Hey, Fuckers!

Hey, Fuckers!

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Zwei junge Frauen, die Männer interviewen, mit denen sie geschlafen haben. Anschließend veröffentlichen sie das Gespräch als Podcast unter dem Titel „Guys We Fucked“ (Typen, die wir gefickt haben). Das klingt lustig, aber auch ein bisschen pubertär und peinlich. Ganz sicher hört es sich nicht nach einer Show an, auf welche die Welt gewartet hat.

Das hat sie auch nicht. Aber weit über eine halbe Million Zuhörer beim Online-Musikdienst Soundcloud und einen Platz in den Top 10 der iTunes-Comedy-Charts sprechen dafür, dass sie trotzdem ziemlich gut ankommt.

Sicher liegt es daran, dass zwei jungen, hübschen Frauen, die über Sex reden, immer Aufmerksamkeit sicher ist. Aber den Erfolg von Krystyna Hutchinson, 27, und Corinne Fisher, 30, nur daran festzumachen, wäre falsch. Denn was sie in „Guys We Fucked“ erzählen, ist viel intelligenter, lustiger und berührender, als der großmäulige Titel vermuten lässt. Und könnte tatsächlich einen Einfluss darauf haben, wie ihr schnell wachsendes Publikum über Sex denkt - nicht nur in Amerika.

Krystyna Hutchinson (links) und Corinne Fisher (rechts)

Image caption: Krystyna Hutchinson (links) und Corinne Fisher (rechts)

Copyright: Foto: Stephen Penta

Alles fing damit an, dass Fisher vor ein paar Jahren plötzlich verlassen wurde. In einer Bäckerei. Von ihrem Freund, mit dem sie hatte alt werden wollen. Sie bekam „eine Art Nervenzusammenbruch“, hörte auf zu essen, ihr fielen die Haare aus und sie heulte sich regelmäßig bei ihrer Freundin Krystina Hutchinson aus. Bis sie eine Idee hatte: Mit Krystyna als Co-Moderatorin würde sie alle ihre Liebhaber interviewen, um herauszufinden, was in ihren Beziehungen zu Männern falsch lief. Dass sie ein gutes Team waren, wussten sie schon, weil sie unter dem Titel „Sorry About Last Night“ als Comedians auftraten. So entstand 2013 „Guys We Fucked- The Anti-Slut-Shaming Podcast“.

Gegen das Schlampen-Etikett

Schon am Untertitel des Podcasts lässt sich sehen, dass es den beiden Frauen von Anfang an um mehr ging. Beide sind genervt davon, dass Frauen immer noch weniger sexuelle Freiheit zugestanden wird als Männern. Dass Frauen, die viel und gerne Sex haben, auch im 21. Jahrhundert weiterhin mit dem Schlampen-Etikett zu kämpfen haben und auf dem „Beziehungsmarkt“, wie die Soziologin Eva Illouz es nennt, mit einem Makel behaftet sind. „Wenn du eine Frau bist und deine Sexualität verschenkst, selbst wenn du dich damit gut fühlst, schauen dich Männer an, als wärst du weniger wert. Ich glaube, wir haben uns irgendwie in den Kopf gesetzt, dass das stimmt. In Wirklichkeit ist es nur ein Mechanismus, der außer Kontrolle geraten ist“, erklärte Fisher in einem Interview mit dem Magazin Mother Jones.

Offenbar haben die beiden Frauen das Gefühl, dass es keinen Sinn hat, gegen diesen Missstand anzuflüstern. Sie provozieren lieber ordentlich. Ihre Zuhörer begrüßen sie mit „Hey, Fuckers“, in der Beschreibung des Podcasts auf iTunes heißt es: „Sie haben ihre Beine breitgemacht, jetzt verbreiten sie das Wort, dass Frauen ficken dürfen sollten, WEN IMMER sie wollen und WANN IMMER sie wollen, ohne sich dafür zu schämen oder als Schlampen oder Huren bezeichnet zu werden.“

Dieser Stil ist manchmal erfrischend direkt und manchmal anstrengend. Tatsache ist, dass Fisher und Hutchinson sich das Problem, gegen das sie ankämpfen, nicht ausdenken. Zwischen der Realität der sexuellen Wünsche und Erfahrungen vieler Frauen und dem, was sie davon zugeben, besteht nicht nur in den USA eine Kluft. Genau deshalb lassen sich dazu kaum zuverlässige Zahlen und Aussagen finden, weil Menschen in Befragungen zu diesem Thema nicht ehrlich antworten.

Mittlerweile gibt es sogar Experimente, die genau das untersuchen. Bei einer Studie der Ohio State University wurden Männer und Frauen gefragt, wie viele Sexpartner sie hatten. Einem Teil der Teilnehmer gaukelten die Forscher vor, dass sie an Lügendetektoren angeschlossen seien. Ergebnis: Ohne den vermeintlichen Detektor gaben Männer eine höhere und Frauen eine niedrigere Zahl an. Wenn sie dagegen dachten, dass sie man sie beim Lügen erwischen würde, drehte sich das Verhalten um. Die Männer nannten dann weniger Partner, die Frauen mehr.

Das passt zu den bekannten Studien der Sexualforscherin Meredith Chivers, die Frauen und Männern im Labor allerlei Sexbilder zeigte, während technische Geräte, die an die Geschlechtsteile der Teilnehmer angeschlossen waren, ihre körperliche Erregung maßen. Das Ergebnis des Versuchs sorgte für Aufruhr: Während die Männer meistens genau dann angaben, erregt zu sein, wenn sie es auch körperlich waren, sagten die Frauen häufig, dass die Bilder sie kalt ließen, während die Geräte etwas ganz anderes anzeigten. Warum, ist nicht ganz klar. In der Forschung gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. Klar scheint immerhin, dass Frauen vorsichtig sind, wenn sie etwas über ihre Sexualität preisgeben sollen.

Copyright: Foto: Dee Guerreros

Vielleicht ist es also ganz gut, dass Hutchinson und Fisher laut und krass gegen Scham und Verlogenheit ansteuern. Ihre Show hat sich mittlerweile deutlich weiterentwickelt. Sie reden längst nicht mehr nur mit Verflossenen, sondern auch mit großen Namen wie dem Sexratgeber-Kolumnisten Dan Savage oder der Pornodarstellerin Stoya. Sie thematisieren Geschlechtskrankheiten, Asexualität und Diskriminierung. In einer der stärksten Folgen beschreibt eine Comedy-Kollegin die Nacht ihrer Vergewaltigung. Wie die drei Frauen über dieses Erlebnis ohne falsche Zurückhaltung, aber mit echter Wut und Trauer und, ja, sogar Humor sprechen - das ist etwas Besonderes. Und zeigt eindrücklicher als jede Statistik, wie gleichzeitig alltäglich und brutal solche Übergriffe sind.

Wegen solcher Folgen verzeiht man den Moderatorinnen gerne gelegentliche Momente, die sich während eines langen Podcasts anfühlen, als würde man am Tisch mit zwei besoffenen Freundinnen sitzen, die vergessen haben, dass noch andere zuhören.

Wenn Hutchinson und Fisher in der Öffentlichkeit auftreten, sehen sie aus, wie junge Frauen eben aussehen, wenn sie die letzte Nacht nicht viel geschlafen und sich zu Hause vor einem mäßig geputzten Badezimmerspiegel geschminkt haben: etwas blass und zu viel Schwarz um die Augen, aber entschlossen. Sie verweigern sich demonstrativ dem hochgezüchteten, gekonnt geföhnten Babe-Look, der in den USA Schönheitsideal ist. Stattdessen posten sie ironisch betitelte Fotos ihrer winterbleichen Bäuche und treten in Kleidern auf die Bühne, unter denen man auch mal eine Speckrolle sieht.

Damit könnten sie direkt der HBO-Serie Girls entstiegen sein, die für ihre realistischen Sexszenen bekannt ist und dafür, dass die Protagonisten auch mal unvorteilhaft angezogen und ausgeleuchtet sein dürfen. Wie die Girls-Schöpferin Lena Dunham sind Hutchinson und Fisher Vertreter der Generation junger Amerikanerinnen, die gegen das Ideal eines Daseins rebellieren, das wie mit Photoshop bearbeitet, geglättet und vereinheitlicht ist. Feministisch und selbstironisch.

Was „Guys We Fucked“ aber richtig sympathisch macht, ist, dass die beiden Frauen nicht versuchen, ihre eigene Sexualität als Modell für andere darzustellen. „Wir sind beide zufällig hypersexuelle Leute. Aber wir hatten auch Leute da, die mehr Vanille-mäßig drauf sind, wie wir es nennen. Wir hatten einen Mann da, der über dreißig und noch Jungfrau war, und daran ist nichts falsch. Aber ja, natürlich sind wir übersexed. Wir reden immer darüber, wie wir noch verrücktere Pornos brauchen, um abzugehen, oder einen größeren Vibrator. Wir sind eine übersexualisierte Gesellschaft. Aber es ist irre, dass wir uns auch in dieser übersexualisierten Gesellschaft so sehr für Sex schämen. Die Botschaften, die wir bekommen, sind sehr widersprüchlich“, sagt Fisher.


Aufmacherfoto: Stephen Penta