„Was um Himmels Willen machst du da, Erika?!”

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Erika Lust. Was ist das überhaupt für ein Name? Das klingt nach Erotikfilmen aus den 90ern, wie sie spät nachts im Fernsehen liefen, oder nach den Bahnhofskinos von früher. Man muss sagen, der Name leitet in die Irre. Denn die Frau, die ihn sich ausgesucht hat, ist keine Softporno-Darstellerin mit Dauerwelle. Sie arbeitet hinter der Kamera, nicht davor. Und sie nimmt keine Anweisungen entgegen, sondern erteilt sie. Wenn man sich ansieht, welche Regisseurinnen in der Porno-Branche Geld verdienen, dann steht da die Schwedin Erika Lust – und dann lange niemand mehr.

Ich traf Lust das erste Mal 2011 auf einem ihrer Filmsets in Barcelona, wo sie gerade ihren bis dato aufwändigsten Film drehte, dessen Titel damals noch nicht feststand (später nannte sie ihn „Cabaret Desire“). Ein Frauenmagazin hatte mich dort hingeschickt und ich wusste nicht recht, was ich erwarten sollte. Wie die meisten Menschen hatte ich kein sehr positives Bild von Porno und der Rolle, die Frauen darin spielten. Mein Gefühl gegenüber Porno-Darstellerinnen entsprach ungefähr dem, was ich über Prostituierte dachte: Irgendjemand (vermutlich ein Mann) musste an diesen Frauen etwas kaputtgemacht haben, damit sie erlaubten, dass man sie nackt und stöhnend filmte und den Blicken tausender zur Verfügung stellte. Warum sollte das anders sein, nur, weil eine Frau hinter der Kamera stand? Soweit das Klischee in meinem Kopf.

An der Adresse, die man mir genannt hatte, fand ich ein verwirrendes Bild vor: Ein ruhiger Innenhof, in dem lässig gekleidete Menschen an Plastikbechern mit Kaffee nippten. In einer Ecke erkannte ich Erika Lust, die auf einen schmächtig wirkenden Mann einredete. Ein riesiger, alter Baum breitete seine Äste schützend über die Szene. Das Ganze sah deutlich mehr nach entspannter Nachmittags-Party aus als nach Pornoset. Nur eins störte dieses Bild: Die hochgewachsene Gestalt einer Frau in einem schwarzen Ganzkörperanzug aus Lackleder. Sie stand am Buffet und pickte gedankenverloren daran herum.

Bald jedoch gingen die Kameras an und das Bild änderte sich gründlich. Die Frau im Lack-Kostüm spielte eine Einbrecherin, die beim Raubzug im Haus eines Künstlers diesen schlafend vorfindet, ihn an eine Chaiselongue fesselt und dann nach Strich und Faden durchvögelt. Der Clou der Story: Am Ende hat sie nicht sein Geld oder seine Bilder gestohlen. Sondern sein Erbgut. Denn nach der Nacht ist sie schwanger. Ganz schön durchdacht für einen Porno.

Sieht eigentlich ganz lieb aus, bricht aber in Häuser ein und vernascht wehrlose Künstler.

Foto: Lust Films

Zwei Drehtage später saß ich im Hotel und ordnete mein Weltbild neu. Ich hatte mit allen Darstellern geredet, inklusive der Einbrecherin. Überall hatte ich nach Opfern gesucht. Ich hatte keine finden können. Stattdessen war ich Menschen begegnet, die ihre Arbeit mit mehr oder weniger Begeisterung machten, wie bei jedem Job. Sie hatten also Sex vor der Kamera, na und? Eine hübsche Frau mit Arm-Tattoos und Rehaugen, der ich versucht hatte, diesbezüglich auf den Zahn zu fühlen, reagierte genervt. „Wer auch immer behauptet, alle Frauen im Porno seien Opfer, gesteht ihnen keine Autonomie über ihre eigenen Körper zu“, sagte sie mir mit einem Ton, als hätte sie das schon hundertmal erklärt. Wenig später wälzte sie sich mit einem Typen, der problemlos den Donnergott Thor spielen könnte, auf einem reinweißen Laken. Ihr Orgasmus, sagte sie in der Zigarettenpause, sei echt gewesen.

So viel war klar: Mit vorgefertigten Annahmen kam ich hier nicht weiter. Etwas war anders hier. Und es musste mit der Regisseurin zu tun haben. Mit Erika Lust, Boss des ganzen Apparats, der den Film produzierte. Die sich die Szenen ausgedacht, die Schauspieler gecastet und die Bildsprache bestimmt hatte.

Sie selbst für ein Gespräch zu kriegen, war allerdings keine leichte Aufgabe gewesen. Die kleine, blonde Frau war ständig in Bewegung, rückte Requisiten zurecht, befehligte die Kameras und stand dann wieder mit einer konzentrierten Falte zwischen den Augenbrauen neben den verschlungenen Körpern der Darsteller. Endlich, als die Szene mit Thor im Kasten war, erwischte ich sie.

Lust lächelte, als stünde sie unter Strom. „Ist das, was du machst, noch Porno?“, fragte ich sie. „Ja, aber Porno mit einem weiblichen Blick“, gab sie zurück. „Was heißt das?“ - „Es ist das, was du hier siehst. Das repräsentiert natürlich nicht den Sex aller Frauen auf der Welt, aber du spürst und siehst, dass sie überhaupt eine eigene Sexualität haben.“ Ich warf einen Blick auf die Darsteller, die rauchend und nackt am Fenster standen. „Ist es nicht komisch, bei Sex Regie zu führen?“, fragte ich. „Früher ja“, gab sie zu, „Am Anfang stand ich nur daneben und habe versucht, ihnen irgendwie zu erklären, was ich wollte, ohne ihnen zu nahe zu kommen. Jetzt traue ich mich sogar, die Performer anzufassen, wenn mir eine Position nicht gefällt. Schwierig ist vor allem zu verstehen, wann ich mich einmischen sollte und wann ich sie einfach lassen muss, weil ich sonst verhindere, dass sich etwas entwickelt.“

Ich wollte noch viel mehr wissen, aber dafür war an diesem Punkt keine Zeit. Es war klar, dass sie zurück an die Kamera wollte. Ich würde mir meine Fragen für einen späteren Zeitpunkt aufheben müssen.

„The Good Girl“

Wie kommt eine junge, gebildete Schwedin dazu, Sexfilme zu drehen? Auf der Selbstdarstellung auf Erika Lusts Webseite beschreibt sie selbst ihren Werdegang von der Politikstudentin zur Porno-Regisseurin: „Ich fand es unerhört, dass wir die wichtigste Debatte über Geschlecht und Sexualität in den Händen von Männern ließen, die oft nicht besonders talentiert waren – und denen die exotische Idee, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben, definitiv total fremd war... Tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich aufhören musste, mich zu beschweren, und die Filme machen sollte, die ich wollte, wenn ich die vorhandenen Pornos nicht mochte.“ Nach dem die junge Frau im schwedischen Lund Politikwissenschaft mit den Schwerpunkten Feminismus und Menschenrechte studiert hatte, zog sie nach Barcelona. Da war sie Mitte zwanzig. Sie fing an, sich auf den Sets von Filmproduktionen hochzuackern und besuchte Abendkurse im Filmemachen. 2004 drehte sie ihren ersten Porno, „The Good Girl“.

Man merkt dem Film an, dass es ein Anfängerstück ist. Die Erzählerin klingt zeitweise so stark nach Amateur-Schauspielerin, dass man als Zuschauer peinlich berührt mit den Zähnen knirscht. Obwohl die Handlung eigentlich pures Klischee ist (eine sexuell frustrierte junge Frau verführt den Pizzaboten), ist klar, dass die Rolle der Protagonistin über williges Porno-Fleisch hinausgeht. Sie hat einen Namen - Alex- eine erkennbare Persönlichkeit und einen eigenen Willen. Sie genießt den Sex auf eine Weise, die authentischer wirkt als das Mach's-Mir-Gestöhne in einem Standardporno. Und sie hat eine hübsche Wohnung. Was deswegen erwähnenswert ist, weil sich Erika Lust in Interviews immer wieder über „die hässlichen Sofas“ im Mainstream-Porno empört.

Der interessanteste Moment in „The Good Girl“ ist aber der, in dem Alex ihren Partner auffordert, auf ihr Gesicht zu ejakulieren, „wie im Porno“. Dieses augenzwinkernde Zitat, merkte ich, ist typisch Erika Lust, dieser Humor tauchte in ihren späteren Filmen immer wieder auf. Typische Machoszenen umdeuten: Das macht sie gerne. Eine Frau, die lasziv vor einem Zuschauer strippt, und hinterher gibt sie ihm Geld. Ein Mann, der Flugstunden bei einer Pilotin nimmt und von ihr verführt wird. Er ist sehr bezeichnend dafür, was für Lust, die sich als sexpositive Feministin bezeichnet, ein emanzipierter Porno bedeutet. Entscheidend ist darin nicht, was passieren darf und was nicht. Sondern die Frage, ob alle Beteiligten selbstbestimmt handeln.

2014 hielt Erika Lust einen TED-Vortrag über ihre Arbeit, und was sie damit erreichen will, in Wien.

Ob diese tiefere Ebene bei den Zuschauern ankommt? Klar ist, dass sehr, sehr viele Menschen „The Good Girl“ sehen wollten: Nachdem sie den Film ins Internet gestellt hatte, sah die Schwedin die Zahl der Downloads schneller und schneller wachsen, bis sie fast 2.000.000 erreichten. Sie habe in Flammen gestanden, sagt sie heute. Es war ein entscheidender Moment. Wenn sie bis dahin noch an ihrer Karriere gezweifelt hatte, brachte diese massenhafte Nachfrage nach ihrem Film die Wendung. Aus der Filmstudentin wurde die Regisseurin. „Ich sage den Leuten immer: Ich bin Schwedin, aber Erika Lust wurde in Barcelona geboren“, erklärt sie.

Die Regisseurin hat keine Berührungsängste mit nackten Menschen

Foto: Lust Films

Nicht alle Menschen in ihrer Umgebung waren begeistert. Ihre Freunde und Familie verstanden nicht, warum sie sich so viel Mühe mit Filmen machte, an denen sich die Zuschauer bloß einen runterholten. Selbstironisch stellt Lust heute auf ihrer Internetseite ein Zitat ihrer Mutter aus dem Jahr von „The Good Girl“ in großen, pinkfarbenen Buchstaben heraus: „Was um Himmels Willen machst du da, Erika?!“

Ikea-Porno

Die junge Frau hatte aber nicht nur ihre Familie verstimmt. Manche warfen der Schwedin vor, dass sie das Label Feminismus als reines Verkaufsargument nutzte. Eigentlich würde sie nur die gleichen Geschichten mit den gleichen Rollenklischees erzählen wie der Mainstream-Porno. Schaut man sich ihre Filme an – mittlerweile hat sie zehn DVDs herausgebracht – wirkt diese Kritik übertrieben. Es stimmt schon, der Sex folgt immer noch mehr oder minder den gleichen Abläufen, nur, dass die Lust der Frauen mehr und offensichtlicher zum Zug kommt. Die meisten Protagonisten sind weiß und eher jung. Ein bisschen Fesselei kommt vor, manchmal gehen Männer mit Männern oder Frauen mit Frauen oder auch mal alle mit jedem ins Bett.

Aber die Körper weichen von den Standards ab, die Frauen sind nicht nur Porno-Babes, die Männer öfter sogar ziemliche Nerds. Niemand vögelt wahl- und kontextlos, immer gehört eine Geschichte dazu. Eigentlich ist der größte Vorwurf, den man Lust machen könnte, derjenige der Harmlosigkeit. Niemand, der einen Erika-Lust-Film gesehen hat, wird sich angespornt fühlen, Geschlecht und Sex grundsätzlich infrage zu stellen. Sie provoziert nicht. Da sind einfach nur hübsche Menschen, die in stylischer, urbaner Umgebung vögeln.

Das ist Absicht. Erika Lusts Sexfilme sind für die Massen gedacht. Die komplizierten, schwierigen Themen überlässt sie den anderen: Bei ihr geht es, wie sie sagt, um „die Freude und den Spaß am Sex. Manchmal will man einfach nur das.“ Ihre Filme sehen schön aus und passen zu allen. Ikea-Porno, sozusagen.

Zwei Jahre nach dem Dreh in Barcelona sah ich Erika Lust wieder. Ihre Firma war mittlerweile deutlich gewachsen, sie war mit ihrer Familie in eine neue Wohnung gezogen, ebenfalls in Barcelona, mit Blick aufs Meer. Doch wir trafen uns im Restaurant des trendigen Soho House, einem Privatclub für Kreative und Künstler in Berlin-Mitte. Diesmal war Lust ganz entspannt. So ausgeruht wirkte sie jünger als ihr eigentliches Alter (zu diesem Zeitpunkt 37 Jahre). Sie trug Schwarz von Kopf bis Fuß und ein katzenhaftes, aber dezentes Augen-Makeup. Beim Reden gestikulierte sie quirlig wie eine Spanierin. Ihr Mann Pablo, Geschäftsführer bei Lust Films und ein freundlicher Typ mit silbernen Bartstoppeln, saß auf dem Sofa gegenüber. Er mischte sich kaum ein, beobachtete aber sehr genau. Ab und zu warf er einen Satz in das Gespräch, das fast zwei Stunden dauerte. Ein Auszug:

Erika, ist Porno für dich eine Art Sexerziehung?

Du kannst Sex nicht zeigen, ohne dass das irgendwie Sexerziehung ist, selbst wenn du das vermeiden willst. Weil es um deinen Blick auf Sexualität geht. Und was lernt man als Frau, wenn man sich einen normalen Porno ansieht? Du lernst, dass du deinen Mann zum Orgasmus bringen solltest. Das ist nicht das, was ich in meinen Filmen sage. Bei mir geht es ums Genießen. Das ist etwas ganz, ganz anderes. Darum ist es auch so wichtig, dass mehr Frauen an diesem Genre beteiligt sind, und ihren Blick zeigen.

Viele Frauen würden wahrscheinlich sagen, dass Porno in ihrem Leben keine große Rolle spielt.

Porno ist ein riesiger Teil unserer Kultur. Das können wir nicht einfach ignorieren. Wir müssen daran teilnehmen. Viele Frauen denken aber, dass Pornos mit ihrem Leben nichts zu tun haben, weil sie keine schauen. Aber fast alle Männer tun das, und die sind Teil des Lebens dieser Frauen. Wenn ein junger Mann sich heutzutage Pornos anschaut, denkt er, dass Frauen eine Art Sexpuppen sind, die für ihn arbeiten. Das ist ein sehr begrenzter, trauriger Blick. Ich glaube, dass besonders junge Frauen Sex auf eine andere Weise präsentiert sehen müssen.

Das klingt aber so, als müsstest du eigentlich Filme für Männer machen.

Mein Publikum besteht zu etwa sechzig Prozent aus Männern und zu vierzig Prozent aus Frauen.

Das ist ja überraschend.

Ich weiß nicht, ob das so überraschend ist. Männer suchen online einfach mehr nach Sex.

Warum gibt es nicht mehr Frauen, die Pornos drehen?

Ich glaube, es hat definitiv mit Scham zu tun. Ich sehe das, wenn ich mit jungen Regisseurinnen rede. Die sind oft begeistert von der Idee, aber sie glauben, dass sie dann ihr ganzes Leben lang diesen Stempel tragen werden. Das stimmt ja auch. Aber irgendjemand muss den Job ja machen.


Besonders traurig sah sie nach diesem Satz nicht aus. Das wäre angesichts ihres Erfolgs auch seltsam. Pablo bestellte ihr noch einen Tee. Als der Kellner das Kännchen brachte, sagte die Regisseurin einen Satz, den ich von Menschen, die beruflich mit Sex zu tun haben, immer wieder gehört habe: „Manchmal kommen wildfremde Leute und wollen mit mir über ihre Sex-Probleme reden, als wäre ich Sexologin.“ Sie nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. „Es gibt definitiv ein riesiges Bedürfnis, über Sex zu kommunizieren, das nicht gestillt wird. Und es ist schade, dass wir immer noch in einer Gesellschaft leben, die so viel Angst davor hat. Du kannst noch nicht mal einen weiblichen Nippel auf Facebook zeigen. Gewalt ist gesellschaftlich viel besser akzeptiert als Sex. Der weibliche Körper ist in den USA stärker reguliert als Waffenkäufe. Wenn du dort eine Abtreibung haben willst, musst du in eine Klinik gehen, ein Gespräch haben und dann zu Hause noch einmal ein paar Tage nachdenken. Das verlangt niemand von dir, wenn du eine Waffe kaufen willst.“

Erika Lust dreht Rollenbilder gerne um: Diese Stripperin bezahlt in dem Kurzfilm "Chicazo" ihren Zuschauer

Foto: Lust Films

Auch in Deutschland, einem der wichtigsten Märkte für Erika Lust – die Deutschen sind Spitzenkonsumenten, was Pornografie betrifft – ist das Verhältnis zum Sex im Bild und vielleicht auch generell zwiespältig. Das zeigt sich in der Gesetzgebung zum Jugendschutz. Wie die meisten Filmemacher, die kommerziell erfolgreich sein wollen, reicht Lust ihre Filme in Deutschland bei der FSK, der freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, zur Prüfung ein. Dort bekommen sie dann eine Altersfreigabe, entweder ab 18 oder ab 16. Das ist deswegen interessant, weil Pornofilme normalerweise gar nicht bei der FSK landen. Sexfilme gelten als „schwer jugendgefährdend“ und sind damit automatisch indiziert.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat eine recht einseitige Vorstellung von Pornofilmen. „Für Jugendliche – sie bilden gerade eigene Werte und Normen für das soziale Zusammenleben aus und beginnen Sexualität real auszuleben – werden Pornografie und andere explizite Darstellungen von Sexualität v.a. dann als problematisch angesehen, wenn in den Darstellungen Macht, Unterwerfung und Gewalt inszeniert werden und nicht etwa eine selbstbestimmte, verantwortungsvolle und gleichberechtigte Sexualität der Geschlechter, wie sie sich als Erziehungsziel der sexuellen Entwicklung junger Menschen heute formulieren lässt. Die Realität der Pornos sieht bekanntlich anders aus“, heißt es in einem Aufsatz auf der Internetseite.

Der FSK schickt Lust also etwas entschärfte Versionen ihrer Filme.

Für Käufer kann das ziemlich frustrierend sein. Das sieht man an den Amazon-Rezensionen, in denen sich Kunden darüber beschweren, dass in manchen Szenen nur rätselhaft wippende Köpfe zu sehen seien. Eigentlich entspricht das, was Lust macht, auch schon vor der Entschärfung durchaus den Werten des deutschen Jugendschutzes. Für den ist der Kontext, in dem Sex gezeigt wird, entscheidend. Es darf nicht nur um reines Bumsen gehen, der Sex braucht einen sozialen Zusammenhang und eine Geschichte, und es dürfen keine unerwünschten Rollenbilder transportiert werden. Das Bild eines erigierten Penis aber oder der unverstellte Blick auf Schamlippen in einem Film, der klar darauf abzielt, die Zuschauer zu erregen - da wird es kritisch für den Jugendschutz. Das sind im Zweifelsfall „pornografische“ Bilder. Die genauen Beurteilungskriterien stehen in diesem PDF.

Wenn man bedenkt, dass jeder Jugendliche mit Handy und Internetzugang sich viel härtere Bilder ansehen kann, inklusive Gewaltpornos, ist klar, dass diese Praxis eigentlich überhaupt nicht mehr zeitgemäß ist. Man versucht, die sexuelle Entwicklung von Jugendlichen nicht zu gefährden, indem man sie pauschal von allen Pornofilmen abschirmt.

Dass die Beurteilung dessen, was Pornografie ist und was nicht, in gewisser Weise willkürlich ist, sieht man daran, dass der Gesetzgeber keine Definition für Pornografie vorgibt. Was pornografisch ist oder nicht, ergibt sich aus der Spruchpraxis des Strafrecht.

Und nimmt in Kauf, dass neugierige Teenager stattdessen nur die miesen Pornos sehen, die sie im Internet finden. Ganz vom Pornogucken abhalten kann man die Jugend im Jahr 2016 nicht mehr. Das weiß auch Erika Lust, selbst Mutter zweier Töchter. „Man kann seine Kinder heutzutage nicht aufklären, ohne auch über Pornos zu reden. Genauso, wie man über Drogen, Alkohol und Zucker reden muss. Wenn man das vermeidet, werden andere Leute mit ihnen darüber reden. Vielleicht die Lehrer in der Schule, vielleicht aber auch der Dealer an der Ecke bei McDonald's.“

Hinter der Fassade

Vor kurzem traf ich Lust ein drittes Mal. Wieder in Berlin, selbstverständlich in einer schicken Wohnung, die problemlos als Kulisse für einen ihrer Pornos hätte dienen können. Ich glaube nicht, dass irgendein Reporter diese Frau schon einmal in einer hässlichen Umgebung getroffen hat. Das passt nicht zur Figur Erika Lust. Je länger ich sie kannte, desto klarer wurde mir, wie sorgfältig diese Figur geplant war. Dass ich sie nicht zufällig, nie alleine traf. Ihr Mann Pablo, von Haus aus Journalist und jetzt Geschäftsführer von Lust Films, hing immer irgendwie freundlich im Hintergrund. Mir ging die Redensart durch den Kopf, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht. Ob es hier umgekehrt war?

Vielleicht das Geheimnis ihres Erfolgs: Erika Lust arbeitet im Team mit ihrem Mann, dem sieben Jahre älteren Pablo Dobner

Foto: Lust Films

Zu meiner Enttäuschung lief das Gespräch ganz anders als das letzte. Wir wurden diesmal nicht recht warm, sie wirkte angestrengt. Wir sprachen über XConfessions, eine von Lusts Firma geschaffene Online-Plattform, auf der Nutzer ihre eigenen Sexfantasien einschicken können. Alle zwei Wochen macht Lust daraus einen Kurzfilm. Als ich sie zuletzt getroffen hatte, war das noch ein kleines Projekt gewesen, mittlerweile war die Nutzerzahl auf mehr als 130.000 angeschwollen, 3.000 davon zahlten regelmäßig, um Teil der Community zu sein. Als wir von den Zahlen sprachen, bekam sie kurz glitzernde Augen. „Ich will noch so viel mehr erreichen“, rief sie, „Ich will die ganze Welt!“ Danach lachte sie, aber es war klar, dass die heute 39-jährige noch längst nicht fertig ist. Wenn es stimmt, dass sie die Welt verändern will, dann probiert sie das nicht mit Idealismus, sondern dadurch, dass die Welt ihre Werke kauft.

An diesem Abend sollte eine Sammlung dieser Clips in einem Berliner Kino gezeigt werden. Ich fragte Lust, ob das nicht eine Art von Revolution war - Porno im Mainstream-Kino, das ist eigentlich ein Tabubruch. Lust blieb in ihrer Antwort vage. Sie wirkte vorsichtiger und nervöser als beim letzten Mal. Vielleicht, weil sie jetzt viel mehr zu verlieren hatte. Bis zu dem Punkt, an dem ich sie fragte, warum sie eigentlich ihren Namen geändert hatte. Da lächelte sie. „Ich habe nur meinen Familiennamen geändert. Erika Hallqvist kann sich keiner merken. Und wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der man eine Marke sein muss“, antwortete sie. „Es ist aber auch sehr angenehm, weil Erika Lust der starke Teil an mir ist. Als Mensch ist man immer komplexer. Du bist stark, du bist schwach, deine Ideen sind vielleicht etwas nuancierter. Aber wenn du eine Persona schaffst, kann sie ein bisschen mutiger und stärker sein. Wenn ich Erika Lust spiele, ist das immer eine Art Vorführung. Das hilft mir.“

Nach diesem Satz wurde mir plötzlich klar, dass Erika Lust ihren Darstellern viel näher war, als es den Anschein hatte. Obwohl sie hinter der Kamera stand. Sie war eine Performerin unter Performern. Nur, dass sie auch dann in ihrer Rolle blieb, wenn die Kameras aus waren. Ich konnte also verstehen, dass wir das Gespräch an diesem Tag bald beendeten. Sie hatte den ganzen Tag lang Erika Lust gespielt. Vielleicht war sie einfach müde.


Illustration: Sibylle Jazra für Krautreporter.