„Fluch und Segen unserer Zeit: Wir können fast gar nichts mehr verpassen“

„Fluch und Segen unserer Zeit: Wir können fast gar nichts mehr verpassen“

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Da ich alle wichtigen Newsseiten in den sozialen Netzwerken abonniert habe, informiere ich mich tatsächlich als erstes via Facebook und Twitter, was über Nacht passiert ist. Zusätzlich bekomme ich da auch alle Tech-News. Und den ein oder anderen E-Mail-Newsletter konsumiere ich über meine Inbox. Damit habe ich schon mal einen ganz guten Überblick – zumindest über die Schlagzeilen.

Papierprodukte lese ich im Grunde gar keine mehr. Es sei denn, ich muss beim Friseur... ach nee, da dann auch lieber das Smartphone. Generell bevorzuge ich es, Medien themenspezifisch zu konsumieren. Das heißt, ich kaufe oder abonniere keine Magazine mehr, deren Inhalt ich nicht bestimmen kann, sondern suche mir zu einem Thema, das mich interessiert, lieber verschiedene Quellen zusammen, wenn die nicht eh schon so in meine Timelines gespült werden.

Bei Nachrichtenseiten macht es die Mischung. Wenn ein Thema interessant ist, möchte ich möglichst viele Quellen vergleichen können, um zu sehen, welche Schwerpunkte gesetzt werden. Da ist mir nicht eine Seite wichtiger als eine andere. Ich vergleiche dann tagesschau.de mit den Nachrichten auf Spiegel online, Welt, Süddeutsche – dazu gerne auch den Guardian, die New York Times, The Intercept, AJ+, heute plus… – ich unterscheide auch da inzwischen mehr nach Inhalt als nach Webseiten. Tech- und Social-Media-News besorge ich mir bei Wired, T3N, Techcrunch und Mashable. Und ich liebe TED-Talks.

In Sachen Blogs lese ich Stefan Niggemeier, das Bildblog, Übermedien (ist das noch ein Blog?) und Nieman Lab – gerne abonniere ich auch Personen, die soziale Netzwerke als eine Art Blog nutzen, wie zum Beispiel Kübra Gümüsay, Friedemann Karig, Emma Watson, Dunja Hayali und so weiter.

Podcasts sind gewissermaßen mein wunder Punkt. Ich mache selber zwei Podcasts, aber konsumiere kaum welche. Na toll! Aber ein paar sind es dann doch: Ich liebe den Radio-Tatort, die Einhundert (Storytelling) und den Hörsaal von Deutschlandfunk Nova, Rasenfunk kommt auch vor, und den Aufwachen!-Podcast habe ich im Abo. Der ist zugegeben etwas anstrengend, weil mir die Art und Weise der Kritik nicht immer gefällt. Aber das zwingt mich immer wieder dazu, das, was ich gut finde, mit anderen Augen zu sehen und kritisch zu bleiben. Das ist manchmal wirklich sehr unbequem – aber bequem kommen wir im Moment einfach nicht weiter, was den Journalismus angeht.

Was mich persönlich am Journalismus am meisten nervt, ist die Tatsache, dass viele Informationen immer noch nicht plattformgerecht ausgespielt werden und vieles schlicht redundant ist. Das wirkt unreflektiert, abgeschrieben und nicht nachrecherchiert. Sich umfassend und vielseitig zu informieren, ist ein recht mühsames Geschäft, das sich für Autoren aber leider kaum noch lohnt. Da hinkt das System. Mit schönen Bildchen auf Instagram und Snapchat lässt sich aktuell wesentlich mehr und schneller Geld verdienen, als mit geistiger Arbeit und qualitativem Output. Da hatten wir übrigens zuletzt eine schöne Podcast-Folge zu: „Die demokratische Jogginghose“ – leider konnten wir die Frage nicht beantworten, wo das eigentlich herkommt.

Eine große Ausnahme zu meiner Papierabstinenz sind übrigens Reisen. Da dürfen es sehr gerne Papierprodukte sein: Bücher! Ich liebe Bücher. Das ist Buchstaben-Slowfood und entspannt maximal. Was ich lese, ist dann wirklich sehr, sehr unterschiedlich. Ein Sachbuch zum Thema Neurowissenschaften oder Psychologie empfinde ich als genauso spannend und bereichernd wie eine Biografie oder einen fiktiven Roman. Auch hier entscheidet das Thema – und die verfügbare Zeit natürlich.

Die ist in letzter Zeit etwas knapp und deshalb lese ich momentan nur sehr selten Bücher. Aber im Zuge meiner Recherchen für meinen Blog bin ich auf die Biografie des niederländischen Journalisten und Auslandskorrespondenten Marcus van Blankenstein gestoßen. Eine hochspannende Persönlichkeit in einer der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte: „Dr. M van Blankenstein. Een Nederlandse dagbladdiplomaat, 1880-1964“

Apps und Tools habe ich natürlich zahlreich installiert – am Ende lande ich dann allerdings doch wieder in meinen Social-Media-Timelines. Und in meiner E-Mail-Inbox. Von Vorteil ist, dass ich meine Timelines vornehmlich auf meinen Medienkonsum hin kuratiert habe. Ich habe nicht das Gefühl, was zu verpassen. Könnte aber natürlich auch sehr trügerisch sein.

Insgesamt habe ich, glaube ich, ein sehr unkontrolliertes und dauerhaftes Medienkonsumverhalten, was allerdings auch berufsbedingt ist. Als Social Media Manager klopfe ich ständig sämtliche Inhalte darauf ab, ob sie irgendwie weiterverwertet werden können. Ich frage mich, für welche Sendungen oder Redaktionen die Inhalte interessant sein könnten oder ob sich daraus vielleicht noch ein Thema ableiten lässt, das eine intensivere Recherche lohnt.

Fluch und Segen unserer Zeit sind außerdem, dass wir fast gar nichts mehr verpassen können. Es ist ja alles ständig verfügbar. Wenn ich doch einmal etwas verpasse, versuche ich, so viel wie möglich on demand nachzuholen. Aber für die vielen, großartigen Angebote in unserer Medienlandschaft bleibt da leider einfach nicht genug Zeit. Allerdings gebe ich gerne zu, dass ich keine einzige Folge „Tatortreiniger“ verpasst habe und sie mir immer vor der offiziellen TV-Ausstrahlung im Netz angesehen habe.

Insgesamt konsumiere ich mehr, aber wesentlich oberflächlicher als früher. Ich scanne durch das große Angebot an Informationen – sauge viel auf, dringe aber meist nur dann thematisch tiefer ein, wenn sich das beruflich ergibt. Sprich: wenn ich einen Beitrag über ein Thema mache. Dann merke ich allerdings jedes Mal, wie viel Spaß es macht, sich ausführlicher mit etwas zu beschäftigen, Hintergründe zu recherchieren und vor allem Gespräche zu führen. Ansonsten warten in meinem Lesezeichen-Menü jede Menge Hintergrundberichte darauf, dass ich die Zeit finde, sie zu lesen.

Wenn es ein Medium gibt, das ich bewusst vermeide, dann ist es tatsächlich die Bild-Zeitung –selbst wenn es sich als Journalistin kaum vermeiden lässt, auch da hin und wieder einen Blick reinzuwerfen. Aber die Art und Weise, wie dort mit Menschen – egal ob prominent oder nicht prominent – umgegangen wird, empfinde ich als rücksichtslos und profitgesteuert. Mir ist klar, dass Medien Geld verdienen müssen. Und mir ist auch klar, dass diese Medien existieren, weil sie ein Publikum haben. Das darf jeder gerne für sich selbst entscheiden. Ich persönlich empfinde das als moralisch nicht vertretbar. Genau so wenig wie „Bauer sucht Frau“ oder „Schwiegertochter gesucht“ – das ist nicht mal auf der manchmal gepriesenen intellektuell-ironischen Metaebene zu ertragen.

Was mir für die Zukunft im Bereich Journalismus Hoffnung macht: aktuell gibt es jede Menge junge Medienangebote, die richtig Spaß machen. Allerdings eher im Bewegtbildbereich als bei der Textvermittlung. „Jäger und Sammler“ zum Beispiel, das Y-Kollektiv, Bohemian Browser Ballett, die Datteltäter – da gab es in letzter Zeit einige Berichte und Clips, die mich richtig begeistert haben und zeigen: So geht’s auch.


Nora Hespers arbeitet als Journalistin in den Bereichen Hörfunk, Bewegtbild und Social Media Management – unter anderem für den WDR und den Deutschlandfunk Nova. Außerdem bloggt sie und veröffentlicht die Podcasts „Die Anachronistin“ und „Was denkst du denn?“.

In der von Christoph Koch betreuten Kolumne Medienmenü stellen regelmäßig interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Illustration: Veronika Neubauer, Foto: Tilmann Schenk