Schneller! Essen! Videos!

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=lhG0gSw02e4

Reden wir davon, wie Kochen im Fernsehen früher ging: Es war eine gewichtige Angelegenheit. Das versteht man sofort, wenn man sich ansieht, was der erste deutsche Fernsehkoch überhaupt in seiner Sendung Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch auf dem Bildschirm getrieben hat. „Ich saß an einem Frühlingsnachmittag, es war vor dem Kriege, in einem Cafe”, erzählte er in einer Folge Anfang der 60er Jahre. „Da kam eine Bäuerin vorbei und bot Erdbeeren an. Ich nahm ein paar, und während ich nun so den Stiel herausdrehte sah ich, dass da ja ein Hohlraum entstand. Wenn man nun Koch aus Passion ist, wissen Sie, dann denkt man über solche Dinge nach. Besser gesagt, man träumt davon. Ich ging wochenlang mit dieser gefüllten Erdbeere sozusagen schwanger und träumte von ihr und wusste nicht, womit ich sie füllen sollte.”

So geht das noch eine Weile weiter. Wilmenrod zitiert sogar noch Hölderlin, bevor er endlich verrät, dass er in seine Erdbeeren geschälte Mandeln steckt. Das war’s dann auch schon. Diese Information ging damals als Rezept durch und durfte zweieinhalb Minuten Sendezeit dauern. Das ist so ineffizient, so schwarz-weiß, so langsam, dass für den heutigen Zuschauer sofort ein Wellness-Effekt einsetzt. Wochenlang hat der Mann über das Loch der entstielten Erdbeere nachgedacht! So lange könnte sich heute keiner mehr konzentrieren. Sekunden nach der Entstielung hätte man bereits 558.000 Rezepte für gefüllte Erdbeeren ergoogelt.

Wenn wir nach der Erdbeer-Gutenachtgeschichte (oder, seien wir ehrlich, währenddessen) in unsere Facebook-Timeline klicken, ist sofort klar, wie fern die Wilmenrod’sche Muße unserem Leben ist. In den Kurzfilmen, die dort gerade überall auftauchen, bereiten körperlose Hände in rasender Geschwindigkeit von manchmal nur zwanzig Sekunden, immer aber unter einer Minute, Snacks und komplette Mahlzeiten zu. Mozzarella-Waffeln! Hühner-Curry! Mini-Kirschkuchen! Schnipseln, Rühren, Erhitzen - und dann zack! Alles fertig!

Mini-Lasagne

Diese Woche zeigen wir euch Ideen, was ihr mit eurer Muffin-Form noch alles so anstellen könnt.Schon mal Lasagne-Törtchen gemacht?

Posted by Futtern on 21 March 2016

Die kleinen Filme haben den treffenden Namen „Thumbstopper” – Daumenstopper. Das ist wörtlich gemeint: Sie sollen die Finger der Menschen, die fix durch Facebook-Inhalt scrollen, auf der Maus erstarren lassen: „Guck mal, ein Brownie!“, sagt das Video. „Es könnte deiner sein … .“ Das funktioniert. Die Daumen der Leute halten millionenfach inne.

Rezeptfilme sind die neuen Katzenvideos

Seit Buzzfeed im Sommer letzten Jahres die Rezept-Filmchen-Seite Tasty auf Facebook gebracht hat, sammelte die Seite mehr als 48 Millionen Likes. Offenbar sind die Clips genau das, worauf die Nutzer gewartet haben. Sie funktionieren auf Facebook viel besser als auf Youtube, weil Facebook die Videos automatisch lautlos anspielt. Und wenn der Teig für einen Kuchen erstmal angerührt ist, scrollt man nicht einfach weiter. Auf eine absurde Weise spürt man den Drang zu wissen, wie es ausgeht. Ein Rezept für Cheesecake-Würfel, das Tasty letzte Woche gepostet hat, wollten auf Facebook schon 29 Millionen Menschen sehen. Zum Vergleich: Auf Youtube waren es nur 70.000.

Natürlich führt der Riesenerfolg dazu, dass andere nachziehen. In Deutschland wirft sich die Bild-Zeitung mit Futtern ins Rennen, Bento brachte zu Ostern einen leicht gruseligen Film im typischen Tasty-Stil - Perspektive von oben, Zeitraffer, kein gesprochener Text – über einen Hefezopf in Regebogenfarben. Er fand bislang eine halbe Million Zuschauer. Und Ze.tt machte gerade in einer etwas großzügigeren Auslegung des Begriffs „Rezeptvideo“ einen ersten Versuch mit einem Clip über selbstgemachte Zahnpasta.

Interessanterweise lässt sich mit den Filmen bislang noch kaum Geld verdienen. Facebook hat gerade erst damit angefangen, Anzeigen neben Kurzfilmen laufen zu lassen. Natürlich könnte man Markenprodukte mit den Videos bewerben, aber das passiert bisher wenig. Im Moment ist das Ziel noch vor allem Reichweite – riesige Reichweite. Und die Zuschauer? Denen dürfte es in den seltensten Fällen um Rezepte und Kochtipps gehen. Man konsumiert diese Filme ja innerhalb von Sekunden, kein Mensch macht sich so schnell Notizen. Man könnte auf das verlinkte Rezept klicken, aber wahrscheinlich ist man in Gedanken schon längst weiter. Die Clips haben auch nicht den Anti-Stress-Effekt eines Wilmenrod oder eines vergleichsweise langsameren gewöhnlichen Rezeptvideos, das mehrere lange Minuten braucht, um ein Gericht wirklich zu erklären. Die schnellen Videos sind so fix vorbei, dass man nur rasch angeturnt wird und sofort mehr will. Sie sind ja so kurz. Also kann man schnell noch zwei sehen. Oder zwölf.

Das ist eine ganz neue Form von Food Porn. Die eigentliche Definition von Food Porn im Urban Dictionary ist schon etwas älter, sie lautet: „Close-up images of juicy, delicious food in advertisements“ („Nahaufnahmen von sinnlich anziehendem, appetitlichem Essen in der Werbung“). Food Porn ist aber längst nicht mehr auf Werbung beschränkt. Amanda Simpson, Schöpferin der Seite Food Porn Daily, definierte das Genre einmal als „alles, was mich zum Sabbern bringt”. Bilder also, die Essen so in Szene setzen, dass sie beim Zuschauer ein geradezu lüsternes Verlangen erzeugen. Man könnte auch sagen: Fantasien. Ähnlich wie im tatsächlichen Porno geht es bei Food Porn darum, visuelle Reize zu erzeugen, die so stark sind, dass sie dem Zuschauer das Gefühl geben, er könnte das Objekt seiner Begierde berühren bzw. schmecken – aber immer nur fast._

Beim echten Porno zieht man mit den Augen aus, bei Food Porn isst das Auge mit. Während aber Sexbilder noch irgendwie Sinn zu ergeben erscheinen – immerhin können Menschen dazu masturbieren – ist die Befriedigung, die Zuschauer aus Bildern von Mahlzeiten ziehen, rätselhaft. Irgendein Belohnungssektor im Gehirn scheint da freudig mitzuschwingen, aber was genau passiert, ist völlig unklar. Forscher, die sich mit der Frage auseinandergesetzt haben, warum Menschen so gerne Essen betrachten, das sie nicht haben können, konnten noch keine schlüssige Erklärung finden.

Chocolate Covered Cheesecake BitesFULL RECIPE: http://bzfd.it/1MIrwNY

Posted by Tasty on 2 April 2016

Vielleicht ist es aber auch gar nicht kompliziert. Vielleicht spricht der Erfolg der Rezeptfilmchen einfach dafür, dass man, wenn man den ganzen Tag vor dem Bildschirm hat, ein Sinnlichkeitsdefizit hat, dass die Clips kurz befriedigen. Deprimierender ist die Schlussfolgerung des New York Magazines: „Wenn man die politischen Kommentare beiseite gewischt hat, die sinnlosen Status-Updates und Bilder von einsamen Menschen, die nach Likes fischen, sowie all die eifrige, hohle Prahlerei, will ich von Social Media einfach nur ein bisschen harmlose, leicht verdauliche Unterhaltung, die schon wieder weg ist, bevor ich richtig darüber nachdenken kann”, schreibt dort Dayna Evans.

Puh. Von so viel Social-Media-Abgefucktheit erholt man sich am besten, indem man das Ende des Wilmenrods Videos ansieht. Denn nachdem der Mann seine Mandeln in zwei Handvoll Erdbeeren gesteckt hat, steht er auf und deklamiert: “Sie sehen, ich setze mir dieses scharfgeschliffene Messer an die Brust. Ich behaupte, die gefüllte Erdbeere ist eine Erfindung von mir. Sollte jemand sonst auf der Kruste diese Planeten schon einmal eine gefüllte Erdbeere gesehen oder gegessen haben, melde er sich sofort. In diesem Augenblick wird dieses blitzende Ding in mein armes Herz hineinfahren.“

Ob sich wirklich nie ein Zuschauer gemeldet hat? Und ob die Hausfrauen, die Wilmenrods Erdbeerfilm gesehen haben, sich je die Mühe gemacht haben, für ihre Gäste Mandeln in Beeren zu stopfen? Schmeckt das überhaupt? Alles Fragen, die man sich stellen könnte … wenn nicht gerade schon wieder jemand ein Tasty-Video geteilt hätte. Auch eins über gefüllte Erdbeeren. 66 Millionen Menschen auf der Kruste des Planeten haben es sich schon angesehen.

https://www.facebook.com/buzzfeedtasty/videos/1703603366558972/

https://www.youtube.com/watch?v=IAQhpI9euwg


Offenlegung: Die Autorin hat beim Schreiben des Textes ca. 15 Rezeptfilme gesehen. Aus Recherchegründen. Zumindest teilweise.