Krebs kommt näher

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„Na klar stimmt das.“ Als ich beim Deutschen Krebsforschungzentrum anrief, um zu fragen, ob wirklich immer mehr Menschen an Krebs erkrankten, bekam ich erstmal diese lapidare Antwort. Die Person am Telefon schien das nicht weiter aufzuregen. Ich wunderte mich. Vielleicht lag es daran, dass sie täglich mit diesen deprimierenden Fakten zu tun hatte? Sie verwies mich auf die absolut umfassendste wissenschaftliche Veröffentlichung, die man zu diesem Thema in Deutschland finden kann, den Bericht „Krebs in Deutschland 2011/2012“, den das Robert Koch Institut gemeinsam mit der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister alle zwei Jahre herausgibt. „Das ist unsere Bibel“, sagte sie.

Wieso 2011/2012? Der Bericht hinkt immer ein paar Jahre hinterher, weil die Forscher Zeit brauchen, die riesigen Datenmengen zu sammeln und zu analysieren. Immerhin müssen dafür idealerweise alle Krebserkrankungen in allen Bundesländern erfasst werden. Das klappt noch nicht ganz, trotzdem misst Deutschland mittlerweile schon sehr genau: Für das Jahr 2012 sind 95 Prozent der bundesweiten Erkrankungsfälle erfasst worden, zehn Jahre vorher waren es noch nicht einmal 60 Prozent.

Seit Ende 2011 liefern alle Landeskrebsregister ihre anonymisierten Daten jährlich nach einem einheitlichen Format an das Zentrum für Krebsregisterdaten. Diese bilden die Grundlage für die vom ZfKD vorgenommene Auswertungen.

Ich habe mich durch das zahlengespickte, Statistik-durchwirkte, 152 Seiten lange Werk durchgegraben. Das war sehr spannend - und sehr beunruhigend. Denn die realen Zahlen sehen erst einmal noch viel schlimmer aus als das, was Leserin Ellen Y. gehört hat. Nicht bloß jeder zehnte oder achte Mensch wird nach aktuellen Berechnungen im Laufe seines Lebens an Krebs erkranken. Sondern jeder zweite. Nach Geschlechtern getrennt: 51 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen.

Jeder zweite! Mir wurde flau, als ich diese Zahlen las. Das war höher als alles, was ich mir vorgestellt oder was ich bis dahin gelesen hatte. Ich dachte an alle Menschen, die mir wichtig waren. Die Hälfte von denen sollte Krebs kriegen? Natürlich war das eine rein emotionale Reaktion, so funktioniert Statistik nicht. Wie sich diese Fälle letztlich in der Bevölkerung verteilen, kann niemand vorhersagen. An einer Tatsache gibt es trotzdem nichts zu rütteln: Das ist verdammt viel Krebs.

Leider hat Ellen Y. mir nicht auf Nachfrage geantwortet, aber ich nehme an, die Zahl, die sie gelesen hat, bezog sich auf Brustkrebs. Daran erkrankt nach den aktuellen Statistiken jede achte Frau.

Handystrahlen, Umweltgifte, Wandfarben - warum gibt es mehr krebskranke Menschen?

Zur Zeit bekommen etwa eine halbe Million Deutsche im Jahr diese Diagnose, das sind 70.000 bis 80.000 mehr als noch vor zehn Jahren. Und es werden immer mehr werden, zwischen 2010 und 2030 sollen die Zahl der Neuerkrankungen um mindestens 20 Prozent steigen. Die WHO erwartet weltweit sogar 70 Prozent mehr Krebserkrankungen in den nächsten zwei Jahrzehnten, das wären dann 25 Millionen neue Fälle pro Jahr.

Woran liegt das? Als ich Ellen Y.s Frage in der Krautreporter-Recherchegruppe auf Facebook gestellt habe, gab es einige Vermutungen, was die Ursache sein könnte: „Wenn die Erkrankungsrate tatsächlich höher ist als früher, gibt es dann eine Korrelation mit krebserregenden Stoffen in Spielzeugen, Wandfarben, etc.?“, fragte ein Mitglied. WLAN wurde als möglicher Verursacher genannt, auch Fett, Zucker und Kosmetik. Andere gaben zu bedenken, dass die wachsenden Krebszahlen mit etwas ganz anderem zusammenhängen könnten: Damit nämlich, dass wir immer länger leben.

Volltreffer: Genau so erklären auch die Autoren des Krebsberichts die wachsenden Zahlen. „Die meisten Krebserkrankungen treten erst in höherem Alter auf – je älter ein Mensch wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, eine Krebserkrankung zu erleben“, schreiben sie. Krebs entsteht nämlich, wenn Zellen sich unkontrolliert zu vermehren beginnen. Das passiert, wenn das Erbgut einer Zelle (die Gene) beschädigt wird. Durch die UV-Strahlung der Sonne zum Beispiel oder Zigarettenrauch. Häufig entstehen diese Fehler aber einfach zufällig, bei den milliardenfach im Körper geschehenden Zellteilungen. Bei jeder Zellteilung wird die Erbsubstanz verdoppelt und auf zwei Tochterzellen verteilt. Dabei kann es zu Kopierfehlern kommen - besser bekannt als Mutationen. Je länger ein Mensch lebt, desto wahrscheinlicher können diese Kopierfehler oder andere Schäden an der Erbsubstanz passieren.

Diese Grafik zeigt die altersspezifischen Erkankungsraten in Deutschland 2011-2012 (je 100.000). Interessant ist, dass Frauen bis Mitte fünfzig öfter als Männer erkranken, danach kehrt sich das Verhältnis um und die Zahl der Männer steigt stark an.

Quelle: Robert Koch Institut/Zentrum für Krebsregisterdaten

Wenn man also im Klartext wissen will, ob wir heute ein höheres Krebsrisiko haben als unsere Eltern und Großeltern, reicht es nicht, nur die Erkrankungsstatistiken von früher und heute zu vergleichen. Man muss den Einfluss der wachsenden Lebenserwartung der Bevölkerung herausrechnen. In absoluten Zahlen sind 2012 insgesamt 13 Prozent mehr Männer und 10 Prozent mehr Frauen in Deutschland an Krebs erkrankt als 2002. Die altersstandardisierte Statistik ergibt aber ein anderes Bild: Demnach sind die Erkrankungen bei Männern sogar leicht zurückgegangen (um vier Prozent), bei Frauen sind sie „nur“ um fünf Prozent gestiegen.

Dass Frauen häufiger eine Krebsdiagnose kriegen liegt wiederum daran, dass diejenigen, die vor ein paar Jahrzehnten mit dem Rauchen angefangen haben, jetzt unter den Folgen zu leiden beginnen. Es gibt aber auch Anzeichen dafür, dass Frauen aus hormonellen Gründen anfälliger für Lungenkrebs sind als Männer. In jedem Fall ist das ein wichtiger Punkt: Viele Frauen haben Angst vor Brustkrebs, mehr von ihnen sterben aber an Lungenkrebs.

Manche Forscher vermuten, dass Hormonbehandlungen während der Wechseljahre ebenfalls dazu beitragen könnten, dass Frauen häufiger an Lungenkrebs erkranken.

Im Großen und Ganzen stehen die Zeichen also nicht so schlecht, wie meine anfängliche Recherche zu Ellen Y.s Frage hat vermuten lassen. Denn auch bessere Diagnoseverfahren führen dazu, dass Krebs heute früher - oder überhaupt - erkannt wird. Auf diesen Punkt hat in der KR-Facebook-Gruppe Tim W. hingewiesen, der im Bereich der Krebsgrundlagenforschung promoviert hat. „Dabei spielt es nicht nur eine Rolle, dass Karzinome schneller erkannt, somit früher und erfolgreicher behandelt werden können. Auch schon fortgeschrittene Erkrankungen können besser in Schach gehalten werden, da selbst kleinste Metastasen mittlerweile detektiert und angegangen werden können.“

Am höchsten sind die Krebsraten in Tschechien und Dänemark

Das ist nicht wirklich eine Entwarnung, weil ja leider die Tatsache bestehen bleibt, dass viele von uns und viele, die wir kennen, irgendwann diese Diagnose bekommen werden. Zu den guten Nachrichten gehört aber auch, dass an Krebs erkrankte Menschen heute länger leben als früher. Und Krebs gehört zwar nach wie vor zu den häufigsten Todesursachen, aber in den vergangenen zehn Jahren sind die Sterberaten bei Männern um 13 Prozent und bei Frauen um 10 Prozent zurückgegangen. Auch hier muss man natürlich die demografischen Veränderungen mitbedenken. Es sterben also insgesamt mehr Menschen an Krebs. Aber sie sind älter. Wir leben lang genug, um Krebs kriegen zu können.

Neuerkrankungen und Sterberaten im europäischen Vergleich 2011-2012 (oder letztes verfügbares Jahr, je 100.000).

Quelle: Robert Koch Institut/Zentrum für Krebsregisterdaten

Die gute Nachricht, dass wir länger leben, geht also mit der schlechten einher, dass unser Krebsrisiko mit dem Alter immer weiter steigt. Weil Krebs nach wie vor eine komplizierte Krankheit ist, wird sich das wahrscheinlich auch nicht so schnell ändern. Die Vorbeugung macht trotzdem Hoffnung.

Und was ist nun mit WLAN, Wandfarbe usw.? Viele Menschen überschätzen - so sehen es zumindest viele Forscher - wie viel Einfluss Schadstoffe in Lebensmitteln und Umweltgifte haben. Eine Übersicht gibt es beim Krebsinformationsdienst. Bei Handystrahlen steht das endgültige Urteil noch aus, aber bis jetzt gibt es keinen klar erwiesenen Zusammenhang zwischen Handystrahlen und Tumoren. Die internationale Krebsforschungsagentur IARC, eine WHO-Behörde, stuft Handystrahlen dennoch als „möglicherweise krebserregend“ ein. Mehr Information dazu hier.

Bei vielen Krebsarten kennt man die Auslöser gar nicht, aber für einige der häufigsten gibt es Präventionsstrategien. Mit dem Rauchen aufhören ist eine sehr, sehr gute Idee. Etwa 15 Prozent aller Krebserkrankungen in Deutschland sind (nach Schätzungen des Zentrums für Krebsregisterdaten) aufs Rauchen zurückzuführen. Impfungen gegen humane Papillomviren können das Risiko für Gebärmutterhalskrebs verringern. Weltweit helfen bessere Hygiene und Kühlmöglichkeiten, Infektionen mit dem Bakterium Helicobacter pylori zu verhindern, das Magenkrebs fördert. Auch Ernährung spielt eine Rolle. Wer wenig Obst, Gemüse und Ballaststoffe isst, und gleichzeitig viel rotes Fleisch, soll damit einige häufige Tumorarten begünstigen. Ein vermeidbares Krebsrisiko ist UV-Strahlung - also Sonnenlicht.

Wer wissen will, was die Bundesregierung in Sachen Krebsbekämpfung vorhat: Diese Informationen stehen im [Nationalen Krebsplan](https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/nationaler-krebsplan.html https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/nationaler-krebsplan.html https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/nationaler-krebsplan.html https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/nationaler-krebsplan.html).

Egal aber, was wir tun, um gesund zu bleiben: Gegen das Altern können wir uns nicht impfen lassen.


Fotoredaktion: Martin Gommel; Produktion: Vera Fröhlich