Landwirtschaft

Die fleißigste Biene ist eine Hummel

etwa 9 Min. Lesedauer

Ich bin eigentlich nicht als Tierfreund bekannt. Auch gehört normalerweise die Landwirtschaft nicht zu meinen journalistischen Spezialgebieten. Die Erdhummeln sind mir mehr oder weniger zufällig zugeflogen. Vor einigen Wochen habe ich am Berliner Staudenmarkt neue Pflanzen für meinen Neuköllner Balkon gekauft. Zwischen dem Kauf einer Walderdbeer- und einer Cocktailtomatenpflanze erzählte mir ein Mann mit einer Plüschbiene am Kopf etwas, von dem ich noch nie gehört hatte: „Das wichtigste Nutztier der Welt ist die Erdhummel.“ Dieser überraschende Satz sollte mich hinterher nicht mehr loslassen: Wieso ist dieses Insekt so wichtig? Wieso ist das nicht bekannter? Und warum weiß ich, der Listen und Zahlen liebt, das nicht?

Nahezu weltweit werden Erdhummeln – sie gehören wie die Honigbienen zur Familie der Echten Bienen – in der modernen Landwirtschaft zur Bestäubung von Gemüse- und Obstpflanzen eingesetzt. Für den Einsatz im Gewächshaus, wo es kaum wilde Insekten gibt und keine Windbestäubung möglich ist, werden sie gezielt gezüchtet und dann dort ausgesetzt. Kiwis, Mandeln, Heidelbeere, Pfirsiche – Erdhummeln nutzt man inzwischen beim Anbau von mehr als hundert Pflanzen, darunter einige der teuersten und lukrativsten Sorten. Jedes Jahr werden rund 1,5 Millionen Hummelvölker oder 2,25 Milliarden Hummeln in der Landwirtschaft eingesetzt, sagt mir Remco Huvermann, der Produktmanager von Koppert, dem niederländischen Weltmarktführer bei Erdhummeln.

350 Tonnen Tomaten will Klaus Henschel bis November ernten.

Foto: Dominik Wurnig

Brandenburg, Manschnow, nahe der Grenze zu Polen. Windmühlen, Felder, wenig Menschen. Beim Gärtnereibetrieb Fontana werden heute 40mal so viele Tomaten geerntet wie noch vor 20 Jahren. Und das obwohl die Anbaufläche kleiner ist als 1994. Wie das geht? Gewächshäuser, Klimacomputer, eine ausgefeilte Technik und Erdhummeln. „Für mich hat die Erdhummel einen sechsten Sinn und weiß genau, ob eine Blüte bereits Pollen hat“, sagt Geschäftsführer Klaus Henschel. Im Januar werden 10.000 Tomatenpflanzen ausgesetzt, und bis in den November sollen insgesamt 350 Tonnen Tomaten geerntet werden. Alle zwei Wochen erhält Henschel dafür mindestens ein neues Hummelvolk; über das Jahr kauft er bis zu 40 Kolonien von der belgischen Firma Biobest, der Nummer zwei auf dem Weltmarkt. Anhand brauner Stellen – Bissspuren der Hummel – auf den Tomatenblüten erkennt der Landwirt sofort, ob es zu viele oder zu wenige Bestäuber im Gewächshaus gibt und kann entsprechend nachbestellen.

Zu den braunen Stellen kommt es Koppert zufolge, weil sich die Hummel zum Bestäuben an der Blüte festbeißt und sie zum Schwingen bringt. Die Bissspuren verfärben sich innerhalb von ein bis vier Stunden braun und ermöglichen es, die Bestäubung und die Arbeit der Hummeln zu überprüfen.

Klaus Henschel kontrolliert anhand brauner Stellen, ob die Tomatenblüte schon von einer Hummel bestäubt wurde.

Foto: Dominik Wurnig

Die Mär von der fleißigen Biene

Zwar könnten auch Honigbienen für viele Pflanzen als Bestäuber eingesetzt werden, doch sie sind weniger leistungsfähig. Die Mär von der fleißigen Biene stimmt nicht. Im Vergleich zur Erdhummel agiert die Honigbiene eher wie der faule Willi. Denn Erdhummeln arbeiten schon bei Temperaturen ab 10 Grad Celsius, Bienen werden erst ab 16 Grad aktiv. Hummeln fliegen auch schon bei wenig Licht, was vor allem in Gewächshäusern weit weg vom Äquator wichtig ist (vgl. Velthuis/Van Doorn 2006). Hummeln fliegen weiter und schneller, bestäuben mehr Pflanzen und fliegen nicht nur die nektarreichsten Blüten an, so wie die Bienen, die ja einen Vorrat anlegen müssen, um den Winter zu überleben. „Hummeln sind der perfekten Bestäuber“, sagt Hummel-Produktmanager Huvermann von Koppert. „Heute werden sie für mehr als 100 Pflanzen fast auf der ganzen Welt als Bestäuber eingesetzt.“

Neun Hummelvölker kümmern sich bei Fontana Gartenbau um 10.000 Tomatenpflanzen.

Foto: Dominik Wurnig

Besonders den Tomatenanbau haben die Erdhummeln verändert. „Die Biene ist ausgeschlossen aus diesem Geschäft, weil die Röhre bei der Tomatenblüte so lange ist, dass die Biene mit ihrem Werkzeug nicht an die Pollen rankommt“, sagt Henschel. Die Erdhummel hingegen hält sich an der Blüte fest, bringt durch den Flügelschlag die Blüte zum Vibrieren und setzt dadurch die Pollen frei. Diese Vibrationsbestäubung (Englisch: buzz pollination) führt nicht zu mehr Früchten, aber die Tomaten werden größer und schwerer.

https://www.youtube.com/watch?v=KBHrNpgNPBo

Zeitlupenaufnahme einer Erdhummel bei der Bestäubung einer Tomatenblüte.

Am Ende steht der Tod

Die Hummelbestäubung wird im großen Stil im Tomatenanbau erst seit 1987 eingesetzt. Damals beobachtete der Amateurinsektenforscher Louis Janssens im Gewächshaus seines Stiefvaters die Hummeln bei der Vibrationsbestäubung der Tomatenblüten. Nachdem die regionale Fachschule die guten Ergebnisse durch die Hummelbestäubung in Tests bestätigte, begann die belgische Firma Biobest und wenig später auch Koppert mit der kommerziellen Produktion des Insekts.

Die ersten Hummelköniginnen wurden noch in der Türkei gesammelt, in Zwischenzeit werden aber nur noch Labortiere verkauft. „Im Labor simulieren wir die Natur: Junge Königinnen werden ausgewählt, paaren sich mit Männchen und werden dann künstlich in den Winterschlaf versetzt“, sagt Huvermann. „Später werden sie dazu stimuliert, ihre eigene Kolonie zu starten und die ersten Eier zu legen, die dann zu Arbeiterinnen werden. Nach 10 bis 12 Wochen wird so aus einer Königin eine Kolonie mit 50 Arbeiterinnen.“

https://www.youtube.com/watch?v=oLucqyqg6L8

Koppert verrät nicht viel darüber, wie jedes Jahr hunderttausende Hummeln gezüchtet werden. Einen Einblick gibt dieses Video von der Firma (auf Englisch).

In schuhkartongroßen Kisten werden die Hummeln dann verschickt und sind bereit für den Einsatz im Gewächshaus. „Man könnte sie auch selbst in der Natur einsammeln, aber wir brauchen alle zwei Wochen ein neues Volk, das wäre schwer zu organisieren“, sagt Henschel.

Ab 50 Euro ist ein Hummelvolk zu haben. Circa 1.500 Hummeln leben und sterben im Laufe des dreimonatigen Lebenszyklus in der Kolonie. Die Natur hat es so vorgesehen, dass lediglich die Königinnen überleben, um nächste Saison ein neues Volk zu gründen.

So sieht es in einem Hummelvolk der Firma Biobest aus.

Foto: Dominik Wurnig

Hummeln ersetzen Menschen

Bevor die Hummel den Job übernahm, sorgten Menschen für die Bestäubung. Mit Stöcken und vibrierenden Drillapparaten musste jeder Blütenstand berührt werden – optimalerweise zwischen 10 und 14 Uhr vormittags. Der Aufwand war immens: „Bei 10.000 Pflanzen mit 20.000 Köpfen ... ich habe nicht ausgerechnet, wie viele Arbeiter man dafür braucht, aber sicherlich eine ganze Menge“, sagt Tomatenproduzent Henschel.

Der Tomatenanbau im Gewächshaus ist sehr arbeitsintensiv.

Foto: Dominik Wurnig

Befeuert durch eine steigende Nachfrage ist in den vergangenen Jahren die Tomatenproduktion explodiert. Ohne Hummeln wäre das nur mit einer massiven Ausweitung der Anbaufläche möglich gewesen. „Als Nutztier ist die Hummel wahnsinnig wichtig, um Milliarden Tonnen Gemüse und Obst – die Cash Crops – produziert zu bekommen“, sagt Cornelis Hemmer, der Mann mit der Bienenmütze von der Initiative Deutschland summt!, der mich ursprünglich auf die Hummeln aufmerksam gemacht hat. Die Hummel ist zweifelsohne der wichtigste kommerzielle Bestäuber und wird fast überall auf der Welt eingesetzt. Ohne Bestäubung gäbe es bei Pflanzen keine Fortpflanzung und keine neuen Arten, die durch Kreuzungen entstehen.

Parallel einher mit dem Einsatz der Hummel ging auch die steigende Tomatenproduktion. „Der Natur fehlt es an natürlichen Bestäubern und deshalb brauchen wir zusätzliche Bestäuber, um die Welt zu ernähren“, sagt Huvermann. Genau hier setzt aber auch die Kritik von Magnus Wessel von der Umweltschutzorganisation BUND an. „Gegen die Verwendung der Hummeln in der Landwirtschaft ist grundsätzlich wenig einzuwenden, besser wäre jedoch die Stärkung der wildlebenden Populationen vor Ort“, sagt Wessel.

Klimawandel, Verstädterung und Insektizide führen dazu, dass es immer weniger Bestäuber gibt. Hummeln reagieren empfindlich auf Pestizide, und daher wird im Kampf gegen Schädlinge seltener zum Gift gegriffen. „Bauern verwenden Pestizide sehr zurückhaltend, um die Hummeln zu schützen“, sagt Huvermann. „Daher sage ich immer, dass Hummeln zu höherer Lebensmittelsicherheit führen.“ In die gleiche Kerbe schlägt auch Thomas Sannmann von der gleichnamigen Gärtnerei. „Wir arbeiten mit den Kräften der Natur“, sagt er. Gegen die Weiße Fliege, den häufigsten Schädling, hilft beispielsweise der Nützling Macrolophus pygmaeus, eine Raubwanze.

Die Kehrseite der Medaille ist die Vermischung

Eine große Gefahr ist, dass sich die gezüchteten Hummeln mit wilden Populationen vermischen und so den natürlichen Kreislauf stören könnten. Koppert empfiehlt, die verbliebenen Kartons samt der überlebenden Tiere professionell verbrennen und entsorgen zu lassen. „Die Erdhummeln sollten nur im Gewächshaus bleiben“, sagt Wessel. „Ob das in der Realität funktioniert, kann ich nicht sagen.“ Bei Fontana Gartenbau werden jedenfalls die Kartons am Ende der Saison ins Freie gestellt und so sich selbst überlassen. Niemand kann sagen, ob sie von einem Waschbären gefressen werden, verwildern oder womöglich als Zuchttiere keine Chance haben, in der Umwelt zu überleben.

In der Vergangenheit haben invasive Hummelarten das natürliche Gleichgewicht massiv verschoben. In der Landwirtschaft kommt die Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) am häufigsten zum Einsatz, die auch in Europa heimisch ist. In Teilen Nordamerikas (Bombus impatiens) oder auf den Kanarischen Inseln (Bombus terrestris canariensis) verlangt der Gesetzgeber aber den Einsatz lokaler Arten.

Der Mensch sorgte für eine Hummelinvasion

Chile importierte in den 1980er Jahren Erdhummeln als Bestäuber, die rasend schnell die lokale Hummelart verdrängten. „Es handelt sich um eines der spektakulärsten Beispiele einer durch den Menschen eingeleiteten Invasion einer fremden Art auf einem ganzen Kontinent“, sagt der Bombologe (Hummelforscher) Paul Schmid-Hempel. Noch dazu wurde so ein Parasit eingeschleppt, der im Hummeldarm lebt und die Bildung neuer Kolonien stört, wie eine Studie der ETH Zürich beweist.

„Internationaler Handel mit Hummeln ist problematisch, dabei werden zu leicht Parasiten oder Krankheiten überregional verschleppt“, warnt Wessel. Die Firma Koppert verschickt Hummeln rund um den Globus, will aber zu der Problematik nicht Stellung nehmen.

Glückliche Hummeln brauchen beste Bedingungen

Auf die Frage, ob die Hummeln glücklich sind, reagiert Henschel mit Lachen. „Wenn die Hummeln bei uns arbeiten sollen, müssen die die besten Bedingungen haben“, sagt er. „Ich könnte die auch unters Dach hängen, wo es schön heiß ist. Aber dann machen die gar nichts, außer der Brut Luft zuzufächeln zur Kühlung.“

Aber ist das nicht Massentierhaltung? Geht es den Hummeln wirklich gut, wenn sie in einem dunklen Schuhkarton verschickt werden?

„Lange Transportwege sind für Tiere nie gut, gewisse Verlustraten werden stillschweigend einkalkuliert“, sagt Wessel. Aber prinzipiell hat die Umweltschutzorganisation keine Bedenken, dass Hummeln nicht artgerecht gehalten werden. „Rechtlich gesehen betrifft Tierschutz Wirbeltiere. Insekten wird die Leidensfähigkeit abgesprochen, bei der der Tierschutz ansetzt“, erklärt Wessel. „Insekten sind juristisch gesehen zu behandeln wie ein Ding; zugespitzt gesagt: 'wenig mehr als ein fortpflanzungsfähiger Taschenrechner'.“ Auch Huvermann glaubt, dass seine Insekten glücklich sind. „Zumindest haben sie die perfekten Bedingungen, um glücklich zu sein“, sagt er.


Tipps für die eigenen Tomatenpflanzen

Wer einige Tomaten am eigenen Balkon oder im Garten pflanzt, braucht nicht gleich Hummeln zu bestellen, sondern kann sie mit der Hand bestäuben. „Einfach mit einem Kugelschreiber jeden Tag zwischen 10 und 14 Uhr gegen die Blüte klopfen, um Vibration zu erzeugen“, sagt Tomatenbauer Henschel. So werden die Tomaten schöner, schwerer und besser.


Aufmacherbild: Erdhummel (Bombus terrestris)/Rolf Brecher bei Flickr/CC BY-SA 2.0