Chinas Macht, verständlich erklärt

Chinas Macht, verständlich erklärt

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Der Volkskongress der Kommunistischen Partei Chinas findet sich gerade zu einer zehntägigen Wahlorgie zusammen, die für das Land in etwa die Bedeutung hat wie die Bundestagswahl in Deutschland oder die Präsidentenwahl in den USA. Mit dem Unterschied, dass es in China natürlich keinen Wahlkampf gibt. Also zumindest nicht so, wie wir es kennen. Aber dazu gleich mehr.

Vielleicht fragst du dich gerade, warum die Präsidentenwahl in den USA in unseren Medien ein Riesenthema ist, du vom Volkskongress aber eher nicht so viel hörst – obwohl China nicht nur inzwischen Deutschlands wichtigster Handelspartner ist, sondern laut einigen Parametern mittlerweile auch zur wichtigsten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen konnte. Und somit auch der chinesische Einfluss auf die Weltpolitik immer dominanter wird.

Ein Grund könnte sein, dass der Volkskongress ein unvergleichlich rätselhafteres und symbolischeres Event ist als eine Wahl in einer Demokratie. Du musst dir die Kommunistische Partei wie eine mittelalterliche Monarchie vorstellen, in der höfische Machtspiele, Intrigen und Erbbeziehungen den Kurs des Landes beeinflussen. Der Volkskongress ist mehr Game of Thrones als House of Cards und sieht trotzdem so einschläfernd friedlich aus wie eine Folge Schwarzwaldklinik. Kurz: Alle gucken auf das, was es nicht zu sehen gibt.

„Die Partei ist wie Gott. Sie ist überall, du kannst sie nur nicht sehen“, heißt es in einem Standardwerk über Chinas KP. Beim Volkskongress wird sie einmal sichtbar. Allerdings sind alle Medien verpflichtet, dauerhaft, aber freundlich zu berichten. Selbst in Fernsehseifenopern werden bereits seit Monaten Loblieder über die Partei eingebettet, sozusagen die chinesische Version von Schleichwerbung.

Aber was genau passiert nun auf dem Volkskongress?

Es werden die politischen Leitlinien für die nächsten fünf Jahre festgelegt und die wichtigsten politischen und militärischen Ämter in der rund 78 Millionen Mitglieder zählenden Partei – und damit im Staat – bestimmt. Mehr als 2.000 Abgeordnete werden mehrere Hundert Funktionäre in ihrem Amt bestätigen oder ersetzen.

Diese Grafik des Mercator-Instituts zeigt die Struktur des Politbüros der KP:

Wird dabei etwas überraschendes passieren?

Sehr unwahrscheinlich. Es gibt in der chinesischen Politik keine Quereinsteiger. Dass ein Amateur wie Trump in ein bedeutendes Amt kommt, ist in China so gut wie unmöglich. Funktionäre müssen sich über viele Jahre, oft Jahrzehnte, die Hierarchieebenen der Partei hinaufarbeiten, dabei Allianzen schmieden, möglichst keine Feinde machen, und ein Gespür dafür entwickeln, woher der Wind gerade weht. Ein sehr komplexer Prozess, der auch nach hinten los gehen kann.

Als Präsident Xi Jinping beim letzten Volkskongress gewählt wurde, geschah das – laut der übereinstimmenden Teesatzleserei der wichtigsten China-Analysten –, weil das Politbüro einen schwachen, manipulierbaren Mann an der Spitze von Staat und Partei haben wollte. Die Partei steckte damals in einer Krise, soziale Medien und das Internet hatten eine bis dahin unbekannte Meinungsfreiheit entstehen lassen, zudem machte das die extreme Ungleichheit im Land und die Korruption der Spitzenfunktionäre sichtbar.

Fünf Jahre später hat Präsident Xi Jinping so viel Macht und Funktionen in sich vereinigt wie kein Präsident vor ihm, nicht mal Mao. Und das Thema Meinungsfreiheit hat sich auch wieder erledigt. China ist heute weltoffener als je zuvor, und mächtiger als seit Jahrhunderten, gleichzeitig ist das Land so autoritär geführt wie nie. Der emeritierte Oxford-Professor Stein Ringen nennt China die „perfekte Diktatur“, weil die Menschen nicht mal merken, dass sie in einer Diktatur leben. Das Internet spielt dabei eine entscheidende Rolle, Xi hat praktisch das Nazi-Potenzial im Digitalen entdeckt uns spielt die Karte ausgezeichnet.

Chinas unglaublich rasanter Wandel lässt sich nur schwer so nebenbei erklären. Ich bin vor ziemlich genau einem Jahr drei Monate für Krautreporter zwischen Peking und Hongkong unterwegs gewesen, um mir ein Bild vom Land zu machen. Im Anschluss daran habe ich in dem Artikel „Chinas Macht, verständlich erklärt“ versucht, die wichtigsten Fragen über das Land zu bearbeiten. Den Artikel habe ich nun noch einmal aktualisiert und verbessert, er beginnt nach einer letzten kleinen Frage zum Volkskongress:

Was ist denn nun vom diesjährigen Kongress zu erwarten?

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Präsident Xi Jinping seine Macht weiter stärken, indem er weitere seiner Günstlinge in der Hierarchie noch oben klettern lässt. Und damit würde er sich auch die Fortsetzung seiner politischen Strategien sichern.

Welche sind das?

Das würde ich dir gerne in dem angesprochenen Artikel erklären, der genau jetzt beginnt:

Und zwar in Großbritannien. Mit zwei Skeletten und einem Güterzug im Januar 2017. Der Güterzug ist in Barking, einem Bahnhof ganz im Osten von London eingetroffen. Gemächlich wie ein Eisberg schob sich der Stahlkoloss durch ein weißes Transparent, das über die Schienen gespannt war und auf dem stand: „Erster Güterzug von China nach Großbritannien. Von Yiwu nach London. Januar 2017.“

Es regnete Konfetti, als das Banner an den Puffern der Lokomotive zerriss, die Kameras der Pressefotografen klickten, und ein roter Papierdrachen mit vier Männerbeinen tanzte entlang des kalten Bahnsteiges, während der Zug leise quietschend ausrollte. 18 Tage lang war er unterwegs gewesen, reiste durch sieben Länder und legte dabei mehr als 12.000 Kilometer zurück, was die Verbindung Yiwu - London zur längsten Eisenbahnstrecke der Welt macht.

Gut, soweit sind das erstmal nur Details für Eisenbahnromantiker, und du fragst dich vielleicht, warum ich dir das erzähle. Die Zeit, in der neue Bahnverbindungen Geschichte schrieben, ist doch schon seit ein paar Wochenschauen vorbei, oder? Gut, dass du fragst. Das führt mich direkt zu den beiden Skeletten.

Wieso jetzt Skelette?

Vergangenes Jahr fanden Archäologen in einer römischen Begräbnisstätte in London das Knochengerüst zweier Männer, die vor rund 2.200 Jahren von China nach England - damals Randprovinz des Römischen Reiches - gekommen sein müssen, wie osteologische Analysen vermuten lassen. Wenn sich die genetische Herkunft der beiden Männer bestätigt, wäre das eine kleine Sensation. Denn bisher gab es keinen Beweis dafür, dass jemals ein Chinese einen „Römer“ besucht hat oder andersherum.

Es ist zwar bekannt, dass es regen Handel zwischen den Imperien gab. Allerdings fand dieser über Zwischenhändler statt, die im heutigen Afghanistan, in Indien und dem Iran lebten, entlang den verschiedenen Routen der später Seidenstraße genannten Handelskorridore.

Diese Zwischenhändler verdienten sehr gut am Handel und hatten dementsprechend kein Interesse daran, dass Römer und Chinesen direkt miteinander Geschäfte machten - so ungefähr dasselbe Prinzip, nachdem Amazon heute handelt. Nur dass Amazon keine Briefträger umbringt.

Der andere Grund, warum Römer und Chinesen - und danach komme ich auch wieder zurück in die Gegenwart - nur sehr wenig übereinander wussten, war vermutlich, dass die Europäer für die kulturell, technologisch, militärisch und verwaltungstechnisch überlegenen Herrscher aus dem Reich der Mitte auch nicht sonderlich interessant waren.

Warum das denn?

Die Römer kauften sündhaft teure Luxusartikel wie Seide und Glas aus China - hatten aber außer Gold kaum etwas zu bieten, das die Chinesen ihrerseits importieren wollten. Plinius der Ältere beklagte im Jahr 84, dass dem Römischen Reich dadurch jedes Jahr „niedrig geschätzt“ 100 Millionen Sesterzen verlorengehen.

Heute nennt man so etwas Handelsüberschuss. Und dieser - natürlich neben einer Vielzahl anderer Gründe - trug seinen Teil zum Untergang des Römischen Reiches bei.

Großbritannien stand im 18. Jahrhundert - okay, noch nicht ganz zurück in der Gegenwart, aber wir sind gleich wieder da - vor dem gleichen Problem wie Rom. Die Kolonialmacht importierte Tee aus China in so großen Mengen, dass ihr allmählich das Silber ausging, um ihn zu bezahlen. Die Engländer waren auf einmal alle verrückt nach Tee, aber das Königreich hatte einfach nichts, wonach die Chinesen verrückt waren. So entstand wieder ein gigantischer Handelsüberschuss, und auch dieser trug zum Ende eines Imperiums bei. Allerdings war es in diesem Fall China, das den Kürzeren zog.

Wie hat Großbritannien das geschafft?

Die Briten haben einen ganz miesen Trick aus dem Hut gezaubert: Als sie Indien eroberten, fanden sie etwas, was sie im großen Stil nach China verkaufen konnten. Etwas, dessen Nachfrage immer weiter steigen würde und das die Chinesen tatsächlich verrückt machen würde: Opium.

Opium war in China seit Jahrhunderten bekannt, wurde als Medizin eingesetzt, auch als Rauschmittel und Aphrodisiakum - beides aber nur in kleinem Stile beziehungsweise im höfischen Kreis. Opium war kein Problem. Bis die Briten den Markt damit überschwemmten und das Reich in den Rausch stürzten.

Mitte des 19. Jahrhunderts importierte China rund 4500 Tonnen Opium - das entspricht der weltweiten Jahresproduktion der Droge im Jahr 2000 - und dabei ist noch nicht mal das Opium gezählt, dass die Chinesen nun auch in Mengen selbst anbauten.

Am Ende war das Land voller Süchtiger und Wahnsinniger, Großbritannien eroberte in den beiden „Opiumkriegen“ unter anderem Hongkong und ermächtigte sich selbst dazu, beliebig in China Handel treiben zu dürfen - was bis dahin unmöglich war. Es war das Ende des mehr als 2.100-jährigen Kaiserreiches und der Beginn des Abstiegs der Weltmacht China zu einer unbedeutenden Regionalmacht.

Es wurde ein Totalabsturz nach Massensucht und einem Jahrhundert voller Kriege, an deren Ende Mao Tse-tung das Land in einer kommunistischen Volksrepublik wieder vereinte, selbst aber weiter Katastrophen arrangierte. Während Maos Amtszeit starben zwischen 40 und 70 Millionen Menschen an Hunger oder durch politische Verfolgung. Was zum Beispiel in Großbritannien gar niemand mitbekam, so abgeriegelt und isoliert war China in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

1980, vier Jahre nach Maos Tod, entsprach Chinas Wirtschaftsleistung gerade mal noch der der Niederlande. Und die sind 230-mal kleiner. China hatte 1980 mehr als viermal so viele Einwohner wie die USA, die ungefähr gleich groß ist - aber gerade mal sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes der USA. Gerade mal sechs Prozent der Exporte der USA und ein Sechstel der Devisen.

Aber nur eine Generation später - und jetzt sind wir endlich in der Gegenwart angekommen - ist Chinas Bruttoinlandsprodukt bereits wieder größer als das der USA. China exportiert heute mehr Waren als die USA oder jedes andere Land der Welt. Heute wächst Chinas Wirtschaft jedes Jahr um die Größe der gesamten Wirtschaftsproduktion der Niederlande. Und binnen einer Generation ist erneut ein enormer Handelsüberschuss entstanden. China besitzt derzeit etwa 28-mal so viele Devisen wie die USA.

Und in London kommt der erste Direktzug aus China an.

Was ist denn nun so wichtig an diesem Zug?

Isoliert betrachtet ist das natürlich kein großes Ding. Aber der Zug gehört zu einem größeren Plan. China lässt die alte Seidenstraße wiederaufleben, die vom 2. Jahrhundert vor Christus bis zum 13. Jahrhundert der bedeutendste Handelsweg der Welt war. London ist die 15. Direktverbindung zwischen China und Europa, die innerhalb weniger Jahre geschaffen wurde, Prag, Madrid, Rotterdam gehören zum Beispiel noch dazu, und in Deutschland Duisburg und Hamburg.

Und wenn das schon nach einem großen Plan klingt, dann vergiss bitte nicht, dass Großbritannien zwar nur noch sehr wenig mit der Kolonialmacht von vor 250 Jahren zu tun hat, und Rom noch weniger mit dem Imperium von vor 1.800 Jahren - China aber noch sehr sehr viel mit dem Kaiserreich, das 2.100 Jahre lang Weltmacht war.

Und der heutige Präsident Xi Jinping hat es zur Staatsräson gemacht und mit einer riesigen Propagandakampagne verknüpft, dass die Volksrepublik in einer historischen Kontinuität mit genau dieser großen Geschichte steht. Er nennt es „China Dream“. Dementsprechend groß sind die Ambitionen.

Um was geht es bei der neuen Seidenstraße?

Der Plan für die neue Seidenstraße, den Xi Jinping 2013 vorstellte, umfasst Investitionen von umgerechnet mehr als eine Billion Euro. Es ist wahrscheinlich das größte zusammenhängende Infrastrukturprojekt, das diese Welt je gesehen hat.

Es geht um sechs Handelskorridore zu Wasser, an Land und über Berge. Es geht um Häfen, Eisenbahnschienen, Straßen, Öl- und Gaspipelines. Sie werden durch 64 Länder auf vier Kontinenten führen, durch Russland, durch Iran, durch Pakistan, durch die Türkei und einmal quer durch Afrika. Und du glaubst nicht, wie viel davon in den nicht mal vier Jahren bereits entstanden ist! (Die FAZ hat dazu eine tolle Grafik.)

Womit ich wieder am Anfang wäre. Bei unseren zwei Skeletten aus London. Denn vor etwa zweieinhalbtausend Jahren dürfte man sich in der unbedeutenden Provinz am Rand des römischen Reiches genauso unschlüssig gefragt haben wie im heutigen, geschrumpften und globalisierungskritischen Großbritannien: Was wollen die Chinesen? Was könnte unser Vorteil für den Handel mit ihnen sein? Was sind die Gefahren?

Wie verändert der wachsende Einfluss des bevölkerungsreichsten Landes der Welt den Rest der Welt?

Ich war vergangenes Jahr drei Monate lang in China und Hongkong unterwegs, um mich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Für Krautreporter habe ich ein Tourtagebuch geführt, in 18 Beiträgen von dieser Reise berichtet, und habe euch am Ende dazu aufgerufen, mir eure Fragen zu China zu schicken.

Nach dieser kurzen Einführung will ich direkt zur Beantwortung dieser Fragen übergehen. Auf das Projekt Seidenstraße, auch “One Belt, One Road” genannt, werden wir dabei noch öfter zu sprechen kommen.

„Wird China den Aufstieg vom Schwellenland zur Industrie- und Dienstleistungsnation schaffen? Falls ja, in welchem Zeitraum?“ – fragt Leser Axel.

Der erste direkte Güterzug aus China, der im Januar in London ankam, hatte Waren im Wert von rund vier Millionen Euro dabei. Das klingt erstmal viel. Aber verteilt auf 34 Überseecontainer ist das relativ wenig. Auch was der Zug transportierte, hat wenig von der Anziehungskraft und der konkurrenzlosen Qualität, die Seide, Glas, Porzellan, Tee und Papier – die historischen Markenprodukte Chinas – besaßen.

Der London-Zug war in Yiwu, ganz im Westen Chinas, gestartet, und die Stadt steht für den billigen Ramsch, den man mit Chinas Wirtschaft oft verbindet: Hier werden zum Beispiel 60 Prozent des weltweit verkauften Weihnachtskitsches hergestellt. Aber Chinas Wirtschaft wächst und wandelt sich in unfassbarer Geschwindigkeit und mit riesigen staatlichen Subventionen.

Ich will das am Beispiel von Apple erklären, der teuersten Marke der Welt.

Die taiwanesische Firma Foxconn stellt heute für die amerikanische Firma Apple in China rund 500.000 iPhones her - jeden Tag. Mehr als die Hälfte aller iPhones auf der Welt wurden hier zusammengebaut. Laut einer Recherche der New York Times sind öffentliche Gelder im Wert von mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar in den Bau der Fabrik in Zhengzhou, der Arbeiterunterkünfte und der Infrastruktur geflossen. Foxconn und damit indirekt auch Apple erhalten zudem Steuervergünstigungen.

Apple hatte sich lang gesträubt, die Produktion nach China auszulagern, wie es Dell, IBM, Hewlett-Packard, Compaq und andere bereits in den 1980er-Jahren taten. Als Resultat stand Apple Ende der 90er-Jahre kurz vor der Pleite.

Dann kehrte Apple-Gründer Steve Jobs zurück, entwickelte neue Produkte wie den iPod und das iPhone und ließ in China produzieren, wo Foxconn durch seine Verbindungen zur Regierung Megafabriken und Unterkünfte für Hunderttausende Arbeiter aus dem Boden stampfen lassen konnte - und das nicht binnen weniger Jahre, sondern innerhalb von Monaten!

Heute ist Apple, wie gesagt, die teuerste Marke der Welt! Ich bin echt sparsam mit Ausrufezeichen, aber hier kann ich es mir nicht verkneifen. In dieser Geschwindigkeit und zu diesen Preisen ist das derzeit nirgendwo anders denkbar. Wobei die Betonung auf „derzeit“ liegt, wie gleich noch zu sehen sein wird.

Was bleibt denn von Apples Erfolg in der Region hängen?

Der märchenhafte Aufstieg von Apple ist keineswegs eine außergewöhnliche Geschichte. Schaut euch unbedingt mal die hier verlinkten Fotos aus der Städte-Serie von The Guardian an. Sie zeigt in Vorher-Nachher-Bildern, wie sich die Metropolen am Perlfluss, im Südwesten Chinas, entwickelt haben: Shenzhen, Macau, Hongkong, Guangzhou. Zusammen mit einigen weiteren Metropolen sind sie heute die größte urbane Region der Welt, auf einer Fläche so groß wie Baden-Württemberg leben hier mehr als 100 Millionen Menschen.

Am eindrucksvollsten und sinnbildlichsten ist die Entwicklung von Shenzhen. Hier wurde 1979 - übrigens unter Leitung von Präsident Xi Jinpings Vater - die erste Sonderwirtschaftszone Chinas eingerichtet. Das erste Experiment mit Kapitalismus und Privatwirtschaft.

Damals hatte Shenzen 30.000 Einwohner. Heute sind es bis zu 15 Millionen. 2004 wurde die erste Metro gebaut. Heute hat sie 131 Stationen. Der Grenzübergang zu Hongkong ist mittlerweile die meistfrequentierte Grenze der Welt.

Neben billigen Arbeitskräften für internationale Konzerne, haben hier auch schnell die Innovativsten der Branche ihre Heimat gefunden. Shenzhen gilt heute als Silicon Valley Chinas. Start-ups, nicht Staatskonzerne, prägen hier die Entwicklung.

Apple verkauft derzeit in China mehr Smartphones als in den USA. Und dabei ist Apple nur noch der fünftgrößte Anbieter auf dem lokalen Smartphone-Markt, mit einem Marktanteil von rund 11 Prozent im vergangenen Jahr, hinter vier chinesischen Marken, mit Huawei an der Spitze.

China ist in diesen Tagen das Land mit den meisten Internetnutzern der Welt, ist bereits jetzt der größte Markt für Onlinehandel (mit dem chinesischen Startup Alibaba als größtem Onlinehändler der Welt) und hat die meisten Smartphone-Besitzer: knapp 700 Millionen.

Nirgendwo auf der Welt bezahlen bereits so viele Menschen per Handy-App statt mit Bargeld oder Kreditkarte - und das alles gilt nicht nur für die Metropolen und Großstädte, sondern gerade auch für die ländlichen Regionen.

Chinas Entwicklung von einer produzierenden und exportorientierten Gesellschaft hin zu einer konsumierenden, von Dienstleistungen geprägten Gesellschaft ist also bereits in vollem Gange.
Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von China - wenn auch regional wie horizontal höchst ungleich verteilt - ist längst auf einem vergleichbaren Niveau von EU-Staaten wie Rumänien oder Bulgarien, bei denen sich auch niemand ernsthaft fragen würde, ob das Schwellenländer sind.

Gemäß der zynischen Logik der Globalisierung ist auch das ein Indikator für die Entwicklung Chinas: Laut einem Bloomberg-Bericht plant Apple seine nächste Produktionsstätte in Indien, wo es inzwischen ein bisschen billiger sein könnte, falls die dortige Regierung noch mehr Subventionen auf den Tisch packt. Sein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum baut Apple hingegen in Shenzhen - es ist das zweite in China.

Was tut denn die chinesische Regierung, um die Konjunktur anzukurbeln?

Die Nachfrage nach neuen, teureren Produkten soll vor allem durch drei Mittel gesteigert werden: Urbanisierung, die neue Seidenstraße und Investitionen in Schwellenländer (dazu später mehr).

Seit Jahren wird enormer Druck auf die Bevölkerung der ländlichen Regionen ausgeübt, damit sie in die Städte zieht. Das geschieht durch Propaganda in Schulen, an Arbeitsplätzen, in sozialen Netzwerken und mittels Werbung („China Dream“), aber auch durch Enteignungen. Denn Bauern verdienen nicht genug Geld und entsprechend konsumieren sie auch nicht genug.

Die Urbanisierung in China ist die derzeit größte Migrationsbewegung der Welt. Sie soll Absatzmärkte im Inneren erschließen. Die neue Seidenstraße soll es im Ausland tun. Aber natürlich spielen auch die Kontrolle des Infrastrukturnetzes und die Reduzierung von Transportkosten eine Rolle.

Eine Eisenbahnverbindung klingt zwar erstmal nicht besonders innovativ, aber der Zug von Yiwu nach London braucht nur etwa halb so lang wie ein Containerschiff und ist nur etwa 30 Prozent so teuer wie der Transport mittels Flugzeug.

Und das bedeutet, dass im Ramsch-Paradies Yiwu schon in wenigen Jahren nicht mehr Plastikweihnachtsbäumchen, Lametta und Kugelschreiber, sondern die neueste Generation Tablet-PCs oder Smartphones montiert werden könnten, oder Hologramm-Projektoren oder was auch immer die populärste Unterhaltungselektronik der nahen Zukunft ist.

Und was bedeutet das für die europäischen Städte der neuen Seidenstraße?

Die meisten Experten vermuten, dass die Züge, die in London, Duisburg und Hamburg ankommen, in Zukunft immer mehr und wertvollere Waren transportieren werden. Vom steigenden Umsatz profitieren die lokalen Logistiker und Dienstleister. Denn China ist mittlerweile auch der größte Markt für Luxusgüter. Wie viele iPhones und wie viele Aston Martin passen in 34 Güterzugcontainer? Ihr Wert dürfte ein Vielfaches von vier Millionen Euro sein.

„Wieso hat sich China nie wie eine ähnliche Großmacht à la USA oder Russland verhalten und versucht, mit Hilfe von Geheimdiensten, Militär oder auch politischer Macht, die Welt nach ihrem Gusto zu wandeln? Oder nimmt China schon längst Einfluss, nur in Regionen, wo wir es nicht mitkriegen?“ – fragt „Liquidator“

Alibaba-Gründer Jack Ma hat kürzlich beim Weltwirtschaftsforum in Davos, kurz vor der Vereidigung Donald Trumps, eine Aussage gemacht, die vielen Amerikanern richtig wehgetan haben dürfte.

Ma sagte: „In den vergangenen 30 Jahren (haben die USA) in 13 Kriegen 14,2 Billionen Dollar ausgegeben. Egal, wie gut die eigene Strategie ist, man sollte mehr Geld für die eigenen Menschen ausgeben (...) Das Geld geht an die Wall Street. Was passiert dann? Das Jahr 2008. Die Finanzkrise eliminierte 19,2 Billionen Dollar an US-Einnahmen... Was, wenn das Geld stattdessen im mittleren Westen des Landes investiert (worden wäre), um die Industrie dort voranzutreiben?“

Die Aussage ist stark zugespitzt, die genannten Zahlen sind wie viele Statistiken diskutabel, im Kern ist es aber eine zutreffende Analyse.

Wie sieht denn Chinas Kriegsbilanz im gleichen Zeitraum aus?

China hat seit dem Vietnam-Krieg 1979 keine direkten militärischen Auseinandersetzungen im Ausland mehr geführt. Dennoch ist die chinesische Armee mit rund 2,3 Millionen Soldaten die mit Abstand größte der Welt.

Wie mächtig ist Chinas Armee?

Die Volksbefreiungsarmee war lange lediglich ein Relikt aus Maos Zeiten: ein riesiges Heer mit mieser Ausrüstung und einer unterentwickelten Marine und Luftwaffe. Immerhin ging es dem Militär aber noch besser als den Geheimdiensten, die Mao aus Misstrauen weitestgehend abgeschafft hatte.

In den vergangenen zehn Jahren allerdings hat Peking seine Rüstungsausgaben mehr als verdoppelt und seine Armee, ähnlich wie Russland unter Putin, umfassend modernisiert und reformiert. Präsident Xi Jinping ist gleichzeitig Vorsitzender der Zentralen Militärkommission, und zu seinen wichtigsten Reformen gehören die strategische und technologische Aufwertung von Luftwaffe und Marine - die beiden Teilstreitkräfte, die in der modernen Kriegsführung die mit Abstand wichtigsten Rollen einnehmen, und denen auch der Großteil der Budget-Erhöhungen zugutegekommen ist.

Wird Chinas Armee mächtiger als die der USA?

Mit jährlich rund 600 Milliarden US-Dollar haben die USA zuletzt immer noch fast dreimal so viel für ihr Militär ausgegeben als China - obwohl die USA rund 900.000 Soldaten und eine Milliarde (!) Einwohner weniger haben.

Wie wird sich die Aufrüstung der Armee Chinas auswirken?

Der Umbau der chinesischen Armee, der bis 2020 abgeschlossen sein soll, wird das derzeitige militärische Kräfte(un)gleichgewicht ganz erheblich zugunsten Chinas verschieben und damit auch seine geostrategische Macht erhöhen. Welche Folgen das hat und wie aggressiv China diese neuen Trümpfe einzusetzen gedenkt, ist schwer abzuschätzen.

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, der ja bekanntlich angekündigt hatte, sich aus der Pazifikregion zurückziehen zu wollen, dürfte diese Entwicklung aber noch beschleunigen, beschreibt James Palmer in einer guten Analyse für Foreign Policy. Vor allem bei den chinesischen Erzrivalen in Japan und Taiwan verfolgt man das mit einigem Nervenflattern.

Wie wahrscheinlich ist es, dass China Krieg führt?

Ohne zu viel spekulieren zu wollen, kann man sicherlich sagen: Ein Grund zum Jubeln ist Chinas Aufrüsten nicht. Graham Allison beschreibt in seinem Artikel Die Thukydides-Falle für The Atlantic, wie häufig in der Geschichte der Moderne eine aufstrebende Weltmacht mit der dominierenden Weltmacht Krieg geführt hat: in deprimierenden zwölf von 16 Fällen.

Wie oft kam es zum Krieg zwischen einer aufstrebenden Weltmacht mit einer dominierenden? Vergleichsstudie des Harvard Belfer Center for Science and International Affairs.

Quelle: The Atlantic, siehe Link zum Artikel.

Eine Entwicklung, die vielen Beobachtern Sorge macht, ist zum Beispiel der stetig eskalierende Streit um mehrere Inselgruppen im Chinesischen Meer.

Worum geht es bei dem Konflikt im Chinesischen Meer?

Die betreffenden Inseln sind wenig mehr als unbewohnte Felshaufen. Allerdings werden in dem Seegebiet wertvolle Rohstoffe wie Gas und Öl vermutet, zudem geht es um Fischbestände und vor allem um die Kontrolle der Schifffahrtsstraßen auf einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt und hier vor allem wohl um das Recht der amerikanischen Streitkräfte, diese nutzen zu dürfen. Denn, du ahnst es vielleicht schon, auch dieser Seeweg ist Teil des großen Masterplanes Neue Seidenstraße.

China beansprucht 80 Prozent des Hoheitsgebietes, das sich im Moment Taiwan, Japan, die Philippinen und weitere asiatische Staaten teilen. Ein internationales Schiedsgericht in Den Haag hat im Juni 2016 geurteilt, dass China keinen rechtlichen Anspruch darauf hat.

Die Chinesen halten sich aber nicht daran und schaffen derweil Fakten, indem sie künstliche Inseln aufschütten und zu Militärbasen ausbauen. Diese sind bereits ziemlich gut bestückt mit modernstem Kriegsgerät. Und untermalt wird das Ganze noch mit viel militärischem Krach, zum Beispiel gemeinsamen Manövern mit Russland in dem umstrittenen Gebiet. Außerdem provoziert die chinesische Küstenwache immer wieder Scharmützel, indem sie in die Hoheitsgebiete anderer Staaten eindringt und ab und zu mal ein japanisches oder taiwanesisches Fischerboot beschießt.

„Wie rechtfertigt China sein ‚imperialistisches‘ Verhalten, war es doch selbst Opfer so einer Politik und hat sie über Jahrzehnte kritisiert?“ – fragte mich ein Leser, der sich „sjkw“ nennt.

China leitet seine Ansprüche im Chinesischen Meer historisch ab. Diese gehen zurück auf jene Zeit, in der sich unsere beiden zukünftigen Skelette vom Anfang dieses Textes auf den Weg nach Good Old Britannia gemacht haben dürften: „Seit mehr als 2.000 Jahren ist China im Südchinesischen Meer aktiv. China war das erste Land, welches das Gebiet entdeckt, benannt und sich erschlossen hat. Und es war das erste Land, das Ansprüche in diesem Gebiet geltend gemacht hat“, heißt es in dem Positionspapier, das in Den Haag vorgelegt wurde, wie der Spiegel in einem Hintergrundstück erklärt.

Auf die gleiche Weise argumentiert China übrigens auch in den Fällen Tibet, Taiwan und Hongkong. Insgesamt darf man aber nicht erwarten, dass Chinas Regierung sich angehoben fühlt, sich vor irgendjemandem zu rechtfertigen. Zu den neuen Inseln erklärte Peking kurzerhand, man werde das Gebiet in ein „Meer der Freude verwandeln“.

Setzt China eher auf Handel oder auf sein Militär?

Bei seinem Comeback als Weltmacht steht der Ausbau der internationalen Handelsbeziehungen und die Erschließung von Märkten im Ausland offensichtlich deutlich stärker im Fokus der Chinesen als militärische Überlegenheit.

Was aber auch nicht weniger kontrovers ist, wie ich an zwei Beispielen zeigen möchte. Dafür kehren wir noch ein letztes Mal zurück auf die neue Seidenstraße, und zwar nach Pakistan. Und danach widmen wir uns dem umstrittensten Feld chinesischen Investments: Afrika.

Zunächst aber Pakistan. Auch durchaus kontrovers, denn ohne Gefahr zu laufen, zu sehr zu übertreiben, kann man sagen, dass China in Pakistan gerade die gefährlichste Baustelle der Welt betreibt: Für 46 Milliarden US-Dollar entsteht dort gerade ein 3.000 Kilometer langes Netzwerk von Straßen und Eisenbahnlinien.

Was wollen die Chinesen in Pakistan?

Der Bau führt von der pakistanisch-chinesischen Grenze im Norden ans Arabische Meer ganz im Süden. Ziel ist die Hafenstadt Gwadar. Durch die Route soll sich die Transportzeit für Waren aus China Richtung Nahen Osten drastisch reduzieren. Und dadurch können Chinas Exporteure vor allem auch die Seestraße von Malakka umgehen, ein Nadelöhr, durch das sich heute bereits bis zu 25 Prozent des weltweiten Schiffsverkehrs zwängen muss.

Bis es soweit ist, muss aber unter anderem durch das Himalaya-Gebirge und die besetzten Regionen Belutschistan und Kaschmir gebaut werden, die mal Indien gehörten, mit dem China in den 60er-Jahren ja auch schon mal Krieg führte wegen Tibet.

Eine Menge Konfliktpotenzial also zwischen den drei Atommächten. Dagegen war Stuttgart 21 ein Gang zum Späti. 10.000 Soldaten bewachen den Bau, der 2013 begann und der die schlimmsten Gefechte zwischen indischen und pakistanischen Truppen seit 1999 anheizte.

Die Vorteile für China sind klar: Die Handelswege werden schneller und außerdem werden die Bauarbeiten zu einem großen Teil von chinesischen Firmen und chinesischen Arbeitern umgesetzt.

Aber was hat Pakistan davon?

Vor allem die Entwicklung der eigenen Infrastruktur, denn die Straßen und Eisenbahnlinien stehen ja auch den lokalen Unternehmen zur Verfügung, und noch wichtiger ist die Elektrizität, die die Chinesen mitliefern. 35 der 46 Milliarden US-Dollar fließen in die Entwicklung des Energiesektors, in Wind- und Solaranlagen sowie Kohlekraftwerke.

Stromausfälle sind nach wie vor eines der größten Hindernisse für das Wachstum der lokalen Wirtschaft. Zudem entstehen unter anderem im Dienstleistungssektor ebenfalls eine Menge neuer Jobs durch die Entwicklung des Handels und des Hafens von Gwadar.

Nicht zuletzt stärkt das Mammutprojekt auch die historischen diplomatischen Beziehungen der beiden Länder, womit man dem aufstrebenden Indien ein Schnippchen schlägt. Insgesamt gibt es also wenig Zweifel daran, dass Chinas Investitionen in Pakistan zu beiderseitigem Nutzen sind.

Ganz anders sieht es da beim Engagement in Afrika aus, oder?

Hier gibt es zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen:

  • Die einen sagen: China steckt vor allem den Diktatoren in rohstoffreichen Ländern Afrikas Millionen in die Taschen, um im Gegenzug die ganzen wertvollen Brennstoffe und Mineralien und Gold und Diamanten aus dem Land zu schaffen. Oder China schnappt sich Verträge für den Bau von völlig überdimensionierten Straßen, Häfen, Eisenbahnlinien, Stadien, ganzen Städten und so weiter, die dann von chinesischen Arbeitern chinesischer Firmen in die Wüste gesetzt werden, wo sie dann nutzlos rumstehen. In beiden Fällen sind die Diktatoren noch mächtiger und korrupter, die Armut im Land noch größer, was dann wiederum soziale Unruhen vergrößert. Und die Chinesen haben beim Thema Handelsüberschuss mal wieder ein paar hundert Millionen Sesterzen gut gemacht.
  • Die anderen sagen: China leistet schon längst mehr humanitäre Hilfe in Afrika als die USA oder Europa. China baut Schulen, Wohnungen und Sportstadien, entwickelt die Infrastruktur - von Straßen über Strom bis Kommunikation -, erlässt Schulden und schickt Entwicklungshelfer in die Wüste, die den Afrikanern moderne landwirtschaftliche Methoden lehren, durch die sich Wasser- und Nahrungsmittelmangel auf nachhaltige Weise beheben lassen. Außerdem bauen sie Fabriken, in denen weltweit konkurrenzfähige Produkte die lokale Wirtschaft aufleben lassen und damit auch den Dienstleistungssektor entwickeln. Das einzige Ziel, das China bei dieser ganzen super vorbildlichen Hilfe-zur-Selbsthilfe-Aktion verfolgt ist, einen potenziellen Absatzmarkt für die eigenen Waren zu erschließen, die sich die nun liquiden Afrikaner leisten können.

Ist China also in Afrika als Heuschrecke oder als Samariter unterwegs?

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Genauer gesagt: Für einige afrikanische Staaten ist China eher Fluch (zum Beispiel Ghana, Sambia und Angola), für andere eher Segen (Südafrika, Algerien, Nigeria). In jedem Fall sind alle Zahlen und Theorien, die im Umlauf sind, mit sehr viel Vorsicht zu genießen, weil sie oft von regionalen Erfahrungen auf das Afrika-Engagement Chinas insgesamt Rückschlüsse ziehen. Zwei differenzierte Analysen mit weiterführenden Links findest du hier und hier, einen Podcast hier und eine besonders hübsche Grafik zum Thema hat die South China Morning Post.

Bemerkenswert in beiden Fällen ist jedenfalls, dass China im Gegensatz zu den USA oder Europa seine Investitionen - seien es nun Kredite, Entwicklungshilfe, Wirtschafts- oder Handelsverträge - nicht, zumindest nicht erkennbar, an politische Forderungen oder demokratische Werte knüpft.

Was mich direkt in die letzte, vielleicht spannendste, Frage für diesen Artikel investieren lässt:

„China scheint ja gerade recht nationalistisch zu werden. Gibt es auch Gegenbewegungen dazu? Wenn ja, wie viele Menschen unterstützen sie? Welche Rolle spielt sie im Land?“ - fragt Rico.

Nationalismus ist ein relativ neues Phänomen in Europa und den USA. Was einfach daran liegt, dass das Konzept des Nationalstaates hier erst Ende des 18. Jahrhunderts durch die Französische Revolution und den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Fuß fasste.

Der Nationalismus in China hat hingegen seine Wurzeln während der Zhou-Dynastie vor rund 3.000 Jahren geschlagen und ist durch Konfuzius vor 2.500 Jahren kanonisiert worden.

In der ersten Version dieses Artikels habe ich behauptet, dass ein Chinese, der vor 2000 Jahren lebte, sich theoretisch sogar mit einem heute lebenden Chinesen verständigen könnte. Soweit geht die sprachliche Kontinuität aber dann doch nicht. Danke für den Hinweis von Krautreporter-Leser und Sinologie-Student Jonas Schmid aus Tübingen!

Diese ungebrochene kulturelle Kontinuität macht es relativ schwer, über ein Konzept wie Nationalismus zu urteilen, das für uns etwas ganz anderes bedeutet. Im Prinzip sind alle Chinesen extreme Nationalisten. Aber im Gegensatz zu unseren extremen Nationalisten haben sie die Geschichte hinter sich, und nicht die Zukunft.

Der Eindruck, dass China in den vergangenen Jahren nationalistischer geworden ist, liegt vor allem daran, dass man sich in Peking wieder viel öfter auf die Geschichte beruft. Xi Jinping ist zum Beispiel der erste Präsident der Volksrepublik, der zu Ehren des Geburtstages von Konfuzius die Grabstätte des Philosophen besuchte, dessen Lehren praktisch die Staatsreligion Chinas gewesen sind, bis Mao Tse-tung den Konfuzianismus für erledigt erklärt hat.

Mao wollte alles neu machen und machte vor allem alles kaputt, was alt war. Diese Uhr wird nun zurückgedreht. Auch wenn Konfuzius Heimatstadt Qufu heute ein bisschen nach Disneyland aussieht - Xi Jinpings Philosophie, dass alles Alte wieder neu ist, ist einer der wichtigsten Gründe für die enorme Popularität des aktuellen Präsidenten.

Warum ist Konfuzius auf einmal so wichtig für Xi?

Manche Analysten deuten das als einen Hinweis auf diktatorische Ambitionen Xis, der bereits so viel Macht und Ämter in seinen Händen versammelt hat, wie keiner seiner Vorgänger. Ein unanfechtbarer Herrscher, der sein Mandat vom Himmel erhalten hat, ganz wie zu Konfuzius Zeiten? Xi wäre sicherlich nicht unglücklich über dieses Amtsverständnis.

Es gehört zu den großen Widersprüchen Chinas, dass auch Maos Beliebtheit heute wieder Rekordmaße annimmt. Obwohl die drei wichtigsten politischen Projekte des Diktators, die Landreform, die Kulturrevolution und die „Großer Sprung nach vorn“ genannten Wirtschaftsreformen zwischen 40 und 70 Millionen Menschen das Leben gekostet haben und von Maos politischer Lehre eigentlich nichts übriggeblieben ist, wird er verehrt wie ein Heiliger. Rund 200 Millionen Chinesen pilgern jährlich in Maos Geburtsort Shaoshan.

Gibt es denn auch Regierungskritiker?

Als größte regierungskritische Bewegung gilt nicht etwa eine pro-demokratische Gruppe oder Strömung, sondern Neo-Maoisten, denen Xis Kurs zu kapitalistisch, zu westlich und zu wenig maoistisch ist.

Da es sich dabei um eine Untergrundbewegung handelt, ist ihre Größe schwer zu schätzen. Laut der Financial Times haben sie aber ein Potenzial von mehreren Hundert Millionen Wählern. Vorausgesetzt natürlich, es gäbe freie Wahlen. Was wiederum ein Widerspruch in sich ist.

Warum ist die chinesische Regierung so beliebt im eigenen Land?

Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe:

  • Die kontinuierlich positive wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen 35 Jahre hat spür- und sichtbar zu mehr Wohlstand geführt.
  • Der angesprochene Nationalismus und eine Kultur der Unangreifbarkeit der herrschenden Klasse – der kommunistische Parteiapparat funktioniert nicht viel anders als das aristokratische System des Kaiserreiches. Ein Emporkömmling wie Donald Trump könnte es in China nie zum Präsidenten schaffen, dementsprechend viel Spott ergießt sich derzeit auch in den chinesischen sozialen Netzwerken über die USA, nach dem Motto: Das habt ihr nun von eurer Demokratie!
  • Ein perfektioniertes System der Propaganda und Kontrolle, durch das unliebsame Kritik entweder unsichtbar oder unschädlich gemacht wird, ohne repressiv zu wirken. Es gibt durchaus eine aktive Zivilgesellschaft, die vor allem auf lokaler Ebene gegen politische Entscheidungen protestiert, und die meisten Menschen haben zu keiner Zeit das Gefühl, in einer Diktatur zu leben.

Der emeritierte Oxford-Professor Stein Ringen bezeichnet China deshalb als „Die perfekte Diktatur“.

Was meint er damit?

Das ist ein riesiges Thema. Ich will es kurz am Beispiel der Internet-Zensur skizzieren: Ab Mitte der 90er-Jahre hat die chinesische Regierung verschiedene Maßnahmen entwickelt, die als die Große Firewall bezeichnet werden.

Die IP-Adressen westlicher sozialer Medien wie Facebook oder Twitter, Suchmaschinen wie Google oder Yahoo, journalistische Inhalte wie die der New York Times und des Wall Street Journal sowie Wikipedia sind blockiert, ebenso diverse Suchanfragen, zum Beispiel alles rund um das Massaker auf dem Tianmen-Platz 1989. Aber die Blockade einzelner Webseiten ist längst nicht alles. Und vor allem hat die Mehrheit der Chinesen kein Problem mit der Internet-Zensur.

Wie funktioniert die Große Firewall?

Während meiner dreimonatigen Reise durch China konnte ich die Blockierung der genannten Webseiten ganz einfach umgehen, indem ich ein VPN benutzt habe, eine einfache App, die meine IP-Adresse umgeleitet hat. Dadurch konnte ich problemlos googlen und auf Facebook rumgammeln.

Also könnte das auch jeder Chinese tun?

Theoretisch ja. Erwischt zu werden, kann aber drakonische Strafen zur Folge haben. Außerdem macht es die Internetverbindung langsamer, und vor allem wäre man ziemlich allein im Netz unterwegs.

Wieso?

Die Chinesen haben ihre eigenen sozialen Medien und Suchmaschinen, und diese sind teilweise sogar spannender und weiterentwickelter. An der Spitze steht die App WeChat, die alle Funktionen von Facebook hat, aber eben noch viel mehr.

Man kann damit zum Beispiel im Supermarkt bezahlen, ein Taxi bestellen, im Restaurant mit seinen Freunden die Rechnung teilen oder Überweisungen tätigen. So gut wie jeder der knapp 700 Millionen Smartphone-Besitzer in China nutzt WeChat.

Wie wird das Internet noch kontrolliert?

Laut einer aktuellen Harvard-Studie arbeiten im Auftrag der chinesischen Regierung rund zwei Millionen Beamte an der Zensur des Internets. Das Überraschende an der Studie ist vor allem, dass sie erstmals belegt, wie das geschieht: Nämlich, statt wie bisher angenommen, nicht durch reines Blockieren oder durch das Public Shaming von regimekritischen Kommentatoren in den sozialen Netzwerken, sondern vor allem durch „Cheerleading“.

Wenn zum Beispiel der Jahrestag des Tianmen-Massakers ansteht, fluten die Beamten das Internet mit positiven Meldungen, damit schlechte Stimmung gar nicht erst aufkommt. Jährlich wird so ein Blendfeuerwerk von rund 450 Millionen positiven Kommentaren in den sozialen Netzwerken gezündet.

„Diese Diktatur funktioniert so gut, manchmal sieht es so aus, als wäre es gar keine Diktatur“, sagt Stein Ringen. Es sei erstaunlich, wie offen teilweise Kritik geübt werden dürfe. Das Problem ist nur, dass niemand genau weiß, wo die Grenze zum Verbotenen ist.

Mancher landet in Lagerhaft für etwas, das andere seit Jahren ungestraft tun oder sagen. „(China) kann sich sehr gut darauf verlassen, dass die Menschen selbst wissen, was sie nicht dürfen“, sagt Ringen. Nur eines sei sicher: sich in Gruppen zu organisieren gibt Ärger.

Wird die Welt also bald ein bisschen chinesischer?

Als der erste Direktzug von China nach Großbritannien vor vier Wochen in China auf die Reise ging, wurde er von einer Lokomotive gezogen, die nach einem berühmten Mao-Zitat benannt ist. Es lautet: „Der Ostwind wird den Westwind übertreffen.“ Unwahrscheinlich, dass die Lokomotive oder der Spruch zufällig ausgewählt waren.

Ist das nun als Drohung zu verstehen? Oder nur als ein Symbol für das große chinesische Selbstbewusstsein?

Es lohnt sich vielleicht, nochmal genauer hinzuschauen:

Das vollständige Zitat, das aus einer Rede Maos 1957 in Moskau stammt, lautet nämlich: „Wir wünschen den Frieden. Wenn aber die Imperialisten darauf bestehen, Krieg zu führen, dann bleibt uns keine andere Wahl, als fest entschlossen den Krieg auszufechten, um dann mit dem Aufbau fortzufahren. Wenn man sich tagaus, tagein vor dem Krieg fürchtet, was tut man dann, wenn der Krieg dennoch hereinbricht? Ich sagte zuerst, dass der Ostwind den Westwind übertrifft, dass der Krieg nicht ausbrechen wird, und jetzt füge ich für den Fall, dass ein Krieg entstehen sollte, diese Ergänzungen hinzu; so sind beide Möglichkeiten in Betracht gezogen.“

Wir haben aus dem Blick in die Vergangenheit gelernt, dass enorme Handelsüberschüsse große Probleme verursachen können und häufig zu Kriegen oder dem Niedergang von Imperien geführt haben. Auch in der Gegenwart gibt es genügend Beispiele dafür. Deutschlands aktueller Exportüberschuss hat für europäische Staaten wie Griechenland und Spanien verheerende Folgen.

Diese konnten aber eingedämmt werden, weil die Welt vernetzter geworden ist und Griechenland und Spanien Teil einer europäischen Solidar- und Wertegemeinschaft mit Deutschland sind. China wird aller Wahrscheinlichkeit nach sein rasantes Wachstum fortsetzen, und das wird zu Problemen führen. Die Welt wird darauf reagieren müssen. Derzeit geht die Tendenz Richtung protektionistischer Maßnahmen wie Schutzzölle und Einzelgängen wie denen Großbritanniens.

Ich denke, das wird eher Teil des Problems als der Lösung werden. Die Vorteile, die wir heute gegenüber den beiden Chinesen haben, die sich vor rund 2.500 Jahren auf den Weg nach Britannia gemacht haben, ist doch: Die Wege, auf denen wir uns treffen können, sind kürzer und sicherer geworden, und Sprachbarrieren spielen auch keine Rolle mehr.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat Chinas Premier Xi Jinping vor Kurzem gesagt: „Auf Protektionismus zu setzen ist so, als würde man sich in einer dunklen Kammer einsperren. Wind und Regen mögen zwar draußen bleiben – Sonne und frische Luft aber ebenso. Niemand wird aus einem Handelskrieg als Gewinner hervorgehen.“

Damit ist eigentlich alles gesagt. Jetzt müssen sich nur noch alle daran halten.


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Viele wichtige Themen rund um China konnte ich in diesem Artikel nicht aufgreifen, zum Beispiel die Pressefreiheit oder der Stand der Demokratie in Hongkong. Falls ihr weitere Fragen habt, euch etwas besonders interessiert, Fehler aufgefallen sind oder ihr etwas ergänzen würdet, schreibt mir eine Mail: christian.gesellmann@krautreporter.de

Fotos: Christian Gesellmann und Vlad Ursulean; Martin Gommel hat das Aufmacherfoto ausgesucht (iStock / ispyfriend) ; Redaktion: Theresa Bäuerlein; Produktion: Vera Fröhlich.