Die coolen Hipster aus Portland vermarkten Gras wie guten Wein

Die coolen Hipster aus Portland vermarkten Gras wie guten Wein

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Jeremy Plumb wandert mit schnellen Schritten hin und her zwischen den kleinen Tischen der Little-T-Bäckerei im Südosten von Portland. Am Handy spricht er hektisch mit seinem Geschäftspartner; es gilt, schnell Entscheidungen zu treffen. Mit seiner engen Hose, dem lockeren Hemd und der großen Hornbrille sieht er aus wie einer der vielen Hipster hier in Portland. Als er endlich das Telefon zur Seite legt und mich – den Journalisten aus Deutschland – begrüßt, wird er noch aufgeregter. Er will mich von seiner Vision überzeugen: der Neuerfindung von Cannabis.

Wie ein Wasserfall strömen die Modeworte über mich (start healing yourself, enhancement drug, re-shaping the conversation, organic, sustainable, craft revolution, cannabis culture, once in a lifetime opportunity). Während mein Eistee ausgetrunken und mein Mohnkuchen längst aufgegessen ist, hat Plumb sein Getränk noch nicht mal angerührt. Zu beschäftigt ist er damit, mir von seinem Plan zu erzählen. Jeremy Plumb ist kein 08/15-Unternehmer. Er ist Grasdealer, betreibt ein Cannabis-Labor, und das hochmoderne Glashaus zum Marihuana-Anbau wird demnächst gebaut. Dazu später mehr.

Plumb erinnert auch nicht an einen Grasdealer oder einen Kiffer. Als Start-up-Gründer hat er gelernt, innerhalb kurzer Zeit sein Gegenüber von seinen Plänen zu überzeugen. „Ich bin nicht interessiert an dem Buzz. Ich habe alles andere aufgegeben, um an dieser Innovation zu arbeiten“, sagt Plumb. „Dieses Modell der kleinen, handwerklichen Marihuana-Bauern, das wir in Oregon erschaffen wollen, kann weltweit wiederholt und exportiert werden.“

Nach einer Stunde greift er wieder zum Telefon, um die eingegangen Nachrichten abzuarbeiten. Zu viel steht auf dem Spiel, um sich aufhalten zu lassen.

Jeremy Plumbs Handy hört auch während des Interviews nicht auf zu klingeln.

Foto: Dominik Wurnig

Kiffen ist in Oregon erlaubt

Nach der Legalisierung von medizinischem Marihuana dürfen seit Oktober 2015 Erwachsene im Westküsten-Bundesstaat Oregon Gras auch für die Freizeitnutzung (Englisch: recreational use) anbauen, verkaufen und konsumieren. Obwohl nun erlaubt, ist der Kampf aber noch nicht gewonnen. Denn was hier legal ist, bringt einen in den meisten Bundesstaaten der USA noch immer ins Gefängnis. Die Bundesregierung könnte jederzeit ihre Haltung ändern und die Grasbauern, -dealer und -konsumenten durch die Bundesdrogenpolizei DEA verhaften lassen. Denn nach dem Bundesgesetz ist Marihuana nach wie vor strafbar. Die Cannabis-Verkaufsläden in Oregon sind mit enormen bürokratischen und steuerlichen Hürden konfrontiert, da die Bundesregierung sich weiter gegen die Freigabe von Marihuana stellt. Selbst zu medizinischen Zwecken soll eine Ausgabe weiterhin nicht gestattet sein. Auch in Deutschland wird übrigens gerade ein Regierungsentwurf zur Freigabe von medizinischem Marihuana im Bundestag diskutiert.

Noch fehlt es an klaren Regeln, denn die ersten Erfahrungen im Umgang mit erlaubtem Cannabis werden nach Jahrzehnten der Prohibition gerade erst gemacht. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob die liberale Drogenpolitik einiger Bundesstaaten (neben Oregon auch Colorado, Alaska und Washington State) erfolgreich ist und womöglich für die ganzen USA, aber auch Deutschland zum Vorbild werden könnte. Wenn allerdings das liberale Experiment Probleme schafft, statt sie zu lösen, kann es auch schnell wieder vorbei sein.

Marihuanablüten werden vor dem Verkauf gewogen.

Foto: Dominik Wurnig

Die Protagonisten der Cannabis-Szene in Portland sind sich des engen Zeitfensters bewusst: Jetzt oder nie gilt es, die Grundlagen zu schaffen für einen modernen Umgang mit der Droge. Ein biologisches, nachhaltiges und lokal produziertes Qualitätsprodukt schwebt Jeremy Plumb und seinen Partnern vor. Das Feld soll weder den großen Pharmakonzernen noch der Tabakindustrie überlassen werden, die schon in den Startlöchern steht, um M-Zigaretten zu produzieren. In der Hipster-Hauptstadt Portland, wo jeder Craft Bier trinkt, es zum guten Ton gehört, seine eigenen Bio-Hühner zu halten, wo Vintage-Kleidung sowie Bärte schick sind, wird Gras wie ein guter Wein verkauft: Weg vom Kiffer-Image hin zum Lifestyle-Produkt, das die Gemütslage steuert und Spaß macht.

Gras aus der Edelboutique

Das grüne Kreuz und der Name Farma erinnern an eine Apotheke, eigentlich ist es aber ein lizensierter Cannabis-Laden.

Foto: Dominik Wurnig

Ein grünleuchtendes Kreuz im Schaufenster und ein kleines rotes Schild: Man könnte leicht an Farma vorbeifahren, denn das Understatement ist Programm. Die Dispensary (so heißen die lizensierten Gras-Läden im Bundesstaat Oregon) von Plumb und seinen drei Partnern ist das Herzstück ihres Plans, Cannabis neu zu erfinden. Das Geschäft sieht anders aus, als man sich ein Grasgeschäft vorstellt. Das Kiffer-Klischee, also Bob-Marley-Poster, Bongs, Reaggaemusik und verruchte Atmosphäre, sucht man hier vergeblich. Stattdessen weiße Wände, blitzblankes Glas, dunkles Holz, elektronische Musik: Farma erinnert eher an einen Apple-Laden als an ein vollgerauchtes Kiffer-Loch. Die Verkäufer sind kompetent, redegewandt, freundlich, und nebenbei sehen sie auch noch ziemlich gut aus: bemalte Haut, getrimmte Bärte, gepiercte Haut. Die Wochenzeitung Williamette Week beschreibt Farma so: Bring deine Babyboomer-Eltern an diesen Ort, dann verstehen sie, dass Cannabis tatsächlich eine Medizin ist – und sie werden das Gras lieben.

Edelboutique statt Kiffer-Höhle.

Foto: Dominik Wurnig

Ziel all dieser Bemühungen ist es, das Image von Cannabis zu ändern. Im Narrativ der Prohibition war Cannabis etwas Trauriges, Gefährliches und Negatives, sagt der Mitbegründer von Farma, Sam Heywood. „Wir haben viel Zeit damit verbracht, den Schaden wieder gutzumachen“, sagt er. Dass es nun nicht mehr verboten und verpönt ist, macht Cannabis nur für kurze Zeit interessant. Aber Gras soll nicht darüber definiert werden, was es nicht sei. „Aber was ist Cannabis?“, fragt Heywood. „Ein Werkzeug, um das Leben der Leute zu verbessern. Es soll helfen, ein gesünderes und glücklicheres Leben zu führen“, antwortet Heywood sich selbst. Das neue Branding von Cannabis soll auch Spaß vermitteln. Und romantisch sein. „Cannabis bringt Leute zusammen, liefert tolle Erkenntnisse über sich und andere, Musik klingt damit besser, es gibt viele Arten, wie Cannabis eine wunderbare Erfahrung hervorruft. Das ist der andere Teil des Narrativs“, sagt Heywood.

Mittwochnachmittags bei Farma: Im Eingangsbereich bei der Ausweiskontrolle – nur wer über 21 Jahre alt ist, darf in den Laden – kommt es immer wieder zu Warteschlangen. Nacheinander: Ein junges Touristenpärchen, ein einbeiniger Rollstuhlfahrer, ein bärtiger Mann in den Zwanzigern, zwei ältere Frauen mit Gehstock, ein Paar mit Hund. Die Kunden lassen sich grob in zwei Gruppen teilen: die Jungen, die Spaß suchen, und jene, die das Gras brauchen, weil sie Schmerzen haben, zum Beispiel, weil sie gerade eine Chemotherapie durchlaufen.

Nur wer über 21 Jahre alt ist, darf in den eigentlichen Verkaufsraum. Alle Einkäufe werden im Computer gespeichert, damit das Tageslimit nicht überschritten wird.

Foto: Dominik Wurnig

„Was für ein Erlebnis suchst du?“, fragen die Farma-Verkäufer üblicherweise am Anfang des Verkaufsgesprächs. Die meisten Kunden wollen eine Sorte Gras, welches sie lustig stimmt, glücklich macht und zum Kichern anregt. Wichtig ist den Kunden auch, dass das Kraut keine Angstzustände hervorruft.

„Purple Indica ist einer meiner persönlichen Favoriten. Es entspannt ein bisschen, zieht dich aber nicht zu sehr runter. Auch im Kopf macht es dich ein klein wenig high“, sagt der Verkäufer Sean Mager zu dem Kunden Joshua Justice, während er nie den Augenkontakt verliert. Drei Qualifikationen müssen die Verkäufer mitbringen: Menschen lieben, einen Bezug zu Marihuana haben und neugierig sein, mehr über die Pflanzen zu lernen. Jede Woche gibt es Fortbildungen, die Verkäufer sollen zu „weed ninjas“ ausgebildet werden, wie es Heywood schmunzelnd nennt.

Anders als in Deutschland kann über all dies offen gefachsimpelt werden. Wer hierzulande der Lust auf den Cannabis-Rausch frönen will, muss erstmal in den Park. Zum Beispiel in die Berliner Hasenheide oder den Görlitzer Park. Dort spricht man an bestimmten Ecken wartende Männer an: „Hast du Gras?“ - „Ja. Für wie viel?“ Nach dem Nennen einer Summe holt der Dealer das Gras aus dem Gebüsch und händigt die geschätzte Menge auf die offene Hand aus. Beratungsgespräch, Sortenauswahl, Qualitätskontrolle, Informationen über Inhaltsstoffe, Herkunft oder Risiken? Fehlanzeige.

In Oregon jedoch darf jeder, der über 21 Jahre alt ist, bis zu sieben Gramm Marihuana-Blüten, ein essbares Cannabisprodukt, eine auftragbare Crème sowie ein Konzentrat pro Tag kaufen. Außerdem kann jeder Haushalt bis zu vier Cannabispflanzen anbauen – für mehr braucht es eine Genehmigung. Geraucht und konsumiert werden darf das Gras aber nicht in der Öffentlichkeit, woran sich jedoch nicht alle halten, wie ich bei Spaziergängen durch Portland immer wieder merke. Auch führt diese Regelung zu einem Dilemma: In allen Hotels im Bundesstaat gilt Rauch – und damit auch ein Kiffverbot. Und sowieso gilt: Auf Gras Auto fahren oder schwere Maschinen bedienen, bleibt auch in Oregon ein gesetzliches No-Go.

Nach dem Kauf wird jedem Kunden ein Flugblatt mit Warnungen ausgehändigt, das insbesondere darauf hinweist, dass Marihuana für Kinder und Schwangere schädlich ist. Cannabis sei nicht für alle geeignet, sagt auch Heywood, allerdings sei es auch weniger gefährlich als Nikotin oder Alkohol. Eine tödliche Überdosis beispielsweise ist bei Cannabis nicht möglich. „Man muss bestimmte Probleme ansprechen. Es gibt legitime Bedenken: Wir müssen Cannabis von Kindern fernhalten, Passivrauchen ist ein Problem”, sagt Heywood. „Lasst uns diese Probleme lösen. Aber Regulierung ist in jedem Fall die bessere Lösung als die Prohibition.”

Nachdem der Kunde Joshua Justice diverse Sorten gesehen, gerochen und erklärt bekommen hat, kauft er zweimal ein Gramm. „Eines eher für die Bettzeit, das mich ein bisschen runter bringt. Und die andere Sorte, um mit Freunden abzuhängen“, sagt Justice. „Ich bin im Mittleren Westen aufgewachsen, wo Gras absolut verpönt ist. Und noch immer habe ich das Gefühl, ich müsste es verstecken. Aber warte, denke ich dann: Es ist ja völlig legal und ich bin erwachsen. Super, dass die Stigmatisierung jetzt ein wenig verschwindet.“

Obwohl er am anderen Ende der Stadt wohnt, kommt Joshua Justice extra wegen der guten Beratung zu Farma.

Foto: Dominik Wurnig

Nach den vielen Jahren des Reaganschen War on Drugs sitzen die Ängste noch immer tief. Farma setzt alles daran, die Kauferfahrung so angenehm und entspannt wie möglich zu gestalten – raus aus der Drogenecke, rein in den Lifestylemarkt quasi.

Kein Geld für die Stromrechnung

Als ich Plumb am nächsten Tag wiedersehe, ist er durch den Wind. In seinem Haus wurde der Strom abgedreht, weil er die Rechnung nicht bezahlen konnte. Er wird sein Haus bald verkaufen und auf ein Segelboot ziehen. Gerade ist alles ein wenig viel für ihn. Plumb steht kurz vor dem nächsten Schritt: Er hat 1,4 Millionen Dollar an Investitionsgeldern eingesammelt, um eine Glashaus-Plantage zu bauen. Doch nun fehlt ihm das Geld für die eigene Stromrechnung.

„Es ist der richtige Moment von allem loszulassen, minimalistisch zu leben und mich zu fokussieren,” sagt Plumb. Für den Single gibt es momentan nur seine Arbeit und seine Mission, alles andere muss hintenanstehen. „Ich habe gerade kein normales Leben, denn es ist für das große Ganze entscheidend, dass wir das richtig hinbekommen”, sagt Plumb. Das landesweite Ende der Cannabis-Prohibition sei in Sicht; jetzt werden aber in Oregon die Weichen gestellt, die ein goldener Standard der Regulierung werden sollen.

Jede Grassorte sieht anders aus.

Foto: Dominik Wurnig

Eigentlich ist die Dispensary-Besitzerin Meghan Walstatter seine Konkurrentin, doch die beide spielen nicht nach den „alten Regeln“. Die gemeinsame Erfahrung während der Prohibition (Plumb nennt die Zeit auch Dark Age) hat sie zusammengeschweißt. „Ich habe einen direkten Draht zu meinen Konkurrenten und wir tauschen uns aus, wie wir unser Geschäft betreiben. Pepsi und Coke würden so etwas nie machen“, sagt Walstatter über ihren Freund Plumb.

Auch sie leidet unter dem Kostendruck: „Wir haben jetzt all diese Regulierungen und höhere Fixkosten. Ich muss jetzt einen Anwalt und einen Buchhalter bezahlen.“ Plumb stimmt zu: „Früher konntest du jederzeit ausgeraubt, getötet oder verhaftet werden. Dafür hast du aber auch mehr Dollar verdient als jetzt.“ So schnell wird aus dem lukrativen Drogenhandel ein gewöhnliches Geschäft, das mit bürokratischen Hürden und Problemen zu kämpfen hat.

Der perfekte Rausch

24 wechselnde Sorten stehen bei Farma zu Verkauf; dazu kommt Cannabis in essbarer, auf die Haut auftragbarer und purer Form. Außerdem Samen und Stecklinge zum Selbstanbau und diverses Zubehör wie Verdampfer (Englisch: vaporizer), Pfeifen oder Grasmühlen. Wie beim Juwelier liegen die Grassorten unter großen Glasscheiben zur Auswahl. Nach jedem Besucher werden die Tapser und Fingerabdrücke sofort wieder weggeputzt. Anders als die Konkurrenz pfeift Plumb auf die herkömmliche Einteilung in Cannabis sativa und Cannabis indica. In all den Jahren seien die Pflanzen so oft gekreuzt worden, dass die Arten kaum mehr rein vorkommen. Stattdessen entwickelte er eine Klassifizierung, die nur auf den Inhaltsstoffen aufbaut, die in Labortests gemessen werden.

Neben dem THC- und CBD-Gehalt sind auch die Terpinene ausgewiesen. Terpinene kommen in vielen Pflanzen vor und sorgen für den spezifischen Geruch – und auch für die spezielle Nuance des Rauschs. THC ist der berauschende Hauptwirkstoff von Cannabis; CBD oder Cannabidiol berauscht nicht, hat aber bestimmte medizinische Wirkungen.

Rot macht eher euphorisch, blau ist besser geeignet zum runterkommen: Für jeden Moment verkauft Farma das richtige Gras.

Foto: Dominik Wurnig

Die rot gekennzeichnet Sorten wie Mount Magic Hood, Sour Diesel oder Pineapple machen einen eher euphorisch, gut gelaunt und unternehmungslustig. Blaue Sorten wie Obama Kush, Dogwalker oder Sunset Sherbet gelten eher als beruhigend, entspannend und träge. Außerdem gibt es noch grüne, CBD-reiche Sorten, die kaum berauschen, aber starke medizinische Effekte haben. Das Gramm kostet zwischen 8 und 14 Dollar (7 bis 13 Euro) zuzüglich einer 25-prozentigen Verkaufssteuer.

Durch den wissenschaftlichen und genauen Ansatz versucht Farma, die Vorhersehbarkeit der Wirkung zu erhöhen. Denn wer eine negative Erfahrung gemacht hat, wird wohl nie wieder Gras probieren. Damit wäre er auch ein verlorener Kunde. Doch die meisten negativen Erlebnisse werden durch Überdosierung verursacht, ist Heywood überzeugt. „Es geht nicht darum, wie viel man verträgt, sondern wie wenig du nehmen kannst, um dort hinzukommen, wo du hin willst“, erklärt Heywood die Philosophie von Farma.

Plumb selbst konsumiert in Mikrodosen verschiedener Grassorten mit Hilfe seines Verdampfers, um seine Stimmungen und Gemütslagen bewusst zu beeinflussen. Mit einem Gramm Gras komme er vier Tage aus. „Ich bin ein introvertierter Typ, und wahrscheinlich hätte ich irgendwann wegen Panikattacken behandelt werden müssen, hätte ich nicht Cannabis entdeckt“, sagt Plumb. Er hofft, dass Cannabis eine medizinische Revolution auslöst. Marihuana könne die Speerspitze für die Rückkehr zur Pflanzen- und Volksmedizin sein, findet Plumb. Der Trend werde weggehen von der versuchsbasierten Medizin, die statistisch funktioniere, hin zur personalisierten Medizin, die auf das eigene, entschlüsselte Genom angepasst sei.

War on Drugs und die Aids-Krise

Nicht immer lief es so gut wie jetzt. Als Jugendlicher kam Plumb erstmals mit Marihuana in Kontakt: Sein Stiefvater baute hinter dem Haus Gras an und verkaufte es illegal. „Ich war der coolste Teenager, weil ich den älteren Jugendlichen Cannabis gab. So haben sie aufgehört mich zu verprügeln“, sagt Plumb.

Cannabispflanzen als Dekoration bei Farma.

Foto: Dominik Wurnig

Wenig später fing er selbst an, mit Cannabis zu experimentieren. Er nahm immer nur geringe Dosen zu sich: Ein kleiner Zug war schon genug.

Mitte der 1990er, als Plumb noch ein Teenager in Kalifornien war, erlebte er zwei Entwicklungen, die ihn bis heute geprägt prägten. Zum einen tobte der von Ronald Reagan ausgerufene War on Drugs: Schon geringe Mengen Gras brachte Menschen jahrelang hinter Gitter. Noch heute leiden die USA und besonders afro-amerikanische Männer unter den Folgen. Zum anderen steuerte die Aids-Krise in der Schwulen-Hochburg San Francisco ihrem traurigen Höhepunkt entgegen. „Wie Zombies liefen damals die Aids-Kranken ohne jeglicher Linderung durch die Straßen von San Francisco. Damals schämte ich mich, weil ich wusste, dass Cannabis ihre Symptome hätte lindern können“, sagt Plumb.

Der große Gras-Rausch

Der 39-jährige Plumb war schon immer ein wenig Außenseiter. Seine Mutter erzog ihn im neuheidnischen Glauben (Englisch: paganism), er besuchte Montessori-Schulen – in den USA eine absolute Seltenheit. Er studierte Psychologie und eröffnete 2007 – kurz vor dem Finanz-Crash – seine eigene Praxis in Portland. Doch die Rezession änderte alles; plötzlich hatte niemand mehr Geld, zum Psychologen zu gehen. Nun holte sich Plumb eine Lizenz, um medizinisches Cannabis für Patienten anzupflanzen. Er war ein fokussierter Nerd, der ständig versuchte, die Anbaubedingungen zu optimieren. Nun konnte er endlich sein Interesse als Business umsetzen. „Cannabis ist ein großartiges Instrument“, sagt der ehemalige DJ Plumb. „Ich fühle mich ein wenig wie ein Musiker, der in seinem Garten mixt, equalizt und arrangiert.“

Durch Zufall lernt er damals den Rechtsanwalt Sam Heywood kennen – er zog in das Haus nebenan. Über die Musik wurden sie Freunde. Als 2014 die Lizenzen für das medizinische Cannabis-Geschäft ausgeschrieben wurden, machten sie gemeinsame Sache.

Geschäftspartner, Anwalt und Musikliebhaber Sam Heywood.

Foto: Dominik Wurnig

Dann rückte der 3. März 2014 näher: Um 8.30 Uhr morgens wurde die Homepage für Anträge freigeschaltet. Es war ein brutales Landgrabbing-System: Innerhalb von 1.000 Feet (305 Meter) war nur ein Geschäft zugelassen. Nur, wer zuerst den Antrag abschickte, bekam die Lizenz. Deshalb hatten sie zwei Anträge an zwei verschiedenen Standorten vorbereitet. Die Arbeit der vergangenen Monate stand auf dem Spiel.

Heywood und Plumb bereiteten sich penibel vor: Heywood übte immer wieder an einem Übungsformular, auf einem Spickzettel lagen alle Informationen bereit, denn es könnte auf jede Sekunde ankommen. Plumb wollte dem nicht nachstehen und machte sich auf die Suche nach der schnellsten Internetverbindung der Stadt. Alle Leitungen werden durch einen Internethub in dem Vorort Beaverton geroutet. Einen Bekannten dort überredete er, dessen Heimcomputer benutzen zu dürfen, um die schnellstmögliche Internetverbindung zu haben.

Als es 8.30 Uhr wurde, hämmerten beide in die Tastatur. Doch der Computer des Bekannten hatte eine klobige PC-Tastatur mit sehr hohen Tasten – ganz anders als Plumbs eigenes MacBook Air. „Der ganze Effizienzvorteil war verloren, weil ich umständlich und langsam tippte. Sam [Heywood] schlug mich um eine ganze Minute, weil er in seiner gewohnten Umgebung geblieben ist“, sagt Plumb. Am Ende schlug ein Bot, den ein Konkurrent programmiert hatte, Plumb. Das Geschäft des Konkurrenten liegt 990 Feet (302 Meter) entfernt und damit gerade noch einen Hauch zu nahe. Doch die zweite Bewerbung, die Heywood um 8.35 Uhr abgeschickt hatte, war erfolgreich: Sie bekamen die Erlaubnis, Farma zu eröffnen.

Plötzlich statt zehn bis zu 200 Kunden

Anfangs lief das Geschäft schleppend. Nur rund zehn Patienten am Tag kamen bei Farma vorbei. Als im November 2014 dann 56 Prozent der Wähler Oregons für die Freizeitnutzung von Cannabis stimmten, gab es Grund zu feiern. „Ich bin zwar kein Patriot, aber ein wenig stolz macht mich dieses demokratische Experiment schon, das zum Ende der Prohibition geführt hat“, sagt Plumb. Auf einen Schlag wurde der potentielle Kundenkreis von 50.000 auf zwei Millionen plus Touristen erweitert. Heute kaufen bis zu zweihundert Kunden pro Tag bei Farma; an den meisten Tagen liegt der Umsatz über 10.000 Dollar.

Dennoch bleibt den Geschäftspartnern nur wenig von dem Geld. Anders als jedes andere Unternehmen kann die Cannabis-Industrie nur einen kleinen Teil der Ausgaben von der Steuer absetzen. Schuld daran ist der Paragraf 280e des US-Steuerrechts. Der Paragraf aus den 1980er Jahren wurde geschaffen, um der Drogenmafia das Handwerk zu legen: Wer im Drogenhandel sei, dürfe keine seiner Ausgaben von der Steuer absetzen. Ein juristischer Kniff, um Mafiabosse für Steuervergehen hinter Gitter zu bekommen, wenn es an Beweisen für eine Verurteilung wegen Drogenhandels fehlt. Doch weil das Cannabisgeschäft in Oregon erlaubt ist, nach Bundesrecht aber nicht, greift der Paragraf auch für Farma. Ausgaben für Personal, Miete oder Werbung können also nicht abgesetzt werden, der Umsatz wird daher so versteuert, als ob es sich dabei um Gewinn handeln würde. „Die Chance ist nicht klein, dass deine Steuerschuld höher ist als dein eigentlicher Gewinn“, sagt Heywood.

Die hippen Verkäufer bei Farma müssen eine Liebe zur Cannabis-Pflanze mitbringen.

Foto: Dominik Wurnig

Dazu kommt das, was Heywood Zombie-Business nennt. Bisher haben nur kleine Bundesstaaten Cannabis freigegeben, viel Kapital aus größeren Bundesstaaten strömt daher nach Oregon. In der 700.000-Einwohner-Stadt Portland gibt es über 200 Cannabis-Dispensaries – viel zu viele. Der Cannabismarkt in Portland ist nicht mehr rational, die Blase ist aufgebläht und droht zu platzen. Obwohl sie kein Geld verdienen, bleiben unzählige Geschäfte weiter offen – die Investoren hoffen darauf, länger durchzuhalten als die Konkurrenz.

In diesem Umfeld ist es für die Farma-Männer schwierig zu navigieren: Viele Faktoren, die über ihren Geschäftserfolg entscheiden könnten, liegen außerhalb ihrer Reichweite. Wegen der Bundesgesetze dürfen Kunden beispielsweise nur in bar bezahlen. Die Dispensaries sitzen daher alle auf einem Haufen Cash, es kommt immer wieder zu Überfällen.

Das beste Gras der Welt

Nachdem der Verkauf läuft, geht es nun für Plumb daran, den Anbau von Cannabis zu revolutionieren. Südlich von Portland, neben einer Truthahnfarm, soll für 1,4 Millionen Dollar eine hochmoderne Marihuana-Glashausplantage entstehen, in der das beste Gras der Welt wachsen soll. Ganz nach dem Muster der vielen Kleinbrauereien in Portland will Plumb hier unter optimalen Bedingungen beste Qualität herstellen.

Noch müssen die Pläne geheim bleiben. Gerade hier, auf dem Land, sind die Menschen konservativer; eine Cannabis-Plantage könnte schnell zu Protesten führen.

Mit Partnern hat Plumb eine Stufe-2-Lizenz für den Anbau von Cannabis beantragt. Damit dürfen auf 929 Quadratmetern Cannabispflanzen in einem Gewächshaus zum Blühen gebracht werden. Das Glashaus soll den neuesten ökologischen Standards entsprechen: Regenwassernutzung, stromsparende LED-Lichter, Strom aus Solarpanelen, integriertes Ungeziefermanagement, biologischer Dünger. „Wir planen nicht nur für die nächsten zwei Jahre, sondern für die nächsten zwanzig Jahre“, sagt Plumb. 600 Pflanzen mit bis zu sechs Ernten über das ganze Jahr verteilt sollen Gras der besten Qualität bringen – und in Folge bei Farma verkauft werden.

Auf dieser geheimen Flächen soll das supermoderne Cannabis-Gewächshaus entstehen.

Foto: Dominik Wurnig

Der amerikanische Wahltag am 8. November könnte zu ihrem großen Schicksalstag werden: Zum einen wählen die USA einen neuen Präsidenten. Sollte Donald Trump gewinnen, könnte der konservative Populist zum Schlag gegen die Cannabis-Industrie ausholen. Dann droht das wacklige Kartenhaus, auf dem die liberale Drogenpolitik aufbaut, zusammenzufallen.

Zum anderen stimmt mit Kalifornien der bevölkerungsreichste Bundesstaat über die Freigabe von Cannabis ab – derzeit deutet alles auf eine klare Mehrheit für die Liberalisierung hin. Sollte der wirtschaftlich und politisch mächtige Bundesstaat Cannabis freigeben, könnte eine Lawine in Gang kommen, der sich auch die Bundesregierung in Washington, D.C. nur schwer widersetzen kann.

Dann wollen Plumb, Butler und Co bereit sein und die perfektionierte Glashausanlage noch einmal in Kalifornien errichten. Sie, die jahrelang im rechtlichen Graubereich agierten, wollen endlich die Früchte ihrer Arbeit ernten.


Disclaimer: Diese Geschichte ist im Rahmen der zweiwöchigen TransAtlantic Storytelling Summerschool 2016 des fjum_forum journalismus und medien entstanden. Die Kosten für den Flug nach Portland hat dankenswerterweise die US-Botschaft in Wien übernommen.

Redaktion: Esther Göbel; Produktion: Vera Fröhlich.