Ausgeschnittene Analogfotos auf Papier liegend.

Eduardo Ramos/Unsplash+

Psyche und Gesundheit

Es ist ein Mythos, dass Trauer in Phasen verläuft. Trauer bleibt, so wie Liebe

Ich dachte, wenn jemand trauert, würde dies ein paar Monate andauern, und dann wäre es schon wieder besser. Ich war so naiv.

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Hinweis: Dieser Artikel enthält Schilderungen von Suizid.

Als ich Ella traf, war es bereits zehn Jahre her, dass ihr Vater durch Suizid starb. Sie war damals 17 und wiederholte gerade wichtige Prüfungen in der Schule. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie klein war. Lange hatte Ella wenig Kontakt zu ihrem Vater, doch sie waren gerade dabei gewesen, ihre Beziehung wieder aufzunehmen.

Die Zeit vor dem Suizid erlebte sie als glücklich: Ihr Vater gab sich Mühe, beide Eltern hatten neue Partner, alles fühlte sich gut an. Doch dann starb er.

Wochenlang kämpfte Ella nach der Beerdigung mit den Nachwirkungen dieses Schocks. Sie verpasste ein halbes Schuljahr, weil die Trauer sie so mitnahm.

Als Ella zehn Jahre später darüber sprach, beschrieb sie die Trauer als etwas, das andauerte. Sie war ein Prozess, der mit der Zeit unterschiedliche Formen annahm, aber nicht zu einem Ende kam.

Ellas Erfahrung ist nicht ungewöhnlich.

Emily wuchs als eines von drei Geschwistern in Irland auf. Mit zwölf verlor sie plötzlich ihren Vater, sie war bei ihm, als es passierte. Danach ging sie wieder zur Schule, doch der Schock über seinen Tod saß tief. Die Trauer fühlte sich für sie zu groß an. Und dieses Gefühl nahm zu, nicht ab. „Ich begann, dieses Gefühl zu verstecken, weil ich dachte, das wäre besser so“, sagte sie mir 42 Jahre später.

Was Emily seit dem Tod ihres Vaters begleitete, war nicht die Trauer selbst. Sondern das Gefühl, dass ihre Traurigkeit auf irgendeine Weise nicht angemessen war.

Ella und Emily gehören zu 13 Erwachsenen in Irland, mit denen mein Kollege und ich für ein Forschungsprojekt ausführlich gesprochen haben. Alle hatten als Schulkinder einen Elternteil oder ein Geschwisterkind verloren.

Viele der Geschichten ähnelten sich.

Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte nach dem Trauerfall, waren die Teilnehmenden nicht nur weiterhin von der Trauer geplagt, sondern fürchteten auch, dass sie nicht „richtig“ getrauert hatten. Ella erzählte mir sogar:

„Ich dachte, ich mache etwas falsch, als hätte ich eine Phase übersprungen oder so. Alle anderen schienen nach vorne zu blicken, nur ich steckte fest. ‚Was stimmt nur nicht mit mir?‘, fragte ich mich immer wieder.“

Die Menschen, mit denen ich sprach, machten sich Sorgen, dass sie einen unsichtbaren emotionalen Fahrplan nicht schnell genug erfüllten, dass sie „eine Phase“ verpasst hatten, dass sie nicht schnell genug am schwer greifbaren Ziel der „Akzeptanz“ angekommen seien.

Hinter diesen Ängsten steckt eine mächtige kulturelle Erzählung: dass Trauer einem vorgefertigten Pfad folgt und mit der Zeit aufhört.

Für viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, endete die Trauer jedoch nicht, ganz egal, wie viele Jahre vergangen waren.

Die Trauer veränderte sich, manchmal ploppte sie wieder an die Oberfläche oder verstärkte sich, vor allem in unerwarteten Augenblicken (Prüfungen, wichtigen Meilensteinen, etwa wenn man selbst Kinder bekam). Aber sie verschwand nicht. Das Problem für viele Menschen, mit denen ich sprach, war nicht die anhaltende Trauer, sondern die Erwartung, dass sie damit abgeschlossen haben müssten.

Schweigen aus Angst⬆ nach oben

Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Trauer, beruflich und privat. Angefangen hat es 2006, ganz zu Beginn meiner Zeit als Lehrerin. Ein Erlebnis damals hat verändert, wie ich über Trauer denke. Mir wurde bewusst, dass viele Kinder weit mehr mit in die Schule bringen als ihre Schultasche. Später habe ich darüber einen Fachartikel geschrieben.

An einem sonnigen Morgen im Mai 2006 trat ich meine Stelle als Vertretungslehrerin an einer Grundschule an. Ich sollte eine Klasse von Achtjährigen unterrichten. Gleich am ersten Tag nahm mich die Schulleiterin beiseite: Eine Schülerin komme nach dem Suizid ihrer Mutter wieder in den Unterricht. Dann sagte sie: „Viel Erfolg, ich bin mir sicher, Sie werden das super hinkriegen.“ Woher wollte sie das wissen? Ich selbst war mir da gar nicht sicher.

Ich stand im Klassenzimmer, den Stundenplan in der Hand, und das Herz klopfte mir bis zum Hals. Ich fühlte mich unvorbereitet, ich hatte keine Anleitung und keine Ahnung, was ich tun sollte. Das Kind fiel mir sofort auf, ihre schmalen Schultern waren zusammengezogen, sie wandte den Blick ab. Ich sagte an diesem Tag nichts zu ihr über den Tod ihrer Mutter. Ich wusste einfach nicht, was ich hätte sagen sollen, und hatte Angst, es nur schlimmer zu machen.

Stattdessen versuchte ich, besonders freundlich zu ihr zu sein. Ich lächelte sie öfter an, bot ihr Hilfe im Unterricht an und sah über Verhalten hinweg, das ich sonst nicht durchgehen ließ. Heute weiß ich, dass all das die Lage sogar verschlimmern kann. Die anderen Kinder merken nämlich, wenn jemand eine Sonderbehandlung bekommt.

Ich schwieg aus Angst, auch wenn ich es gut meinte. Dieses Schweigen hatte einen Preis. Heute werfe ich mir vor, nicht alles für dieses Mädchen getan zu haben, was ich hätte tun können.

Der Autor C. S. Lewis schrieb nach dem Tod seiner Frau: „Keiner hat uns je gesagt, dass sich Trauer so sehr wie Angst anfühlt.“ Wenn andere trauern, schweigen wir oft aus Unsicherheit. Wir warten ab, wir weichen aus. Wir hoffen, dass die Trauer ihren Lauf nimmt und die Person irgendwann damit abschließt.

Ich unterrichtete längst nicht mehr an dieser Schule, aber die Situation ließ mich nicht los. Sie warf Fragen auf, die später den Grundstein für meine Forschung legten: Warum bringt uns niemand bei, trauernde Kinder zu unterstützen? Und warum verdrängen wir Trauer, eine der tiefsten menschlichen Erfahrungen, aus so vielen Bereichen unseres Lebens?

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Zwei Jahre später untersuchte ich in meiner Bachelorarbeit, welchen Einfluss Lehrkräfte auf die Trauer von Kindern haben. Danach unterrichtete ich wieder mehrere Jahre, bevor ich in meiner Forschung zur Trauer von Kindern an irischen Grund- und Sekundarschulen forschte.

Dabei landete ich immer wieder bei derselben offenen Frage: Wie begegnet man Trauer im Schulalltag? Und mir wurde zunehmend klar, wie allgegenwärtig und zugleich unsichtbar Trauer ist, in unseren Schulen und in unserem Leben.

Warum wir glauben, dass Trauer irgendwann aufhört⬆ nach oben

Wer verstehen will, warum wir glauben, dass Trauer irgendwann endet, muss über Psychologiebücher hinausschauen: auf unsere Geschichte, unsere Kultur und die Geschichten, die wir uns erzählen.

Unser Bild von „normaler“ Trauer ist geprägt von der Welt, die wir geerbt haben. Als sich die Psychologie im 19. Jahrhundert als eigene Disziplin herausbildete, versprach sie, Ordnung und Verständnis in eine Welt zu bringen, die vielen zutiefst instabil erschien.

Es ist kein Zufall, dass viele der vorherrschenden Trauer-Modelle zu dieser Zeit entstanden sind. Im 19. Jahrhundert war der Tod in Großbritannien und Irland im täglichen Leben noch sehr sichtbar. Trauer fand öffentlich statt, und zwar lange; sie war gesellschaftlich anerkannt. Schwarze Kleidung signalisierte für alle sichtbar, dass jemand einen geliebten Menschen verloren hatte. Es gab Gedenk-Amulette, die Haare oder Fotos der Verstorbenen enthielten. Verstorbene wurden auch oft in Pose gesetzt und fotografiert.

Es gab eine gemeinsame Sprache für Trauer, vor allem aber hatte sie ihren Platz im öffentlichen Leben. Es wurde nicht erwartet, dass Menschen ihre Trauer verstecken oder sie einfach hinter sich lassen und weitermachen. Diese Sichtbarkeit endete jedoch im 20. Jahrhundert.

Als zwei Weltkriege ausbrachen, brachten sie Tod und Leid in einem noch nie dagewesenen Ausmaß mit sich.

Wenig überraschend war die Antwort auf diese Erfahrung: Schmerz und Trauer müssen begrenzt werden. In einigen Fällen lösten Stoizismus und Schweigen die öffentliche Trauer ab.

Es ging nun darum, Trauer zu managen statt sie auszudrücken, was an stoische Traditionen anknüpft, nach denen übermäßiges Trauern als hinderlich gegenüber den eigenen Verantwortlichkeiten gilt. Einige philosophische und religiöse ethische Strömungen verteidigen eine solche Zurückhaltung als Mittel, um Dankbarkeit zu fördern. Manchen Trauernden kann das auch tatsächlich Trost spenden. Es stellt jedoch kein universelles Modell für den Umgang mit Trauer dar.

Die kulturübergreifende Forschung zu Trauer zeigt, dass Emotionen weltweit völlig unterschiedlich öffentlich gezeigt und toleriert werden. Das stoische Zurückhalten von Trauer ist dabei lediglich ein kulturelles Modell von vielen, nicht die einzige, vermeintlich alternativlose Antwort auf Trauer.

Es überraschte mich daher nicht, dass einige Menschen, mit denen ich gesprochen habe, ihre Trauer verstecken wollten.

Caoimhe zum Beispiel, die mit zwei Brüdern in Irland aufwuchs. Caoimhes Vater starb nach einer vierjährigen Krankheit, als sie neun war. Caoimhe war damals in der Grundschule. Als ich sie traf, war der Tod ihres Vaters 41 Jahre her.

Sie sagte, dass sie sich bis heute ihrer Trauer noch nicht wirklich gestellt habe, da ihre Familie den Tod des Vaters nicht wahrhaben wollte und über ihn auf eine Art und Weise sprach, die sich für sie so anfühlte, als sei er noch am Leben und als habe sie ihre Trauer zu unterdrücken:

„Mir war sehr bewusst, dass ich meiner Mutter keine Sorgen machen wollte, daher zog ich mich ein Stück weit zurück. Ich traf meine Freunde seltener und verbrachte viel Zeit in meinem Zimmer, dachte nach und wollte allein sein.“

Auch Emily hatte das Gefühl, ihre Trauer verbergen zu müssen, als sie zurück ins Internat kam:

„Ich wurde nicht gerade dazu ermuntert, darüber zu sprechen. Ich lernte sehr schnell, dass keine der Nonnen im Internat und keiner der anderen Erwachsenen mich auf die eine oder andere Art damit konfrontieren würde, daher dachte ich als Kind: So geht man also damit um, ich muss eben weitermachen.“

Trauer als „Arbeit“ in „Phasen“⬆ nach oben

In seinem bahnbrechenden Aufsatz „Trauer und Melancholie“ aus dem Jahr 1917 schreibt Sigmund Freud, dass eine gesunde Trauer eine Loslösung vom Verstorbenen erfordere. Die Trauernden, so argumentierte er, müssten nach und nach ihre emotionale Energie von der verstorbenen Person lösen, damit das Leben weitergehen könne.

Trauer wurde zur Arbeit erklärt: als etwas Schwieriges, aber Sinnstiftendes, das einen klaren Endpunkt hat. Erich Lindemanns Forschung an Überlebenden von Massentragödien bestärkte die Idee, dass Trauer einem vorgefertigten Muster folge und durch „Trauerarbeit“ bewältigt werden könne.

Elisabeth Kübler-Ross goss diese Ideen schließlich in ihre These der fünf Phasen der Trauer: Leugnung, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Obwohl sie das Modell ursprünglich aus ihrer Arbeit mit Menschen entwickelte, die die Diagnose einer todbringenden Krankheit erhalten hatten, galt das Modell schnell als universeller Fahrplan für Trauer. Es spendete Trost, weil es den Menschen versicherte, dass ihre Trauer schon irgendwann enden würde.

Das Modell wurde auch in der Populärkultur aufgegriffen: In einer Episode von „Die Simpsons“ (Staffel 4, Folge 16) muss Homer auf Bier verzichten und sein Verhalten ähnelt den Phasen der Trauer – ein Muster, das Lisa schließlich explizit als das Fünf-Phasen-Modell benennt. Selbst Bridget Jones bleibt davon nicht verschont. In „Mad About the Boy“ eröffnen ihre Freund:innen Bridget in einer Weinbar, dass sie nun die „finale Phase“, Akzeptanz, beinahe erreicht habe. Die Szene wirkt fröhlich, doch die Botschaft ist eindeutig: Trauer ist etwas, durch das man sich hindurcharbeiten muss, und sie hat ein Ende.

Man kann über solche Szenen die Augen rollen, aber sie zeigen doch, wie attraktiv das Phasen-Modell ist. In Momenten, in denen wir uns absolut machtlos fühlen, gibt es uns das Gefühl der Kontrolle zurück. Es gibt uns einen Plan an die Hand, wenn wir nicht weiterwissen, es verspricht uns ein Ende, wenn sich der Schmerz endlos anfühlt. Wäre es nicht tröstlich, wenn Trauer tatsächlich einem bestimmten Zeitplan folgen würde, ein fixes Enddatum im Kalender hätte? Der Film ist zu Ende, der Abspann läuft, das Leben geht weiter.

Das Problem ist nicht, dass es diese Modelle gibt, sondern dass sie zum Maßstab geworden sind. Wenn die Trauer wiederkommt, bleibt oder einfach nicht nachlässt, suchen viele Menschen den Fehler bei sich selbst.

Auf Ella bezogen, die glaubte: „Wenn jemand trauert, dauert das ein paar Monate, danach ist wieder alles beim Alten“, heißt das: Das Problem ist nicht die tiefe Trauer, sondern der Glaube, dass man schon scheitert, wenn man weiterhin eine Verbindung mit der verstorbenen Person fühlt.

Vor diesem Hintergrund von Schweigen, Stoizismus und Phasendenken entstanden ab den neunziger Jahren zeitgemäßere Trauertheorien. Sie sollten den Schmerz nach einem Verlust nicht kleinreden. Sie sollten vielmehr den vielen Menschen eine Sprache geben, die ihre Trauer anders erlebten, etwa als „Festhalten“.

Warum es nicht ums „Loslassen“ geht⬆ nach oben

Damals begannen Trauerforschende, sich eine andere Frage zu stellen: Was, wenn das Problem gar nicht darin lag, dass Menschen nicht „loslassen“ konnten? Sondern darin, dass die bisherigen Theorien falsch verstanden hatten, wie sich Trauer wirklich anfühlt?

Folge dieses Paradigmenwechsels war das Konzept der „fortbestehenden Bindungen“, das von den Psychologieforschenden Dennis Klass und Phyllis Silverman sowie dem Psychiater Steven Nickman entwickelt wurde.

Ihre Arbeit thematisierte etwas, das viele trauernde Menschen bereits intuitiv wussten: Beziehungen enden nicht einfach, wenn jemand stirbt. Sie ändern sich nur. Menschen tragen den toten Menschen weiter in sich; durch die Erinnerung, Rituale, innere Gespräche und dadurch, wie sie ihr Leben auf viele kleine Arten um den Tod herum gestalten.

Für andere wirkt die Bindung auf eher private Weise weiter. Sie verstecken sie. Aber nicht, weil sie ungesund wäre, sondern weil die Trauer selbst sich anfühlen kann wie etwas, das man besser verborgen hält.

Mia wuchs mit zwei älteren Brüdern in Irland auf. Als sie 14 war, starb ihr 22-jähriger Bruder durch einen Unfall. Mias anderer Bruder war 26 und litt an psychischen Problemen. Mia fühlte sich, als hätte sie in gewisser Weise den Verlust ihrer beiden Brüder zu betrauern.

Im Gespräch mit Mia war vor allem eines zu spüren: Wut. Wut auf ihre Eltern und auf die Schule, weil sie Mia in dieser schweren Zeit nicht unterstützt hatten. Mia wollte zu Hause stark bleiben. Gerade deshalb, so empfand sie es, bekam sie selbst psychische Probleme: „Ich wurde ziemlich depressiv … wahrscheinlich habe ich das sehr gut versteckt.“

Dieses Hin und Her, dass man einerseits den Anschein vermittelt, „alles im Griff zu haben“, und gleichzeitig das Gefühl hat, überfordert zu sein, wird im dualen Trauerprozessmodell erfasst, das die Trauerforschenden Margaret Stroebe und Henk Schut entwickelt haben. Das Modell geht davon aus, dass Trauern keinen geradlinigen Verlauf vom Verlust hin zur Genesung nimmt, sondern dass die Hinterbliebenen sich phasenweise mit ihrer Trauer auseinandersetzen, sie phasenweise aber auch wieder verdrängen, um funktionieren zu können.

Nach außen „alles im Griff haben“ und sich zugleich überfordert fühlen: Dieses Hin und Her beschreibt das duale Prozessmodell der Trauerforschenden Margaret Stroebe und Henk Schut. Demnach verläuft Trauer nicht geradlinig vom Verlust zur Genesung. Hinterbliebene setzen sich mal mit ihrer Trauer auseinander, mal schieben sie sie beiseite, um im Alltag zu funktionieren.

Auch Sophie, eine meiner Interviewpartnerinnen, erlebte dieses Wechselspiel. Sie wuchs mit einer Schwester und einem Bruder in Südirland auf. Zwischen acht und 14 verlor sie vier Menschen: Mit acht starb ihre Großmutter, mit neun ganz plötzlich ihr Cousin, dem sie sehr nahestand, mit 13 ihr Großvater. Ein Jahr später kam ihr 22-jähriger Bruder bei einem Unfall ums Leben.

Als er starb, ging Sophie auf die weiterführende Schule. Sein Tod war für sie der größte Einschnitt. Doch sie hatte das Gefühl, die drei Todesfälle davor hätten sie darauf vorbereitet. Als ich sie traf, lag der Unfall 14 Jahre zurück. Sophie erzählte davon, ohne emotional zu werden. Ihre Familie habe den Verlust gut verkraftet, fand sie. Sie selbst habe dort viel Rückhalt bekommen, vor allem von ihrem Vater. Er hatte angeregt, sich Hilfe bei Barretstown zu holen, einer irischen Organisation mit therapeutischen Programmen, auch für trauernde Familien. Ihre Trauer, sagt Sophie, ist bis heute da. Sie macht sich in Wellen bemerkbar, je nach Lebensphase:

„In den ersten sechs Monaten litt ich unter Schlaflosigkeit… Ich konnte nicht schlafen, aber das verbesserte sich nach den ersten sechs Monaten und ich fand wieder in meinen Alltag zurück. Ich erinnere mich aber, dass ich immer wieder aus der Bahn geworfen wurde… Es gab eine Phase, in der es mich sehr mitnahm, dass er nicht mehr da war. Das legte sich wieder, aber dann gab es Triggerpunkte wie Geburtstage und solche Dinge, aber auch Transitionsphasen waren schwierig. Ich glaube, als ich aufs College kam, war es besonders schlimm, weil ich auf dem Weg ins Erwachsenenleben war… also in der Phase, in der er starb.“

Die Geschichte, die wir uns selbst erzählen⬆ nach oben

Trauer verschwindet nicht, sie kommt und geht, häufig taucht sie wieder auf, wenn man es nicht erwartet, und das auch lange nachdem andere denken, dass sie doch nun verarbeitet sein müsste.

Für den Psychologen Robert Neimeyer bedeutet der Verlust eines geliebten Menschen mehr, als dass dieser aus unserem Leben verschwindet. Der Verlust erschüttert unsere Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Denn die Zukunft, die wir uns ausgemalt hatten, gibt es plötzlich nicht mehr.

Diese Vorstellung teilen auch viele Frauen, die an meinen Forschungsinterviews mitgemacht haben und die ihren Vater verloren haben. Sie erwähnten von sich aus, dass sie sich fragten, wer sie denn nun zum Altar führen würde, wenn sie heiraten würden. Die Geschichte über ihre Zukunft, die sie über sich selbst im Kopf hatten, wurde zerrüttet und musste neu geschrieben werden. Das Gefühl, dass das Leben vorhersehbar oder fair ist, wird erschüttert.

Der Psychiater Colin Murray Parkes beschrieb dies als den Verlust einer „angenommenen Welt“. Für viele Menschen bedeutet Trauer, dass sie sich langsam und auf holprigen Wegen eine Erzählung darüber zurückerobern müssen, was geschehen ist. Ella beschreibt diesen Bruch so:

„Eine Person voller Unsicherheiten, voller Traurigkeit; ich weiß, dass die Welt nicht mehr dieser alberne, verträumte Ort ist, der sie zuvor hätte sein können … Man muss sehr viel besser auf sich achten.“

Deshalb kehrt Trauer oft an Übergängen zurück: an Geburtstagen, bei Prüfungen, bei Hochzeiten oder wenn man selbst Vater oder Mutter wird. Nicht weil wir unseren Alltag nicht wieder aufgenommen hätten. Sondern weil sich die Geschichte, die wir über unser Leben erzählen, ständig weiterschreibt.

Der Sänger Bob Geldof beschreibt es in einem Interview ähnlich: Trauer nehme nicht einfach ab, sondern könne ohne Vorwarnung wieder hervorbrechen, auch Jahre später noch. Trauer ist demnach kein Gefühl, das sich irgendwann auflöst. Sie ist eine Erfahrung, die im Lauf des Lebens immer wieder an die Oberfläche kommt.

Diese Theorien helfen zu verstehen, warum Trauer bleibt und wiederkehrt. Sie weisen aber auf etwas noch Grundlegenderes hin: Die meisten von uns erleben Trauer nicht in der Theorie, sondern durch Verluste. Diese Verluste prägen uns und formen überhaupt erst unser Verständnis vom Tod.

Der erste Tod⬆ nach oben

Ich war elf, als ich meinen ersten Verlust erlitt: den Tod meines Großvaters, des Vaters meines Vaters. Ich habe nur die wärmsten Erinnerungen an ihn; er war ein sanfter, leise sprechender, durch und durch freundlicher Mensch. Er war das älteste von neun Kindern und zog selbst neun Kinder groß. Mein Vater ist das älteste.

Er nahm sich immer Zeit für seine Enkelinnen und Enkel (von denen er viele hatte), was sich in Form von kleinen, bedeutungsvollen Gesten zeigte. Wenn wir ihn besuchten, griff er in seine Tasche und holte ein Stück Schokolade oder eine glänzende Pfund-Münze hervor (die heute etwa einer 1-Euro-Münze entsprechen würde). Diese einfachen Geschenke fühlten sich jedes Mal an wie ein Schatz.

Obwohl er ein traditionelles Leben auf dem irischen Land geführt hat, war er in viele Hinsicht seiner Zeit voraus. Der Familienüberlieferung zufolge bestand er darauf, den Kinderwagen zu schieben, als seine Kinder noch klein waren. Meine Großmutter konnte es nicht fassen, denn sie fand, das geziemte sich nicht für Männer seiner Generation. Er tat es trotzdem. So war er eben: bodenständig, bedacht und auf leise Art fortschrittlich. Bei seinem Tod kam ich zum ersten Mal mit Trauer in Berührung. Auch wenn ich es damals nicht so in Worte hätte fassen können, erkenne ich heute, dass es mein Verständnis von Trauer geprägt hat.

Zwei Wochen vor seinem Tod durfte ich meinen Großvater noch einmal besuchen. Er hatte eine Lungenentzündung und bekam kaum Luft. Jahrelang hatte er geraucht, zu einer Zeit, als noch nicht bekannt war, wie schädlich das ist. Ihn so zu sehen, zerbrechlich und nach Luft schnappend, nahm mich sehr mit. Heute weiß ich, dass meine Eltern damals weise gehandelt haben.

Sie ließen uns entscheiden, ob wir ihn noch einmal besuchen wollten. Damit erlaubten sie uns, in den Prozess der vorweggenommenen Trauer einzutreten. Es war ihre Art, uns zu helfen, uns vorzubereiten: nicht indem sie den Tod von uns fernhalten wollten, sondern indem sie uns eine Möglichkeit gaben, ihn zu verstehen.

Mir ist aus jener Zeit besonders in Erinnerung geblieben, wie mein Vater mich sanft unterstützte und aufbaute. Er scheute nie davor zurück, mit uns über den Tod zu sprechen. Seine ruhige Präsenz und sein stiller Glaube waren ein Anker für uns; statt Leugnung und Plattitüden bot er uns Offenheit, Stabilität und das Vertrauen in etwas Größeres. Sein Glaube nahm ihm nicht den Schmerz, aber er gab ihm eine Form, einen Ort, an dem er sein durfte. Ich hätte die Situation als beängstigend oder isolierend empfinden können, aber der Trost, den mir mein Vater spendete, gab mir Kraft.

Als mein Großvater starb, wurde sein Leichnam nach Hause gebracht und in einem der großen vorderen Zimmer aufgebahrt, wie es Tradition in Irland ist. Mit meinen erwachsenen Augen sehe ich heute die Schönheit in diesem Ritual, eine letzte Geste der Liebe und der Verbundenheit.

Als Kind jedoch hatte ich Angst. Ich brauchte eine Weile, bis ich den Mut aufbrachte, in das Zimmer zu gehen, in dem er aufgebahrt war. Ich erinnere mich an die Stille in dem Raum, den ungewohnten Geruch in der Luft, die kalte Steifheit seiner Finger. Die Zeit schien stillzustehen.

Ich weinte viel, denn ich hatte verstanden: Die Menschen, die wir lieben, können sterben. Meine Eltern könnten sterben. Meine Geschwister. Sogar ich. Das war der Moment, in dem sich die Unumkehrbarkeit des Todes zum ersten Mal in meinem jungen Geist einprägte.

Trauer ist individuell⬆ nach oben

Ob ich privat über Trauer nachdenke oder in meiner Forschung: Mich erstaunt bis heute, wie unterschiedlich Menschen trauern, selbst innerhalb einer Familie. Als ich über den Tod meines Großvaters schrieb, fragte ich auch meine Geschwister, wie sie diese Zeit in Erinnerung haben.

Eines meiner Geschwister, sonst selten emotional, fing an zu weinen, als wir darüber sprachen. Damit hatten wir beide nicht gerechnet. Mein Geschwister erinnerte sich sogar daran, für die Genesung unseres Großvaters gebetet zu haben, obwohl Gott und Religion damals eigentlich keine Rolle mehr spielten: „Ich betete jede Nacht. Als er starb, hörte ich auf. Was sollte es für einen Sinn haben?“ Später kam leise noch hinzu: „Unsere Eltern haben nach seinem Tod einfach nicht mehr über ihn gesprochen. Sie haben einfach nicht mehr über ihn gesprochen.“

Ich war verblüfft, wie anders diese Erfahrung war als meine. In meiner Erinnerung war es eine Zeit der Offenheit und Nähe, geprägt von stiller Unterstützung, Ritualen, die uns etwas bedeuteten, und Geschichten, über die wir lachten. Für mein Geschwister dagegen war es eine Zeit des Schweigens und der Enttäuschung über den Glauben.

Dieser krasse Kontrast zeigt, wie individuell Trauer ist. Wir hatten den gleichen Verlust erlitten, in demselben Haus gelebt, die gleiche emotionale Unterstützung durch unsere Eltern bekommend. Trotzdem haben wir komplett unterschiedliche Erzählungen darüber abgespeichert.

Bei meiner Forschung war es das Gleiche. Immer wieder beschrieben die Teilnehmenden, wie unterschiedlich Trauer sich innerhalb ihrer Familien ausdrückte.

Das zeigt uns, dass Trauer nicht von allen gleich erlebt wird und nicht synchron verläuft. Jeder Mensch hat ein unterschiedliches Bild der verstorbenen Person, einen unterschiedlichen Grad emotionaler Reife und durchläuft einen unterschiedlichen inneren Prozess.

Wir dürfen nicht vorschnell verallgemeinern. Nur weil es einem Familienmitglied scheinbar „ganz gut“ geht, muss das nicht für die Geschwister gelten. Und wer gefasst wirkt, ist nicht automatisch besonders widerstandsfähig. Trauer ist durch und durch persönlich. Sie hängt von inneren und äußeren Umständen ab, aber auch davon, was ausgesprochen, was vermieden und was allein in der Stille gefühlt wird.

Was passiert, wenn es kein Ende gibt?⬆ nach oben

Was also passiert, wenn wir nicht mehr glauben, dass Trauer irgendwann endet? Die fünf Phasen halten sich so hartnäckig, weil sie genau das versprechen: dass Trauer aufhört, auch wenn sie sich gerade endlos anfühlt. Kein Wunder, dass dieses Versprechen vielen von uns in Momenten tiefer Trauer wie ein Rettungsanker erscheint.

Auffällig ist: Wer ehrlich über Trauer schreibt, aus der eigenen Trauer heraus statt aus sicherer Distanz, sagt selten, dass sie endet. Selbst Freud, der oft als distanziert gilt, schrieb gegen Ende seines Lebens etwas ganz anderes. In einem Brief an seinen Freund Ludwig Binswanger räumte er 1929 ein, dass Trauer sich nicht auflöst. Darin schrieb er auch über den Tod seiner Tochter Sophie:

„Man weiß, daß die akute Trauer nach einen [sic] solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz zu finden.“

Der Schmerz kann nachlassen, so Freud, aber der Verlust kann nicht überwunden werden. Die Liebe bleibt, und mit ihr auch die Lücke, die der Verstorbene hinterlässt.

Trauer löst sich nicht einfach auf, und einige große Denker haben dies erkannt. Viktor Frankl, ein Neurologe, Psychologe und Holocaust-Überlebender, schreibt in seinen Memoiren mit dem Titel „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ über seine eigenen Lebenserfahrungen und hält fest: „Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, dann muß auch Leiden einen Sinn haben“, und: „In gewisser Weise hört Leiden in dem Moment auf, Leiden zu sein, in dem es einen Sinn findet“.

Trauer ist kein Umweg im Leben, den man so schnell wie möglich hinter sich bringen möchte. Trauer ist eine Form des Leidens, die Teil eines sinnstiftenden Lebens werden kann. Frankl erinnert uns auch daran, dass uns alles genommen werden könne außer einem, die letzte der menschlichen Freiheiten, nämlich die eigene Haltung gegenüber bestimmten Umständen, die Freiheit, seinen „eigenen Weg“ zu wählen.

Wie wir mit Trauer umgehen, macht also einen Unterschied, auch wenn der Schmerz nicht vergeht. Viele Menschen, die mit Trauer leben, erzählen Ähnliches: Der Schmerz lässt mit der Zeit vielleicht nach, aber die Liebe bleibt.

Fast ein Jahrhundert nach Freud schrieb der Songwriter Nick Cave öffentlich über die Trauer nach dem Tod seines Sohnes. Er beschreibt sie als etwas, das sich nicht beherrschen oder abschließen lässt, sondern als Zustand der absoluten Machtlosigkeit. Trauer, so schreibt er, „ist nichts, durch das man hindurchschreiten kann, denn es gibt keine andere Seite.“ Man schließt nicht damit ab, sondern übt sich in Demut.

Es geht um die Erkenntnis, dass Liebe nicht verschwindet, wenn jemand stirbt, und dass der zurückbleibende Schmerz kein Zeichen des Scheiterns ist, sondern der Verbundenheit. Cave spricht von Trauer als etwas, das im Lauf der Zeit seine Form verändert. Vielleicht wird sie weniger schneidend, aber nicht weniger real.

Wenn Geldof über den Tod seiner Tochter Peaches reflektiert, klingt das ähnlich. Er sagt, dass Zeit die Trauer abmildere, sie aber dennoch immer präsent sei.

Dieser Unterschied ist wichtig: Um sein Leben weiterzuleben, muss man die Toten nicht hinter sich lassen. Das bedeutet, die Trauer ebenso mit sich zu tragen wie die Liebe, die Präsenz ebenso wie den Verlust.

Wenn man den Toten weiterhin verbunden ist, ist das nichts Pathologisches oder ein Zeichen dafür, dass man die Realität verleugnet, sondern für sehr viele Menschen der Weg des Überlebens. Wenn Trauer bleiben und über die Verstorbenen gesprochen werden darf, verändert sich etwas. Man hört auf, sich an einer imaginären Zeitachse zu messen, darauf zu warten, dass man die Trauer schon irgendwann „hinter sich gelassen“ haben wird.

Vielleicht sagt das bange Gefühl, das wir verspüren, wenn jemand nicht aufhört zu trauern, weniger über den Trauernden aus als über uns selbst. Trauer verunsichert uns, weil sie uns an die Zerbrechlichkeit des Lebens und an unsere eigene Sterblichkeit erinnert.

Wenn wir uns aber von der Idee freimachen, dass Trauer ein Problem ist, das es zu lösen gilt, ebnen wir den Weg für ein ehrlicheres Verständnis von Trauer. Wahrscheinlich hört die Trauer nicht auf, weil die Liebe nicht aufhört. Nicht die Verbindung ändert sich, sondern die Art und Weise, wie wir lernen, damit zu leben.


Hast du oder eine dir nahestehende Person Suizidgedanken? Erste Ansprechpartner:innen sind Psychiater:innen, Psychotherapeut:innen und Hausärzt:innen. Anonyme Hilfe bietet die Telefonseelsorge unter den Nummer 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222: kostenlos und rund um die Uhr.

Für Kinder und Jugendliche bietet die Youth Life Line Online-Beratung. Die Nummer gegen Kummer hilft am Telefon: von Montag bis Samstag, 14 bis 20 Uhr, unter 0800 1110333 und 116111.

Sorgst du dich um Freunde oder Angehörige? Etwa 80 Prozent aller Selbsttötungen werden zuvor angekündigt. Neben der Telefonseelsorge hilft der „Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen“ unter 0228 71 00 24 24 oder per Mail. Im Zweifel solltest du den Notdienst rufen: 112.


Dieser Artikel ist zuerst bei The Conversation erschienen. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen. Wir haben ihn mit Einverständnis der Autorin übersetzt.

Übersetzung: Nina Roßmann, Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Theresa Bäuerlein, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert

Es ist ein Mythos, dass Trauer in Phasen verläuft. Trauer bleibt, so wie Liebe

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