Das Bargeld und seine  Herausforderer, erklärt von A bis Z

Das Bargeld und seine Herausforderer, erklärt von A bis Z

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Apple Pay

Das bargeldlose Zahlungssystem von ... richtig, Apple. Man kann damit via Nahfeldkommunikation (NFC, im Volksmund „dranhalten“) bezahlen. In den USA wurde der Dienst 2014 eingeführt, in Großbritannien, Kanada und Australien 2015. Dann folgten zahlreiche andere Länder von China über die Schweiz und Frankreich bis zu Spanien. Warum Apple Pay in Deutschland bis heute noch nicht verfügbar ist, war eine Frage, die in meiner → Umfrage unter KR-Lesern sehr oft und mit häufig leicht genervten Unterton gestellt wurde. Nun könnte es allerdings bald so weit sein, denn angeblich soll mit dem nächsten System-Update der iPhones und Apple Watches die Bezahlfunktion auch in Deutschland eingeführt werden, dem Land der hartgesottenen Bargeldfans (→ Cash).

Bitcoin

Kunstwort aus „Bit“ (der kleinsten digitalen Einheit) und „Coin“ (Münze). Die dezentrale digitale Währung wurde 2008 von einem unbekannten Programmierer mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto (→ Ominös) erfunden. Die Währung funktioniert unabhängig von Staaten, Zentralbanken oder anderen Finanzinstitutionen und basiert auf der sogenannten Blockchain-Technologie. Eine Blockchain ist eine dezentrale Datenbank, in der alle Transaktionen von Bitcoins (oder ähnlichen Kryptowährungen, aber auch schützenswerten Transaktionen generell) festgehalten werden. Dabei wird durch eine Art weltweites Rechnungsbuch sichergestellt, dass niemand Bitcoins fälschen, jede Bitcoin nur einer Person gehören und von dieser nur einmal ausgegeben werden kann. Im Video unten ist das noch ausführlicher erklärt. Die maximale Menge an Bitcoins ist auf 21 Millionen begrenzt, derzeit sind ungefähr 16,5 Million im Umlauf. Neue Einheiten werden durch sogenanntes Mining erzeugt: Dabei stellt man Rechenkapazität für die Verwaltung der Blockchain zur Verfügung. Der Wert eines Bitcoin bewegte sich bis 2011 im einstelligen Dollarbereich und entwickelte sich danach sehr wechselhaft, aber tendenziell immer weiter aufwärts. Derzeit liegt er bei über 4.000 US-Dollar pro Bitcoin, der aktuelle Kurs kann hier angerufen werden.

Inzwischen haben sich zahlreiche Alternativen zu Bitcoin gebildet, die meist auf einem ähnlichen Blockchain-System basieren: Ethereum und Ripple sind bekanntere, es gibt inzwischen aber auch → Whoppercoins.

https://youtu.be/IU7piaKFmw8

Cash

Wer in letzter Zeit in Schweden war, wird gemerkt haben, dass es dort oft schwierig ist, mit Bargeld zu bezahlen. Manche Geschäfte verweigern die Annahme inzwischen komplett, viele weisen explizit darauf hin, dass sie bargeldlose Zahlung bevorzugen. In Deutschland ist es meistens genau andersherum: Wer mit Karte bezahlen will, erntet im Taxi ein Augenrollen und in Geschäften bei Beträgen unter einem gewissen Wert ein schlichtes Nein. Viele Deutsche wollen nach wie vor am liebsten alles mit Bargeld bezahlen. Wir haben rund doppelt so viel Cash im Portemonnaie wie beispielsweise Australier, US-Amerikaner, Franzosen oder Holländer, ergab eine Studie des Consumer Payments Research Center. Über 80 Prozent aller Transaktionen (und über die Hälfte des Transaktionsvolumens) werden in → Deutschland nach wie vor bar vorgenommen, in anderen Ländern liegen beide Anteile erheblich niedriger.

Deutschland

Doch warum ist das so? Diejenigen, die in meiner → Umfrage angaben, bargeldlose Zahlungen zu vermeiden (rund ein Fünftel der Teilnehmer), nannten im Großen und Ganzen drei Gründe:

  • Angst vor Datensammlung / nicht gewahrter Anonymität / digitalen Spuren
  • Sorge, die Übersicht oder Kontrolle über Ausgaben zu verlieren („kein Verhältnis zum Betrag“)
  • Angst vor Hacking / Manipulation des Systems

Schaut man sich Statistiken an, so sinkt die Bedeutung von Bargeld jedoch auch hierzulande langsam. Während 1994 noch 78,7 Prozent des Einzelhandelsumsatzes bar getätigt wurden, waren es 20 Jahre später nur noch 53,3 Prozent. Ganz wegnehmen lassen wollen sich die Deutschen das Bargeld aber auf keinen Fall: Laut einer repräsentativen Umfrage der Direktbank ING-Diba wollen 84 Prozent der Deutschen niemals vollständig auf Bargeld verzichten.

EU

Neun von zehn Erwachsenen in → Deutschland gaben in derselben Umfrage an, sie hätten fast immer oder häufig Bargeld bei sich. Das liegt deutlich über dem Schnitt der 13 befragten europäischen Länder (79 Prozent). Gleichzeitig regelt die EU in ihrer Zahlungsdiensterichtlinie auch, wie viel Händler für die verschiedenen bargeldlosen Bezahlarten an Gebühren verlangen dürfen. Ab 2018 dürfen Händler nicht mehr Extra-Gebühren für Kartenzahlungen, Überweisungen und Lastschriften verlangen. Das gilt europaweit und sowohl an der Ladenkasse (wo es allerdings schon vorher eher unüblich war) als auch im Internet. Dort wurde bisher ja vor allem bei der Buchung von Flügen eine Extragebühr für Kreditartenzahlung verlangt. Das soll nun aufhören. Trotzdem bleiben für die Händler natürlich → Kosten bestehen, die sie an Banken, Zahlungsdienstleister oder Kreditkartenfirmen abführen müssen. Ob es fairer ist, diese gleichermaßen an alle Kunden weiterzureichen, egal ob diese bar oder per Kreditkarte bezahlen, ist zumindest diskussionswürdig.

Im Juli verankerte der Bundestag die Zweite Zahlungsdiensterichtlinie als Gesetz

Fintech

Kurzwort für Finanztechnologie, mit dem meist Startups aus dem Bereich Banking, Bezahlen, Anlage oder Finanzierung bezeichnet werden. Der bekannteste deutsche Vertreter dieser Sparte ist wahrscheinlich die Berliner Firma N26 (früher Number26): Als eines der wenigen Fintech-Unternehmen verfügt es über eine Vollbank-Lizenz, das heißt, es kann alles tun, was auch die klassischen Banken tun können. Das ist nicht bei allen Fintech-Startups der Fall. Die Girokonten, die N26 anbietet, lassen sich komplett über das Smartphone verwalten, alle Transaktionen werden angeblich in Echtzeit abgewickelt. Anfangs waren Abhebungen an Geldautomaten für die Kunden kostenlos. Für N26 verursachten sie dennoch Kosten. Als das Unternehmen deshalb 400 Kunden, die besonders häufig Geld abgehoben hatten, das Konto fristlos kündigte, gab es massive Kritik. Inzwischen hat N26 die Anzahl der kostenlosen Abhebungen auf drei pro Monat begrenzt (fünf für unter 26-Jährige oder Gehaltskonten). Eine grundsätzlichere Kritik lautet jedoch, dass N26 sich zwar modern gibt, bei genauerem Hinsehen aber gar keine Dienstleistungen bietet, die andere (Direkt-)Banken nicht auch in ähnlichem Umfang bieten würden.

Gefühle

Ein Grund, der gegen das bargeldlose Bezahlen spricht: Der Mensch nimmt Ausgaben, die er mit Scheinen und Münzen tätigt, intensiver wahr als solche, bei denen er nur schnell eine Plastikkarte durchzieht. Die Gefahr, über seine Verhältnisse zu leben, kann also steigen. Forscher wie George Loewenstein ,Neuroökonom an der Carnegie-Mellon-Universität, sagen sogar, dass bei Barzahlung im Gehirn die Regionen stärker aktiv werden, in denen das Schmerzempfinden sitzt. „Kreditkarten betäuben den Schmerz des Zahlens praktisch“, sagt Loewenstein. „Es fühlt sich nicht an, als würde man etwas aufgeben für den Kauf.“

Außerdem merkt man sich Bargeldkäufe besser: Um eine größere Ausgabe in bar zu tätigen, muss man eventuell vorher zur Bank – vielleicht kühlt sich auf dem Weg dahin der Kaufrausch auch schon ein wenig ab. Und selbst wenn nicht, behalten wir die Ausgabe wahrscheinlich deutlicher in Erinnerung als bei der schnellen und auf Reibungslosigkeit ausgelegten Kartenzahlung. Das Gute: Hirnforscher gehen davon aus, dass sich das menschliche Hirn anpassen wird und im Lauf der Zeit auch erlernen wird, bargeldlose Ausgaben ähnlich deutlich oder gar schmerzhaft zu empfinden wie Barzahlungen.

Heimlich

Die Frankfurter Paydirekt GmbH ist so etwas wie die Antwort der deutschen Banken auf den US-Bezahldienst Paypal – fast 20 Jahre später. Zahlreiche deutsche Banken (von Commerzbank und Deutsche Bank über Noris- und Postbank bis zu den Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken) haben den Dienst 2015 gestartet. Paydirekt muss dabei vom Kunden bei seiner individuellen Bank freigeschaltet werden. Ein zentrales Verkaufsargument des Dienstes ist, dass alle Daten auf deutschen Servern schlummern und gemäß deutschem Datenschutz behandelt werden. Ob sich Paydirekt mit dieser „digitalen Sicherheit made in Germany“ gegen die längst etablierte Konkurrenz von Paypal über Klarna bis Amazon Pay durchsetzen kann, scheint fraglich. Rund 1,2 Millionen Kunden haben sich zwar inzwischen für den Dienst registriert, bis Ende 2017 hatte Paydirekt jedoch auf sieben Millionen gehofft (Paypal hatte 2016 nach eigenen Angaben 17,2 Millionen). Boden gutmachen will Paydirekt nun, indem man beispielsweise Sparkassenkunden, die dort Onlinebanking nutzen, automatisch ein Paydirekt-Konto unterschiebt, das diese dann nur noch aktivieren müssen, berichtet das Magazin t3n verärgert. Wer einem Schreiben nicht widerspreche, in dem eine „Änderung Ihres Girokontovertrags“ angekündigt wird, bekomme automatisch ein inaktives Konto, so der Bericht. Datenschutzbehörden seien schon dabei, das Vorgehen auf Rechtmäßigkeit zu überprüfen.

Informationen

Neben dem mangelnden → Gefühl für die ausgegebenen Beträge ist der Datenschutz der Hauptgrund, der für viele gegen bargeldloses Bezahlen spricht. Eins ist klar: Wer bargeldlos bezahlt, hinterlässt Daten. Zumindest Betrag, Zeitpunkt und Ort der Bezahlung müssen festgehalten werden, um die Zahlung hinterher zuordnen beziehungsweise einziehen zu können. Wenn man mit der in Deutschland sehr beliebten Girocard (umgangssprachlich immer noch „EC-Karte“) bezahlt, ist es jedoch nicht so, dass diese Informationen nur zwischen dem Geschäft, in dem man einkauft, und der Bank, bei der man sein Konto hat, ausgetauscht werden. Viele Kartenzahlungen werden von Dienstleistern wie beispielsweise Ingenico (früher easycash) durchgeführt. Diese kennen jedoch nicht die Identität des Bezahlenden, die kennt nur seine Bank. Trotzdem gerieten die Zahlungsabwickler vor einigen Jahren in die Kritik, weil (durch Recherchen des NDR) herauskam, dass sie unter anderem speichern, mit welchen Karten problemlos abgewickelte Zahlungen erfolgten und bei welchen in der Vergangenheit eine Lastschrift geplatzt war. Dazu muss man wissen, dass Kartenzahlung nicht gleich Kartenzahlung ist: Bei einer Kartenzahlung mit PIN wird sofort geprüft, ob genug Geld auf dem Konto vorhanden ist, um die Zahlung durchzuführen. Bei Kartenzahlung mit Unterschrift findet hingegen eine Lastschrift statt. Das heißt, das Geld wird erst später vom Konto des Kunden eingezogen – wenn es dann nicht gedeckt ist, hat der Händler unter Umständen ein Problem. (Ob der Händler oder der Zahlungsdienstleister haftet, ist unterschiedlich geregelt.)

Die Zahlung per PIN ist jedoch für den Händler teurer als das Lastschriftverfahren. Firmen wie Ingenico bieten deshalb an, das Risiko für den Händler einzuschätzen: Kunden mit guter Bonität werden per (für den Händler günstige) Lastschrift abgewickelt. Kunden, bei denen es häufiger zu Rückbuchungen kam, müssen (für den Händler teurer, aber sicherer) ihre PIN eingeben. Achtung: Das bedeutet nicht, dass jeder, der bei Kartenzahlung seine PIN eingeben muss, automatisch als zahlungsschwach eingestuft wurde. Manche Händler nutzen immer die PIN, andere ziehen die Grenze bei einem bestimmten Betrag. Außerdem gilt die PIN-Methode als sicherer gegen Fälschung und Missbrauch, da sie mit dem Chip der Karte arbeitet anstatt mit dem Magnetstreifen (der bei der Lastschrift-Methode zum Einsatz kommt). Seit 2013 flächendeckend Bankkarten mit Chip eingeführt wurden, wird die Nutzung des Magnetstreifens deshalb weniger – zumindest bei Zahlungen im Inland.

https://youtu.be/VzmqMMup4Rg

Jack Ma

Gründer und CEO der chinesischen Alibaba Group und mit Ant Financial eine der weltgrößten Fintech-Firmen. Ant Financial wurde 2014 aus der Alibaba Group herausgelöst, Alibaba erhält 37,5 Prozent der Profite und beide Firmen haben gemeinsame Projekte und Führungskräfte. Der Wert von Ant Financial wird auf 60 Milliarden US-Dollar beziffert, der Bezahldienstleister arbeitet mit rund 10 Millionen chinesischen Händlern, hat 520 Millionen Endkunden in China und über Beteiligungen noch mal rund 112 Million in anderen asiatischen Ländern. Im Zuge einer internationalen Expansion versucht die Firma gerade, den US-Anbieter Moneygram zu kaufen, der in über 200 Ländern präsent ist. Die Übernahme wird derzeit aber noch von amerikanischen Behörden geprüft. In China setzt Ant Financial vor allem auf Smartphones und ermöglicht vom Kauf von Zugtickets über das Bezahlen von Rechnung bis hin zum Investment nahezu alle finanziellen Dienstleistungen per App.

Kosten

Mit bargeldlosem Bezahlen wird über Gebühren – die in der Regel der Händler abführt und von denen der Kunde wenig mitbekommt – viel Geld verdient. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI wurden am Höhepunkt dieser Entwicklung mehr als 270 Millionen Euro pro Jahr an Gebühren eingenommen – allein für Kartenzahlungen mit girocards. Eine Besserung brachten zwei Regelungen, mit denen feste Gebühren verboten und gedeckelt wurden.

Wie viel Gebühren genau für die Kartenzahlung anfallen, ist also je nach Händler und Bank verschieden. Das EHI geht aber davon aus, dass „die Gesamtprovision für die Akzeptanz von Kreditkarten bei großen Unternehmen zurzeit bei 0,6 bis 1,0 Prozent und damit um knapp die Hälfte unter der Belastung vor der Regulierung“ liegt. Bei der girocard sind die Kosten niedriger und liegen bei ungefähr 0,2 Prozent des Umsatzes.

Auch digitale Dienste sind natürlich nicht kostenlos: Bei Paypal werden für Händler werden zwischen 1,5 und 1,9 Prozent plus 0,35 Cent pro Transaktion fällig. Apple veranschlagt für sein System → Apple Pay eine Umsatzgebühr in Höhe von 0,15 Prozent.

Lokal

Man darf bei alldem aber nicht vergessen, dass auch Barzahlung nicht wirklich komplett kostenlos funktioniert: Ein Lokal beispielsweise, das ausschließlich auf Barzahlung setzt, um Kartengebühren zu sparen, muss größere Mengen Bargeld sicher verwahren und braucht dafür beispielsweise einen Tresor. Die Einnahmen müssen zur Bank gebracht werden, das kostet Zeit, und mit zunehmender Geldmenge steigt das Risiko beziehungsweise werden höhere Sicherheitsmaßnahmen erforderlich, die wiederum Geld kosten. Außerdem müssen größere Mengen an Wechselgeld bereitgehalten werden. Auch das kostet Zeit und Geld, denn mittlerweile verlangen Banken in der Regel Gebühren für die Ausgabe von Münzrollen. Barzahlung eröffnet im Gegenzug für manchen Gastronomen natürlich mehr Möglichkeiten, einen Teil der Einnahmen nicht zu versteuern. Das wiederum ist nicht gut für die Gesellschaft, verursacht also insgesamt auch Kosten.

Mindestumsatz

Was passiert mit den Straßenmusikern, den Obdachlosen – all den Menschen, die in der Bargeldgesellschaft von den Münzen profitieren, die entbehrlich in den Taschen klimpern? Das wohl am häufigsten angeführte Beispiel sind die Verkäufer der Stockholmer Obdachlosenzeitung „Situation Stockholm“. Schweden ist ja zumindest in Europa der Vorreiter in Sachen Bargeldlosigkeit – kein Wunder also, dass hier auch die Obdachlosen Zahlungen per Karte entgegennehmen. Oder mit der von nahezu allen schwedischen Banken unterstützten App → „Swish“. Zumindest in Schweden scheinen die Menschen zum Glück nicht weniger freigiebig zu sein, wenn sie bargeldlos bezahlen: Ein Verkäufer von „Situation Stockholm“ berichtet jedenfalls von steigenden Verkaufszahlen, seit er bargeldlose Zahlung anbietet.

Nudge

Einen „Nudge“ nennt man in der Verhaltensforschung einen unmerklichen „Stupser“ in eine gewünschte Richtung. Klassisches Beispiel: Die aufgemalte Fliege im Männerpissoir, die für größere Zielsicherheit der Männer und um 80 Prozent weniger verschmutzte Toilettenböden sorgte. Auch beim bargeldlosen Bezahlen sind solche Nudges möglich. Beim Taxifahren gilt beispielsweise 10 Prozent Trinkgeld in Deutschland als üblich. Bezahlt man mit der App Mytaxi, werden als Trinkgeldoptionen 10, 15 und 20 Prozent geboten. Da sich der Mensch in solchen Situationen instinktiv am mittleren Wert orientiert (das nennt man wiederum „Anker“), wird er also unauffällig in Richtung 15 Prozent „genudget“. Gut für den Taxifahrer, aber natürlich auch für App-Anbieter, der seine Provision auf den Gesamtbetrag kassiert.

https://youtu.be/5DCAC1j2HTY

Ominös

Eine der rätselhaftesten und vielleicht schönsten Geschichten der Welt des digitalen Geldes ist die des → Bitcoin-Erfinders. Unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto hatte er 2008 die Idee der dezentralen Währung auf einem Online-Messageboard in die Welt gesetzt. Nachdem die Währung tatsächlich auf den Weg gebracht war, verschwand Nakamoto 2011 aus den diversen Newsgroups und Mailverteilern zum Thema und meldete sich nicht mehr zu Wort. Je klarer wurde, wie revolutionär die Idee war, umso eifriger wurde nach dem Phantom gesucht.

Zahlreiche Journalisten haben über die Jahre immer wieder versucht, den Bitcoin-Erfinder zu identifizieren. Der „New Yorker“ machte sich auf die Suche und nannte zwei mögliche Erfinder, die jedoch beide bestritten, Nakamoto zu sein. Newsweek behauptete 2014, es handele sich um den 65-jährigen Kalifornier Dorian Satoshi Nakamoto. Doch das entpuppte sich als Ente. 2015 behauptete das US-Magazin Wired, der australische Forscher Craig Steven Wright stecke hinter der Bitcoin-Erfindung. Doch auch diese Behauptung ließ sich nicht erhärten, und angebliche Beweise (wie angebliche digitale Signaturen, die er im Video oben der BBC vorführt) erwiesen sich als nicht stichhaltig. Wright stritt im Gegensatz zu anderen vor ihm nicht ab, Nakamoto zu sein. Er versprach den Zweiflern sogar, Beweise zu liefern, was er jedoch nicht tat. Bis heute ist die Identität von Satoshi Nakamoto also ungeklärt, einer der aktuell gängigsten Theorien ist, dass der IT-Experte Dave Kleiman (ein Bekannter von Wright) der Schöpfer von → Bitcoin ist. Das zweifelsfrei nachzuweisen wird durch die Tatsache erschwert, dass Kleiman 2013 gestorben ist.

Selbst wenn niemals nachgewiesen werden sollte, wer Nakamoto ist oder war: Es ist ein lustiger und letztlich schöner Widerspruch, dass gerade der Erfinder einer Sache, die unsere digitale Welt prägt, in der es angeblich immer weniger Geheimnisse gibt, das Geheimnis seiner Identität so lange wahren konnte.

Paypal

Eine durch Fusion von Confinity (unter anderen von Peter Thiel gegründet) und X.com (gegründet von Elon Musk) entstandene Firma für digitale Geldtransfers. Statt mit einer spezifischen Paypal-Kontonummer ist jedes Konto mit einer Mailadresse verknüpft. Transfers gehen sofort vonstatten und somit schneller als klassische Überweisungen. In der Regel ist das Paypal-Konto mit einer Kreditkarte oder einem Bankkonto verbunden, um Geld einzuziehen oder auszuzahlen. Anfangs war Paypal als Bezahlmodell für Onlineshopping populär. Sein Wachstum verdankt es vor allem dem Siegeszug des Online-Auktionshauses eBay, vom dem es 2002 gekauft wurde. (2015 wurde es dort als unabhängige Firma wieder ausgegliedert). Inzwischen kann Paypal auch benutzt werden, um Geld zwischen Privatpersonen zu transferieren. Das ist kostenlos, solange der transferierte Betrag entweder als Guthaben auf dem Paypal-Senderkonto liegt oder per Bankeinzug abgebucht wird. Transferiert man Geld, das man per Kreditkarte einziehen lässt, fallen 1,9 Prozent Gebühren an (→ Kosten).

Rogoff

Kenneth Saul Rogoff war von 2001 bis 2003 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er lehrt in Harvard und hat ein Buch namens „Der Fluch des Geldes“ geschrieben. Seitdem gilt er häufig als „der Mann, der uns das Bargeld wegnehmen will“. Doch so einfach ist es nicht. Denn Rogoff setzt sich ausschließlich für die Abschaffung großer Banknoten ein. Diese seien für den normalen Alltagsgebrauch vollkommen entbehrlich und dienten fast ausschließlich dazu, Schwarzgeld zu transportieren, illegale Aktivitäten zu finanzieren und so weiter. Ich habe vor einiger Zeit für einen anderen Artikel mit Rogoff gesprochen und er war merklich genervt davon, der Buhmann zu sein, der angeblich die komplette Abschaffung des Bargelds und völlige Orwellsche Kontrolle aller Bürger fordere.

„Keine Ahnung, warum gerade deutsche Journalisten so gut darin sind, mich falsch wiederzugeben“, sagte Rogoff im Interview. Er sei definitiv dafür, Bargeld für immer und ewig zu behalten. Nur eben nicht in großen Denominationen. Sein Plan: In den nächsten zehn Jahren die 100- und 50-Dollarscheine in den USA abschaffen, in Europa zuerst die 500- und 200-Euro-Scheine und in einer zweiten Phase die 100er- und 50er. Natürlich, so sagt er, muss es weiterhin Bargeld und somit die Möglichkeit geben, anonym zu bezahlen. Aber um organisiertem Verbrechen, Terrorismus, Steuerhinterziehung und so weiter dauerhaft beizukommen, sei es hilfreich, die großen Scheine abzuschaffen. Insofern einleuchtend, als dass eine Million Euro in 500er-Scheinen relativ gut zu transportieren und schmuggeln ist, in 20ern hingegen eher nicht.

An → Bitcoin als anonyme Alternative zu Bargeld glaubt Rogoff im Übrigen nicht: „Sowohl Münzen als auch Geldscheine sind im privaten Sektor erfunden worden und wurden irgendwann vom staatlichen übernommen“, sagt er. „So wird es mit digitalen Währungen wie Bitcoin auch kommen. Keine Regierung der Welt kann eine wirklich anonyme digitale Währung erlauben, die liquide ist. Und weil die Regierungen die Regeln machen, werden sie immer gewinnen. Die Blockchain-Technologie ist fantastisch, aber die Leute aus der Bitcoin-Szene leben in einer Fantasiewelt.“

Die Europäische Zentralbank wird ab Ende 2018 keine neuen 500-Euro-Scheine mehr drucken. Die Bestehenden bleiben aber im Umlauf und sind weiterhin als Zahlungsmittel gültig.

Swish

Vorzeigeprojekt aus Schweden, für das sich fast alle großen Banken dort zusammengetan haben, um eine Bezahl-App zu entwickeln und am Markt zu etablieren. Der geschätzte Kollege Peer Schader hat hier sehr lesenswert für Krautreporter darüber geschrieben.

Tracking

Wer ausschließlich mit Bargeld bezahlen will, weil er keinerlei Spuren hinterlassen möchte und niemand wissen soll, wann er wo sein Geld wofür ausgibt, sollte sich seiner Sache nicht zu sicher sein: Bald wird es technisch möglich (genauer gesagt: vom Aufwand her unproblematisch, weil quasi kostenlos) sein, die Seriennummern jedes Geldscheins bei Bezahlvorgängen zu erfassen. Damit wäre es mit der Anonymität der Bargeldzahlung vorbei.

Umfrage

Über 200 Leser haben an meiner Umfrage zum Thema Bezahlen teilgenommen. 57 Prozent gaben an, so oft wie möglich bargeldlos zu bezahlen, 24 Prozent immerhin manchmal. 16 Prozent hingegen sagten, sie würden bargeldlose Zahlungen nach Möglichkeit vermeiden, 2 Prozent zahlen nach eigenen Ausgaben ausschließlich in bar. Diese Zahlen sind natürlich nicht repräsentativ, aber ich fand sie dennoch interessant. Die zentralen Argumente der Barzahlungsfreunde habe ich beim Punkt → Deutschland aufgeführt.

Die wichtigsten Argumente der bargeldlosen Bezahler lauteten zusammengefasst:

  • Bargeldloses Bezahlen ist praktischer und oft schneller.
  • Bargeld kann geklaut werden oder man kann es verlieren, bei Karten ist man abgesichert.
  • Ausgaben sind besser nachvollziehbar, da sie aufgelistet werden.

Zusätzlich zu diesen Angaben habe ich noch danach gefragt, welche Aspekte, Themen und Fragen euch besonders interessieren und habe natürlich versucht, so viele wie möglich in diesem Alphabet zu beantworten (auch wenn es noch viele Einzelnennungen gab, die ich ebenfalls spannend fand, denen ich mich aber aus Platz- und Zeitgründen nicht allen widmen konnte). Danke an alle, die mitgemacht haben!

Volkswirtschaft

Wer sich Sorgen um die Bargeldabschaffung macht oder diese gar hinter jeder Hausecke wittert (→ Rogoff), tut das meist mit einem Argument: Negativzinsen! Negativzinsen bedeuten, dass die Zentralbanken Geld dafür verlangen, dass die Geschäftsbanken ihr Geld bei ihnen parken. Damit soll erreicht werden, dass die Geschäftsbanken das Geld lieber an Unternehmen (oder Privatleute) verleihen, damit die es investieren (oder ausgeben) und somit die Wirtschaft ankurbeln. Die Existenz von Bargeld wiederum verhindert Negativzinsen, zumindest längerfristig und in größeren Stil. Denn anstatt dafür zu bezahlen, dass eine Bank das Geld verwahrt, kann man es einfach in den Geldspeicher (oder sich unters Kopfkissen) legen. Trotzdem sollte man im Kopf behalten, dass die tatsächliche Abschaffung des Bargelds weit weniger drohend bevorsteht als es manch alarmistischer Börsennewsletter behauptet. Und das ist ganz gut so.

Whoppercoin

→ Bitcoin ist fast schon Schnee von gestern, längst gibt es viel verrückte digitale Währungen:

  • BitCoen, eine koschere Bitcoin-Variante
  • Dentacoin, eine Art Blockchain gewordenen Zahnzusatzversicherung
  • Potcoin, eine Kryptowährung für die Medical-Marihuana-Branche
  • Coinye, eine Währung zu Ehren (naja) von Rapper Kayne West, der jedoch erfolgreich dagegen klagte
  • Whoppercoin, eine Art digitaler Paybackkarte für russische Burger-King-Kunden

Zahlen

Zum Schluss noch ein paar Zahlen:

  • 2022 sollen 53 Prozent der weltweiten Transaktionen nicht nur bargeld- sondern auch kontaktlos erfolgen ( Quelle).
  • Ein normales Swish-Konto ist durchschnittlich auf maximal 20.000 Schwedische Kronen (etwa 2.100 Euro) begrenzt, man kann das Limit kurzzeitig auf bis zu 150.000 SEK (15.800 Euro) erhöhen ( Quelle).
  • Der 50-Euro-Schein ist mit einem Anteil von 45,1 Prozent der Schein, der am häufigsten im Umlauf ist ( Quelle).
  • 150.000 US-Dollar verlor US-Investor Chris Burniske, nachdem Unbekannte Kontrolle über seine Telefonnummer erlangt hatten, und darüber das Passwort der Smartphone-App, in der er seine Kryptowährungen gespeichert hatte, änderten und die digitale Börse leerräumten (Quelle).
  • 1923 kostete ein Laib Brot in Deutschland zeitweise 428 Milliarden Mark – die Hyperinflation wird (zumindest im Ausland) gerne als Grund dafür gesehen, warum die Menschen in Deutschland den Banken misstrauen und auf Bargeld schwören (Quelle).
  • Eine Billion Dollar verdienen die Banken weltweit laut einer Schätzung von Boston Consulting jährlich daran, dass sie Transaktionen im Wert von 400 Billionen Dollar durchführen ( Quelle).

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Sebastian Esser und Rico Grimm haben bei der Erarbeitung des Artikels geholfen, Lisa Becke bei der Auswertung der Umfrage; gegengelesen hat Theresa Bäuerlein; das Aufmacherfoto hat Martin Gommel ausgesucht (iStock / portishead1).