Ich träumte von einer Blumenwiese mit den Maßen 2 x 4 Meter. Mit Strohhut auf dem Kopf würde ich im Schatten eines Gartenhäuschens Zigarette paffend auf einer Bank sitzen, vor mir ein buntes Idyll samt summender Bienchen.
Da mir ein Blumenkasten vor dem Fenster zu mickrig erschien, suchte ich einen Verein, der Urban Gardening betrieb. Auf meine älteren Tage hin, ich war 42, gefiel mir die Vorstellung, ein Stück Erde zu haben, das nur mir gehört. Ich war inzwischen zum Mann geworden, war in die Ferne gezogen, hatte keinen eigenen Garten und wollte Besitz mit Sinn verbinden.
Auf jeden Fall sollte es ein Blumenbeet sein. Gemüse anpflanzen ist Schinderei. Das wusste ich, weil meine Großmutter auch Kartoffeln, Kopfsalat, Radieschen, Gurken und Tomaten angepflanzt hat. Das Harken, das Wenden, das Graben, das Säen, das Gießen, das Vernichten der Schnecken – das ist nichts für mich.
Ich ahnte nicht, dass ich sowohl um meine Blumen als auch um mein Selbstbild als entspannter Laissez-faire-Gärtner würde kämpfen müssen. Denn eine fremde Frau pflanzte Kartoffeln in meinem Beet und brachte den Kleingartenspießer in mir zum Vorschein.
Der Garten lag auf einem ehemaligen Bahnhofsgelände, auf dem sich jetzt Schulen, Ateliers und Kulturcafés befanden. Eine kleine sozial-ökologische Oase, unverschlossen und für jeden zugänglich. Jedem neuen Mitglied wird eines der freien ebenerdigen Beete im Garten zugewiesen. Danach bringt man ein selbstgebasteltes Schildchen mit seinem Namen drauf an und kann dann mehr oder weniger machen, was man will. Mein Fleckchen Erde lag eher am Rande und die Hälfte des Tages in freundlichem Schatten. Ich machte mich ans Werk.
… und dann fand ich die erste Kartoffel⬆ nach oben
Das Beet war seit Ewigkeiten, ich sage mal, unbegärtnert gewesen. Der Boden eher sandig, eher steinig, eher voll Unkraut. Also musste ich zunächst Unkraut jäten und Steine aus dem Beet entfernen. Und hier traf ich auf die erste Kartoffel. Na sowas, dachte ich. Da muss wohl irgendwann jemand was mit Kartoffeln gemacht haben. Ein Überbleibsel aus einer längst vergangenen Epoche. Ich hob die Kartoffel auf und warf sie auf den Kompost. Dann fand ich noch eine. Selbes Vorgehen. Und noch eine. Und noch eine. Es mussten so ein Dutzend davon gewesen sein, die ich ausgrub und entsorgte. Ich dachte mir nichts dabei. Kartoffeln entdeckt. Raus damit. Die Zukunft gehört den Blumen.
Dann erklang eine verwunderte oder auch vorwurfsvolle Stimme mit osteuropäischem Akzent hinter mir.
„Was machen Sie da?!“
Ich drehte mich um. Vor mir stand eine kleine, stämmige Frau mit streng gebundenem Pferdeschwanz und gleichmütig schauendem Hund an der Leine.
„Ich mache das Beet hier neu.“
„Aber da sind Kartoffeln!“, wandte sie ein.
Ich ahnte etwas.
„Ja, da waren noch paar Kartoffeln drin, die habe ich rausgenommen.“
„Die sind von mir!“
„Die sind von Ihnen?“
„Ja!“
„War das hier Ihr Beet?“
„Das sind meine Kartoffeln!“
„Ja, aber ist das Ihr Beet gewesen?“
„Die habe ich da rein!“
Ich benahm mich wie ein Spießer. Aber es war doch mein Beet!⬆ nach oben
Ich war alarmiert. Hatte man mir am Ende irrtümlich ein Beet zugewiesen, das schon im Besitz von jemandem, der Kartoffelfrau sage ich mal, war? Ich hasste ja eigentlich die Kleingärtnerdenke, die den persönlichen Besitz des Bodens so entschieden, ja fast schon fanatisch deklariert, aber jetzt war ich selbst in dieser Rolle. Schlimmer als diese Rolle war aber die des widerrechtlichen Okkupanten. Ich versuchte es auf einem anderen Weg.
„Sind Sie hier im Verein Mitglied?“
„Welcher Verein?“
Ha! Triumph und Erleichterung! Sie wusste nichts von meinem Verein, konnte ergo auch keine rechtmäßige Beetbesitzerin sein. Ich bohrte nach.
„Sie wissen gar nichts von dem Verein hier?“
„Welcher Verein?“
Ich nannte den Namen. Sie dachte nach.
„Das Beet war leer.“
„Ja, schon, aber das ist ganz normal hier, das wechselt.“
„Niemand hat was gemacht.“
„Das kann schon sein, aber Sie können ja nicht einfach ein Beet bepflanzen, das gerade leer ist, das aber unserem Verein gehört, das wäre ja so …“
Ich hatte vor, jetzt einen treffenden Vergleich anzubringen. In etwa sowas wie: Das wäre ja, als würde bei Ihnen mal die Tür offenstehen, keiner ist da und ich gehe einfach in Ihre Küche und mache mir ein Rührei. Sie seufzte aber nur resigniert, zog an der Hundeleine und verschwand, bevor ich mehr sagen konnte.
Damit sollte die Sache eigentlich erledigt sein. Andererseits: Ist die Idee von Urban Gardening nicht genau, das Gärtnern allen zu eröffnen?
Die Frau wusste wahrscheinlich nicht, dass Urban Gardening zwar offen für alle sein will, so steht es jedenfalls in den Selbstbeschreibungen der Vereine, diese Offenheit aber ohne ordentliche Mitgliedschaft nicht funktioniert. Dieser Ordnung hatte ich mich gefügt, weil ich sonst nicht gärtnern durfte.
Und so hatte sie ihre Kartoffeln in ein lange unbewirtschaftetes Beet gepflanzt. Glaubend, dass frei war, was brach lag. Sie hatte freudig und mit Pioniergeist dieses kleine Stückchen Land mit Kartoffeln bepflanzt und malte sich sicher aus, wie sie diese später in ein wohlschmeckendes Gericht verwandeln würde. Und ich hatte ihr das alles genommen. Mit der pingeligen Rechthaberei des Spießers.
Aber gerade der wollte ich mit meiner Blumenwiese ja nicht sein. Meine Vision war rein ästhetisch. Ich wollte ein Fleckchen Land für meine Faulheit. Wer war also hier der Spießer?
Ich kümmerte mich jedenfalls nicht weiter um die kleine Episode und säte schließlich ein paar Tage später die Blumensamen aus. Ich hatte beim Gartenbedarf einfach eines der Tütchen genommen, auf denen eine schöne, kunterbunte Blumenwiese abgebildet war. Ein großer Vorteil mit Blumen war, dass man sie nicht ständig gießen musste. Während meines folgenden Urlaubs machte ich mir also keine Sorgen, zumal Regen angesagt war. Bei meiner Rückkehr erwartete ich zwar nicht unbedingt ein Blumenmeer, aber doch die ersten zarten Knospen.
Als ich wieder zurückkam, sah das Beet dann vor allem grün aus. Ein anderer Urban Gardener empfahl mir eine Pflanzen-App. Sowas hatte ich bis dahin nicht und wusste auch gar nicht, wie die Vorstadien einer Blumenwiese aussehen. Ich dachte nur: Ah, da wächst was. Es sind zwar noch keine Blüten, aber vielleicht sieht man zuerst nur die Blätter oder … Ich mache es kurz. Es waren keine Blumen. Es waren die Blätter der Solanum tuberosum, also der Kartoffel, wie mir die App verriet. In Reih und Glied standen sie da. Eine Kartoffelpflanze neben der anderen. Entweder hatte es niemals eine Blume geschafft, das Licht der Welt zu erblicken, oder sie war der schnell wachsenden Kartoffel im gnadenlosen Kampf um Sonne und Wasser unterlegen.
Dann kam es zur zweiten Begegnung mit der Kartoffelfrau …⬆ nach oben
Ich fragte mich, ob ich die nun wachsenden Kartoffeln beim Beackern des Beets einst alle übersehen hatte oder ob die Kartoffelfrau so dreist gewesen war, der Klärung der Besitzverhältnisse zum Trotz, mich verhöhnend, neue Kartoffeln zu pflanzen. Eine kurze Zeit beschäftigte mich die Frage, bis ich sie im Lärm des Alltags vergaß. Dann kam es zur zweiten Begegnung mit der Kartoffelfrau.
Das Beet liegt praktischerweise auf meiner Feierabendroute. Jedes Mal, wenn ich nach Hause fuhr, stieg ich voller Vorfreude vom Rad, flitzte um die Ecke, hoffte auf Blütenknospen, die sich doch noch gegen die tumben Kartoffeln durchgesetzt hatten, nur um meinen Eindruck stets wieder bestätigt zu sehen: Ach ja, genauso grün wie voriges Mal.
Eines Abends jedoch kam eine gedrungene Gestalt mit Hund um die Ecke. Als sie mich vor dem Beet stehen sah, stockte die Kartoffelfrau und tat so, als würde sie mich nicht wiedererkennen und einfach nur mit ihrem Hund Gassi gehen, statt ihre Kartoffeln inspizieren zu wollen.
„Haben Sie die neu angepflanzt?“, wollte ich, auf das Beet zeigend, wissen.
Die Kartoffelfrau tat unbeteiligt, schaute kurz zum Beet und murmelte:
„Ich? Wieso?“
„Das haben Sie ja schonmal.“
„Was?“
„Die Kartoffeln hier gepflanzt.“
„Ja, und?“
„Haben Sie das wieder?“
Sie zuckte die Schultern.
„Und wenn?“
„Das ist doch nicht Ihr Beet!“
„Das Beet war doch leer.“
„Das Beet war irgendwann mal leer und dann habe ich es übernommen und Blumen gepflanzt.“
„Da waren nie Blumen.“
„Da sollten welche rein, der Samen war ja schon drin.“
„Da waren nie Blumen!“
Jetzt wurde es mir zu haarspalterisch. Ich wollte das Gespräch in geordnetere Bahnen lenken.
„Sind Sie denn jetzt Mitglied im Verein?“
„Nein, wieso soll ich? Das Beet war leer.“
„Weil man im Verein sein muss, um hier ein Beet zu haben, sonst dürfen Sie hier nicht einfach was anpflanzen.“
„Dann nimm du die Kartoffeln!“
„Ich will Ihre Kartoffeln nicht. Ich will, dass die aus dem Beet kommen. Ich werde sie sicher nicht ausgraben.“
„Dann gehen die kaputt.“
„Aber Sie haben sie doch gepflanzt, dann holen sie die doch auch raus!“
„Mach doch du, dann hast du schöne Kartoffeln!“
Wir kamen auf keinen grünen Zweig. Sie ging nun langsam weiter und ich murmelte, vielleicht raunte ich es auch:
„Sie sind einfach blöd!“
„Hey! Hey! Vorsicht, Du …!“, drohte sie mir im Weggehen und schaute ihren Hund an. Der blieb aber gleichgültig.
„Jaaa, jaaa, holen Sie doch die Polizei!“, rief ich noch und verließ die Szenerie.
Gleich darauf fiel mir ein, dass ich „die Kartoffelpolizei“ hätte sagen können oder sowas. Vielleicht hätten wir beide das so witzig gefunden, dass wir unseren Zwist vergessen und Frieden geschlossen hätten.
Wird sie wieder kommen?⬆ nach oben
Ich kam jedenfalls etwas missgestimmt nach Hause. Was ritt diese Frau nur? Wieso suchte sie die Konfrontation? Oder nein, sie suchte sie gar nicht. Es war schlimmer: Sie mied sie nicht, weil ihr egal war, was ich sagte oder tat. Meine Besitzansprüche galten ihr nichts. Sie hielt mich für einen Maulhelden. Der, hahaha, Blumen anpflanzte!
Auch nach dieser zweiten Begegnung fuhr ich nach jedem Feierabend am Beet vorbei. Einige Wochen vergingen, ohne dass sich die Kartoffelfrau nochmal blicken ließ. Doch mit den Blumen verhielt es sich genauso. Immer dasselbe Grün. Nach drei Monaten konnte ich mich nicht mehr selbst betrügen. Ich wollte nun Gewissheit und googelte danach, wie denn die Chancen stünden, dass irgendwann zu meinen Lebzeiten auf dem elenden Kartoffelacker Blumen blühen würden. Das Ergebnis war ernüchternd, nein, es war niederschmetternd. Kartoffeln schienen die Rambos unter den Pflanzen zu sein, die nichts neben sich dulden, mag es auch noch so schön sein. Aber was galt einer Nutzpflanze schon Schönheit?
Sie war dafür genauso blind wie, mutmaßlich, die Kartoffelfrau, die ich als Ursache meines Ärgers und Zerstörerin meiner Blumenpläne sah.
„Aber …“, rief mir eine weise innere Stimme irgendwann nachts zu, „aber was regst du dich denn so auf, Dummerchen?“ Was die Kartoffelfrau über dich denkt, kann dir doch Jacke wie Hose sein. Schon wahr, in ihren Augen wirst du immer ein lachhafter Paragraphenreiter sein, aber ist das denn so schlimm? Du wirst die Frau nie wiedersehen.“ Hier widersprach ich der inneren Stimme.
„Das ist überhaupt nicht gesagt, dass ich sie nie wiedersehe! Wenn die in dem Viertel wohnt, wird sie wahrscheinlich regelmäßig mit ihrem Hund durch die Gegend latschen und mir das Leben schwer machen.“
„Und wie?“
„Wie, wie sie mir das Leben schwermachen wird?“
„Jaha.“
„Naja, sie könnte die Kartoffeln vernichten.“
„Das willst du doch!“
„Oder sie erntet sie selber“, erwiderte ich lau.
„Hast du doch auch nix gegen, oder?“
„Nein, soll sie behalten, die elenden Dinger.“
„Na also.“
„Vielleicht lässt sie auch ihren Hund in mein Beet kacken, um mir die Kartoffeln zu vermiesen.“
„Iiiiiihgititit!“, rief die innere Stimme aus.
„Ja, das könnte sie machen, oder sie macht es gleich selbst.“
„Jetzt reichts aber!“
„Ich hab nur laut gedacht.“
„Ruhe jetzt!“
„Ist gut.“
„Wir warten ab!“
„Ok, ist gut …“, brummelte ich kleinlaut.
Und so geduldeten wir uns. Meine innere Stimme und ich. Irgendwann, ich glaube, es war nach einer Doku über den Dalai Lama, beschloss ich, die Kartoffelkontamination als eine Art Zen-Übung zu sehen. War das nicht alles Haschen nach Wind? All der Ärger, der mein Gemüt verdüstert hatte. All die Hoffnung auf blühende Blumen. All das ließ ich nun immer wieder innerlich an mir vorüberziehen wie graue oder auch weiße Wölkchen am Himmel.
Die Sonne ging auf. Die Sonne ging unter. Die Tage und Wochen vergingen. Ich inspizierte weiterhin naserümpfend das Beet. Sah keine Kartoffelfrau. Sah keine Kacke. Sah Regen auf die Erde fallen. Sah grüne Blätter fröhlich sprießen. Setzte mich auf das Bänkchen neben dem Gartenhäuschen, zündete mir eine Zigarette an. Und wartete auf die erste Kartoffel.
Redaktion: Nina Rossmann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey