheben. Dagegen sind die Arbeitgeber und CDD und FDP. Sie befürchten, dass die Unternehmen dann weniger Menschen beschäftigen würden. Ein weiterer wichtiger Hebel ist die Tarifpolitik. Dort, wo es starke Gewerkschaften gibt, gibt es auch höhere Löhne. Aber: Die Regierung hat da nur begrenzt Einfluss. In Deutschland herrscht so genannte Tarifautonomie, was bedeutet, dass sich die Regierung nicht in Lohnverhandlungen einmischen darf. Sie kann die Gewerkschaften nur indirekt steigern.

Was aber kein Kanzler der Welt allein kann: Das Stigma auflösen. Wer wenig verdient, muss nicht selbst schuld daran sein. Das können nur wir gemeinsam tun.

Und du kannst ganz konkret folgendes machen: Gib Trinkgeld! Den Deliveroo-Fahrern, den Kellnern, den Putzkräften. Denn als ich 20 Jahre alt war und mir wieder etwas dazuverdienen wollte, ging ich kellnern. Ich bekam damals ein Gehalt von 5,50 pro Stunde, vor Steuern. Erst die Trinkgelder machten den Job einigermaßen akzeptabel. Sie machten drei Euro pro Stunde aus, also mehr als die Hälfte des eigentlichen Lohnes. Und ich weiß von Bekannten, dass sich das Verhältnis bis heute nicht wirklich geändert hat. Mindestlohn hin oder her.


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Redaktion: Esther Göbel; Produktion: Esther Göbel; Fotoredaktion: Martin Gommel