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Es ist fast 19 Uhr an diesem Donnerstagabend Anfang Oktober, der Himmel ist dunkel, gerade war er noch rosa-orange von der Sonne. Ein paar Kinder stehen noch draußen auf den Kieseln vor dem Eingang des Gebäudes, in dem der Amwaj Chor aus Bethlehem und Hebron gleich auftreten wird.
Im Zuschauerraum sitzen an diesem Donnerstagabend in Bethlehem vor allem Eltern, Geschwister, Freunde. Auf dem Handybildschirm meiner Sitznachbarin erkenne ich hebräische Schriftzeichen, sie filmt den Auftritt.
Wenn der Chor auf Reisen ist, kennen sie das Publikum nicht. Der Chor geht regelmäßig auf Tour, reist durch Italien, Frankreich oder die Schweiz. Solche Reisen sind für Palästinenser:innen aus dem besetzten Westjordanland mit viel Aufwand verbunden. Zwei Wochen nach diesem Auftritt geht es nach Italien, das Lieblingsland der Chorkinder. Wegen des guten Essens und der netten Menschen. Wie zu Hause, sagt einer.
Ein älterer Junge wuschelt einem jüngeren Mädchen durch die Haare. Die Kinder und Jugendlichen tragen schwarze Kleidung und einen blauen Schal, sie haben sich geschminkt und ihre Haare gegelt. Mathilde Vittu steht schon drin, vorne vor dem Klavierspieler, sie hat ihre Hände in die Hüften gestützt.
Es dämmert, gleich beginnt das Konzert. | Lea Schönborn
Seit dreizehn Jahren lebt die Französin in Palästina. Vor elf Jahren haben sie und ihr Mann Michele Cantoni den Amwaj Chor gegründet. Amwaj ist das arabische Wort für Wellen. Es habe damals kein solches Angebot in der West Bank gegeben, erzählt Vittu in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. In Palästina werde viel gesungen, aber das gemeinsame Singen in Form eines Chors sei eher unüblich. Das sei eine westliche Tradition, sagt Vittu.
Der Amwaj Choir ist jedes Jahr gewachsen. Mittlerweile ist es eine Chorschule. 70 Kinder und Jugendliche lernen dort zu singen, aber auch Musiktheorie, Meditation und Dirigieren. 20 Kinder befinden sich derzeit auf der Warteliste. Vittu sagt, sie möchte allen in den nächsten Monaten ermöglichen, Teil des Chors zu werden.
Die Teilnahme ist kostenlos, die Chorschule finanziert sich durch Spenden von privaten und öffentlichen Geldgebern wie der „Alliance française“, das französische Äquivalent des Goethe-Instituts. Die Kinder und Jugendlichen geben im Tausch ihre Zeit und ihre Aufmerksamkeit. Denn die verlangt Vittu vollkommen.
Mathilde Vittu in ihrem Element. | Lea Schönborn
Mathilde Vittu erklärt den Zuschauer:innen, wie sie den Klang der Musik im Raum vor dem eigenen Körper spüren können, sie formt einen Ball mit ihren Händen und verschiebt ihn, vergrößert und verkleinert ihn. Vittu ist nichts peinlich, sie hüpft in die Luft, verzerrt das Gesicht, animiert die Kinder und Jugendlichen mit ihrem ganzen Körper. Heute ist ein besonderer Auftritt: Acht Jugendliche werden dirigieren. Sie haben hart dafür trainiert, Vittu ist eine anspruchsvolle Lehrerin.
Dann geht es los, Diyar Al-Jamal dirigiert ein Stück. Er ist beim Chor, seit er zehn Jahre alt ist, mittlerweile studiert er Medizin. Kurz vor dem Auftritt hat der 21-Jährige noch lange, dünne, weiße Zigaretten geraucht.
Diyar Al-Jamal | Lea Schönborn
Vittus Schamlosigkeit ist ansteckend. Die Kinder und jungen Erwachsenen sind zwischen neun und 22 Jahren alt. Ein Alter, in dem einiges peinlich sein kann und in wenigen Momenten sehe ich die Zurückhaltung in den Bewegungen der Jugendlichen. Zum Beispiel, wenn sich die Mädchen bei der Probe am Freitagmorgen, einen Tag nach dem Auftritt, lieber in die hinterste Reihe als nach vorne stellen. Das lässt Vittu aber nicht durchgehen. „Not in the back, girls“, zitiert sie die Mädchen nach vorne.
Vittu zieht selbstbewusste und disziplinierte Nachwuchsmusiker:innen heran. Als sie die acht Jugendlichen vorstellt, die dirigieren werden, sagt sie: „I’m preparing my retirement.“ Ich bereite meinen Ruhestand vor. Lina Shweiki lernt das Dirigieren schon seit vier Jahren, Diyar seit einem Jahr, andere erst seit ein paar Monaten. Vittu sagt das mit dem Ruhestand im Spaß, aber sie hofft natürlich, dass es auch ohne sie weitergehen wird, wenn sie irgendwann aufhört. Aber jetzt ist es noch nicht an der Zeit, sie ist erst 45.
Einer der Jugendlichen dirigiert. Jede:r Dirigent:in bringt seinen Charakter mit und prägt die Musik, sagt Vittu. | Lea Schönborn
Der Ort⬆ nach oben
Der Chor findet abwechselnd in Hebron und Bethlehem statt, in zwei Städten im Süden des Westjordanlands, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Bethlehem ist christlich geprägt und die Stadt im Westjordanland, die auch politisch weniger interessierte Menschen besuchen, wenn sie Urlaub in Israel machen (die Geburtskirche!). Hebron ist geprägt von Auseinandersetzungen zwischen Siedlern, der israelischen Armee und Palästinenser:innen; und aufgeteilt in zwei Teile, H1 und H2. H1 steht unter palästinensischer Kontrolle, H2 mit der Altstadt und israelischen Siedler:innen unter israelischer Kontrolle. Ja, es ist kompliziert.
Bethlehem und der Großteil von Hebron (H1) befinden sich in Area A. Das besetzte Westjordanland ist in Area A, B und C aufgeteilt, und Area A umfasst die größeren palästinensischen Städte, die unter palästinensischer Zivil- und Sicherheitskontrolle stehen. Dort ist also theoretisch die Palestinian Authority (PA) zuständig, aber Israel untergräbt die Autorität immer häufiger, wie zahlreiche Berichte zeigen. Im Februar 2026 hat die israelische Regierung ein Paket verabschiedet, das beinhaltet, dass die israelische Militärbehörde mehr Kontrollaufgaben in Area A und B als bisher übernehmen soll.
Es geht dabei unter anderem um die Bereiche Wasser, Schäden an archäologischen Stätten und Umweltgefahren. Alle drei Bereiche sind aber vor allem Möglichkeiten, palästinensische Gebäude abzureißen oder abreißen zu lassen.
Bethlehem und Hebron sind auf der Karte nur ungefähr 30 Kilometer voneinander entfernt und doch brauchen die Kinder und Jugendlichen manchmal länger als zwei Stunden von der einen in die andere Stadt. Nach dem Auftritt am Donnerstagabend fahren die Kinder und Jugendlichen aus Hebron um neun Uhr abends noch zurück. Häufig gibt es auch am Wochenende Chorproben. So auch diesen Freitag, im Islam der heilige Tag der Woche und der Start ins Wochenende, von zehn bis 16 Uhr.
Die Probe⬆ nach oben
Es ist eine Minute nach zehn am Freitagmorgen. „Chalas! Zeit ist Zeit, ihr wisst, wir starten immer pünktlich!“, sagt Vittu und scheucht die Kinder in den Proberaum. Diyar und die anderen Kinder und Jugendlichen aus Hebron sind schon um 7 Uhr 30 aufgestanden, weil sie nie wissen, wie lange sie brauchen werden, um rechtzeitig bei der Probe anzukommen. Heute sind sie pünktlich.
Alle sind etwas müde nach dem Auftritt gestern. | Lea Schönborn
Seit dem 7. Oktober 2023 ist die Anzahl der Checkpoints gestiegen und auch, wie häufig sie willkürlich geschlossen werden. Im Dezember 2025 hat das United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) 925 dauerhafte oder zeitweise „movement obstacles“, Bewegungshindernisse, dokumentiert. Das sind 43 Prozent mehr als der jährliche Durchschnitt in den 20 Jahren zuvor.
Diese 925 dokumentierten Hindernisse bestehen aus 89 rund um die Uhr besetzten Kontrollpunkten; 218 teilweise (zeitweise besetzten) Kontrollpunkten, von denen 152 (70 %) über Tore verfügen, die entweder in der Regel offen (90) oder häufig geschlossen (62) sind; 232 Straßenschranken (von denen 159 häufig geschlossen sind); 114 Absperrungen (wie Erdwälle, Straßenbarrieren und Gräben); 167 Erdwälle; und 105 Straßensperren.
Mehr dazu auf der Seite der OCHA.
Es gibt Telegram-Gruppen, in denen sich die Palästinenser:innen gegenseitig informieren, wo gerade ein Checkpoint aufgebaut wurde. So wie es in Deutschland Push-Meldungen für Staunachrichten gibt. Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, ist die fahrende Person konstant am Handy, um herauszufinden, wo man gerade langfahren kann und wo nicht.
Vor ein paar Wochen seien sie mit dem Auto, auf der Rückbank Chorkinder, durch einen Checkpoint gefahren und Soldaten hätten etwas unter ihr Auto geworfen, das einen lauten Knall gemacht hätte, eine Handgranate vielleicht, „just for fun“, glaubt Diyar. Sie seien weitergefahren.
Ein anderes Mal seien sie mit einem kleinen Bus unterwegs gewesen, von Hebron nach Bethlehem. Am Checkpoint hätten die Soldaten ihnen befohlen, auszusteigen. Auch die Kinder. Diyar erinnert sich, dass es kalt gewesen sei und früh morgens, sie waren auf dem Weg zu einer Probe. Ihnen sei befohlen worden, ihre Gesichter zur Wand zu drehen. So hätten sie dort stehen müssen, auch die Acht- und Neunjährigen. „No moves, no nothing“, keine Bewegung, gar nichts, hätten sie machen dürfen, sagt Diyar. Irgendwann hätten die Soldaten gesagt, ihr könnt jetzt weiter.
Ein anderes Mal seien die Soldaten in den Bus gekommen, sein älterer Bruder habe lachen müssen. Einer der Soldaten habe gesagt: „Stop smiling.“ Hör auf zu grinsen. Diyars Bruder konnte nicht aufhören. Der Soldat habe das Gewehr auf seinen Bruder und Diyar gerichtet, sie hätten nebeneinander gesessen, und er habe gesagt: „If you don’t have the small children with you, I would…!“ Diyar beendet den Satz nicht.
Diyar ist einer von 70. Jedes dieser Kinder und dieser Jugendlichen hat solche Geschichten zu erzählen.
Im Proberaum gibt Vittu ein paar Infos zur nahenden Reise nach Italien. Sie sagt: „Auf diese Reise nehmen wir nur Erwachsene mit, diejenigen, von denen wir denken, dass sie reif genug sind.“ Die Probe geht los, sie schütteln sich zum Warmmachen aus, zwei Mädchen in der hinteren Reihe flüstern sich etwas zu. Sofort wendet sich Vittu ihnen zu: „Könnt ihr bei mir sein? Ihr seid in dieser Gruppe, es ist eine besondere Gruppe. Ich will nicht mit Kindern reisen, sondern mit Kollegen!“ Sie blickt die beiden Mädchen an, mir war nicht einmal aufgefallen, dass sie mit den Gedanken woanders waren. Vittu hat Adleraugen und Hundeohren. „Gestern wart ihr nicht bei mir, heute auch nicht. Seid bei mir. Ich habe keine Zeit, mit Kindern zu reisen, ich muss auf euch vertrauen.“
Ali gibt den Rhythmus vor. | Lea Schönborn
Sie gehen das Repertoire durch, das sie in Italien präsentieren wollen. Es sind vor allem Widerstandslieder, die sie singen. Auf Französisch, Italienisch, Arabisch, Englisch, Deutsch. Vittu spricht Ali an, einen Jungen in weißen Sneakern und heller Jeans: „Ali, du bist nicht bei mir, was kann ich denn machen? Komm noch vorne, steh’ hier! Du redest immer, guckst woanders hin, nicht zu mir. Kannst du mir erklären, wie du funktionierst?“
Sie holt Ali nach vorne, er soll neben ihr stehen und den Rhythmus vorgeben. Sein schlaksiger Körper steht jetzt vorne, er klatscht in die Hände und seine Brust, kaut dabei Kaugummi. Er macht das gut, er kann das Tempo halten, während die anderen Jungen bei einem Lied immer wieder zu schnell werden. „Why do you want to run like this guys?“, fragt Vittu. Warum rennt ihr so, Jungs? Mathilde sagt Ali, er mache das sehr gut, er solle nur gerne etwas musikalischer vorgehen, mit mehr Gefühl.
Die Reise⬆ nach oben
Zwei Wochen nach der Probe Anfang Oktober fliegen die Reiferen unter den Chorkindern nach Italien. Das ist sehr viel komplizierter, als wenn ich nach Italien reisen würde. Oder ein Israeli.
Dana Nassar hält Vittu und Cantoni den Rücken frei. Die junge, sympathische Frau organisiert die Reisen des Chors, wie jetzt nach Italien. Und verlässt die Chorprobe am Freitag früher, weil sie sich noch um die Visa kümmern muss. Nach Europa zu fliegen ist für Palästinenser:innen aus dem Westjordanland mit einigem Aufwand verbunden: Die Jugendlichen müssen nach Jordanien, um dort ins Flugzeug zu steigen. Dafür fahren sie von Hebron nach Bethlehem und von dort nach Jericho, dann über die Allenby-Brücke, Palästinenser:innen nennen den Übergang „al-Dschisr“, die Brücke. Sie ist der einzige Grenzübergang aus dem Westjordanland nach Jordanien. Die Brücke ist von 8 bis 18 Uhr 30 geöffnet. Wenn der Flug mittags in Amman startet, müssen sie also schon einen Tag früher anreisen. Samstags ist der Grenzübergang geschlossen. Die Anreise dauert ungefähr zehn Stunden. Dann sind sie am Flughafen.
Ich sage, die Kinder und Jugendlichen wirken alle sehr erfahren, was das Reisen angeht. Dana Nassar lacht und sagt, sie seien sehr erfahren, aber auch sehr abhängig. Gerade posten die Jugendlichen auf Instagram Bilder aus Italien, vor gelb gefärbten Bäumen und beim Shoppen oder aus den Konzertsälen, in die sie ihre Stimmen tragen.
*Wer Video- und Bildausschnitte des Auftritts sehen möchte, hier entlang..
Wer sich die Musik des Amwaj Choirs anhören mag, findet auf Spotify ein Album des Chors, es heißt: „Palestine Waves: Beauty out of Desolation“.
Schlussredaktion: Bent Freiwald, Bildredaktion: Lea Schönborn