Das Medienmenü von Erik Spiekermann

„Aber generell nervt es mich, wenn ich beim Lesen an ein Gerät gefesselt bin“

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  • Zahlen aktualisiert 23. Oktober, 16:00 Uhr
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Für mich beginnt der Tag mit dem Abfragen meiner Mails. Das sind fast immer 100. Dann schaue ich bei Twitter rein. Manchmal auch online beim Guardian oder der New York Times, seltener bei Spiegel Online. Mein Büro arbeitet gerade mit ZEIT Online zusammen, auf deren Seite schaue ich also mitunter auch vorbei.

Wenn ich Zeit habe, kaufe ich mir am Kiosk die FAZ. Dienstag tue ich das aber auf jeden Fall. Denn dann erscheinen dort die Sonderseiten „Technik & Motor“. Dort werden selbst die schnödesten Dinge in amüsanter Sprache verständlich beschrieben. Immer etwas ironisierend und mit Abstand. Das gefällt mir. Ich lese dort selbst über Sachen, die mich nicht interessieren, weil sie nicht in dieser typischen Ingenieurssprache („Zusammenfassend lässt sich sagen...“) formuliert sind. Sondern eben mit neuen Bildern und locker – ohne dabei verkrampft spaßig wirken zu müssen. Also eigentlich ein Feuilleton mit technischen Themen. Die Finanznachrichten – ob in der FAZ oder anderswo – lese ich hingegen nur ungern und weil es sein muss.

Hier findet man ein Interview mit Michael Spehr, einem der Technik-Redakteure bei der FAZ. Er sagt: „Die Nachfrage für guten Technikjournalismus ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert.“

Auf Reisen lese ich alles, was ich unter die Augen kriege. Wenn ich im Ausland bin, schaue ich mir täglich die FAZ und die Tagesschau auf dem iPad an. Aber generell nervt es mich, wenn ich beim Lesen an ein Gerät gefesselt bin. Oder wenn das Gerät, wie beim iPad, zwar mobil ist, aber zu klein. Deshalb lese ich auch so wenig wie möglich auf dem Smartphone.

Wenn ich Bücher lese, dann am liebsten Sachbücher. Zwei Bücher, die mich in letzter Zeit sehr beeindruckt haben, haben wir für die „Andere Bibliothek“ gestaltet. (Ja, die muss man vorher lesen.) In „Volksfeinde“ berichtet die Autorin Kati Marton von ihren ungarischen Eltern, die während des Kalten Krieges als letzte unabhängige Journalisten aus Budapest für die Amerikaner berichteten, überwacht und verhaftet wurden und anschließend in die USA flohen. In „Der Nazi und der Psychiater“ wiederum schildert der Wissenschaftsjournalist Jack El-Hai die Begegnungen des US-Armeepsychiaters Douglas M. Kelley mit dem nach dem Krieg gefangengenommenen Hermann Göring. Zu meinen dauerhaften Lieblingsautoren gehören leider immer noch die Klassiker wie Heinrich von Kleist oder Mark Twain.

Die von Spiekermann gestaltete Ausgabe von "Der Nazi und der Psychiater"

Screenshot: die-andere-bibliothek.de

Der Nazi und der Psychiater

Auf Basis unveröffentlichter Dokumente rekonstruiert der US-Wissenschaftsjournalist Jack El-Hai das Verhältnis zwischen dem Armeepsychiaters Douglas M. Kelley und dem gefangenen Nazi-Offizier Hermann Göring. Der „übergewichtig joviale Göring erschien mit einem Dutzend Koffern, Schmuck, seidener Unterwäsche, Zigarrenkisten, einem Vermögen an Geldmitteln – und versteckten Zyankali-Kapseln“ in dem von der US-Armee zum Gefängnis umgebauten Hotel in Luxemburg. Später setzte der als sehr ehrgeizig geschilderte Kelley seine Befragung in Nürnberg fort. Jack El-Hai hatte Einblickin Kelleys private Aufzeichnungen aus dieser Zeit, in der sich der Psychiater mit der Frage nach dem Bösen im Menschen beschäftigte. Verblüffende Parallele: Im Jahr 1958, zwölf Jahre nach Görings Tod, beging Douglas M. Kelley ebenfalls mit einer Zyankali-Kapsel vor den Augen seiner Familie in Kalifornien Selbstmord.

Aus einer Rezension der FAZ: "Das Buch ist vieles zugleich - eine Familienbiographie der Kelleys, eine Studie über die Nachkriegsgeschichte der Psychiatrie, ihrer Methoden und Deutungskontroversen und eine Erzählung von den Anfängen des Nürnberger Prozesses.

Video-Interview mit Autor Jack El-Hai:

Podcasts höre ich nicht. Und wenn es geht, vermeide ich Produkte des Springer- und des Bauerverlags. Und die von Rupert Murdoch, wenn ich im Ausland bin.

Ein lesenswerter Artikel aus der Financial Times beschreibt die aktuelle Größe und Strategie des Murdoch-Imperiums – und seine Investitionen in moderne Medienunternehmen wie Vice und Storyful.

Eine Hassliebe verbindet mich mit der Tagesschau. Einerseits ärgert sie mich täglich mit ihren langweiligen Verlautbarungen und ihrer staatstragenden Art. Aber gleichzeitig muss ich sie jeden Tag sehen, weil sie natürlich immer noch sehr vertrauenswürdig ist. Und weil damit der Abend beginnt beziehungsweise die Arbeit aufhört. Ich muss an dieser Stelle aber auch offenlegen, dass ich an der Neugestaltung der ZDF-Konkurrenz, also der heute-Nachrichten, beteiligt war.

Sehr wichtig für mich sind die vielen kleinen und größeren Blogs von Freunden und Kollegen. Blogs, denen ich folge, sind natürlich zum einen die typografischen: Fontblog, I love typography, Typekit, Typophile, Typography, Typographica oder The Print Project. Aber ich stöbere auch bei Open Library, Internet Archive, Public Domain Review, Open Culture, net magazine oder Offscreen Magazine sehr gerne. Dazu kommen Seiten wie Meedia, überlin, CeeCee, Quartz, Medium, Cool Hunting, The Verge, Gigaom, Circa und Maker. Und einzelne Autoren oder Journalisten wie Evgeny Morozov, Alix Christie, Christoph Keese, Om Malik, Jochen Wegner und viele Kollegen, die keiner kennt. Ich selbst schreibe mittlerweile selbst zwei Kolumnen: Eine für die Zeitschrift Blueprint in London und eine online für Design Observer. Die beiden lese ich natürlich auch, zusammen mit diversen anderen Fachzeitschriften.

Ebenfalls eine große Rolle spielen die vielfältigen Querempfehlungen und Links von Freunden und Kollegen, die bei Wired arbeiten, bei Pixar, bei Apple, bei Facebook, bei Adobe, beim Spiegel oder bei der Zeit. Vieles, was die mir schicken oder empfehlen, speichere ich mit der App Pocket zum späteren Lesen. Gelegentlich wandert auch noch ein klassischer Zeitungsausschnitt ins Archiv. Aber ich merke, dass ich insgesamt deutlich mehr online lese – wenn auch nicht aus freien Stücken, sondern gezwungenermaßen.

Pocket ist eine Smartphone-App, die es erlaubt, Onlinetexte oder Videos zum späteren Lesen offline und werbefrei zu archivieren. Das Programm wurde unter dem Namen „Read It Later“ zuerst für Desktop-PCs entwickelt und startete etwa zur gleichen Zeit wie das vergleichbare Tool Instapaper.Es ist kostenlos, Zusatzfunktionen wie Volltextsuche sind jedoch nur in der kostenpflichtigen Premiumversion enthalten.

Erik Spiekermann ist Gestalter, Typograf und Autor und hat zahlreiche Bücher über Typografie veröffentlicht (u.a. „ÜberSchrift“ und „Stop Stealing Sheep & Find Out How Type Works“). Als Honorarprofessor unterrichtet er an der Hochschule der Künste in Bremen. Er ist Partner der Agentur EdenSpiekermann und bloggt auf spiekermann.com.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik Medienmenü stellen regelmäßig interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Erik Spiekermanns Lieblingsbuchstabe ist das kleine a. Das hat er in einem ausführlichen Interview mit Deutschlandradio Kultur verraten.

Und hier kann man ein Video-Interview mit ihm sehen, in dem er über seine Arbeit und seine „Typomanie“ spricht.

Erik Spiekermann hat übrigens über 300.000 Follower bei Twitter. Unser Lieblings-Tweet: