Das Medienmenü von Ferdinand von Schirach

„Unterwegs schreibe ich mit einem Bleistift in ein altes Notizbuch“

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Wie informieren Sie sich morgens als erstes?

Auf der Nachrichtenseite des Deutschlandradios. Die Seite ist immer aktuell, es gibt dort nur Text, keine Werbung, keine Bilder. Ich mag die Klarheit und Ausgewogenheit dort.

Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Ihnen wichtig?

Die Seiten der Tagesschau und des Deutschlandradios.

Was nervt beim Lesen im Netz am allermeisten?

Die Flüchtigkeit, das Überladene, das Unkonzentrierte.

Welche Zeitungen oder Magazine haben Sie im Abo oder lesen Sie regelmäßig?

Spiegel und Süddeutsche Zeitung.

Was lesen Sie auf Reisen?

Die Zeitungen, die im Zug angeboten werden. Auf längeren Reisen: Bücher.

Welche Art von Büchern lesen Sie am liebsten?

Das wechselt.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren oder -autorinnen?

Auch die wechseln. Einige, die wohl immer bleiben werden: Thomas Mann, Raymond Carver, Anton Tschechow, Ernest Hemingway, Erich Kästner, Evelyn Waugh, Leo Tolstoi.

Welches Buch hat Sie in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Religion ohne Gott“ von Ronald Dworkin. Dworkin habe ich schon immer als Rechtsphilosophen bewundert,er ist klug, unbeugsam und vor allem menschlich. „Religion ohne Gott“ist sein letztes Buch, er ist gestorben, bevor es fertig wurde. Mir scheint es das Klügste zu sein, was seit langem über Religionen geschrieben wurde - es erfasst gleichzeitig unsere Zweifel an Gott und unser Staunen über die Welt.

"Religion ohne Gott" (Original: "Religion without God") ist im Mai 2014 auf deutsch erschienen.

Buchcover Suhrkamp Verlag

Tamara Tischendorf urteilte im Deutschlandfunk über das Buch: „Mit seinem nachgelassenen Buch ist Ronald Dworkin ein bedenkenswertes Plädoyer gegen moralische Skepsis und religiösen Fanatismus gelungen. Selbst, wenn man den philosophischen Spagat in den ersten beiden Teilen nicht mitmachen mag: Die Anregung, über eine Neufassung der Menschrechte nachzudenken, lohnt die Lektüre allemal.“

Welche Apps / Tools / Programme helfen Ihnen, informiert zubleiben?

Der Internetbrowser des Computers.

Welche Rolle spielen Leseempfehlungen / Links durch Soziale Netzwerke?

Keine.

Welche Blogs lesen Sie?

Keine.

Wie viel lesen Sie auf dem Smartphone, Tablet oder ähnlichem?

Nur auf Reisen.

Wie bearbeiten Sie das Gelesene?

Ich arbeite sei 20 Jahren mit einem Macintosh Computer, seit langem schreibe ich alle Texte in „Scrivener“, einem wunderbaren Programm für Schriftsteller. Recherchen für ein Buch - Filme, PDF, Bilder usw. - lassen sich dort speichern und kategorisieren.

Hier ein Einführungsvideo in die Scrivener-Software.
Im Gegensatz zu beispielsweise Microsoft Word ist Scrivener keine reine Textverarbeitung, sondern ein komplettes Informations- bzw. Projektmanagementsystem. Autoren können dort Notizen, Quellen und sämtliche Materialien ihrer Recherche ablegen und diese in einem speziellen Split-Screen-Modus im Blick behalten, während sie an dem eigentlichen Text schreiben.
Andere von Nutzern oft gerühmte Funktionen sind eine virtuelle „Pinnwand“, an der man Karteikarten mit einzelnen Textabschnitten übersichtlich arrangieren und verschieben kann, sowie die Möglichkeit „Schnappschüsse“ zu erstellen, also Textversionen zu einem bestimmten Zeitpunkt einzufrieren, bevor man gravierende Änderungen vornimmt.

Unterwegs schreibe ich mit einem Bleistift in ein altes Notizbuch, später übertrage ich die Texte in „nvALT“ - einem schnellen, kleinen Programm ausschließlich für Texte. Ich versehe die Notizen dort mit Stichworten, nvALT ist in der Lage, sie besser wiederzufinden, als mein Gedächtnis das kann.

Die Software nvALT ist ein einfaches, aber extrem effektives Open-Source-Notizprogramm.

Screenshot nvALT

Gibt es tägliche oder wöchentliche Leserituale?

Nein, ich lese einfach.

Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die Sie möglichst nie verpassen?

Nein.

Haben Sie einen Lieblings-Podcast?

TED - aber ich weiß nicht genau, ob man das einen Podcast nennt. Ich sehe mir die Vorträge im Internet an.

Einige aktuelle TED-Talks auf der Webseite der Vortragsreihe

Screenshot ted.com

TED (Untertitel: „Ideas Worth Spreading“) ist eine 1984 gegründete und seit 1990 regelmäßig veranstaltete globale Vortragsreihe. Ursprünglich in der Tech-Szene beheimatet, umfassen die Themen inzwischen ein weites Spektrum zwischen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung und Kultur. Die jeweils auf exakt 18 Minuten begrenzten Vorträge werden live gestreamt und sind kostenlos auf der TED-Webseite, via App (iOS und Android) oder auf Youtube abrufbar. Zu den bekanntesten TED-Rednern gehören bislang Bono, Bill Clinton, Dave Eggers, Bill Gates, Malcolm Gladwell, Jamie Oliver, Al Gore und Jane Goodall. Kritiker werfen der Reihe vor allem vor, sich an ein extrem elitäres Publikum zu wenden und Forscher im Setting einer Castingshow gegeneinander antreten zu lassen, anstatt die angesprochenen Probleme tatsächlich zu lösen.

Wie haben sich Ihre Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Ich nehme jetzt viel weniger Bücher mit auf Reisen - das elektronische Lesegerät kann sie oft ersetzen.

Irgendetwas, das wir vergessen haben?

Hörbücher. Wenn Sie die Buddenbrooks von Gert Westphal hören, ist es ein anderes Buch. Probieren Sie es aus. Und die Angebote von iTunes University - es ist wie ein Wunder, zu Hause eine Vorlesung aus Harvard hören zu können.

Was lesen Sie nur, weil Sie es lesen müssen?

Verkehrsschilder.


Der Anwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach lebt in Berlin. Im Jahr 2009 gelangte er mit seinem ersten Buch „Verbrechen“ auf die Bestsellerliste, seither widmet er sich verstärkt dem Schreiben und seltener seiner Tätigkeit als Strafverteidiger. Es folgten die Bücher „Schuld“, "Der Fall Collini“ und „Tabu“; zuletzt erschien mit „Die Würde ist antastbar“ ein Band von Essays.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik Medienmenü stellen regelmäßig interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Tobias Haberl hat für das SZ-Magazin ein ausführliches Interview mit Ferdinand von Schirach geführt - in dem es jedoch nicht um dessen Medienkonsum, sondern vor allem um dessen Gefühlswelt geht.

Illustration: Veronika Neubauer