„Wiewohl ich skeptisch bin, will ich wenigstens in dieser Weise offen sein.“

„Wiewohl ich skeptisch bin, will ich wenigstens in dieser Weise offen sein.“

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Vorwort zum Briefwechsel mit Götz Kubitschek von Armin Nassehi, Januar 2015

Der folgende Briefwechsel in E-Mail-Form hat zwischen dem 3. März und dem 12. Juni 2014 stattgefunden. Es hat dafür keinen besonderen Anlass gegeben. Er hat eher zufällig begonnen und ist zu einem ernsthaften Gespräch geworden, zu einem ernsthaften Gespräch auf Augenhöhe. Ich habe Zweifel, ob ein solcher Austausch heute, knapp zwei Jahre später, noch in dieser Form möglich wäre, nachdem sich mit der Erhöhung der Flüchtlingszahlen inzwischen ein öffentlicher Kulturkampf ereignet, in dem die distanzierte und zivilisierte Form der Argumentation eher der Ausnahmefall geworden ist. Kubitschek und die rechtsintellektuelle Szene in Deutschland haben durch diesen Kulturkampf, auch durch die öffentliche Aufmerksamkeit der AfD und nicht zuletzt durch das Wiedererstarken von PEGIDA, bei deren Kundgebungen Kubitschek als Redner auftritt, eine vorher kaum erwartbare Aufmerksamkeit gewonnen.

Götz Kubitschek gehört zu den führenden Rechtsintellektuellen in Deutschland. Mit der Zeitschrift Sezession betreibt er eines der publizistischen Zentralorgane der „Neuen Rechten“ und mit dem „Institut für Staatspolitik“ einen der entscheidenden Think-Tanks des völkisch-rechtsnationalistischen Denkens. Als der Briefwechsel begann, waren öffentliche Schnittstellen zu dieser Szene eher selten. Dass ich mich entschlossen habe, diesen Briefwechsel zu führen und dann auch in meinem bei Murmann-Publishers erschienenen Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit“ zu publizieren, liegt daran, dass ich meine, dass man sich mit denen, die rechtsnational argumentieren auch auf diesem Feld des Argumentierens auseinandersetzen muss. Und das mit der Augenhöhe und auch der respektvollen Auseinandersetzung meine ich und meinte wohl auch Kubitschek wirklich ernst – was die unüberbrückbaren Differenzen unserer Positionen keineswegs aneinander annähern konnte. Aber es ging nicht um Konsens, sondern um eine argumentative Form, die Differenz zu markieren.

Für mich liegt die Quintessenz dieses Briefwechsels darin, dass vom rechten Denken am Ende nichts anderes übrig bleibt als die Betonung des Eigenen als einer gewissermaßen transzendentalen Bedingung sozialer Ordnung. Als Argument bleibt dann nur übrig, dass man sich eine moderne Gesellschaft mit ethnischer/kultureller Homogenität als eine integrierte, krisenfestere und nicht zuletzt solidarischere Gesellschaft vorstellt. Die Nation fungiert hier weniger in ihren Komponenten der Volkssouveränität als Bedingung für Demokratie als im Sinne der Volkssolidarität, die immer schon zwischen den Eigenen und den Fremden unterscheiden kann. Nach meinem Dafürhalten lohnt es sich, das, was wir derzeit als laute Parole auf der Straße, als wirksames Ressentiment im Alltag und bis in die demokratischen Parteien hinein zu hören bekommen, in seiner argumentativen Form darzubringen. Vielleicht hilft dies, diese Denkungsart besser verstehen zu können, auch um zu wissen, wie man ihr zu begegnen hat.


3. März 2014

Sehr geehrter Herr Professor Nassehi,

danke dafür, dass Sie über die Weltanschauungsgrenze hinweg den Vorgang rund um Amazon für skandalös halten. Was hielten Sie davon, anhand dieses Aufhängers über den Zaun hinweg einen Briefwechsel zu führen und diesen Austausch eventuell abzudrucken - im Kursbuch und/oder in der Sezession? Wenn die Süddeutsche Zeitung vor ein, zwei Wochen in einem Beitrag verlauten ließ, es gebe leider keine salonfähigen Rechtsintellektuellen in Deutschland, kommt es mir nun darauf an, den Beweis des Gegenteils ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dazu gehört, dass klar wird: Konservative wie wir gehen nicht davon aus, dass sie in allem Recht hätten – sie gehen vielmehr von der Multiperspektivität der Welt aus, und zwar von vornherein und ohne Drang, diese Vielfalt zu zerstören oder auszudünnen. Konservative wie wir gehen aber auch davon aus, dass die Wirklichkeit auf ihrer Seite steht. Darüber ließe sich streiten, nicht?

Gruß!
Götz Kubitschek


3. März 2014

Lieber Herr Kubitschek,

vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich will ganz offen sein: Ich bin stets selbst hin- und hergerissen, was die Frage der „Salonfähigkeit“ angeht. Und einen Gedankenaustausch ausschließlich zu der Amazon-Sache fände ich nicht attraktiv. Worüber sollten wir da korrespondieren? Ich könnte da nur sagen, dass ich hier auf eine angelsächsische Weise liberal wäre und Zensur ablehne – in welcher Form auch immer, ob staatlich oder durch Marktmonopolisten. Aber das fände ich kaum veröffentlichenswert. Am Ende muss es doch um Inhalte gehen.

Aber lassen Sie mich etwas ausholen: Ich bin auf die Sezession aufmerksam geworden, als Sie mich zu einer Diskussionsveranstaltung im Nachgang zum Sarrazin-Buch eingeladen haben. Ich habe damals abgesagt, was ich heute für einen Fehler halte. Seitdem lese ich fast täglich Ihren Blog, und ich gebe zu, bisweilen mit Gewinn. Vor allem Bosselmann und Kositza lese ich gerne - aber eben bisweilen auch mit einem Schaudern, weil ich mir eben doch einen Reim darauf machen kann, was am Ende dann „rechts“ bedeutet. Keinen wirklichen Reim kann ich mir darauf machen, was das denn politisch bedeuten würde. Kann es eine „rechte“ Form demokratischer Politik geben? Was bedeutet Konservatismus in einer Welt wie heute? Ist nicht vieles analog zur anderen Seite? Ich bezweifle ja auch eine wirklich „linke“ Möglichkeit von Politik, weil sie beide mit allzu einfachen Diagnosen arbeiten müssen.

Ich meine, ja, dass man streiten muss, und ich halte es für einen Fehler, Positionen wie die Ihre so weit auszugrenzen, dass sie für gar nicht diskursfähig gehalten werden. Zugleich ist mir diese Ihre Position nicht wirklich klar. Ich habe letztens im Internet ein Interview mit Ihnen gefunden, in dem Sie es nicht einmal fertiggebracht haben, sich klar und unmissverständlich von den NSU-Morden zu distanzieren - das hat mich sehr irritiert und auch sehr erinnert an die verwahrloste Generation von (Pseudo-)Marxisten der 1970er Jahre, die keinerlei Distanzierung zur RAF hinbekommen haben. Das ist es, was mich dann auch zu einer habituellen Distanzierung bringt. Da gerät dann „Salonfähigkeit“ unter Druck. Können Sie das verstehen?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde Ihre intellektuellen Bemühungen sehr interessant. Und ich finde auch, dass Sie (damit meine ich das gesamte Diskursumfeld) sehr oft wirklich intelligente und neuralgische Punkte finden. Das ist gar keine Frage - und das anzuerkennen bedarf es auch nicht einer Zustimmung zu Lösungen. Und manchmal fühle ich mich dann als Sozialwissenschaftler, der weiß Gott nicht dem linken Mainstream angehört, herausgefordert.

Aber ich gebe zu, dass es nicht ganz einfach ist, eine Diskursposition zu finden, die uns zusammenbringen könnte. Jedenfalls habe ich schon einmal öffentlich betont, dass ein solcher Diskurs stattfinden muss - dies in einem längeren Interview, das ich für ein Buch gegeben habe. Ich hänge Ihnen die Textfassung an (ein pdf der Druckfassung habe ich nicht). Das Buch ist an vielen Stellen eher bekenntnishaft als analysierend. Jedenfalls habe ich in diesem Interview auch betont, dass es ein Fehler war, Ihrer Einladung damals nicht zu folgen, und dass eine Auseinandersetzung nötig ist. Vielleicht wäre das ein Aufhänger. Lesen Sie mal. Ob es dann tatsächlich möglich ist, werden wir sehen.

Wiewohl ich skeptisch bin, will ich wenigstens in dieser Weise offen sein.

Ich denke, die offenen Worte sind Ihnen lieber als Schweigen.

Beste Grüße aus dem frühlingshaften München
Armin Nassehi


3. März 2014

Sehr geehrter Herr Professor Nassehi,

im Prinzip könnte mit Ihrer Antwort auf meinen Vorschlag unser Briefwechsel bereits seinen Anfang gemacht haben, und natürlich wäre der Amazon-Fall nur der Aufhänger: Wir kämen in dieser Frage sicherlich rasch auf den gemeinsamen Nenner, dass es einem Monopolisten nicht erlaubt sein dürfe, Bücher zu selektieren. Wir wären sicherlich zum anderen beide der Überzeugung, dass sich „Mündigkeit“ und „Zensur“ nicht vertragen: Entweder der Leser ist mündig und wir vertrauen ihm - dann wird er sich sein Urteil aus jedem Stoff bilden können, den er aufnehmen möchte; oder wir trauen seiner Mündigkeit nicht über den Weg, halten ihn am Ende sogar nicht für mündig – dann sollte er nicht alles lesen dürfen, aber auch nicht mehr zur Wahl gehen oder selbst über den Bildungsweg seiner Kinder entscheiden.

Wenn Sie Leser unseres Netz-Tagebuchs sind, vermögen Sie längst zu unterscheiden zwischen dem, was unsere Autoren verfassen und dem, was sich in den Kommentarspalten so findet. Sie werden erkannt haben, dass unsere Autoren (ich schließe mich mit ein) auf einem Grat gehen, der nach beiden Seiten einen Abgrund hat: Der eine Abgrund ist die rechte Eindimensionalität, der andere die liberale Beliebigkeit der Mitte. Dass wir den Gang über diesen Grat seit Jahren wagen und bisher in keinen der beiden Abgründe gerutscht sind, ist das Erstaunliche und Elektrisierende an unserem Projekt.

Über die rechte Möglichkeit demokratischer Politik wäre im Detail zu sprechen - im Juni wird das Themenheft „Demokratie“ erscheinen, darin werden Sie ein hohes Maß an Vernunft, Verantwortungsbewusstsein und Reformwillen finden. Entscheidend ist: Wir wollen nicht - wie die vielen, die Sie im freundlicherweise beigefügten Interview benennen - „links reden und rechts leben“, sondern „rechts reden und rechts leben“, und in dieser Formel steckt bereits eine grundsätzliche Antwort: Wenn es vielen Bürgern unbewusst oder bewusst richtig erscheint, links zu denken und zu reden, aber rechts zu leben, dann muss das Rechte näher an der Lebenswirklichkeit liegen als das linke Gerede und Theoretisieren. Und in der Tat: So ist es. Dieses Rechte ist dabei zugleich meilenweit von dem entfernt, was linke Theoretiker für rechts halten und als rechts brandmarken.

Ein Beispiel: Rechts sein heißt, den Menschen in seiner anthropologischen Konstanz wahr- und ernst zu nehmen. Das bedeutet: ihn hinzunehmen in seiner ganzen Beschränktheit und ihn zugleich zu bewundern für seine grandiosen Anlagen. Das bedeutet: ihn zu großem Tun herauszufordern und ihn zugleich nicht umbauen zu wollen zu einem neuen Menschen. Das bedeutet: jeden Einzelnen als Gottes Entwurf anzuerkennen und zu fördern und zugleich niemals mit brachialer Gewalt Gleichheit herstellen zu wollen. Das bedeutet: jedem einen großen Teil Verantwortung für das eigene Schicksal aufzuladen und erst dann einzugreifen, wenn das Schicksal zu schwer wird oder aber die elterliche Unzulänglichkeit das Maß sprengt.

Zu der Äußerung von mir über den NSU ein kurzes Wort: Die Journalisten fragten mich auf eine Art, die ich als Fragestellung rundweg ablehne. Was habe ich mit den NSU-Morden zu schaffen? Und: Wollen wir das Ergebnis eines Prozesses abwarten oder von vornherein über die Konstruktion eines rechten Terrorismus jeden rechtsintellektuellen Ansatz endgültig diskreditieren? Meinen Sie im Ernst, dass ein rechter Terror namens NSU Fleisch von unserem Fleisch sei oder auch nur daran erinnern könnte? Sie sehen den Unterschied zur RAF schon, nicht wahr? Dieses Bekenntnis zur Tat, diesen Kult um diese Leute, diese verbale und materielle Unterstützung weit in die linke Schikeria hinein. Der NSU hingegen: ohne Bekenntnis oder mit Bekenntnis erst fünf Jahre nach dem letzten Mord, keinerlei Kenntnisse dieser Vorgänge innerhalb der harten nationalistischen Gruppen im Osten, geschweige denn innerhalb unserer Zusammenhänge - und keinerlei nachgereichte Unterstützungsbekenntnis zu derlei Treiben. Das wissen Sie doch alles, das wussten die Journalisten auch, und dennoch haben sie mich gefragt – als selbsternannte moralische Instanz und in der Vorstellung, ich könnte mich von etwas distanzieren, womit ich nicht das Geringste zu tun habe. Eine perfide Methode ist das, aber derlei Denunziationsmethoden sind mir einfach viel zu billig. Kennten Sie mich und meine Frau und die anderen Autoren: Ihnen würde eine solche Frage niemals wieder einfallen.

Können wir jenseits dieser Reflexe miteinander diskutieren?

Gruß!
Götz Kubitschek


4. März 2013

Lieber Herr Kubitschek,

nicht dass Sie mich falsch verstehen: Selbstverständlich denke ich nicht, dass Sie sich für die NSU-Verbrechen zu rechtfertigen haben, und selbstverständlich denke ich nicht, diese Verbrecher seien „Fleisch von Ihrem Fleische“ - das wollte ich mit meiner Bemerkung auch nicht im Geringsten insinuieren. Ich gestehe nur, dass die Szene des Interviews sehr skurril war und ganz offensichtlich das Gegenteil dessen transportiert hat, was Sie damit transportieren wollten.

Aber lassen wir diese Reflexe: Ihre Definition von „rechts“ finde ich interessant. Von einer ganz anderen Seite her, in der Soziologie würden wir „Praxissoziologie“ sagen, würde ich Ihrer Einschätzung folgen. In der Tat ist die Formbarkeit des Menschen, ist seine technologische Herstellbarkeit, ist die Idee des „neuen Menschen“ eine sehr unrealistische Figur, unrealistisch in dem Sinne, dass sich solche Technologien am Ende nur gewaltsam durchsetzen ließen. Das kennen wir aus den entsprechenden diktatorischen Experimenten des 20. Jahrhunderts. In diesem Sinne übrigens war der Nationalsozialismus eher eine „linke“ Bewegung, weil er es eben nicht bei der anthropologischen Schwächediagnose belassen hat, sondern die revolutionäre Herstellung des Neuen Menschen wollte. In der Analyse und Parallele zu dem linken Diktaturkomplex des 20. Jahrhunderts, dem Sowjetkommunismus, ist bis dato kaum jemand so scharfsinnig gewesen wie die Analysen von Hannah Arendt über totalitäre Herrschaft.

Aber warum nennen Sie das eigentlich „rechts“? Ihr anthropologisches Argument ist doch die klassische konservative Idee, dass der Mensch durch Institutionen geschützt werden müsse, weil er eben nicht jenes Heldensubjekt sein kann, als das er in den idealistischen (im doppelten Sinne) der Tradition erschienen ist. Das ist klassischer Konservatismus - und wahrscheinlich die einzige „Theorie“, die der Konservatismus derzeit hat - besonders herausgefordert durch eine Zeit, in der die Institutionen sich eben jener Engführung an eine „Tradition“ nicht mehr fügt, die man konservativ ja erst erfinden musste. Das ist doch gerade die Pointe der Nationwerdung der europäischen Nationen, dass Sie etwas Konservatives revolutionär hervorgebracht haben. Davon weiß heute niemand mehr etwas. Aber es scheint mir eine geschichtliche Gestalt zu sein, die ihre Zeit hinter sich hat.

Wenn Sie meinerseits einen Versuch erlauben, was „rechts“ hieße: Rechts heißt für mich die starke Beschränkung, dass man menschliche Existenz nur als unhintergehbare Gruppenexistenz denken kann - mit allen Konsequenzen, die das dann theoretisch, normativ und auch politisch hat. Abgesehen davon, dass sich komplexe moderne Gesellschaften eben nicht mehr über diese Zugehörigkeiten definieren lassen und revolutionär schon gar nicht als solche formieren lassen, folgt meines Erachtens nicht zwingend, dass aus dem, was ich als Kern des Konservativen sehen würde, auch folgt, dass dann „rechts“ sein muss - in dem Sinne, wie ich es in meiner Definition angedeutet habe.

Und hier - jenseits aller Reflexe, über die wir zuvor gesprochen haben - setzt mein Unbehagen an. Begrüßenswert finde ich, über eine moderne Fundierung des Konservativen nachzudenken (a). Problematisch und geradezu gefährlich finde ich dagegen die (dann politische) Konsequenz, in Gruppenexistenzen zu denken (b).

Zu a: Ich beobachte an meinem eigenen Fach eine Entwicklung, die zu einem in dem angedeuteten Sinne „konservativen“ Handlungsbegriff führt. Konservativ meint, dass wir Handlungen immer mehr in dem Kontext eines nicht reflexiven, gewohnheitsmäßigen, habitualisierten Zusammenhangs entdecken und die intentionale Hervorbringung von Handlungen nur einen kleinen Teil dessen ausmacht, was wir tun. Diese praxistheoretische, auch systemtheoretisch und netzwerktheoretisch ausgerichtete Idee erkennt an, dass soziale Ordnung weder Tabula rasa ist, noch wie auf einer Tabula rasa entworfen werden kann, sondern schon „da“ ist. Das hat erhebliche Konsequenzen, die tatsächlich zu einer eher konservativen Lesart verleiten - am genialsten womöglich von dem sehr linken Denker Pierre Bourdieu begriffen, der empirisch darauf gestoßen ist, wie es um Restriktionen des Handelns steht.

Eine anthropologische Lösung übrigens scheint mir zu kurz gegriffen, denn die anthropologischen Bedingungen ändern sich historisch erheblich - und aus anthropologischen Universalien lassen sich zwar kulturelle Spezifika nicht ableiten, aber die beiden Seiten sind nicht wirklich kausalistisch aufeinander bezogen. Dazu ließe sich viel sagen, wofür hier kein Platz ist. Ich will nur andeuten: Aus dem anthropologischen Argument muss eines der sozialen Komplexität werden - jenseits aller kulturspezifischen Idiosynkrasien.

Wenn man nun tatsächlich eine intellektuelle Variante von Konservativem denken wollte, müsste man genau hier ansetzen und käme zu sehr interessanten Einsichten, bei denen am Ende wahrscheinlich gar nicht mehr klar wäre, ob sich die Ergebnisse dem Links-/Rechts-Schema fügen würden. Das wäre ein wirklich interessanter Diskurs. Und dies ist auch der Ort, an dem man die von mir so genannte Differenz von „links reden, rechts leben“ wiederfindet. Universalistische normative Standards können wir heute nicht mehr aufgeben - sie verdanken sich übrigens einer europäischen bürgerlichen Tradition, die das Erbe Europas an den Rest der Welt sein kann - bis heute und darüber hinaus! Nur muss man den Universalismus „realistisch“ fundieren, das heißt in konkreten Lebensformen. Das ist die große Kunst. Dafür braucht es ganz neue Modelle.

Zu b: Für ein völlig untaugliches Modell halte ich dann aber die Konsequenz dessen, was ich „rechts“ nennen würde. Die Aufhebung in Gruppenexistenzen halte ich für eine radikale Vereinfachung, die digitale Probleme einer komplexen Gesellschaft allzu analog fundiert. Wer diesen Schritt geht, geht dann auch den Schritt, in die Nähe eines politischen Extremismus zu geraten, der sich in Gruppenexistenzen ergeht - ob man will oder nicht.

Wenn Sie erlauben: Genau das ist das Problem, in das Sie geraten, wenn Ihnen von außen eben nicht ein „salonfähiger“ (Rechts-)Konservativismus zugerechnet wird, sondern eine völkische Revolutionstheorie mit Reinheitsfantasien, die sich historisch ad absurdum geführt haben. Ich formuliere genau: Ich werfe Ihnen das nicht persönlich vor, und ich glaube Ihnen sehr wohl, dass das nicht Ihr Fokus und Ziel ist. Aber es entsteht fast von selbst ein denkerischer Zugzwang, der dann in der politischen Umsetzung zu Formen führen muss, die in diese Paradoxie geraten.

Man muss schlicht anerkennen, dass Gesellschaften heute nicht mehr homogen in dem Sinne sind, wie wir sie einmal imaginiert haben. Man muss anerkennen, dass sich so etwas wie eine kulturelle Integration im bürgerlichen Sinne nicht mehr einstellen wird. Man muss auch anerkennen, dass sich so etwas wie eine Migrationsrealität in der Bundesrepublik nicht so schlecht darstellt, wie sie oft gemacht wird. Und umgekehrt muss man natürlich sehen, dass die Öffentlichkeit bis vor Kurzem kaum in der Lage war, problematische Migrationsfolgen anzuerkennen - das größte Problem: die Politisierung des Islam und die gewaltbereiten jungen Männer. Aber das sind nur analoge Folgen digitaler Probleme (in meiner Unterscheidung). Und darüber muss man in Zukunft anders reden als bisher - von „rechts“ und von „links“. Aber jenseits der naiven Idee kultureller Einheit/Reinheit - denn das ist es, was „rechte“ Politik am Ende dann von anderen unterscheidet, auch von einem demokratischen Konservatismus (auf Migranten bezogen, sind diese übrigens genau genommen die geradezu natürliche Klientel für die Union, denn sie sind wie die eigene Klientel: familienorientiert, religiös, bildungsfern, kulturell konservativ - ich habe das mal auf Einladung der CSU-Landtagsfraktion dort vorgetragen. Die waren sehr erschrocken).

Ich wollte offen sein: Ich bin mir dann nicht ganz sicher, ob am Ende politisch nicht doch jene Reinheitsfantasie gewollt ist. Und deshalb sind die Berührungsängste - ich gebe zu: auch meine - nicht nur Zufall. Dies scheint mir der Lackmustest zu sein - und den kriegt man nicht durch Bekenntnisse weg, denn hier geht’s letztlich ans Eingemachte.

Ich hoffe, Sie merken, dass das keineswegs böse gemeint ist, sonst würde ich mir nicht diese Mühe machen. Ich hoffe, Sie erkennen an, dass ich mich hier um eine Erklärung jenseits von Reflexen bemühe. Ob das öffentlich inszenierbar ist? Ich zweifle.

Freundlich grüßt
Armin Nassehi


19. März 2014

Lieber Herr Professor Nassehi,

machen Sie sich bitte keine Gedanken darüber, in welchen Hals ich Ihre Ausführungen bekommen könnte – wer rund um meinen Verlag und die Zeitschrift angesiedelt ist, muss Brocken schlucken, die eigentlich unverdaulich sind. Ihre Zeilen sind gute Kost.

Ihre Ausführungen zu einem „konservativen“ Handlungsbegriff – Punkt a) – muss ich gar nicht weiter kommentieren – für einen gestandenen Konservativen ist es evident, dass er mit seinem Wollen und seinen Intentionen innerhalb eines Rahmens agiert, den er nicht bestimmen kann. Entscheidend ist hier die Frage, wo dieser Rahmen gesetzt ist. Ich bin der Überzeugung, dass das Konservative dort zu seinem Ende kommt, wo der Emanzipation keine Grenzen mehr gesetzt sind, und dass es dort seine Renaissance erfährt, wo es den Mangel zu verwalten gilt.

Anders ausgedrückt: Das Konservative ist das Nicht-Experimentelle, ist die Folgeabschätzung, ist der Vorrang der Sicherheit vor der Waghalsigkeit. Diesen Ansatz teilt die überwältigende Mehrheit der Bürger in dem Moment, in dem die Folgen des eigenen Handelns direkt auf die eigene Lebenswirklichkeit durchschlagen. Warum – denken Sie – gibt es nur dort Widerstand gegen Überfremdung oder dezentrale Asylanten-Unterbringung, wo die Einheimischen nicht ausweichen können? Das ist ja geradezu ein Klassiker: Linksintellektuelle leben so lange in einem multikulturell spannenden Stadtteil und beschimpfen jeden, der sich – obwohl alt eingesessen – dort nicht mehr wohlfühlt, bis sie selbst vor der Wahl stehen, ob sie ihr Kind in Neukölln oder doch lieber in einem braveren Viertel zur Schule schicken möchten. Ich sprach über dieses Thema einmal lange mit einem Redakteur des Magazins Neon, er wollte eigentlich eine Reportage über uns und Schnellroda machen. Er war gerade Vater geworden und gab sofort zu, dass er wohl wegziehen würde aus Kreuzberg, sobald sein Kind schulreif sei. Auf meinen Hinweis, dass diese Bewegungsfreiheit, diese Fluchtmöglichkeit nicht jeder habe, der in Kreuzberg leben müsse, zuckte er mit den Schultern und äußerte, dass dies für ihn kein Argument gegen das immens interessante Experiment einer multikulturellen Gesellschaft sei.

Ins Theoretische gewendet: Der pragmatische Konservatismus dieses Vaters, der einsetzt, sobald die Wirklichkeit auf das eigene Leben zugreift, ist natürlich keiner. Ein solches Verhalten ist zynisch emanzipiert, ist Doppelmoral, ist jedenfalls ganz und gar nichts, was jemanden wie mich mit einer klammheimlichen Freude über die Macht der Wirklichkeit erfüllen könnte. Sie finden linken Widerstand gegen (proletarische) Überfremdung eigentlich nur dort, wo man nicht mehr weichen möchte – in den guten Quartieren und Villenvierteln der linken Schickeria, die man im Gegensatz zu irgendeiner Kreuzberger Mietwohnung nicht mehr verlassen will. Da wird dann auch plötzlich das Heimatliche wichtig, der schicke Laden, die Erde an den Karotten, der kleine Park, in dem niemand abhängt, sondern alle gesittet und ohne zu rauchen am Sandkasten sitzen.

Ein weiteres Beispiel, vielleicht eines der klassischen Beispiele überhaupt: Als in Hessen die Gesamtschule flächendeckend eingeführt werden sollte, stand die SPD hinter dieser Idee. Die CDU wehrte sich – das ist ja schon mindestens 25 Jahre her - und zog in der Auseinandersetzung einen entscheidenden Trumpf aus dem Ärmel. Man verfügte nämlich über eine Aufstellung, wo die Abgeordneten der SPD zum hessischen Landtag ihre eigenen Kinder beschulen ließen. In den allermeisten Fällen besuchten diese Kinder ausgesuchte Gymnasien mit strengem Ruf, oftmals sogar Elite-Internate, kaum je indes die angepriesenen Gesamtschulen, auf die man in den größeren Städten bereits zurückgreifen konnte.

Was folgt daraus? Konservativ verhält sich eine Gesellschaft nur, wenn sie mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben muss, und das gilt für den Einzelnen umso mehr. Wir leben indes in einer Zeit, in der jedes Schicksal abgefedert, jeder Lebensirrtum ausgebügelt, der Schrott jedes Experiments weggeräumt wird – wo sollte da eine konservative Handlungslehre herkommen, die tiefer reichte und tiefer wirkte als irgendein Lack?

Ich akzeptiere an dieser Stelle Ihre Unterscheidung von konservativ und rechts nicht, diese Wörter sind sowieso Variablen und Etiketten, mit denen wir polemisch umgehen, mal so, mal so. Ich will vielmehr betonen: Natürlich denkt jeder auch nur halbwegs verantwortungsbewusste Mensch in Gruppenexistenzen, denkt also für diejenigen mit, die mit den Folgen politischer, gesellschaftlicher Weichenstellungen vor allem zurechtkommen müssen und die nicht zu jener dünnen intellektuellen Schicht gehören, für die sowieso andere Gesetze gelten. Multikulturalismus unter Ärzten, Rechtsanwälten, Künstlern – das läuft doch vollkommen anders und keinesfalls vergleichbar ab mit dem, was Überfremdung für die breite Bevölkerung bedeutet.

Dass aus solchem Verantwortungsbewusstsein gleich Reinheitsfantasien abzuleiten seien, passt allenfalls in den politisch-denunziatorischen Kampf, sollte aber unter uns kein Thema sein. Ich habe keine Fantasien im Kopf, sondern Fragen: Was ist das Eigene, was ist das Fremde? Was ist das Deutsche, wo zeigt es sich heute und wie wäre die Gesellschaft zu ordnen, damit es in seiner Eigenart erhalten bliebe? Denn – und nun kommen wir zu den Setzungen – ich halte es für unverzichtbar, aus diesem Deutschen heraus die kulturellen Blüten aufgehen zu sehen, die uns zu einem Kulturvolk mit Weltgeltung gemacht haben, zu einem Volk also, das der Welt aus seiner Besonderheit heraus einen unverwechselbaren Ausdruck gegeben hat.

Es grüßt
Götz Kubitschek


4. April 2014

Lieber Herr Kubitschek,

verzeihen Sie, dass meine Antwort so lange gedauert hat, ich war nicht nur viel unterwegs, sondern auch gesundheitlich angeschlagen, so dass ich nun erst die Muße habe, Ihnen zu antworten.

Ihren empirischen Beschreibungen vermag ich vollends zu folgen. Dort, wo das Handeln der Menschen unmittelbare Folgen für sie selbst hat beziehungsweise wo sie Unsicherheit erfahren, werden sie „konservativ“ in dem Sinne, dass sie ziemlich deutlich zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ unterscheiden – gemeint ist damit: zwischen dem, was als vertraut behandelt wird, und dem, was als unvertraut erlebt wird. Hier haben Sie ebenso Alltagsevidenz wie auch die sozialwissenschaftliche Forschung auf Ihrer Seite. Das wissen wir genau. Auch Ihrer Bewertung, wie einfach es sich diejenigen machen, die, wie Sie formulieren, ausweichen können, folge ich. Das ist in der Tat die offene Wunde derjenigen, von denen ich am Beginn unseres Gesprächs als denjenigen sprach, die links reden und rechts leben.

Interessant wäre ja das Gedankenexperiment, ob wir denn überhaupt Differenzen hätten, würden wir uns unsere Gesellschaft ganz ohne Migranten vorstellen, oder besser: ganz ohne solche, denen man so etwas wie Fremdheit zuschreiben würde – ganz abgesehen davon, dass ich selbst ein Abkömmling von Migration bin, allerdings mit einer sehr deutschen Sozialisation. Mein Vater kam 1954 aus Persien nach Deutschland zum Studieren und blieb, meine Mutter war Schwäbin, kam aus einer sehr konservativen katholischen Familie, was in den 1950er und 60er Jahren nicht ganz einfach war. Aber zurück zum Gedankenexperiment: Gäbe es zwischen uns überhaupt Differenzen?

Ich meine: ja. Diese liegen darin, dass eine Position wie die Ihre letztlich auf so etwas wie die Idee stabiler Fremdheit angewiesen ist – und vielleicht ist es das, was eine „rechte“ Position ausmacht, denn letztlich haben Sie ein Verständnis der Gesellschaft, als handle es sich bei ihr um ein Gruppenphänomen, als sei eine Gesellschaft eine soziale Gruppe, in der Lebensorientierungen, Lebensformen, sozialmoralische Werte usw. wirklich geteilt würden und von dem sich so etwas wie Fremdgruppen tatsächlich abheben können.

Hier liegt übrigens der systematische und funktionale Ort des Antisemitismus, über den man völlig neu nachdenken muss (und ich rede hier vom bürgerlichen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, nicht vom Holocaust, der ja nur darauf aufgebaut hat). Für eine sich als ethnisch homogen verstehende bürgerliche Gesellschaft war der Antisemitismus gewissermaßen ein Beschreibungsventil, weil man etwas eigenes Fremdes imaginieren konnte. Für mich am deutlichsten in Wagners Schrift über Mendelssohn-Bartholdy zu rekonstruieren. Man braucht Fremdgruppen, um das Eigene als Gruppe beschreiben zu können.

Eine solche Diagnose übersieht, wie komplex einerseits diese Gesellschaft funktioniert, wozu man soziologisch einiges sagen könnte, was ich hier aber nicht tue. Sie übersieht aber auch, dass eine solche Gesellschaft auch strukturell multikulturell ist – in dem Sinne, dass sich völlig unterschiedliche, geradezu inkompatible Lebensformen nebeneinander etablieren und, soweit das Rechtssystem dazu in der Lage ist, das Gemeinsame auf die Durchsetzung von Erwartungssicherheit beschränkt. Wie voraussetzungsreich und kompliziert das ist, wissen wir – aber was kann die Alternative dazu sein?

Diese Gesellschaft wirkt radikal desintegrativ – und es fehlen uns dafür Beschreibungsfolien und -möglichkeiten, weil wir immer noch an der geradezu naiven Idee hängen, dass Interessen auch heute noch an der Stellung zu den Produktionsmitteln hängen. Deshalb können die großen Parteien eben auch keine Alternativen zueinander anbieten. Gerade weil dafür die öffentlichkeits- und politikfähigen Mittel fehlen, wird immer nur im Sinne von Gruppenexistenzen beschrieben – und dann liegt es natürlich nahe, die Fremdheit der Fremden zu überschätzen.

Sie werden jetzt sagen: Wieder jemand, der die Augen vor negativen Migrationsfolgen verschließt. Nein, das tue ich nicht. Dass es die gibt, ist unbestritten, und dass wir in Deutschland da über Jahre aufs Naivste versagt haben, ist ebenso unbestritten. Ebenso unbestritten ist übrigens auch, dass die größte Zahl von Migranten recht problemlos und geradezu unsichtbar in Deutschland lebt. Mir geht es um ein anderes Argument: Fremde und Eigene zu unterscheiden, ist offensichtlich ein vergleichsweise einfacher Algorithmus, um die Komplexität dieser Gesellschaft so auf den Begriff zu bringen, dass man so etwas wie Anknüpfungspunkte findet für eine Kritik, die sich nicht auf abstrakte Phänomene bezieht, sondern auf analog Sichtbares. Das ist ein Mechanismus, für den man Verständnis haben kann, wenn man die Wirkmechanismen kennt und wenn man nicht völlig vernebelt ist von der Mittelschichtsidee, wir seien moralgesteuerte Helden im Kampf zwischen Gut und Böse. Aber es ist kein Mechanismus, den man dann intellektuell nutzen kann, um daraus so etwas wie eine Diagnose oder eine politische Strategie abzuleiten. Ich spreche nicht von ethischen Erwägungen – darüber könnte man auch reden, aber das interessiert mich weniger. Ich spreche von einem Kategorienfehler. Sie – und das nehme ich nun nicht persönlich, sondern als Chiffre für das, was man dann wohl rechts nennt – nehmen das Symptom und machen daraus die Sache selbst, um nicht sehen zu müssen, dass Gesellschaft eben nicht aus der Frage nach homogenen oder heterogenen Gruppenphänomenen besteht.

Damit überschätzen Sie das Migrationsproblem, unterschätzen aber das Integrationsproblem moderner Gesellschaften – und dann ist das vielleicht rechts, aber nicht im Geringsten radikal, weil es in den ausgetretenen Pfaden dessen bleibt, was man schon kennt. Sie sind dann letztlich dem linken Idealismus und Universalismus näher als einer, nach meinem Dafürhalten, realistischen Problem- und Krisenbeschreibung der Moderne. Denn auch der linke Universalismus denkt nur in Gruppenkategorien – im Sinne einer generalinklusiven Idee der Menschheit und daraus abgeleiteten Forderungen überhaupt nicht mehr zu unterscheiden. Der rechte Partikularismus dagegen denkt in Kategorien Eigen- vs. Fremdgruppe und unterscheidet zu engmaschig. Beide aber begnügen sich mit sehr einfachen Beschreibungen, die geradezu verniedlichen.

Sie meinten, meine Formulierung mit den „Reinheitsfantasien“ sei politisch-denunziatorischen Motiven geschuldet. Nein, das meine ich nicht, zumal es mir fern liegt, Sie zu denunzieren – mir geht’s um Verstehen. Womöglich sind solche Fantasien dann einfach die logische Folge einer Diagnose, ähnlich wie die universalistischen Fantasien auf der anderen Seite, die sich auch deshalb durchsetzen, weil man von dieser Gesellschaft eigentlich nichts wissen will.

Ich könnte dazu noch sehr viel sagen, will es aber dabei belassen. Ich hoffe, Sie verstehen mein Argument eben nicht einfach als ein Argument von der anderen Seite, sondern als ein Argument, das aus der Logik ausbricht – aber das scheint schwierig zu sein. Es liegt wohl auch an dieser Schwierigkeit, wie und ob es möglich ist, dass Öffentlichkeiten in Deutschland Ihre Position als eine Position diskutieren. Ich glaube, es liegt schlicht daran, dass den Leuten keine Chiffren für das Unbehagen einfällt. Meine eigene Position ist die, dass ich ebenso ein Unbehagen auf der anderen Seite verspüre – vielleicht ist das eine eher seltene Position.

Interessant ist, dass die Einzigen, denen hier ein Ausbruch gelingt, in der Öffentlichkeit oft Leute sind, die eine sehr reflexive Haltung zu ihrer eigenen Migrationsgeschichte haben – denken Sie an Zaimoglu oder an Abd-el-Samad. Diese Positionen sind ja weniger intellektuelle Positionen, aber sie sind deshalb interessant, weil sich hier Leute nicht an die Erwartungen halten. So was ist immer gut.

Ich belasse es heute dabei – versichernd, dass ich unseren Gedankenaustausch sehr zu schätzen weiß.

Beste Grüße
Armin Nassehi


8. April 2014

Lieber Herr Professor Nassehi,

ich greife gleich den letzten Absatz Ihres Schreibens auf: Wenn irgendjemand irritierend anders denkt als erwartet, dann sind es die Publizisten rund um die Sezession. Ich zähle einige quer verlaufende Fronten auf:

Der weitaus größere Teil unserer Leute ist grundsätzlich ökologisch orientiert. Wir bringen dabei den Gedanken des Verzichts und der Askese als erzieherische Kategorie in Verbindung mit dem Verzicht als einer ökologischen Grundbedingung. Da uns der Verzicht nicht mehr auferlegt ist, müssen wir bewusst Verzicht üben, um keinen Raubbau zu betreiben. Vordenker: Ludwig Klages, die halbe deutsche Reformbewegung, Friedrich Georg Jünger, Martin Heidegger, Konrad Lorenz, Herbert Gruhl, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Baldur Springmann, Wolf Peter Sieferle. Dass all diesen Leuten der ökologische Universalismus linker Couleur fremd ist, muss ich nicht betonen. Und dennoch ist diese rechte, ortsgebundene Form der Ökologie einem Teil der Rechten (den Technokraten, den Ordo-Kapitalisten, der Atomlobby usf.) immer fremd geblieben.

An dieser Stelle verläuft eine zweite Querfront: Die Frage nach einer zeitgemäßen sozialen Politik kann in Deutschland kaum mit dem Verweis beantwortet werden, derlei sei nur im nationalen Rahmen, also: für die eigenen Leute zu organisieren. „National“ und „sozial“ scheint mit einem Bannfluch belegt zu sein, dabei ist das natürlich nicht im Ernst voneinander zu trennen. Ein Beispiel: Als es in den sechziger Jahren in der BRD zu den ersten massenhaften Anwerbungen ausländischer Arbeitskräfte kam, trat die eher sozialistische SPD vehement gegen diese Entwicklung auf, die CDU-geführten Unternehmerverbände hingegen warben dafür. Der Grund war die Aushebelung der nationalen Solidargemeinschaft auf Arbeitnehmerebene. Dass es der Linken gelang, die soziale von der nationalen Frage zu entkoppeln und sie nicht nur rhetorisch, sondern tatsächlich zu internationalisieren, ist ein PR-Meisterstück. Hin und wieder aber blitzt die alte Kombination auch heute noch durch, und die Kader der ehemaligen SED stehen dabei an vorderster Front. Dies ist überhaupt meine Erfahrung: dass die DDR-Linke bis heute nationaler denkt als die West-CDU.

Bleibt als drittes Beispiel der Freiheitsbegriff: Es gibt unter uns eine Tendenz in Richtung radikal-libertärer Gedanken und eine (etwas stärkere) in Richtung des preußischen Staatsmodells. Hier also das freigelassene, starke, vertragssichere Individuum, das fast ohne Staat auskommen möchte, jedoch in freier Wildbahn noch nie den Lackmustest einer Gesellschaftsbildung bestehen musste; dort der in den Staat eingeordnete, erzogene, dienstbereite Preuße, der einen Teil seines Halts aus der Größe jener Ordnungs- und Anspruchsstruktur zieht, die der Staat sein kann – das Ganze aus dem Mangel des brandenburgischen Sandes geboren und historisch zum Staunen der halben Welt erprobt. Es stehen sich also die radikale, libertäre Freiheit von allem und die preußische Freiheit in Bindung gegenüber, und der Konflikt, den wir Sezessionisten untereinander austragen, ist vorprogrammiert: Wie verhält es sich nämlich, wenn der Staat, der integrierend und ordnend wirken sollte, ein dem Volk und der Nation in ihrem Bestand abträglicher Staat ist? Ist unser Widerstand dann libertär eingefärbt oder übergeben wir – um einmal ganz konkret zu werden – unsere Kinder zur Erziehung dennoch diesem Staat?

Ich komme zu den anderen Fragestellungen Ihres Briefs, sie hängen damit zusammen: Sehr wohl sehe ich, sehen wir das Desintegrative in unserer Gesellschaft, und es ist fast billig zu sagen, dass auch uns manches gut erzogene Migrantenkind sympathischer ist und näher steht, als jene anmaßenden, deutschen Rotzlöffel, denen noch nie eine äußere oder innere Not Beine machte. Dennoch sind diese Rotzlöffel Teil unseres Volkes, und wenn der seit Jahrzehnten abwesende Ernstfall im Großen oder im Kleinen den sozialen, staatlich finanzierten Reparaturbetrieb zum Erliegen bringt, wird sich jeder sofort daran erinnern, wer „Wir“ ist und wer „Nicht-Wir“. Die Fremdheit, die daraus resultiert, ist in der Tat ziemlich stabil, die Anverwandlung des Fremden in das Eigene ein langsamer Prozess. Und: Die Abgrenzung des Ichs und des Wirs von etwas Fremdem ist schlicht eine Konstante. Ist es nicht so, dass nirgends die Ausgrenzungsmechanismen gnadenloser arbeiten als aus Gruppen heraus, die Gruppenexistenzen leugnen? Liegt dies nicht an ihrer grundsätzlichen Instabilität?

Die Gruppenexistenz des „Wir“ im nationalen und damit auch ethnisch gebundenen Sinn ist unhintergehbar, davon bin ich überzeugt. Sie spielt derzeit vielleicht eine untergeordnete Rolle, im intellektuellen Milieu sowieso; die Zuschreibung, Deutscher zu sein, entfaltet aber sofort ihre Dynamik, wo der Ernstfall auch nur vorbeistreicht (Fußball, Auslandseinsätze, Exportüberschuss). Dass dies übrigens unter anderem eine Folge der extrem negativen und zum Teil von außen hereingetragenen Geschichtspolitik ist, haben die klügeren Linken und CDU-Konservativen irgendwann bemerkt und es eine Zeitlang mit Normalitätsappellen und vorsichtigen Schlussstrich-Parolen versucht – vergebens.

Von diesem Punkt aus kann ich nun Ihre Frage beantworten, ob es zwischen uns Differenzen gäbe, wenn dieses Land keine oder nur ganz wenige Migranten hätte. Wir hätten keine, wenn Sie mir zustimmten, dass das deutsche Volk ein sehr besonderes Volk sei und dass es das Ziel unserer Bemühungen sein müsse, diese Besonderheiten zum Blühen zu bringen, immer wieder aufs Neue. Anders ausgedrückt: Dass die Deutschen in mancher Hinsicht auch ein Volk wie jedes andere seien, ist so banal, dass man es gar nicht erwähnen muss. Darüber hinaus sind die Deutschen jedoch auf eine seltsame Art begabt und waren im Bereich der Musik, der Philosophie, der Wissenschaft, der Dichtung eine intellektuelle, in der Volksbildung, dem Handwerk und den sozialen Errungenschaften eine praktische Großmacht (nicht meine Worte, sondern die von Peter Watson, der vor einigen Jahren den „deutschen Genius“ in einem Buch feierte). Daraus abzuleiten, dass es von diesen besonderen Begabungen und Eigenarten absehen sollte, um politisch nicht aus dem Ruder zu laufen, ist dumm und bösartig.
Wenn Sie mir diesen Antrieb lassen und ihn gutheißen, haben wir tatsächlich kaum Differenzen.

Es grüßt
Götz Kubitschek


11. Mai 2014

Lieber Herr Kubitschek,

zunächst – verzeihen Sie die lange Zeit, die ich habe ins Land gehen lassen. Zur Sache: Sie machen es mir mit Ihrem letzten Brief sowohl sehr leicht als auch sehr schwer. Sie machen es mir sehr leicht, weil Sie ja letztlich bestätigen, was ich zuvor zu sagen versucht habe: Am Ende bleibt das Nationale/Ethnische, das Sie für unhintergehbar erklären, letztlich doch der letzte blinde Fleck, an dem sich alles auflöst – auflöst in dem Sinne, dass sich darin dann die Frage der Desintegration der Gesellschaft aushalten lässt.

Leicht macht es mir die Sache deshalb, weil Ihr Argument so offenkundig ist in seiner architektonischen Funktion. Mir wird das vor allem dort sichtbar, wo Sie einerseits betonen, dass Ihnen gut erzogene Migrantenkinder lieber seien als deutsche Rotzlöffel, diese aber am Ende doch die eigenen seien. Ich weiß nicht, ob Sie da Therapie und Diagnose verwechseln. Leicht macht es mir das auch deshalb, weil die historische Relativität der nationalen Zurechnungsmöglichkeiten offenkundig ist. Daraus also ein so starkes Argument zu machen, kann ich nicht nachvollziehen. Auch Ihre Beispiele, an denen Sie den Ernstfall vorbeistreichen sehen, kann ich nicht recht nachvollziehen. Fußball und Exportüberschuss sind kein Ernstfall – und dass beim Sport nationale Grenzen sichtbar werden und Exportüberschüsse ökonomisch nur berechenbar sind, weil wir nationalökonomische Gesamtrechnungen machen, ist ebenso zutreffend wie letztlich nicht wirklich relevant. Und die Auslandseinsätze der Bundeswehr sind zutiefst eingebettet in internationale/europäische Kontexte.

Schwer machen Sie es mir insofern, als mit meinen Andeutungen und Hinweisen das dahinterliegende Problem dessen, was wir in unserem Briefwechsel als Desintegration oder Perspektivendifferenz diskutiert haben, keineswegs gelöst ist. Ich kann freilich stets und immer wieder nur wiederholen, dass Ihre Lösung in der Sozialdimension, also in der Beschreibungsfolie von Gesellschaften als soziale Gruppen nach meinem Dafürhalten wirklich falsch ist und die Strukturprobleme einer modernen Gesellschaft geradezu verniedlicht. Ich sehe Ihre Argumentation funktional ganz ähnlich, wie auch die Idee einer nationalen/ethnischen Semantik in Europa entstanden ist: als die Simulation gesellschaftlicher Einheit, die sich offensichtlich aufgrund einer neuen Differenzierungsstruktur moderner Gesellschaftlichkeit nicht mehr einzustellen in der Lage ist. Die Nation ist eine moderne Erscheinung, weil sie vor allem auf Modernisierungsfolgen reagiert – und im 18. und 19. Jahrhundert tatsächlich erst so etwas wie Demokratie, Interessensausgleich und Herrschaftskritik ermöglicht hat. All das wird heute kaum gesehen, weil man gerade in Deutschland eben nur die Perversion dieses Modells mit dem Nationalsozialismus erinnert.

Ich kann tatsächlich überhaupt nicht nachvollziehen, die Idee nationaler/ethnischer Solidarität als Lösung grundlegender Konflikte unserer Gesellschaft anzusehen – ich würde darin, wenn Sie das so deutlich erlauben, tatsächlich einen Ausdruck von Schwäche sehen – einer Schwäche, die sich den „wirklichen“ Problemen dieser Gesellschaft gar nicht stellen will.

Ich habe in einem der letzten Briefe darauf aufmerksam gemacht, dass ich ja selbst lebensgeschichtlich gesehen womöglich aus diesem Solidarraum herausfallen würde, den Sie imaginieren. Freilich gestehe ich Ihnen ganz ohne Hintersinn oder Zweifel oder Ähnlichem zu, dass nichts, aber auch gar nichts dagegen spricht, eine besondere Solidarität mit dem Eigenen zu pflegen, was immer das sei. Wir sind doch in der Moderne daran gewöhnt, dieses Eigene zu kulturalisieren – das tun wir bezüglich der Konfessionen ebenso wie bezüglich nationaler und ethnischer Zugehörigkeit. Das heißt, wir vergleichen und entdecken uns selbst vor allem im Kontrast beziehungsweise über die Perspektive des anderen.

Für mich selbst und mein eigenes Denken gilt übrigens sehr deutlich, dass es ein Denken in einer deutschen Tradition ist – man kann das an der Soziologie sehr schön festmachen. Wenn man an die drei Gründerväter unseres Faches denkt, an Durkheim, Mead und Weber, dann ist es kein Zufall, wie sich diese drei Denkungsarten unterscheiden. Mead reflektiert in seinem Pragmatismus den Zweifel und das Unbehagen, die in den USA bis heute bezüglich überindividueller Strukturen bestehen; Durkheim schreibt eine zentralistisch integrierte Gesellschaft herbei und reflektiert damit das merkwürdige französische revolutionäre Fantasma, dass alle guten Willens irgendwie Franzosen seien; und Max Weber, den ich für den spannendsten der drei halte, ist der Einzige, der es aushält, dass das Integrationsproblem der modernen Gesellschaft weder theoretisch noch empirisch lösbar ist – deshalb kommt er auf seine männlich-heroische Idee der Persönlichkeit, die eine letzte Wahl treffen muss. Deutscher und kulturprotestantischer geht es nicht. Und das tragische Scheitern Webers an Kollektivbegriffen ist eine ungeheure Leistung, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Wer diese unterschiedlichen Denkungsarten leugnet und wer leugnet, dass sich darin tatsächlich kollektive Erfahrungen von Völkern/Nationen widerspiegeln, versteht tatsächlich wenig – aber daraus so etwas wie eine transzendentale Idee national integrierter Einheiten zu errechnen – das verstehe ich nicht. Transzendental nenne ich sie, weil sie eben eine Idee vor jeder Erfahrung ist und damit absolut gesetzt wird.
Wäre es nicht interessanter, sich zu fragen, warum so etwas wie kollektive Zurechnungen (in Form von positiven und negativen Diskriminierungen zum Beispiel) und Vergemeinschaftungsprozesse (ebenso politischer Natur wie auch Vergemeinschaftungen von Migrantengruppen) in bestimmten Situationen für die Akteure und für die Beobachter so plausibel erscheinen – und wie sich moderne anonyme Lebensformen etablieren können, in denen es reicht, Bekenntnisse zu rechtlichen Regeln und zu einem vergleichsweise unaufgeregten Leben abzugeben? Warum muss es bei solchen Fragen stets ums Ganze gehen?

Wir haben unser Gespräch mit der Frage begonnen, was denn „rechts“ sei. Rechts ist nicht, so etwas wie nationale Gestalten, Traditionen usw. in Rechnung zu stellen und sie für unterscheidbar zu halten. Rechts ist es aber, in der Konfrontation solcher Gruppen die Grundkonflikte der Gesellschaft anzusehen. Dass etwa die Bundesrepublik eine Einwanderungspolitik betrieben hat, in der die Einwanderer nicht als einzelne Personen behandelt wurden, sondern als Gruppenkontingente kamen, ist die Grundlage für viele der Probleme, die wir heute damit haben – übrigens quantitativ in einem nicht allzu hohen Maße, aber qualitativ zum Teil erheblich. In Deutschland hat man sich immer dagegen gewehrt, Einwanderung an utilitaristischen Motiven auszurichten – was dann letztlich auf Kosten der Einwanderer geht. Dazu könnte man viel sagen. Aber es sind Petitessen im Hinblick auf Strukturprobleme dieser Gesellschaft, die ganz woanders liegen.

Sie haben meine Frage, ob wir grundlegende Differenzen hätten, wenn man die Frage der Migrantenrealität in Deutschland ausklammern würde, mit dankenswerter Klarheit beantwortet. Sie sagen: wenn ich anerkenne, dass das deutsche Volk ein besonderes sei. Nun, das ist es schon aus logischen Gründen, sonst könnten wir nicht unterscheiden. Und dass Deutschland in den von Ihnen genannten Bereichen so etwas wie eine Großmacht sei – dem stimme ich explizit zu. Wie sollte es in dieser Zentrallage in Europa im Zusammenspiel mit den drei anderen wichtigsten europäischen Größen Norditalien, Frankreich und Großbritannien auch anders sein?

Aber was heißt das für unsere Frage? Ich meine: nichts! Es heißt auch nicht, explizit nicht das, was Sie in Ihrem letzten Brief am Ende andeuten: dass ich auch nur auf die Idee kommen könnte, Ihnen den Antrieb, die Besonderheit des Deutschen in den Blick zu nehmen, streitig machen könnte. Ich nehme diese Besonderheit auch in den Blick, aber das ist letztlich eine Selbstverständlichkeit für jeden, der auch nur ansatzweise an der Perspektivität seiner eigenen Position interessiert ist – dazu gehört auch ein nationales/sprachliches/kulturelles Erbe, das weit über individuelle Entscheidungen hinausgeht.

Ein solches Bekenntnis, will man hier einen solchen religoiden Begriff verwenden, steht den anderen genannten Nationen gänzlich unverstellt zur Verfügung. In Deutschland besteht das Problem, dass diese Frage durch die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus verstellt ist – den man trotz seiner Singularität durchaus auch im Kontext eines der gesellschaftlichen Moderne auch in anderen Ländern (wichtigste Stichworte: Kolonialismus, Antisemitismus) inhärenten Zivilisationsbruchs sehen kann.
Das ändert nichts an der Tatsache, dass das offenkundige Lösungspotenzial, das die Idee der Nation nach dem Wiener Kongress im 19. Jahrhundert hatte, heute in der Weise nicht mehr funktioniert.

Insofern beantworte ich anders: An dieser Frage scheiden sich unsere Geister – und zwar grundlegend. An diesem Punkt bleiben wir entschiedene Antipoden, und das nicht, weil ich eine Ideologie der Unterscheidungslosigkeit von kulturell-kollektiven Erfahrungen und Eigenarten pflegen wollte, die man in einer zwar normativ durchaus angemessenen, aber empirisch kaum überzeugenden Weise vertreten kann. Auch bin ich der Letzte, der kein Unbehagen angesichts mancher Migrationsfolgen hat.

Was uns aber unterscheidet, und zwar radikal unterscheidet, das ist der Glaube daran, dass das Grundproblem moderner Gesellschaftlichkeit an mangelnder Homogenität seines Personals bestehe und umgekehrt eine höhere Varietät nicht sogar eine bessere Anpassungsfähigkeit an die beschleunigten Zeitläufte gewährleisten könnte – und hier spreche ich nicht von einem naiven Multikulti, sondern davon, was ich bereits in einem früheren Brief gesagt habe: dass unsere Gesellschaft auch ohne Migranten pluralistischer und unübersichtlicher ist, als wir es imaginieren.

Insofern ähnelt der konzentrierte Blick auf Migranten und Fremde ein bisschen der Sexbesessenheit religiöser Moral, insbesondere katholischer und evangelikaler Natur. Vielleicht kratzt man dann da, wo es gar nicht juckt – was juckt, das sind in der Tat gewaltbereite Milieus, segregierte Gruppenbildungen und eine durchaus gefährliche Form der religiösen Radikalisierung. Das aber sind Nebenkriegsschauplätze – übrigens für „Rechte“ auch deshalb so attraktiv, weil auf der linken Seite in einer durchaus merkwürdigen Arbeitsteilung der komplementäre Fehler gemacht wird: jegliche Kritik an Migrationsfolgen unter den Verdacht der Diskriminierung und des Rassismus zu stellen. Das ist mir ebenso fremd wie Ihr Insistieren.

Ich frage mich, was denn die politischen Konsequenzen Ihrer Denkungsart wären. Wie viel Pluralität ist dann denkbar? Mit welchen Mitteln ließe sich so etwas wie eine stärkere Homogenität des kulturellen Zuschnitts einer Gesellschaft erreichen? Wie verträgt sich das mit der liberalen Idee der unhintergehbaren Wertigkeit der einzelnen Person?

Nicht berührt wird davon übrigens die Legitimität eines konservativen Verständnisses von Gesellschaft und Politik. Wenn Sie dafür aber das Beispiel Preußen bemühen, dann ist ja das gerade Nicht-Konservative des Preußischen darin zu sehen, einen Sensus dafür zu entwickeln, die Subjektivität der Rechtsperson etwa von der kultureller Bekenntnisse oder religiöser Orientierungen zu trennen – zugleich war etwa das Allgemeine Landrecht von 1794 dann so etwas wie ein Vorbote einer allzu staatszentrierten Form der Ordnungsbildung.

Preußen war in vielerlei Hinsicht unter den Großmächten Europas eher untypisch, weil es nicht wirklich konservativ sein konnte, weil es weder die Größe noch die historische Kontinuität hatte, die anderen Großmächten in Europa eigen war. Eine Konsequenz war die Politisierung der Gesellschaft – was letztlich keine wirklich konservative Form ist. Wer heute konservativ sein will, muss sich fragen, was denn konservierbar sein kann. Sicher nicht überkommene Lebensformen – dafür ist die Gesellschaft zu pluralistisch geworden.

Ich würde vorschlagen, die Tradition Europas zu konservieren: die Gleichwertigkeit der Menschen vor dem Gesetz, das Rechtsstaatsprinzip, die Idee der Toleranz gegenüber Minderheiten (man denke an Hugenotten und Katholiken in der Zeit Friedrichs des Großen), später dann die Demokratie als zivilisierte Form des Interessenausgleichs. All das ist in Europa in einem Ensemble entstanden, in dem die wichtigen Länder je einen spezifischen Beitrag geleistet haben. Das zu konservieren wäre eine interessante konservative Aufgabe – interessant auch deshalb, weil dieses Konservieren viel Veränderung implizieren würde. „Rechts“ freilich kann das nicht mehr sein.

Wer heute „rechts“ ist, dekontextualisiert einen „fortschrittlichen“ Mechanismus des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Idee der Nation und der national-ethnischen Selbstbestimmung ermöglichte erst so etwas wie politische Zivilisation. Insofern ist die Nation und der Nationalstaat eine großartige Idee – wenn man aber diese Idee aus diesem Kontext löst, bleibt nur das Ressentiment – und der verniedlichende Glaube, man könne mit diesem Mechanismus die Probleme der modernen Gesellschaft lösen. Ich halte das für Kleinmut! Wozu soll man heute noch „rechts“ sein, ohne nur dieses kompensatorische Geschäft zu betreiben?

Einen ähnlichen Kleinmut gibt es übrigens auch von links. Für mindestens so falsch halte ich linke Affekte, nationale Differenzen und ethnische Besonderheiten zu leugnen, nur um der Idee der Gleichwertigkeit der Menschen vor dem Gesetz zu ihrem Recht zu verhelfen. Aber das will ich hier nicht weiter verfolgen.

Ich glaube, es gibt keinen Grund, heute „rechts“ in einem starken Sinne zu sein. Übrigens bekommt erst vor diesem Hintergrund jene Erscheinung, über die wir ja Konsens haben, nämlich dass meist links geredet und rechts gelebt wird, eine besondere Bedeutung. Das liegt auch daran, dass wir immer noch Auseinandersetzungen führen, die längst vorbei sind. Wäre es für Sie nicht eine echte Herausforderung, genauer bestimmen zu können, was Sie als Konservativer bewahren wollen, statt in unscharfen transzendentalen Voraussetzungen auf einen ethnisch/nationalen blinden Fleck zu verweisen und damit den Verdacht zu erwecken, am Ende gehe es doch um erheblich radikalere Differenzsetzungen?

Summa summarum – am Ende kommen wir nicht zusammen, gar nicht. Aber ich wiederhole noch einmal: Ich weiß das sehr zu schätzen, dass wir uns bei all dieser unaufhebbaren Differenz darüber zu verständigen versuchen. Die ganze Gemengelage ist nicht trivial – und dass es wohl kaum eine Möglichkeit gibt, diesen Diskurs öffentlich zu führen, ist etwas, das ich nicht für wünschenswert halte und das mir Unbehagen bereitet. Aber man müsste wohl zu viel erklären – ich wenigstens für meinen Teil. Verstehen Sie das? Ich frage das ganz offen, wohl wissend, dass Sie dies nicht persönlich nehmen, sondern als Ausdruck eines strukturellen Problems.

In diesem Sinne grüßt Sie freundlich
Ihr
Armin Nassehi


12. Juni 2014

Lieber Herr Professor Nassehi,

ich muss Ihnen in einigen Punkten widersprechen und kann – bei alledem – nur darauf hinweisen, dass wir die Richtigkeit meiner oder Ihrer Beschreibung des Individuums und seines Sitzes im Leben einer Gruppenexistenz theoretisch nicht werden klären können, sondern nur in der Praxis beobachten. Und ich bin mir – das wird Sie nicht verwundern – sicher, dass in Zeiten der Not und des Mangels, der Bedrohung und der Verteidigung des Eigenen recht schnell entlang ethnischer, kultureller, auch staatsbürgerlicher Linien klar wird, wer „Wir“ und wer „Nicht-Wir“ sei. Ich denke auch, dass eine ziemlich große Zahl Zugewanderter im Zweifelsfall doch erkennen wird, dass man nicht ohne Grund die Heimat verließ und dass die Rechtsordnung und das politische Gefüge Deutschlands eine Bucht ist, in der man doch recht gut geschützt vor den Stürmen der offenen See ein gutes Leben führen kann. Das bedeutet: Sollte es in der ein oder anderen Hinsicht weniger satt zugehen im Lande, wird sich die Loyalitätsfrage stellen, und sie wird sich bereits dann stellen, wenn es einfach um Sitte, Werte, Vorschriften geht, die der Islam (als eine auf den Alltag übergriffige Religion) für unhintergehbar hält.

Integration qua ratio ist eine widerlegte Theorie, es sei denn, es geht nur um die Integration von Professoren und Ärzten. Wenn Sie also wollen, dass wir das Experiment der Integration ohne Explosion überstehen, müssen Sie eine große, bildmächtige, stolze und damit integrierende Erzählung stiften oder jenen ziemlich gnadenlosen Zwang ausüben, der in Preußen (Sie nannten dieses Beispiel!) das Ungefügte zusammenknetete. Ich bin in solchen Fragen ein strikter Verteidiger des Wortes von der „in sich unterschiedenen Einheit“, und ich greife mit dieser Denkfigur Ihr Argument von der Reaktionsflexibilität diversifizierter Gesellschaften auf: Das Deutsche ist schon so sehr eine nach allen Seiten offene, „in sich unterschiedene Einheit“, dass ich in das Argument einer vorteilhaften massenhaften Bereicherung von außen nicht nachvollziehen kann.

Sie wissen zumal, lieber Herr Professor, dass sich diese Bereicherung meist auf eine Annäherung an jene amerikanisierte Konsumgesellschaft beschränkt, die für mich der Rahmen für Nietzsches letzten, blinzelnden Menschen bildet, nicht mehr. Insofern wird die große, an sich schöne, in die Zukunft hinein flexible Unterschiedenheit gerade nicht durch eine überall durchgesetzte Heterogenisierung erreicht, sondern dadurch, dass jede „in sich unterschiedene Einheit“ als solche gewahrt bleibe.

Wenn ich nun wie ein Sexbesessener auf das „Fremde“ starrte, so ist Ihr Fetisch das aus der formierenden, einfordernden Kraft der Gruppenexistenz befreite Individuum. Was wird im entscheidenden Moment wirkmächtig sein? Wir werden sehen, wir werden sehen.

Es grüßt
Götz Kubitschek


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Die letzte Stunde der Wahrheit", erschienen bei Murmann im März 2015, ISBN: 9783867743778

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Aufmacherbild: Armin Nassehi; Foto: Hans-Günther Kaufmann - Götz Kubitschek, Foto: privat